HAUPTAUFGABE
ÜBER MAX FRISCH

Rezeption
und Analyse von Frischs Roman:
Mein
Name sei Gantenbein
von
Steinar I. Bergo
1993
INHALT
Vorwort
................................................... 2
TEIL A Biographie
1.1
Max Frisch. Ein Abriß seines Lebens und seiner Arbeit.. 8
1.2
Zur zeitgenössischen Würdigung von Max Frischs Werk... 13
1.3
Einige Würdigungen nach dem Tode von Max Frisch ...... 15
Teil
B Analyse
2.0
Mein Name sei Gantenbein.............................. 19
2.1 Zur Ich-Problematik im Allgemeinen ................... 20
2.2 Mein Name sei Gantenbein als autobigraphischer Roman.. 22
2.3 Das Ich in Mein Name sei Gantenbein als peripheres
Ich betrachtet ..................................... ......26
2.4 Mein Name sei Gantenbein als quasiautobiographischer
Roman betrachtet ......................................... 27
2.5 Das Rollenspiel in Mein Name sei Gantenbein .......... 29
2.5.1 Die Rolle als Gantenbein ........................... 30
2.5.2 Gantenbein und Burri ............................... 35
2.5.3 Gantenbein und Camilla ............................. 37
2.5.4 Die Rolle als Enderlin ............................. 38
2.5.5 Die Rolle als Svoboda .............................. 47
2.5.6 Gemeinsamkeiten der drei Rollen .................... 51
2.5.7 Das Rollenspiel - Zusammenfassung................... 52
2.6 Rolle und Wirklichkeit in Mein Name sei Gantenbein . ..53
2.7 Zur Ich-Problematik in Mein Name sei Gantenbein ...... 56
2.8 Das Blindsein ........................................ 60
2.9 Lila ................................................. 62
2.10 Camilla ..............................................64
2.11 Zum Thema in Mein Name sei Gantenbein ............... 66
2.12 Struktur und Erzähltechnik in Mein Name sei Gantenb.. 70
2.13 Zusammenfassung der Analyse von Mein Name sei G. .... 74
Teil
C Zur Literaturkritik
3.1
Zur literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit
Mein Name sei Gantenbein ................................. 76
3.2 Meine Analyse und die erwähnte Literaturkritik
- ein Vergleich .......................................... 82
TEIL
D Rezeption
4.0
Die Rezeption von Max Frischs Mein Name sei Gantenb.... 84
4.1.0 Die Kritik in der Schweiz ........................... 85
4.1.1 Die Tat ............................................. 85
4.1.2 Zürcher Woche ....................................... 86
4.1.3 Neue Zürcher Zeitung ................................ 88
4.1.4 Tages Anzeiger Zürich ............................... 91
4.1.5 Die Weltwoche ....................................... 95
4.1.6 Neue Zürcher Nachrichten ............................ 97
4.2.0 Die Kritik in Deutschland ........................... 99
4.2.1 Die Welt ............................................ 99
4.2.2 Frankfurter Allgemeine Zeitung ..................... 100
4.2.3 Rheinischer Merkur ................................. 104
4.2.4 Stuttgarter Zeitung ................................ 106
4.2.5 Die Zeit ........................................... 108
4.2.6 Wochenzeitung des Irgun Olej Merkas Europa ......... 111
4.2.7 Der Sonntag ( Berlin-Ost ) ......................... 113
4.2.8 Neue Zeit .......................................... 115
4.3.0
Die Rezeption von Mein Name sei Gantenb.in Norwegen. 117
4.3.1 Aftenposten ........................................ 117
4.3.2 Arbeiderbladet ..................................... 119
4.3.3 Morgenposten ....................................... 121
4.3.4 Morgenbladet ....................................... 122
4.3.5 Verdens Gang ....................................... 124
4.3.6 Sogn og Fjordane ................................... 126
4.3.7 Aftenposten ........................................ 127
4.4 Schlußvolgerungen der Zeitungsanalyse ................ 129
Nachwort
................................................. 135
Anmerkungen .............................................. 137
Literaturverzeichnis
..................................... 143
Verzeichnis der Abkürzungen .............................. 145
Stichwörterindex ......................................... 147
VORWORT
Diese Hauptaufgabe besteht aus
vier Hauptteilen.Der erste Teil ist eine Biographie mit unterschiedlichen
Meinungen und Würdi-gungen über das Werk Max Frischs, wobei auch die Nachrufe
dreier Zeitungen zu Max Frischs Tod behandelt werden.
Im zweiten Teil gebe ich eine Analyse vom Max Frischs Roman Mein Name sei
Gantenbein auf selbständiger Basis, das heißt, daß ich anhand meiner eigenen
literarischen Kenntnisse diese Analyse ausführen werde. Deshalb wird in diesem
Teil nur mit dem Roman gearbeitet.
Ich habe natürlich Verschiedenes über den Roman vorher gelesen. Das wird
vielleich eine unbewußte Rolle spielen und Gleichheiten mit anderen
Interpretationen hervorbringen.
Gleichheiten können natürlich auch bedeuten, daß man die gleiche Auffassung vom
Roman hat und sie müssen selbstverständlich vor-kommen. Ich hoffe aber, daß ich
auch einige neue Momente zur Interpretation von Max Frisch beibringen kann.
Im dritten Teil werde ich kurz
etwas von der Sekundärliteratur präsentieren d.h. Ansichten anderer Interpreten
darstellen und auf dem Hintergrund meiner Analyse einige Kommentare dazu geben.
Der vierte Teil ist eine
Rezeptionsaufgabe. Ich werde durch Zei-tungs-Rezensionen und andere mögliche
Quellen untersuchen, wie Mein Name sei Gantenbein in der Schweiz, in
Deutschland und in Norwegen aufgenommen wurde.
In einem kurzen Nachwort werde ich mit Ausgangspunkt in den unterschiedlichen
Meinungen über den Autor einige Kommentare geben.
Bergen, März 1993
Steinar I. Bergo
Die Ich-Position des Erzählers:
das ist eine Grundfrage der modernen Epik. Ganz vordergründig gesprochen:
natürlich ist das Erzähler-Ich nie mein privates Ich, natürlich nicht, aber
vielleicht muß man schon Schriftsteller sein, um zu wissen, daß jedes Ich, das
sich ausspricht, ein Rolle ist. Immer. Auch im Leben. Auch in diesem
Augenblick. Jeder
Mensch (ich spreche jetzt nicht vom Schriftsteller, sondern von seinem Helden),
jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft
unter gewaltigen Op-fern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten,
die mit Namen und Daten zu belegen sind, so daß an ihrer Wirklichkeit, scheint
es, nicht zu zweifeln ist. Trotzdem ist jede Geschichte, meine ich, eine
Erfindung und daher auswechselbar.
TEIL A
BIOGRAPHIE
1.1 MAX FRISCH: EIN ABRIß SEINES LEBENS UND SEINER ARBEIT
Max Frisch wurde am 15. Mai 1911
in Zürich in der Schweiz geboren.
Ausbildung und Lernjahre:
Schon in der Schulzeit zeigte Max Frisch grosses Interesse für
das Theater. In seinem Tagebuch schrieb er:
... wieso Menschen, Erwachsene,
die genug Taschengeld haben und keine Schulaufgaben, nicht jeden Abend im
Theater ver-bringen. (T 1946 242)
Mit sechzehn Jahren schrieb er sein erstes Drama Stahl. Es
wurde aber nicht gedruckt, und das einzige Ergebnis war das Lächeln der
Familie.
Im Jahre 1930 legte er das Abitur
ab. Später studierte er Ger-manistik in Zürich.
Als er 22 Jahre alt war, starb sein Vater. Er mußte sein Brot selbst verdienen
und arbeitete einige Zeit als Journalist. Das gab ihm die Möglichkeit,
verschiedene Seiten des Lebens kennenzulernen:
... "nur Krematorien habe
ich abgelehnt", schrieb er später in seinem Tagebuch. (T 1946 244)
Die Arbeit als Journalist gab ihm
mehrere bedeutende Reiseer-lebnisse.
Mit 25 Jahren setzte er sich
wieder auf die Schulbank. Ein wohl-habender Freund war bereit, den
Lebensunterhalt Max Frischs zu bezahlen, und Frisch studierte an den
Eidgenössischen Technischen Hochschule Architektur.
Im Jahre 1941 erwarb er sein Diplom. Er wurde aber gleichzeitig zum militärischen
Grenzdienst einberufen.
Die Grenze blieb ruhig. Aber das Militärleben und der zweite Weltkrieg gaben
ihm eine besondere Möglichkeit, über Leben und Tod nachzudenken.
Sein Tagebuch Blätter aus dem Brotsack, 1940, erzählt von dieser Zeit.
Aus seinem Tagebuch erfahren wir von einer gewissen Weltfremdheit, daß er zwar
keinen Haß empfand, daß er aber auch nicht mit der nationalsozialistischen
Weltanschauung sympathisierte.
Architekt und Schriftsteller:
Max Frisch eröffnete 1942 sein
eignes Architekturbüro. Im Dezem-ber verheiratete er sich mit der
Architekturstudentin Constanze von Meyenburg.
Er nahm das Schreiben wieder auf, und mehrere Jahre lang war er als
Schriftsteller und Architekt tätig.
Im Jahre 1942 arbeitete Max
Frisch an seinem ersten grossen Ro-man, Die Schwierigen oder J'adore ce qui me
brûle. Das Werk war eine erweiterte Neufassung eines Frühwerks, das er
verbrannt hat-te.
Sein erstes Bühnenstück entstand 1944 und hieß Santa Cruz. Es wurde erst im
Jahre 1945, nach dem Requiem Nun singen sie wieder, aufgeführt.
Als der Krieg zu Ende war, besuchte Max Frisch Berlin. Das Er-gebnis davon war
das Drama Als der Krieg zu Ende war.
Nachdem er durch das zerstörte Deutschland gereist war, entstand 1946 Die
chinesische Mauer, sein drittes Bühnenstück.
Das Tagebuch mit Marion (1947) und die erweiterte Form, Tagebuch 1946-49
(1950), enthalten Ideen und Gedanken, die in den spä-teren Werken, Andorra
(1961) und Biedermann und die Brandstifter (1958), weiterentwickelt werden. Die
beiden Werke können zum zweiten Weltkrieg zurückgeführt werden. Sie sind aber
vor allem als Exempel gedacht. Max Frisch will dadurch zeigen, wie man zum
Mitläufer und Mitschuldigen gemacht wird, dadurch daß man nichts tut, um eine
Katastrophe zu verhindern.
In Andorra ist die "Bildnisproblematik" sehr deutlich. Die Leute von
Andorra haben sich ein Bildnis von Andri gemacht, das nicht wahr ist. Sie haben
ihn zum Juden gemacht, obwohl er Andorraner, wie die anderen, ist.
Gottlieb Biedermann ist jedermann, der aus gutem Glauben oder durch Feigheit
nichts gegen eine drohende Gefahr tut.
Im Jahre 1951 erschien Graf Öderland.Ein Spiel in zehn Bildern.
In demselben Jahre bekam Frisch ein USA-Stipendium. Dieser einjährige
Aufenthalt gab ihm und seiner Arbeit neue Dimensionen.
In New York (1951) fing die Arbeit mit der Komödie Don Juan oder die Liebe zur
Geometrie an. Dieses Werk wurde 1953 fertig ge-schrieben und gleichzeitig in
Berlin und Zürich uraufgeführt.
1954 erschien Stiller. "Ich bin nicht Stiller", behauptet die
Hauptperson, Titelträger des Romans. Stiller verneint sein eignes Ich und
versucht, sich eine neue Identität zu schaffen. Er nimmt eine fremde Rolle an
und wird zwischen Vorstellung und Wirklichkeit gespalten.
In demselben Jahr als Stiller herauskam, löste Max Frisch sein Architekturbüro
auf und fing an, als freier Schriftsteller zu arbeiten.
Im Jahre 1957 machte er Reisen nach Griechenland und den arabi-schen Staaten. Nach
einer zweiten Amerikareise in demselben Jahr, entstand Homo faber.
Das Ich des Romans, Walter Faber, lehnt jederlei "Mystik" ab. Er ist
gefühllos und der menschliche Kontakt ist gering.
Walter Faber repräsentiert das verlorene Ich. Er hat die mensch-lichen
Qualitäten verloren und ist ein Produkt des technischen Zeitalters. Walter
Faber ist mit der Hauptperson in Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame
verwandt. Die alte Dame repräsentiert die Technik im Körper. Die Fortschritte
der Technik zeigen sich in den Prothesen. Der menschliche Körper wird als eine
Maschine, die mit Ersatzteilen repariert werden kann, betrachtet. Walter Faber
hat eine "technische" Seele.
Durch einen Zufall trifft Walter Faber seine uneheliche Tochter Sabeth, die
einen Gegensatz zu ihm bildet.
Er erkennt sie aber nicht und verliebt sich in sie. Später wird er schuld an
ihrem Tod. Selbst stirbt er an Magenkrebs.
Es handelt sich also um Schuld im antiken Sinn und einer Art von Sühne des
Ödipuskomplexes, übertragen in die moderne Gesell-
schaft.
Im Jahre 1948 stand Max Frisch in
Kontakt mit Bertolt Brecht. Die Entfremdung und der Verfremdungseffekt (V-Effekt)
sind charakteristisch für Brechts Werke und seine Darstellungstechnik. Brechts
Theorie sollte für einige spätere Werke Frischs Bedeutung haben.
1959 wurde Max Frisch von seiner
Frau geschieden. Die Ehe hatte einen Sohn und zwei Töchter hervorgebracht.
In den Jahren 1960 - 1965 hatte
Max Frisch seinen Wohnsitz in Rom, wo er mit Ingeborg Bachmann zusammen war.
In dieser Zeit arbeitete er erneut mit dem Rollenspiel und dem Mittel der
Verfremdung. Das Ergebnis dieser Arbeit war Mein Name sei Gantenbein 1964.
Das Ich nimmt die Rolle des blinden Gantenbeins an. Wie man Kleider wechselt,
wechselt der Erzähler sein Ich. Er probiert Geschichten an wie Kleider. Die
Blindenrolle gefällt ihm jedoch am besten, weil er eifersüchtig ist und als
gespielter Blinder heimlich alles sehen kann. Der Roman zeigt die
Möglichkeiten, das Ich zu wählen und zu wechseln, und dadurch daß das Ich nur
eine ausgewählte Möglichkeit ist:
"Jeder Mensch erfindet sich
früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält"... (G 45)
Nach dem Erscheinen von Mein Name
sei Gantenbein bekam Max Frisch ein Stipendium, das ihn nach Berlin brachte. Im
Jahre 1965 sie-delte er in den Tessin um.
1968 heiratete er Marianne Oellers. (Sie wurden 1979 geschieden.)
Max Frischs Verhältnis zur Schweiz blieb schwierig. 1970 trat er aus dem
Schweizerischen Schriftsteller-Verein aus.
Es folgten mehrere Aufenthalte in den USA und in der Sowjetunion.
1972 erschien noch ein Tagebuch, Tagebuch 1966 - 1971.
Montauk 1975 erzählt von der
Begegnung eines älteren Schriftstel-lers mit einer viel jüngeren amerikanischen
Frau. Das Wechseln zwischen Ich- und Er-Perspektive macht diesen
autobiographishen Roman besonders interessant.
Im Jahre 1978 erschien das Bühnenstück Tryptichon.
1979 veröffenlichte Max Frisch Der Mensch erscheint im Holozän.
Herr Geiser kämpft gegen seine
Angst vor dem Gedächtnisverlust
und vor dem Altwerden. Das
Aufkleben der Zettel an der Wand und die Flucht in der Nacht sind verzweifelte
Versuche, gegen das Al-ter zu kämpfen.
Von 1981 an hatte Max Frisch für mehrere Jahre seinen Wohnsitz in New York. Er wurde sogar Ehrendoktor der City
University of New York.
Blaubart (1982) ist das
letzte erzählerische Werk Max Frischs.
Dr. Felix Schaad wird vom Gericht freigesprochen. Er fühlt je-doch eine
moralische Schuld und klagt sich selbst an. Es ist ein Buch über Ehen, über die
Eifersucht und das Schuldgefühl. Man kann viele autobiographische Züge darin
finden.
Max Frisch starb am 4.April 1991, fast 80 Jahre alt.
1.2 ZUR ZEITGENÖSSISCHEN WÜRDIGUNG VON MAX FRISCHS WERK
Ich werde im folgenden einige
Momente der Kritik zu Max Frischs Werk im allgemeinen festhalten. Zunächst gebe
ich eine kurze Aus-wahl von Urteilen über Frischs Werk. Dann gebe ich einige
Ansich-ten aus ein paar Zeitungen wieder, die nach dem Tode Max Frischs zu
lesen waren. Meine Absicht ist, dadurch die unterschiedlichen Ansichten über
Max Frisch zu zeigen. Am Ende meiner Arbeit werde ich versuchen, diese
Ansichten mit meinen Schlußfolgerungen zu vergleichen.
Eine kleine Auswahl der Aussagen über Max Frisch:
Joachim Kaiser:
Max Frisch ist mutig genug in der Raum der Freiheit, ja Grenzenlosigkeit, den
er für seine Geschöpfe erbauen möch-te, keine Thesen, keine positiven
Ratschläge hineinzustel-len.
Helmut Heissenbüttel:
Frischs Werk ist doppelgesichtig. Er kann traditionell be-griffen werden. Er
kann gelesen werden als ein Autor, der außerhalb und jenseits dieser ganzen
finsteren, destrukti-ven und unfreundlichen Moderne steht. Und auf der anderen
Seite, gräbt man ein wenig tiefer, versucht man wirklich zu verstehen, was da
verhandelt wird, eine Welt, in der nichts mehr stimmt, in der den Figuren wie
dem Autor langsam, aber unausweichlich der Boden unter den Füßen weggezogen
wird.
Karl Schmid:
Alle nationalen Grenzen schaffen in Frischs Augen abgelei-tete und künstliche
Wesenheiten... Er hat sich vielleicht nicht so sehr von seiner Nation entfernt
als von dem Bild-nisse, daß diese Nation von sich macht.
Erich Franzen:
Frisch ist ein echter Humanist, der die Menschlichkeit und die Freiheit des
Individuums als oberste Gebot sieht.
Hans Heinz:
Frisch hat ein Werk geschrieben, das Menschen darstellt, nicht politische Abstraktionen. Aber er hat zu zeigen ver-standen, daß die Menschen als politische Wesen so sind, wie sie sind; daß ihr Charakter durch die Gesellschaft geprägt wird, die sie bilden. Er ist ein Rationalist, denn er ap-pelliert an das Denken. Besser zu denken, hieße auch, besser zu leben. Denken baut Vorurteile und Ideologien ab. Aus dem Abbau der Ideologien mag aber die Bereitschaft zur Verbesserung der Gesellschaft hervorgehen.
Nach der Erscheinung von Mein Name sei Gantenbein wurde Max
Frisch als Kandidat für den Nobelpreis erwähnt. Leider bekam er diesen Preis
nicht. Er bekam aber viele andere Preise für seine Dichtung. Ich möchte
folgende Preise erwähnen:
Für Stiller:
1955 Der Wilhelm-Raabe Preis der Stadt Braunschweig.
1955 Der Schiller-Preis der Schweizer Schiller Stiftung.
1956 Der Welti-Preis von der Stadt Bonn.
Für Homo faber:
1958 Der Charles-Veillon Preis in Lausanne.
1958 Der Georg Büchner Preis in Darmstadt.
1958 Der Züricher Preis. (Der Preis seiner Heimstadt)
Für Mein Name sei Gantenbein:
1965 Der Preis der Stadt Jerusalem.
1965 Der Schiller-Preis des Landes Baden-Würtemberg.
1.3 EINIGE WÜRDIGUNGEN NACH DEM TODE VON MAX FRISCH
In der Süddeutschen Zeitung, Samstag/Sonntag-Ausgabe vom 6/7. April 1991,
zwei Tage nach dem Tode Max Frischs, war folgender Artikel zu lesen: "Max
Frisch - das brüderliche Genie".
Der Literaturkritiker und Freund Joachim Kaiser gibt sowohl persönliche als
auch litterturkritische Betrachtungen über Max
Frischs Leben und Werk.
Kaiser erzählt von Frischs Verhältnis zu der Schweiz. Max Frisch war in der
Schweiz nicht so sehr beliebt, weil er ein scharfer Kritiker der Schweizer
Zustände war. Joachim Kaiser unterstreicht aber Max Frischs Bedeutung für die
Bundesdeutschen.
Max Frischs Verhältnis zu Brecht wird besprochen. Trotz der nahen Bekanntschaft
mit Brecht sei Max Frisch nicht Brechtianer gewor-den. Max Frisch habe nie den
Glauben gehabt, daß die Kunst die Welt ändern könne. Er hält den Faschismus als
einen Beweis dafür.
"In den sechziger Jahren war Max Frischs Ruhm überwältigend", schreibt Joachim Kaiser. Aber Amerika fehlte noch. Sein Freund und Landsmann Dürrenmatt hatte in den USA großen Erfolg.
In seinem zweiten großen Tagebuch hat sich Max Frisch geändert. Hier ist er mit dem Alt-Werden, der Einsamkeit und der Schuld, die Männer auf sich nehmen, wenn sie Frauen lieben, beschäftigt.
Kaiser bespricht auch Max Frischs Verhältnis zu Ingeborg Bachmann, das von entscheidener Bedeutung für Max Frischs Leben gewesen ist. Max Frischs Liebe zu Ingeborg Bachmann habe bei beiden tiefe Wunden hinterlassen.
Kaiser schließt mit den folgenden Charakteristik von Max Frisch:
Aber auch da (in der Liebe zu Ingeborg Bachmann ) war Max Frisch zu ehrlich, um
sich in Schönerei oder auch bequeme Selbstverdammung zu flüchten. Vielleicht
liebten seine
Freunde und Leser ihn eben darum. Er war schlechtin unfähig zu allem
Rasch-Harmonisierenden, zu allem Groß-sprecherischen, Pompösen. Und verhielt
sich doch nie kleinlich, pedantischselbstgerecht, billig clever. Ein Mensch,
der die Sorgen und Ängste aller wacher Zeitgenossen mitempfand, der ungnädig
war nur zu der klassenlosen Gesellschaft der Selbstgerechten und der als Autor
dies alles in die Gültigkeit kleiner und großer Mei-sterwerke umzusetzen wußte:
ein solcher Mensch, ein solches brüderliches Genie ist Max Frisch gewesen.
In Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Freitag, dem 5. April 1991 stand unter
der Schlagzeile "Ich bin nicht Stiller" ein Artikel in Zusammenhang
mit dem Tode Max Frischs.
Ein zentraler Begriff im Artikel ist "der saubere Schnitt". Der
Artikelschreiber meint damit die Klarheit und Präzision, mit denen Max Frisch
gearbeitet hat. Darin liege auch ein Einschlag von Grausamkeit, der die
Reinheit und Befreiung von der Lüge bewirke.
Die Kompromißlosigkeit Max Frischs habe dazu geführt, daß viele ihn für
gefährich gehalten hätten, besonders in der Schweiz und seiner Vaterstadt.
"Der saubere Schnitt", der eine Folge seiner Kompromißlosigkeit
gewesen sei, habe dazu geführt, daß er "die Lüge Lüge und die Schande
Schande" nenne.
Alle Interpreten hätten als zentrales Thema gehalten, daß man sich kein Bildnis
machen solle. N.N. meint, daß das Fragestellen für Max Frisch wichtiger ist. Er
weist auch auf Frischs erstes Tagebuch hin:
Sein Ehrgeiz war nie die Antwort, immer nur die Frage. Das legendäre Axiom, daß
man sich kein Bildnis machen solle, der Satz, an den sich seither alle
Interpreten klammern, ist für sein Werk in Tat und Wahrheit eher nebensächlich,
weit belangloser jedenfalls als die Strategien seines
Fra-genstellens."Eine dermaßen zu stellen, daß die Zuschauer von dieser
Stunde an ohne eine Antwort nicht mehr leben können"- das nannte er schon
im ersten Tagebuch seine Auf-gabe als Dramatiker.
Die Klarheit und Präzision und die Kompromißlosigkeit treffen auch Max
Frisch selbst, meint der Artikelschreiber. Deshalb wirken auch die männlichen
Hauptfiguren autobiographisch, und "das Gericht, das der Autor über die
Figuren hält, wird zum Tribunal für ihn selbst."
Man könne aber leicht die gezeichnete Gestalt mit dem Zeichner verwechseln.
"Der saubere Schnitt" betreffe sowohl die moralische und
exi-stentielle als auch die künstlerische Seite.
Der Gestus des sauberen Schnitts ist bei Frisch ebenso sehr eine moralische wie eine existentielle und eine artistische Aktion.
Als Schlußfolgerung seiner Betrachtungen schreibt N.N.:
Was immer er thematisierte an Aktuellem und Grundsätzli- chem, Politischem, Menschlichem, es geriet zu einer Szene und er in dieser Szene zum Akteur. Seine nahezu diabolische Fähigkeit, andere zu durchschauen, ebendas, was viele beim Gedanken an ihn frösteln ließ, erwies sich hier als der Ort eines dialektischen Umschlags von der Analyse zur leibhaftigen Gestaltung. Dennoch wußte er sehr genau Bescheid über die Differenz zwischen dem Erzählen am behaglichen Tisch und dem Erzählen als Vorgang und Verfahren in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Ihm war klar, daß die Wahrheit, die dort, unter Freunden, für einen flüchtigen, aber gelebten Moment gewonnen wird, erlischt, wenn man sie tale quale, "draufloserzählend" eben, zu Papier bringen will.
Im Spiegel Nr.15 vom 8.April 1991 war ein Nachruf über Max Frisch zu lesen.
Hier wird die Größe Max Frischs hervorgehoben. Die Romane Stil-ler, Homo faber
und Mein Name sei Gantenbein zusammen mit den Dramen Biedermann und die
Brandstifter und Andorra hätten Max Frisch zu dem größten deutschschreibenden
Autor seiner Generation gemacht.
Was seine Biographie betrifft, sagt der Artikelschreiber: ..."das gelebte
Leben war für ihn nur eine unter vielen möglichen Vari-anten, vielen möglichen
Identitäten"...
Dann wird von Max Frischs Leben erzählt, und die zwei Hauptvari-anten seines
Lebens, die Schriftstellerei und die Architektur, besprochen.
Der Artikelschreiber Hellmuth Karasek erzählt, daß Max Frisch sehr gern
"man" gesagt habe, weil "Ich" für ihn keine feste Größe
gewesen sei. "In diesem Ich hat das Werk des Erzählers seinen
Kern,"...
In Mein Name sei Gantenbein habe Max Frisch die Biographie im Ka-leidoskop
ihrer Möglichkeiten aufgelöst.
Karasek behauptet auch, daß die Werke Max Frischs viel Autobiographisches
enthielten. Er weist auf das Tagebuch hin:
Wieviel Autobiographisches seine Fiktionen nährte, hat er (im "Tagebuch 1966 - 1971", in der Erzählung "Montauk" und anderswo) bis zur Schonungslosigkeit offenbart: die erste Ehe, die bürgerlich sein wollte, die späte zweite, die ein glückliches Abenteur für ein paar Jahre war, dazwischen die lange Verbindung mit Ingeborg Bachmann, und manches Aben-teuer davor, dazwischen, danach - Frisch war ein Mann, der die Frauen liebte.
Hellmuth Karasek behauptet, daß Frisch nie so sehr Mode gewesen sei, daß er altmodisch hätte werden können. Die Schluß-Betrachtungen könnten vielleicht im Widerspruch zu dieser Aussage ste-hen:
Das Spiel der Lebens-Varianten hat mit den Jahren an Reiz verloren,
verschlungen von der wachsenden Summe des Geschehenen und Unwiderruflichen; die
Zeit hat Frisch zum Chronisten des Alterns gemacht, der dem Ende gefaßt
entge-gensah: "Was keine Variante mehr zuläßt, ist der Tod." Am
vergangenen Donnerstag ist er, sechs Wochen vor seinem 80. Geburtstag, nach
langer Krankheit in Zürich gestorben.
TEIL B
2.0 MEIN NAME SEI GANTENBEIN
In diesem Teil meiner Arbeit werde ich eine Analyse des Romans vornehmen. Ich
beginne mit einigen allgemeinen Betrachtungen über die Ich-Problematik. Diese
Betrachtungen dienen als Einleitung zu den verschiedenen Ich-Betrachtungen von
Mein Name sei Gantenbein.
2.1 ZUR ICH-PROBLEMATIK IM ALLGEMEINEN
Meiner Meinung nach kann man drei verschiedene Ich-Erzählsitua-tionen
unterscheiden:
Wenn es sich um einen autobiographischen Roman handelt, spricht man von einem
"Ich mit Leib". Damit meint man, daß eine Identität zwischen dem
erzählenden Ich und dem erlebenden Ich besteht. Der Erzähler erzählt also von
sich selbst und ist selbst "der Held" seiner Erzählung.
Eine andere Art von Ich-Roman ist jene Erzählform, die ein peri-pheres erlebendes Ich hat. Ein peripheres Ich steht nicht im Mit-telpunkt der Begebenheiten. Es ist aber ein Beobachter, durch den uns das Geschehende beigebracht wird. Der "Held" der Geschichte ist eine andere Person.
Als dritte Möglichkeit gibt es die quasiautobiographische Erzäh-lung, in der
der Erzähler und "der Held" der Geschichte identisch sind. Diese
Erzählweise ist wohl die gewöhnlichste dieser drei. Das Wort
"quasiautobiographisch" bedeutet, daß es keine Identität zwischen dem
erzählenden Ich und dem erlebenden Ich gibt. Man kann dieses Ich mit einer
Reflektorfigur in der dritten Person vergleichen.
Max Frisch wählt die Ich-Form in Mein Name sei Gantenbein. Er gibt sogar die
Gründe im Roman an:
(Manchmal scheint auch mir, daß jedes Buch, so es sich nicht befaßt mit der
Verhinderung des Krieges, mit der Schaffung einer besseren Gesellschaft und so
weiter, sinn-los ist, müssig, unverantwortlich, langweilig, nicht wert, daß man
es liest, unstatthaft.
Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das
menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgend sonst.) (G 62)
Also alles was passiert, im Krieg oder in der Gesellschaft, be-ruht auf Wahlen
und Taten des einzelnen Menschen. Das Benehmen eines Ichs zu den anderen Ichs
ist die Grundlage der Geschichte.
Im folgenden werde ich versuchen, den Roman Mein Name sei Gantenbein als drei
verschiedene Ich-Geschichten zu betrachten.
2.2 MEIN NAME SEI GANTENBEIN ALS AUTOBIO- GRAPHISCHER ROMAN
Der Titel des Romans deutet an, daß die Hauptperson eine andere als
Gantenbein ist. Der Konjunktiv "sei" ist ein Beweis dafür.
Sonst hätte Max Frisch den Titel "Mein Name ist Gantenbein" ge-wählt.
Gantenbein ist also nicht der Erzähler des Romans, sondern eine Rolle, die der
Erzähler spielt.
Das Erzähler-Ich ist nur an wenigen Stellen spürbar. Zum ersten Mal taucht es
am Anfang des Romans auf:
Ich sitze in einer Wohnung: meiner Wohnung... Lang kann's nicht sein, seit hier gelebt worden ist; ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche, Inselchen von Schimmel auf dem samtroten Wein, ferner Reste von Brot, aber ziegelhart. Im Eisschrank(ich habe nachgesehen, ohne Hunger zu haben)- krummt sich Schinken, in Kalte verdorrt und beinahe schwarz, auch etwas Käse ist noch da, rissig wie Baumrinde, grünlich, und ein Glas mit Rahm, der aber nicht mehr fließt, und in einer Schüssel schwimmt noch ein trüber Rest von Kompott, Aprikosenschlamm. Ferner eine Dose mit Gänseleber. Wegzeh rung für eine Mumie? Ich weiß nicht, warum ich es nicht in den Kehrichteimer geworfen habe... Ich hocke in Mantel und Mütze, weil es draußen regnet.Ich hocke auf der Lehne eines Polstersessels und spiele mit einem Korkenzieher. Korken- zieher bleibt Korkenzieher, standard, Hausgerät im Stil der Epoche. Ich sehe: jemand hat unsere Teppiche gerollt, mit Kampfer eingesegnet und gerollt, Schnur drum die Fensterläden geschlossen gegen Regen und Sonne und Wind, gegen Sommer und Winter; ich öffne sie nicht.(G 17)
...
Draußen die Straßenbahn, dazwischen Hupen, aber hier hinter geschlossenen Fensterläden,
wo ich in Mantel und Mütze ho-cke auf der Lehne eines weißverhüllten
Polstersessels, wäh-rend es draußen regnet, hier ist es wie in Pompeij: alles
noch vorhanden, bloß die Zeit ist weg. Wie in Pompeij: man kann durch Räume
schlendern, die Hände in den Hosentaschen, und sich vorstellen, wie hier einmal
gelebt worden ist, be-vor die heiße Asche sie verschüttet hat. Und es hallt
auch (weil die Teppiche gerollt sind) wie in Pompeij - Einmal klingelt's
tatsächlich.
Ich mache nicht auf -
Der Herr meines Namens ist verreist. (G 18)
Dieser Herr hat mit jemandem zusammengelebt. Es sind nicht seine Teppiche,
sondern "unsere". Jetzt ist er allein. Die Zeit hat seit langem
stillgestanden.
Wenn man diesen Roman von dem Gesichtspunkt betrachtet, daß es sich um einen
autobiographischen Roman handelt, geht es um das Scheitern der Ehe von Max
Frisch und Constanze von Meyenburg. Sie heirateten 1942 und ließen sich im
Jahre 1959 scheiden.
Vielleicht versucht Max Frisch in Mein Name sei Gantenbein seine eigene Scheidung
zu verarbeiten.Durch die verschiedenen Rollen versucht er die verschiedenen
Seiten der Ehe zu beleuchten und fünf Jahre nach der Scheidung einige Antworten
zu finden. Den blinden Gantenbein kann man sinnbildlich betrachten. Gantenbein
fehlt die Einsicht.
Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal. Dann wieder zweifele
ich, ob die Geschichten, die ich mir vor-stellen kann, nicht doch mein Leben
sind. Ich glaub's nicht. Ich kann es nicht glauben, daß das, was ich sehe,
schon der Lauf der Welt ist. (G 283)
Max Frisch hatte vielleicht auch nicht die nötige Einsicht
gehabt, um seine Ehe retten zu können. Durch Gantenbein tritt
sein Schuldgefühl hervor.
Am Ende des Romans taucht die Beschreibung von der Verlassen-
heit wieder auf:
Reste von Burgunder in einer Flasche, ich kenne das, In-selchen von Schimmel
auf rotem Wein, ferner Reste von Brot ziegelhart, im Eisschrank krümmt sich
verdorrter Schinken, in einer Schüssel schwimmt ein trüber Rest von Kompott,
Aprikosenschlamm, Wegzehrung für eine Mumie, ich weiß, ich hocke in Mantel und
Mütze, es riecht nach Kampfer, Staub, Bodenwichse, die Teppiche sind gerollt,
und ich hocke auf der Lehne eines Polstersessels und spiele mit einem
Korkenzieher, weiß nicht, was geschehen ist, alle Polstersessel sind mit weißen
Tüchern bedeckt, ich kenne das, Fensterläden geschlossen, alle Türen offen,
brauche mich nicht zu erheben, kenne das - (G 283)
An einer anderen Stelle erzählt das Ich von der Liebe, die nicht vergolten
wird. Das ist eine alltägliche Geschichte, aber es kön-nte auch das Scheitern
von Max Frischs Ehe sein.
Das Ich gibt auch zu, daß es keinen Gantenbein gibt, auch keine Camilla.
Camilla ist nicht die Frau Gantenbeins, sondern eine Hure von der Gantenbein
Maniküre bekommt, sonst ist sie auch wie eine Vertraute, der Gantenbein
Geschichten erzählt.
Von jemandem wird der Erzähler am Ende gefragt, wer er ist und was eigentlich
geschehen ist:
"Also", sagt jemand, den es nichts angeht, und wir sind unter vier
Augen, "was ist nun eigentlich geschehen in Ihrem Leben, das zu Ende
geht?"
Ich schweige.
"Ein Mann liebt eine Frau", sagt er, "diese Frau liebt einen
anderen Mann", sagt er, "der erste Mann liebt eine andere Frau, die
wiederum von einem anderen Mann geliebt wird", sagt er und kommt zum
Schluß, "eine durchaus alltägliche Geschichte, die nach allen Seiten
auseinander geht -"
Ich nicke.
"Warum sagen Sie nicht klipp und klar", fragt er mit einem letzten
Rest von Geduld, "welcher von den beiden Herren Sie selber sind ?"
Ich zucke die Achsel.
"Die Untersuchung hat ergeben", sagt er nicht ohne einen Unterton von
Drohung," daß es eine Person namens Camilla Huber beispielweise nicht gibt
und nie gegeben hat, ebensowenig wie einen Herrn namens Gantenbein -"
"Weiß ich."
"Sie erzählen lauter Erfindungen."
"Ich erlebe lauter Erfindungen." (G 282)
Am Ende des Romans befindet sich das Erzähler-Ich in einer har-monischen Situation. Er erzählt von etruskischen Flöten, also muß er irgenwo in Italien sein. Die Etrusker waren ein altes Kultur-volk, das in Italien einwanderte und bis ungefähr 500 vor Chris-tus das Land regierte.
"Alles ist wie nicht geschehen..."
...
"Leben gefällt mir -" (G 288)
Der Gedankenstrich statt des Punktes könnte die Bedeutung haben, daß die erlebte Harmonie nur scheinbar ist. Vielleicht handelt es sich noch um eine Person, ein Ich, das immer noch am Verlust seiner Ehe leidet.
Ein Schriftsteller kann nur die Dinge beschreiben, von denen er eine gewisse Kenntnis hat. Man braucht natürlich nicht alles selber erlebt zu haben. Die Kentnisse kann der Schriftsteller durch Lesen und die Beobachtung von anderen Menschen bekommen haben. Nur durch eine genaue Beobachtung von Leben und Werk kann die Parallelität zwischen Leben und Werk beschrieben werden. In Mein Name sei Gantenbein gibt es jedenfalls mehrere Parallelen zu Max Frischs Leben:
Es wird von vielen Reisen erzählt, nach Jerusalem, Gibraltar, nach Italien und Amerika. Wir wissen, daß Frisch selbst dieselben Orte und Länder besuchte. Enderlin ist Ehrendoktor von Harvard, Max Frisch wurde selbst Ehrendoktor der University of New York.
Gantenbein, Enderlin und Svoboda sind alle zwischen 40 und 50, nur wenige Jahre jünger als Max Frisch war, als er Mein Name sei Gantenbein schrieb.
Der Satz aus der Geschichte von der abschwimmenden Leiche ..." daß Zürich
ihn nicht halten können -" ... deutet vielleicht auf Max Frischs
Verhältnis zur Schweiz hin.
Vielleicht ist die Parallelität größer auf der psychologischen Ebene als auf
der sozialen. Man könnte den Roman einen autobio-graphischen Seelenroman
nennen.
2.3 DAS ICH IN MEIN NAME SEI GANTENBEIN ALS PHERIPHERES ICH BETRACHTET
Gantenbein ist die deutlichste Person im Roman. Es gibt aber außerdem ein Ich,
das eine etwas zurückgezogene Rolle im Roman hat. Dieses Ich könnte auch als
ein peripheres Ich betrachtet werden. Man könnte sagen, daß dieses Ich nicht so
interessant ist. Es ist aber notwendig als Rollenträger. Ein Roman über den
Menschen als Rollenspieler muß einen Rollenträger haben. Das Ich an sich selbst
ist uninteressant und taucht nur als eine Notwen-digkeit auf, wenn eine neue
Rolle gezeigt werden soll.
Das könnte also der Grund dafür sein, daß die Geschichte des Erzählers, des
Ichs, so in den Hintergrund gerät. Die drei Haupt-rollen des Ichs sind das
Wesentlichste.
Wenn wir das erzählede Ich als ein peripheres Ich betrachten, bekommt es die
Rolle des Zuschauers. Seine Funktion wird die des Vermittlers. Es tritt in den
Hintergrund, um die wensentlichen Gestalten hervorzuheben. Das wesentliche im
Roman sind die verschiedenen Rollen, das Rollenspiel.
2.4 MEIN NAME SEI GANTENBEIN ALS QUASI-
AUTOBIOGRAPHISCHER ROMAN
Ein quasiautobiographischer Roman ist also ein Roman, wo der Schriftsteller
die Ich-Form benutzt, ohne daß er als Erzähler von sich selbst erzählt. In der extremsten
Form wird das Ich zur Re-flektorfigur.
Je weniger man diesen Roman für eine autobiographische Erzählung hält, desto
stärker wird das quasiautobiographische Element.
Ich habe früher einige Elemente angedeutet, die autobiographische Momente sein
könnten. Vieles von dem, was erzählt wird, muß man jedoch als Fiktion
betrachten. Und das stützt natürlich das qua-siautobiographische Argument.
Mein Name sei Gantenbein ist ein ganz besonderer Roman, denn es gibt viele
gedachte Rollen. Man muß aber nicht vergessen, daß der Roman ein erzählendes
Ich hat. Svoboda, Enderlin und sogar Gan-tenbein sind Rollen, die das Ich
ausprobiert.
Das erzählende Ich taucht ab und zu auf, was die folgenden Bei-spiele zeigen:
"Ich stelle mir vor" taucht vielmals auf, das erste Mal auf der
zweiten Seite des Romans. (G 8)
Weiter taucht das Erzähler-Ich auf in solchen Formulierungen wie:
"Ich sitze in einer Bar,"... (G 8)
"Ich trinke - ich denke: Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt
sucht er die Geschichte seiner Erfahrung... " (G 8)
"Was ich mir vorstellen kann:
(weil ich es erfahren habe)" (G 139)
"Einmal bin ich in Jerusalem." (G 139)
"Ich frage mich, welche Berufe für Gantenbein in Frage kommen,"... (G 180)
Es gibt also ein Erzähler-Ich, das ab und zu ganz kurz auftaucht. Wenn aber das
Erzähler-Ich die Rolle von Gantenbein annimmt, be-zeichnet sich auch Gantenbein
als Ich.
Der Übergang von dem Ich-Erzähler zum Gantenbein-Ich ist ab und zu fast
unmerkbar. Das zeigt die enge Bindung zwischen dem Er-zähler und Gantenbein:
Eine alte Leidenschaft von Gantenbein, so nehme ich an, ist das Schach. Und
auch das geht ohne weiteres.
Hast du gezogen? frage ich.
Moment, sagt mein Partner, Moment!
Ich sehe und warte...
Ja, sagt mein Partner, ich habe gezogen. (G 93)
Die Rolle Gantenbein gefällt dem erzählenden Ich am besten, und sie lassen sich
nur schwer unterscheiden. Es ist aber wichtig, daß man versteht, wer spricht,
der Erzähler oder Gantenbein.
Gantenbein ist eine Rolle des Erzähler-Ichs. Aber Gantenbein spielt auch eine
Rolle, die des Blinden. Die Blindenrolle ist sozusagen eine Rolle in der Rolle.
Mein Name sei Gantenbein ist der Titel des Romans. Der Konjunktiv deutet auf
die gedachte Situation hin. Infolgedessen wird Gan-tenbein nicht der Erzähler
des Romans. Gantenbein ist buchstäb-lich die Hauptrolle, die das Erzähler-Ich
spielt. Der Erzähler bleibt ein Ich, dem es am besten gefällt, die Rolle
Gantenbeins zu spielen.
Man kann sich darüber steiten, welche von diesen drei Betrachtungsweisen die
richtigste ist. Ich glaube, daß jede Auffassung einen Beitrag zum Verstehen des
Romans geben kann.
Das Wichtigste ist aber, daß man nicht den Fehler begeht, Ganten-bein zum
Helden zu machen. Es gibt ein erzählendes Ich, das Rol-len wie Kleider
probiert!
..."daß es eine Person namnes Camilla Huber beispielweise nicht gibt
und nie gegeben hat, ebensowenig wie einen Herrn namens Gantenbein -"...
(G 282)
2.5 DAS ROLLENSPIEL
Das zentralste Thema des Romans ist der Mensch als Rollenträger. Der Mensch muß
im Leben mehrere Rollen spielen.
Manche haben Probleme, ihre Rolle zu finden, das heißt, sich eine Identität zu
verschaffen. Das Ich wird durch das Erlebte geformt. Es gibt im Leben viele
Wahlmöglichkeiten. Was man für seine eig-ene Lebensgeschichte hält, ist aber
nur eine Möglichkeit unter vielen anderen. Der Mensch klammert sich an seine
Geschichte, weil er Angst hat, sein Ich zu verlieren.
"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält", ... (G 45)
In Mein Name sei Gantenbein spielt das Erzähler-Ich mit den Mög-lichkeiten des
Ichs, sein Ich und seine Geschichte zu wählen:
"Ich probiere Geschichten an wie Kleider!" (G 20)
Das Wechseln der Ichs und der Gechichten werden mit Kleiderwech-seln verglichen. Das Ich kauft sich neue Kleider und zieht sich neue Kleider an. " Neue Kleider " ist ein Sinnbild für das Wech-seln der Geschichten, der verschiedenen Rollen.
"Ich werde mir neue Kleider kaufen," ... (G 19)
Im Roman probiert das Ich drei Hauptgeschichten, drei Hauptrol-len. Das sind
die Rolle als Gantenbein, als Enderlin und die als Svoboda. Am Ende stellt es
die Frage, ob er auch eine vierte Rol-le erfinden muß:
"(Muß ich auch Siebenhagen noch erfinden?)" (G 280)
Die verschiedenen Rollen vertreten verschiedene persönliche Ei-genschaften,
verschiedene Charakterzüge.
Alle Rollen sind mit dem Ich und ineinander verwebt.
2.5.1 DIE ROLLE ALS GANTENBEIN
Die engste Beziehung besteht zwischen dem Erzähler-Ich und Gan-tenbein. Manchmal ist es schwierig zu entscheiden, wo die Grenze zwischen dem Erzähler und Gantenbein geht. Man könnte es viel-leicht eine Spaltung des Ichs in mehrere Personen nennen. Oder wir haben mit einem schizophrenen Menschen zu tun, der die Realität und Phantasie vermischt.
Die Rolle von Gantenbein ist eine doppelte Rolle, denn Ganten-bein spielt zugleich eine Blindenrolle. Die Blindenrolle wird durch einen gedachten Verkehrsunfall motiviert und erklärt:
Ich stelle mir vor:
Ein Mann hat einen Unfall, beispielweise Verkehrsunfall, Schnittwunden im
Gesicht, es besteht keine Lebensgefahr, nur die Gefahr, daß er sein Augenlicht
verliert.
...
Eines Morgens wird der Verband gelöst, und er sieht, daß er sieht, aber
schweigt; er sagt nicht, daß er sieht, niemand und nie.
..., ein Leben als Spiel, seine Freiheit kraft eines Geheimnisses usw.
Sein Name sei Gantenbein. (G 20)
Gantenbein ist der blinde Gatte, der mit einer berühmten Schau-spielerin zusammenlebt, die Vorstellungen von Gantenbein tauchen ganz am Anfang des Romans auf. Die Vorstellungen von dem blinden Gantenbein und Lila etwas später:
Ich stelle mir vor:
mein Leben mit einer großen Schauspielerin, die ich liebe und daher glauben
lasse, ich sei blind; unser Glück infolgedessen. (G 74)
Ihr Name sei Lila.
Lila ist also Schauspielerin von Beruf. Was sie nicht weiß, ist, daß Gantenbein
auch Schauspieler ist. Er ist kein Berufsschauspieler, er lebt aber als
Schauspieler. Er muß sogar ein sehr erfolgreicher Schauspieler sein, denn er
fällt nie aus seiner Rolle.
Die Blindenrolle gibt Gantenbein viele Vorteile. Weil er "blind" ist,
muß er nicht arbeiten. Er wird von seiner Frau, Lila, ver-sorgt. Er hilft
jedoch bei der Hausarbeit, dafür wird er sehr ge-lobt, weil man glaubt, daß er
blind ist.
Ein Blinder darf auch Fehler begehen, ohne daß man ihm Vorwürfe macht:
"Man kann's einem Blinden nicht verargen." (G 31)
Im Theater ist er Zuhörer, kann aber alles sehen. Er darf an
Leuten vorbeigehen, ohne zu grüßen, weil er "blind" ist.
Lila und andere Leute müssen sich in seiner Nähe nicht zu sehr schützen, weil
ein Blinder nichts durch die Augen mitkriegt.
Das ist der Hauptgrund dafür, daß die Blindenrolle Gantenbein sehr gut gefällt.
Und vielleicht ist das heimliche Zuschauen das, was das Erzähler-Ich an
Gantenbein so attraktiv findet.
Das heimliche Zuschauen ist der Hauptgrund dafür, daß Gantenbein die Blindenrolle annimmt. Gantenbein ist eine eifersüchtige Per-son.
Aber die Vorteile, sage ich mir dann, die Vorteile, du darfst die Vorteile deiner Rolle nie vergessen, die Vorteile im großen wie im kleinen; man kann einen Blinden nicht hinters Licht führen... (G 91)
Der eifersüchtige Gantenbein hat Angst, hinter das Licht geführt zu werden.
Die Ehe von Gantenbein und der Schauspielerin Lila ist eine glückliche Ehe.
Weil Gantenbein sehr eifersüchtig ist, gibt ihm die Blindenrolle eine besonders
gute Möglichkeit, allem zuzuschauen. Im Theater, am Flughafen oder wenn die
Post kommt, kann er alles genau sehen, ohne daß man weiß, daß er etwas durch
die Augen mitbekommt. Hinter der Blindenbrille sucht Gantenbein mit den Augen
eines Adlers die Spuren von Betrug und Liebhabern.
Das Sehen durch die Blindebrille ist aber grau und farblos. Das ist ebenfalls
ein Sinnbild der Eifersucht. Durch das einfarbige eifersüchtige Sehen wird die
Liebe grau und farblos.
Die Triebkraft in Gantenbein ist die Eifersucht, deshalb diese Blindenrolle
in der Rolle. Gantenbein ist auch kein gewalttätiger Mensch. Er ist eine
Person, die durch die Liebe Schmerz erfährt.
Diese Liebe bringt ihn am Ende zu einer Gewalttat. Als Einhorn, einer der
Bewunderer Lilas, auf Besuch kommt, sperrt Gantenbein die beiden ein und
verläßt das Haus. Die Eifersucht gipfelt also in dieser Situation und führt zum
endgültigen Zusammenbruch der Ehe. Gantenbein ist wahnsinnig vor Eifersucht.
Lila verläßt ihn:
Eine Woche danach (leider lassen sich Gespräche, die über-flüssig sind, im
Leben nicht streichen) ist Lila gegangen; sie kann nicht mit einem Wahnsinnigen
leben, ich versteh's.
Was hilft sehen! (G 179)
Mit dem letzten Satz deutet Gantenbein an, daß es vielleicht bes-ser wäre, wenn er wirklich blind gewesen wäre. Das Sehen macht ihm nur Probleme, jedenfalls das heimliche Sehen.
Lila ist eine treue Frau. Es gibt jedenfalls keine Zeichen im Roman, daß Lila Gantenbein betrügt. Dennoch ist Gantenbein eifer-süchtig. Eine unbegründete Eifersucht enthüllt Gantenbeins eigene Unsicherheit. Ein unbegründeter Verdacht ist immer ein Spiegelbild! Gantenbein vertritt also den unsicheren Menschen, der we-nig Selbstvertrauen hat.
Gantenbein hat auch ein Verhältnis zu einer anderen Frau, Camilla Huber. Diese Frau ist eine Hure, die auch Manikür macht. Die Manikür ist nur eine Deckung dafür, was sie eigentlich macht. Gantenbein kommt nur, um Manikür zu bekommen. Diese zwei ver-stehen sich sehr gut. Sie lassen die dunklen Seiten ihres Lebens in Ruhe. Es besteht eine Art von therapeutischer Freundschaft zwischen ihnen. Camilla ist die Vertraute Gantenbeins, der er Geschichten erzählt. Die Geschichten handeln meistens von Gan-tenbein in Verkleidung. Camilla ist die Therapeutin und Gantenbein der Klient, der regelmäßig zur Behandlung kommt.
Gantenbein ist ein Zeuge des Lebens, ein Zuschauer. Es ist aber ein Problem,
daß er nicht erzählen kann, was er sieht.
Ja, er sieht sogar mehr als andere Leute, weil er als "Blinder" mehr
sehen darf. Das heißt, man braucht sich in der Nähe eines Blinden nicht so sehr
schützen. Die Leute treten vor einem Blinden weniger verkleidet auf. Das sind
die Vorteile.
Es gibt auch Nachteile. Ein Blinder ist als Zeuge nicht glaubhaft. Als Camilla
ermordert worden ist, wird Gantenbein als Zeuge in den Gerichtssaal gebracht.
Er ist aber als Zeuge nicht gesetz-lich glaubhaft, weil er blind ist.
Als Zeuge des Lebens ist Gantenbein ebensowenig glaubhaft, weil er im
übertragenen Sinne blind ist. Liebe macht blind. Eine ei-fersüchtige Liebe
schafft eine noch gefährlichere Blindheit.
Die Beziehung zu Camilla Huber ist von einer platonischen Art. Das ist vielleicht bemerkenswert, weil man daran denkt, daß Camilla eine Nutte ist. Da könnte sich leicht eine andre Be-ziehung daraus entwickelt haben. Das geschieht aber nicht, und das fehlende Geschehen ist kein Zufall. Das zeigt uns eine Eigenschaft Gantenbeins. Er ist nämlich ein sehr treuer Ehemann. Mit Camilla kann er eine gute Freundschaft haben. Eine Freundschaft ohne Gefühle paßt dem Eifersüchtigen am besten. Mit einer Hure funktioniert es zudem gut, weil alle damit einverstanden sind, daß ein Hure viele Beziehungen haben muß. Es wird nie von Treue und Untreue gesprochen.
Gantenbein ist wegen seiner Blindheit berufslos. Der Erzähler stellt sich einmal die Frage, welche Berufe für den blinden Gan-tenbein in Frage kommen könnten:
Ich frage mich, welche Berufe für Gantenbein in Frage kommen, ohne daß er berufshalber seine Blindenrolle aufgeben muß; es gibt viele Möglichkeiten, scheint mir, beispielweise der Beruf eines Reiseführers: ... (G 180)
Später stellt sich das Ich mehrere Möglichkeiten Gantenbeins vor. Am Ende macht er sich Gedanken über Gantenbein als Freund, das heißt Gantenbein als der Freund des erzählenden Ichs:
Man trifft sich auf der Straße, Gantenbein mit seiner gel-ben Armbinde, so daß er mir leid tut, und man redet so über die Welt, die er nicht sieht. Zwar erkundigt er sich jedes-mal, wie es mir gehe; aber ich wage es ihm nicht zu sagen. Man kennt sich von früher. Man spricht nicht von der eig-enen Karriere, wenn der andere sie nicht sieht. Ich bin kein Angeber. (G 183)
Gantenbein vertritt die Seiten des Ichs, die er nicht billigen kann. Das Ich
projiziert seine schlechten Eigenschaften in die Gestalt von Gantenbein. Diese
Handlungsweise ist ein gewöhnlicher psychologischer Mechanismus, wodurch man
imstande wird, mit sei-nen eigenen Fehlern umzugehen. Gantenbein wird zu einer
Art von Wahrsager, deshalb weiß das Ich nicht, ob er Gantenbein mag:
Ich rede aber zu Gantenbein, damit er mich versteht. Warum sagt er nichts?
Er zwingt mir nur, daß ich selber alles sehe, was ich verschweige. Warum sagt
er nicht, daß er das ganze hier, vom Matisse in der Halle bis zur Platin-Uhr an
meiner Gattin, zum Kotzen findet?
Wir sind keine Freunde mehr.
Es macht mich traurig.
Und obschon er den Blinden spielt, es wird kein guter A-bend, und später dann,
als ich ihn zum Bahnhof fahre, nehme ich unseren Wolkswagen, nicht den Jaguar,
damit er den Wan-del in meinem Leben nicht höre, für den Fall, daß er wirk-lich
blind sein sollte.
Gantenbein macht mich unsicher.
Ich frage mich, ob ich ihn mag... (G 187)
2.5.2 GANTENBEIN UND BURRI
Burri ist Gantenbeins guter Freund. Sie spielen zusammen Schach und unterhalten sich. Das Schachspiel ist ein intellektuelles Spiel, man muß denken und überlegen, welche Schritte und Strategien zum Ziel führen. Burri ist Arzt und mit Fakten beschäftigt. Er ist ein Pragmatiker, der das Leben intellektuell und praktisch betrachtet. Mit ihm unterhält sich also Gantenbein über die verschiedenen Fragen der Welt. Sie sprechen über aktuelle politische Fragen. Das Leben wird sogar mit einem Schachspiel verglichen.
Gestern, in Gesellschaft bei Burri, redete man einmal mehr über Kommunismus und Imperialismus, über Cuba, jemand re-dete von der Berliner Mauer, Meinungen, Gegenmeinungen, leidenschaftlich, ein Schach auch so, Zug und Gegenzug, ein Gesellschaftsspiel, bis einer, bisher stumm, erzählte von seiner Flucht. (G 109)
Manchmal reden sie aber über Probleme, die Gantenbein besonders
beschäftigen: das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im all-gemeinen, und
speziell interessiert sich Gantenbein für eifersüchchtige Leute.
Einmal erzählt Burri von einem Bäckermeister, der sehr eifersü-chtig ist. Er
versteckt sich im Schrank, um seine Frau zu über-wachen. Es zeigt sich auch,
daß sein Verdacht nicht grundlos ge-wesen ist. Seine Frau betrügt ihn mit einem
jungen Mann. Der Bä-ckermeister wird von Burri, dem Arzt, zu einer Versöhnung
über-redet.
Später werden die beiden Liebhaber aufs neue erwischt, und dies-mal greift der
sonst so verläßliche Bäcker zur Gewalt. Er
schießt den Liebhaber seiner Frau, und zerschneidet das Gesicht seiner Frau mit
einem Taschenmesser. Dann versucht er den Arzt zu rufen, aber vergeblich. Am
Ende bringt er die beiden mit sei-nem Lieferwagen ins nächste Spital und ruft
die Polizei.
Diese Geschichte beschäftigt Gantenbein sehr. Er muß den Bäcker-meister sehen
und besucht seinen Laden, um Brot zu kaufen. Er tut es mehrmals, bis er den
Bäckermeister selbst trifft. Gantenbein findet, daß die Tat des Bäckermeisters
gar nicht zu dem Täter
paßt. Mit Schrecken muß Gantenbein zugeben, daß er dasselbe hätte tun können:
Seine Tat, sah ich, paßte überhaupt nicht zu ihm. Das gibt es: plötzlich tut
einer meine Tat, die ihn ins Gefängnis bringen wird, und ich stehe da mit dem
Schrecken über mich. (G 103)
Nach einem späteren Schachspiel sprechen Gantenbein und Burri wieder von dem
Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Sie sind darüber einverstanden, daß die
Männer die Frauen eine zu wichtige Rolle spielen lassen. Das ist der Hauptgrund
dafür, daß die Frauen zu viel Unheil anrichten. Die Männer sind blind, weil sie
dies nicht einsehen wollen.
Die Männer sollten sich nicht von dem Spiel und der Koketterie der Frauen
beeinflussen lassen, das tun sie aber und sind des-wegen selbst am Unheil
schuld:
Ein Mann, der an seiner Frau leidet, ist selbst schuld... Was Männer hörig macht:ihre Verachtung der Frau, die sie sich selbst nicht eingestehen; daher müssen sie verherr-lichen und stellen sich blind; wenn die Wirklichkeit sie unterrichtet, laufen sie zur nächsten, als wäre die nächste nicht wieder eine Frau, und können von ihrem Traum nicht lassen... (G 188)
In den Gesprächen mit Burri behandelt Gantenbein seine eigenen Probleme zu Lila
in einer intellektuellen Weise. Er scheint die Lösungen gefunden zu haben,
seine Eifersucht aber kann er nicht los werden. Die zusammen mit Burri
gewonnene Einsicht hilft ihm nichts.
Sie sprechen auch von dem biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau, der
die Hure möglich macht. Eine Frau kann in einer Nacht mit zehn Männern
zusammensein. Die Frau kann ihre Erlösung im Genuß spielen, auch wenn er
ausbleibt. Das mögliche Spiel macht den Mann mißtrauisch. Der Mann ist also der
Frau preisgegeben, nicht umgekehrt:
Die Frau ist ein Mensch, bevor man sie liebt, manchmal auch nachher; sobald man sie liebt, ist sie ein Wunder, also un-haltbar - (G 189)
2.5.3 GANTENBEIN UND CAMILLA
Die gewöhnliche Beziehung zu einer Hure ist geschlechtlich und physisch.
Gantenbein aber hat ein menschliches, metaphysisches Verhältnis zur
Prostituierten Camilla Huber. Er weiß natürlich, daß sie mehrere Männer hat,
aber das macht ihn nicht eifersüch-tig.
Gantenbein kann seine Probleme nicht intellektuell lösen. Bei Camilla versucht
er, seine gefühlsmässigen Schwierigkeiten zu bearbeiten. Diese Bearbeitung läßt
sich nur mit einer Frau durch-führen, die durch ihr Leben keine Bindungen zu
einem Mann haben kann, also einer Hure.
Gantenbein erzählt Camilla Geschichten. In den Geschichten ver-stecken sich
Probleme, die Gantenbein zu lösen versucht.
Die Geschichten sollen nicht nur erdichtet sein, sie müssen vom Leben erzählen:
Camilla Huber ist unbezahlbar; sie glaubt an wahre Gesch-ichten, sie ist wild
auf wahre Geschichten, es fesselt sie alles, wovon sie glaubt, daß es geschehen
sei, und sei's noch so belanglos, was ich während der Manicure erzähle: -aber
geschehen muß es sein ... (G 103)
Die Maniküre ist nur ein Vorwand, ein Alibi, für die Besuche Gan-tenbeins bei
Camilla. Er ist auch der einzige Kunde, der bei Ca-milla Maniküre bekommt.
Eine der vielen Geschichten für Camilla handelt von Gantenbein, der den
Liebhaber seiner Frau in die Lenden schießt. Gantenbein überträgt die
Geschichte von dem Bäckermeister auf sich selbst. Er gesteht also Camilla seine
eigene Eifersucht. Gantenbein er-zählt auch, daß er sich mit dem Liebhaber
seiner Frau lange un-terhalten hat. Ja, sie haben sogar Campari getrunken.
Dieser jun-ge Mann hat "einen Ruf nach Harvard" (G 104). Damit läßt
er uns verstehen, daß dieser junge Mann Enderlin ist.
Dieses freundliche Verhalten zu dem Liebhaber zeigt, daß Gantenbein kein
gewalttätiger Typ ist, sondern er versucht durch das Sprechen und das Denken
seine Probleme zu lösen. Der Bäckermeister aber war auch ein friedlicher
Mensch, der eines Tages zur Gewalt griff. Gantenbein hat Angst vor sich selbst.
Vielleicht könnte er auch selbst gewalttätig werden.
Eigentlich geht Gantenbein nicht zur Maniküre, sondern zur Thera-pie. Es
besteht ein zwischenmenschliches Vertrauen zwischen Gan-tenbein und Camilla.
Sie müssen einander nichts vorgeben. Sie kennen sich gut aus, und akzeptieren
einander. Gantenbein spricht nie von Camillas eigentlichem Beruf. Ein nicht
unmöglicher Gedan-ke wäre, daß Camilla ihrerseits das Blindenspiel durchschaut
hat. Sie wird ihm das jedoch niemals vorwerfen.
2.5.4 DIE ROLLE ALS ENDERLIN
Die Beziehung zwischen dem Erzähler-Ich und Enderlin ist nicht so eng wie
die von Ich und Gantenbein. Über Enderlin wird mei-stens in der dritten Person
gesprochen.
Enderlin taucht früher auf im Roman als Gantenbein. Ja, Enderlin begegnen wir
ganz am Anfang, wo er stirbt:
So könnte das Ende von Enderlin sein.
...
Ja sage ich auch,ich habe ihn gekannt. Was heiß das! Ich habe ihn mir
vorgestellt, und jetzt wirft er mir meine Vorstellungen zurück wie Plunder; er
braucht keine Geschichten mehr wie Kleider. (G 8)
Die Menschen, von denen der Erzähler berichtet, vertreten seine eigenen
Erfahrungen. Dies zeigt Identität zwischen dem Erzähler-Ich und den
Rollen-Gestalten.
Enderlin und Gantenbein haben das gleiche Alter, 41 Jahre alt, ungefähr das
Alter des Erzählers. Sie haben auch das Pfeifen-Rauchen gemeinsam. (Was auch
charakteristisch für Max Frisch war!)
Die Geschichte Enderlins wird später erzählt. Enderlin ist ein sehr
erfolgreicher Mensch. Ihm wird eine große wissenschaftliche Karriere
vorausgesagt. Er hat einen Ruf nach Harvard (Vgl.: Max Frisch wurde Ehrendoktor
der Univerität von New York!).
Er wird manchmal als der fremde Herr besprochen. "Der fremde Herr:
Enderlin." (G 62)
Das Erzähler-Ich stellt sich vor, daß es in einer Bar ist. Der Erzähler wartet
auf einen Herrn, der nicht auftaucht, weil er nach London gereist ist. Statt
seiner kommt die Frau des erwar-teten Herrn.
Die Erzählperspektive gleitet vom Erzähler zu dem fremden Herrn, Enderlin, über. Es besteht eine Art von Doppelperspektive:
Der fremde Herr, als später (ca.15.30) ihren bloßen Arm faßt, ist verlegen
nicht vor ihr, aber von mir. Sie blickt mich nicht an, wie ich erwartet hätte,
mit spöttischer Mie-ne: Mein Herr was soll das? Und sie zieht auch ihren warmen
Arm nicht zurück, und da sie zudem schweigt, bleibt nicht andres übrig als die
Geste des fremden Herrn durchzuhalten. Aufrichtig ist dabei mein Bedauern,
nichts zu empfinden. Mehr noch: ich bin bestürzt. Und als der fremde Herr
end-lich seine Hand wegnimmt, da ich sie brauche, um meinen Whisky zu
ergreifen, bevor er warm ist, hat sie meine heim-liche Bestürzung schon
bemerkt, glaube ich, und mißverstan- den.
(G 57)
Es besteht eine Art von Spaltung des Ichs in einen Beobachter
und einen Akteur. Das Ich versucht sich von der vorgestellten
Situation zu trennen:
Ich drehte mich auf dem Absatz ich möchte nicht das Ich sein, das meine Geschichten erlebt, Geschichten, die ich mir vorstellen kann ich drehte mich auf dem Absatz, um mich zu trennen, so flink wie möglich, von dem fremden Herren. (G 60)
Später wird das Ich in der Gestalt von Enderlin der Liebhaber
der Frau, deren Mann er in der Bar treffen sollte. Ihr Mann
heißt Svoboda. Svoboda lernen wir später als Lilas ersten
Mann kennen. Diese Frau muß also Lila sein!
Durch Enderlin erlebt also das Ich die Situation und die Emp-
findungenen des Liebhabers.
Es wird weiter in der "Er-Form" erzählt. Enderlin geht mit ihr
zusammen in die Oper. Sie verbringen die Nacht zusammen in ihrer Wohnung. Vom
Bett aus spricht die Frau sogar mit ihrem Mann in London. Enderlin ist dabei
und hört dem Gespräch zu. Was ihn traurig macht, ist die Schlauheit der Frau,
an die er sich besser erinnern wird als an alles andere.
Enderlin taucht auch später als Liebhaber auf. Wenn Gantenbein Camilla die
Geschichte von dem Bäckermeister erzählt, ist Gan-tenbein die Hauptperson der
Geschichte. Der Betrüger hat einen Ruf nach Harvard, also muß er Enderlin sein.
Hier ist es sehr deutlich, daß es Gantenbein ist, der von Enderlin betrogen
wird. Jedenfalls ist es sicher, daß Gantenbein glaubt, von seiner Frau betrogen
zu werden. Camilla spricht den Namen dieses Herrn falsch aus, aber nicht
falscher, als daß wir Enderlin erkennen. Die Frau ist natürlich Lila.
"- aber Sie können sich vorstellen", fragt sie feilend, "daß er
es ist, dieser Herr Enderling oder wie er heißt?"
Ich nicke.
"Wieso gerade der?" fragt sie.
"Das frage ich mich auch" (G 105)
...
"- aber Sie sind sicher", fragt sie mit der Indiskretion der
Anteilnahme, "Sie sind sicher, daß Ihre Frau ein Verhältnis mit einem
andern hat?"
"Keineswegs". (G 106)
Ob Enderlin in Wirklichkeit Gantenbein betrügt oder nicht, wissen wir nicht.
Enderlin vertritt jedenfalls unter anderem die Rolle des Liebhabers.
Ein drittes Mal treffen wir Enderlin, wo sein Verhältnis zu einer Frau betont
wird. Das Erzähler-Ich beobachtet ihn, als er Parfum für eine Frau kauft. Er
kennt sogar das Parfum, das Enderlin kauft. Ja, das Erzähler-Ich paßt sogar
darauf, daß die Mappe ni-cht vergessen wird.
Wir haben noch einmal eine Spaltung der Erlebnisse in ein Handeln und ein
Beobachten, eine Art von Doppelperspektive.
Es besteht eine enge Beziehung zwischen dem Erzähler-Ich und Enderlin. Sie sind
zusammengewebt und überschneiden einander. Und vielleicht ahnen wir hier auch
eine Beziehung zwischen dem Erzäh-ler und Gantenbein. Erkennen wir hier Lilas
Parfum, Chanel 5 ?:
Enderlin vertreibt sich die Zeit, die auf Erden ihm gegeben ist, wieder
einmal mit Kaffee, später mit Cognac. Sein Ge-päck ist aufgegeben, und so bin
ich frei und ledig, abgesehen von seiner Mappe, die ich auf die Theke stelle;
ich sehe mich um: andere fliegen nach Lissabon, andere nach London, andere
kommen von Zürich, Lautsprecher dröhnen: This is our last call, aber nicht für
Enderlin. Ich be-
ruhige ihn, ich habe es genau gehört. Enderlin ist nervös, ich bin nur
gelangweilt, da man sich mit Enderlin nicht unterhalten kann. Ich achte darauf,
daß ich seine Mappe nicht vergesse. Enderlin kauft Parfum, um nicht mit leeren
Händen heimzukommen, Chanel 5, ich kenne das. (G 111)
Jedenfalls unterstützt diese Textstelle die Theorie, daß es sich in Mein Name
sei Gantenbein um ein erzählendes Ich handelt, das durch verschiedene Rollen
und Möglichkeiten sein Ich ausprobiert.
Wir alle verstummten - ich frage mich dann selbst, im stillen meine kalte Pfeife saugend, angesichts jeder wircklichen Geschichte, was ich eigentlich mache: - Entwürfe zu einem Ich!... (G 109)
Das Erzähler-Ich stellt sich noch deutlicher als Enderlin vor:
"Ich wäre Enderlin, dessen Mappe ich trage," ... (G 112)
Das Ich erinnert sich an die Situation in der Bar. In der Rolle als Enderlin erinnert er sich Geste für Geste, was damals pas-siert war. Das Ich möchte jetzt Enderlin sein, denn Enderlin steht am Anfang einer Beziehung zu einer Frau. Das Ich möchte für ein Jahr Enderlin sein, denn er sieht voraus, daß die Liebe eines Tages zu Ende sein wird.
Die Spaltung des Ichs wird im Wartesaal sehr auffallend. Der Flug hat einen
übertragenen Sinn. Er wird als eine Flucht bezeichnet. Es ist keine Flucht vor
der Vergangenheit, sondern vor der Zu-kunft. "Ich verstehe seine Flucht
vor der Zukunft." (G 115)
Es gibt zwei Möglichkeiten von Flug, das heißt Flucht, oder die andrere
Möglichkeit ist das Bleiben.
Ich kann mir beides vorstellen:
Enderlin fliegt.
Enderlin bleibt.
Langsam habe ich es satt, dieses Spiel, das ich nun kenne: handelen oder
unterlassen, und in jedem Fall, ich weiß, ist es nur ein Teil meines Lebens,
und den anderen Teil muß ich mir vorstellen; Handlung und Unterlassung sind
vertauschbar; manchmal handle ich bloß, weil die Unterlassung, genau so
möglich, auch nichts daran andert, daß die Zeit vergeht, daß ich älter werde...
Also Enderlin bleibt.
Ich nicht...
Wieso er und nicht ich?
Oder umgekehrt:
Wieso ich?
So oder so:
Einer wird fliegen -
Einer wird bleiben - (G 117)
Dieser Textabschnitt erzählt uns viel über die Funktion des Rol-lenspiels. Man
kann in vielen Situationen wählen, aber man hat nur eine Wahl. Die Wahl macht
die Geschichte eines Menschen. Man kann sich aber vorstellen, was geschehen
wäre, wenn man eine an-dere Wahl getroffen hätte. Dazu ist das Rollenspiel
nützlich. Durch die verschiedenen Rollen, Vorstellungen, kann eine Person die
anderen Möglichkeiten durchleben.
Es gibt in dieser Situation zwei Möglichkeiten. Das Ich stellt sich vor, daß es
selber fliegt. Enderlin wählt die andere Mög-lichkeit und fährt in einem Taxi
weg. Das Ich nimmt das Flugzeug. Während der Fahrt stellt das Ich sich die
andere Möglichkeit vor. Diese wird durch Enderlin sichtbar gemacht. Das Ich stellt
sich die Begegnung mit einer Frau vor. Es ist dieselbe Frau, mit der Enderlin
in die Oper ging, also Lila.
Das Ich stellt sich auch das Sterben der Liebe vor. Es fürchtet sowohl das Altern der Liebe als auch das Altern von sich selber. Wahrscheinlich ist es dies, was er unter Hölle versteht:
... genau so, ja, aber alles mit dem Wissen wie es weitergeht, ohne die
blinde Erwartung, ohne die Ungewissheit, die alles erträglich macht -
Es wäre die Hölle. (G 113)
Das Ich stellt sich auch vor, wie das Verhältnis in der Ehe in zehn Jahren ist.
Alles wiederholt sich, die Gefühle und Begierde sind weg. Die Gefühle sind
gestorben, und die Körper sind alt ge-worden. Dies ist die Zukunft wovor
Enderlin und das Ich flüchten:
Da ruht Ihr nun also, ein Paar mit liebestoten Körpern all-nächtlich im gemeinsamen Zimmer, ausgenommen die kurzen Reisen wie jetzt. (G 121)
Die Furcht vor dem Altern wird auch deutlich ausgesprochen:
Vergangenheit ist kein Geheimnis mehr, die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zu-kunft heißt Altern... (G 124)
Wenn das Flugzeug landet, wissen wir nicht, wer geflogen ist.Es könnte auch
Enderlin sein. Wenn Lila im Flughafen wartet, ist es jedenfalls Enderlin, der
geflogen ist:
Ich schaue:
wenn sie schwarzes Haar hat und wassergraue Augen, große Augen und Lippen voll,
aber so daß sie die oberen Zähne nie verdecken, und ein winziges Muttermal
hinter dem linken Ohr, dann bin ich's, der damals nicht geflogen ist. (G 124)
Die genaue Beschreibung dieser Frau zeigt, daß das Ich sie sehr gut kennt und
eine sehr intime Bekanntschaft mit dieser Frau ge-habt hat. Diese Bekanntschaft
oder vielleicht diese Ehe ist zu Ende. Durch Enderlin hat sich das Ich die
Situation der Liebhaber vorgestellt. In dieser Situation ist er wieder
Enderlin, der in der Liebe Glück hat.
"die Zukunft heißt Altern..." (G 124) denkt das Ich. Enderlin
vertritt nicht nur die glückliche Liebe, sondern auch die Angst vor Krankheit,
dem Altern und dem Tod.
Der Roman fängt mit dem Tod Enderlins an. Später wird seine Ge-schichte
erzählt. Das Ich stellt sich vor, daß Enderlin todkrank ist. Er hat ungefähr
nur ein Jahr zu leben.
Ich stelle mir vor:
Enderlin Felix, Dr. phil., im Alter von 41 Jahren, 11 Monaten und 17 Tagen und
mit Lebenserwartung 1 Jahr, ... (G 126)
Durch Enderlin erlebt also das Ich seine Angst vor Krankheit und Tod. Es gibt
mehrere Gleichheiten zwischen Enderlin und dem Er-zähler-Ich. Enderlins Arzt
heißt Burri, der Arzt, mit dem das Ich ebenfalls befreundet ist; und das Alter
ist dasselbe. Im Krankenbett denkt Enderlin über das Leben nach, das zu Ende
geht. Er denkt an alles, was er nicht erleben wird. Enderlin hat auch erotische
Phantasien. Er denkt an alle Frauen, die er jetzt nicht treffen wird:
Viele Frauen!
Er kann nicht in der Einzahl denken.
Alle Frauen!
Und er denkt an ihren Schoß nur, in ihren Schoß; er denkt an keine, die er
kennt, aber an alle, die er versäumt hat; Schöße; Münder und seine Zunge in
ihren Mündern; wenn ihre Geschichter einander zum Verwechseln gleichen; dazu
Wörter, die er nie ausgesprochen hat ... (G 135)
Das erotische Element ist bei Enderlin noch sehr stark, obwohl er todkrank
ist. Nicht mehr im Stande zu sein die Liebe zu ge-nießen, wird für Enderlin der
größte Verlust sein. Die Krankheit wird natürlich auch seine große
wissenschaftliche Karriere zer-stören.
Enderlin ist ein sehr erfolgreicher Wissenschaftler. Er hat einen Ruf nach
Harvard, sollte also an der Universität arbeiten. Enderlin hat aber kein
Interesse an Technik und Architektur. (Was das autobiographische Element
betrifft, besteht hier keine Iden-tität zwischen Max Frisch und Enderlin.
Enderlin könnte aber als eine nicht benutzte Möglichkeit betrachtet werden.)
Betreffend die Konstruktion: in der Fachsprache nennt sich das, glaube ich, Dreigelenkbogen...aber Enderlin hat kein Interesse dafür, sehe ich, Enderlin möchte fliegen. (G 111)
Enderlin ist also kein praktischer Mensch, sondern ein Theore-tiker, ein sehr
erfolgreicher aber. Jetzt bedroht die Krankheit sowohl die Liebe als die
Karriere. Gegen den Tod nützt dem Men-schen nichts.
Oder vielleicht ist die Krankheit eine Flucht. Enderlin hat die Vorlesungen gemacht. Er muß sie nur in seinen Koffer packen. Er kann es aber nicht, er zögert, weil er seine Rolle nicht spielen kann. Die Flucht vor der Realität in eine Krankheit wäre die ein-fachste Lösung:
Das ist's, was Enderlin spürt, was ihn erschreckt. Krank werden, um nicht nach Harvard fahren zu können, wäre das Einfachste. Enderlin kann keine Rolle spielen - (G 107)
Enderlin stirbt aber nicht. Er genest, muß sich aber schonen. Vielleicht ist
die Angst des Ichs vor dem Tod so groß, daß es Enderlin leben lassen muß.
Jedenfallls läßt das Ich Enderlin weiterleben. Zurück bleibt dennoch die Angst
vor dem Altern. Enderlin kann nichts dagegen tun, daß er älter wird. Das Ende
jedes Menschen ist der Tod. Enderlin vertritt also die Angst des Ichs nicht nur
vor dem Tode, aber auch die Angst vor dem Altern:
... die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zukunft heißt Altern... (G 124)
Und das Erzähler-Ich setzt später fort:
Ich werde älter -
Via appia antica. (G 124)
Enderlin ist nicht wie Gantenbein imstande, Rollen zu spielen.
Enderlin ist ein wissenschaftlicher Mensch, der keine Phantasie hat, Rollen zu
spielen.
Vielleich ist das der Grund dafür, daß das Ich ihn später aufgibt. Es gibt
sowohl lebendige als tote Menschen, die das Ich nicht aufgeben kann. Das ist
nicht, weil die Leuten das Ich nicht in Ruhe lassen, sondern weil das Ich diese
Leute in seiner Vorstellung verfolgt. Enderlin aber interessiert das Ich nicht
mehr:
Ich habe Enderlin aufgegeben. -
(Es gibt andere Leute, die ich nicht aufgeben kann, selbst wenn ich ihnen nur
selten begegne oder nie mehr. Ich will nicht sagen, sie verfolgen mich in
meiner Vorstellung, sondern ich verfolge sie, ich bleibe neugierig, wie sie
sich in dieser oder jener Lage verhalten möchten, dabei unsicher wie sie sich
wirklich verhalten.
...
Aber Enderlin kann ich aufgeben.) (G 145)
2.5.5 DIE ROLLE ALS SVOBODA
In der Rolle als Svoboda wird die pragmatische Seite des Ichs hervorgehoben.
Svoboda ist ein großer, breitschultriger Mann, der mit einem Bären verglichen
wird. Sowohl Lila als auch Enderlin werden Gegensätze zu ihm. Svoboda ist
wortkarg und er ist Pfei-fenraucher. Diese Gewohnheit Pfeife zu rauchen, ist
ein Element, das das Ich und die verschiedenen Rollencharaktere zusammenbinden.
... - ein baumlanger Böhme, breitschultrig, rundschultrig, etwas zu baumlang
für die grazile Lila, finde ich, selbst auf ihren höchsten Absätzen reicht sie
ihm gerade bis zur Schulter, und wenn sie barfuß ist, erscheinen sie als Paar
fast ungehörig, ein schwerer Mann, dabei unfett und keineswegs schwerfällig,
sportlich, ein Mann übrigens, den man sofort als blond bezeichnen würde, obwohl
er eigentlich eine vollkomme Glatze hat, die aber nicht als Haarausfall
erscheint, sondern zu seinem männlichen Gesicht gehört wie Kinn und Stirn, ein
guter Kopf, ein Kopf der auch einem Russen gehören könnte, ein harter Kopf, ein
Kugel-Kopf, ein eigentümlicher Kopf, aber er tritt ungern vor dem Spiegel, denn
er versteht nicht, was die Frauen an ihm finden, Svo-boda im Smoking ist
ergreifend, das weiß er, dabei ein gu-ter Tänzer, ein Mann, der meistens
schwitzt und nie friert, trinkfest, dabeid nicht laut, außer wenn er einen dreistündigen
Koller hat, sonst eher wortkarg, Pfeifenraucher, ru-hig und ein angenehmer
Lacher in Gesellschaft, brillenlos, sicherlich ein famoser Koch, Melancholiker,
ein Bär,
schwer, aber beweglich, linkisch nur aus dem Bedürfnis (insbesondere in
Gegenwart von Lila) seine Kraft nicht zeigen. (G 211)
Diese genaue Beschreibung von Svoboda zeigt uns einen Menschen, der sehr
verschieden von Gantenbein und Enderlin ist. Svobodas vorherschende Eigenschaft
ist seine Physik. Er ist groß und stark, eine schöne Gestalt. Svoboda kann gut
tanzen, er ist ein guter Koch und er lacht gern. Seine vorherrschenden
Eigenschaften sind physische und praktische. Ihm fehlen die Eigenschaften des
intellektuellen Menschen. Svoboda versteht auch selbst nicht welche Kraft und
liebenswerte Eigenschaften, er besitzt. Der Verstand ist also nicht besonders
groß. Ja, es wird sogar un-terstrichen, daß er keine Brille hat. Die Brille
wird oft als Sinnbild des Intellektuellen benutzt.
Statt der Kenntnisse Enderlins und der Gefühle und Phantasie Gantenbeins
besitzt Svoboda eine ungeheuere Lebenskraft.
Svoboda ist ein praktischer Mensch. Er besitzt eine Baufirma, einen
Großbetrieb, und wird als ein sehr aktiver Arbeitsleiter beschrieben. Enderlin
sieht eine seiner Baustellen, als sie ein-mal gemeinsam vorbeifahren.
Svoboda vertritt den betrogenen Ehemann. Er wird von Enderlin betrogen.
Enderlin betrügt ihn das erste Mal, während Svoboda in London ist. Svoboda
weiß, daß er betrogen wird, und er will Enderlin treffen und sprechen.
Das Erzähler-Ich stellt sich die Ehe zwischen Svoboda und Lila vor. Es stellt
sich viele alltägliche Situationen vor, z.B. wie Svoboda eine Flasche entkorkt.
Svoboda wird sogar mit dem Spitz-namen "Svob" von Lila angeredet.
Lila wirft ihm aber vor, daß er häßliche Fingernägel hat. (Vgl. Gantenbein, der
zur Maniküre geht!)
Als Svoboda erfährt, daß er von Enderlin während seines Londoner Aufenthalts
betrogen worden ist, wird er böse. Er zerknallt sein Whisky-Glas im Kamin. Lila
wirft ihm vor, daß er sie nur als Frau nimmt. Svoboda bestätigt, daß er das
tut:
"Ich nehme dich nur als Frau, sagt er, und sein Blick na-
gelt sie fest, so daß Lila erschrickt; seine Augen haben plötzlich den bösen
Blick, obschon er ganz ruhig ist: "Ich nehme dich nur als Frau",
wiederholt er ... (G 210)
Svoboda ist sehr auf den Körper fixiert. Enderlin sieht in Lila auch den
Menschen, und das Verhältnis zu Enderlin bietet ihr viel mehr.
Das Erzähler-Ich stellt sich mehrere Lösungen vor, nach dem Krach in der Ehe
zwischen Lila und Svoboda. Er kann großmütig sein und darauf hoffen, daß die
Zeit alles wieder in Ordnung bringt. Aber die Zeit ist ein Feind der Liebe:
Svoboda macht sich grosmütig. Er hofft auf die Macht der Zeit, die immer gegen die Liebe ist, also gegen uns. (G 213)
Svoboda meint damit, daß mit der Zeit auch Lilas Liebe zu Enderlin vergeht. Er
will geduldig darauf warten.
Svoboda kann auch etwas anderes tun. Er kann wegfahren, oder sich um andere
Sachen kümmern. Vielleicht passiert ihm ein Verkehrsunfall. Aber "Svoboda
will Enderlin sehen und sprechen!" (G 222) Hier liegt wieder eine Art von
Doppelperspektive vor. Ein anderes Ich taucht auf, weiß aber nicht, wie Svoboda
sich das vorstellt. Was das Ich aber weiß, ist daß Lila von dieser Begegnung
ge-sprochen hat. Dieses Ich hat also auch eine Beziehung zu Lila, hat aber
keine Vorstellungen von Svobodas Gedanken. Also muß es Endelin sein. Lila hat
ihm erzählt, daß Svoboda mit ihm sprechen will:
Ich weiß nicht, wie er sich das vorstellt, und als Lila es mich mitteilt,
streiche ich mit der Hand über meinen Mund.
...
Es wird nicht einmal peinlich sein, unser Treffen zu dritt, nur mühsam,
jedenfalls zwecklos. (G 222)
Man hat fast den Eindruck, daß der Erzähler hier spricht. Es ist aber Enderlin,
der diese Ansicht hat. Die Beziehung zwischen dem Erzähler-Ich und Enderlin
scheint hier sehr eng zu sein.
Das Erzähler-Ich beschäftigt sich aber weiter mit Svoboda. Svoboda interessiert
ihn sehr:
Svoboda beschäftigt mich noch immer.
(- weil ich ihm Unrecht getan habe. Mann kann einen Menschen nicht bloß in seiner
Beziehung zum anderen Geschlecht vorstellen, einen Mann nicht; die meiste Zeit
unseres Le-bens verbringen wir mit Arbeit.) (G 231)
Das Interesse für Svoboda ist viel größer als das Interesse für Enderlin. Das
Ich scheint sich mit dem betrogenen Ehemann tiefer zu indentifizieren als mit
dem Liebhaber. Vielleicht liegt darin eine Selbstanalyse. Der Erzähler möchte
gern herausfinden, welche Fehler und Taten eine Ehe zerstören können.
In der Gestalt von Enderlin trifft also das Erzähler-Ich Svoboda. Es kommt
nicht zum Krach, sie verhalten sich sachlich und ruhig zueinander, fast wie
zwei Freunde:
"Was trinkst du", fragt er, nicht ohne sich bedankt zu haben für
das Eis, das Lila gebracht hat, und für die Whisky-Gläser, die er am Vorabend
nicht in den Kamin geschmettert hat, "du mit deiner Leber?"
"Whisky."
"Siehst du", sagt er, "er findet es auch einen Quatsch, dieses
Gerede von der Raumbühne-"
Das also ist sie.
Ich erzähle von Jerusalem... (G 234)
Es wäre natürlicher, daß sie von Lila gesprochen hätten. Lila aber wird fast
übersehen. Svoboda dankt ihr auch nicht für die Gläser und das Eis. Die Herren
sprechen über alltägliche Sachen. Enderlin erzählt von Jerusalem.
Zu bemerken ist auch, daß Svoboda Enderlin duzt. Die normale An-rede wäre
selbstverständlich Sie gewesen. Das könnte die Bedeu-tung haben, daß es sich
hier um einen Erzähler handelt, der die verschiedenen Rollen probiert. Die
Rollen vertreten verschiedene Seiten des Ichs, und darin besteht die enge
Beziehung.
Nachher versetzt sich das Erzähler-Ich in die Situation Svobodas.
"Wenn ich Svoboda wäre:" (G 234). Es stellt sich vor, wie er ruhig
und kaltblütig die verschiedenen Gegenstände in der Wohnung zerschießen würde.
Seine Vorstellungen schließen damit, daß er nicht Svoboda ist. "Aber ich
bin nicht Svoboda." (G 236)
Das Ich kann dennoch Svoboda nicht loswerden. Später taucht die Frage wieder
auf: "Bin ich Svoboda?" (G 261)
2.5.6 GEMEINSAMKEITEN DER DREI ROLLEN
Die drei Rollen Gantenbein, Enderlin und Svoboda werden von einem und demselben Ich gespielt. Das Ich stellt sie sich vor, und der Übergang von dem Ich zu den verschiedenden Rollen ist oft glei-tend und oft fast unmerkbar. In der Form, daß heißt im Gebrauch des Personalpronomens Ich, steht Gantenbein dem Ich am nächsten, weil es vom Ich-Erzähler zum Gantenbein-Ich fast unmerkbar hin-übergleitet. Svoboda ist am fernsten, weil über ihn im hypothetischen Konjunktiv geprochen wird:
"Wenn ich Svoboda wäre:" (G 234)
Enderlin befindet sich in der Mitte. Aber der Übergang vom Erzäh-ler-Ich zu
Enderlin-Ich ist ebenfalls gleitend.
Diese drei Rollen haben also gemeinsam, daß sie an das Erzähler-Ich geknüpft
sind. Sie haben auch andere Gemeinsamkeiten, die die drei Rollen zu einer
Einheit machen.
Sie haben alle dasselbe Alter, zwischen 40 und 50 Jahre.
Das Pfeifen-Rauchen ist ein gemeinsamer Zug. ( Sogar mit Max
Frisch. Man sieht fast kein Bild von ihm ohne Pfeife.)
Das Pfeifen-Rauchen hat manchmal eine sinnbildliche Funktion. Wie die Pfeife
geraucht wird, gibt oft einen Hinweis auf die gefühls-mäßige Situation. Feuer
oder Mangel an Feuer kann auf Leidenschaft oder Mangel an Leidenschaft deuten.
Burri ist ein gemeinsamer Freund und Arzt. Er spielt mit Ganten-bein Schach und
ist der Arzt, der Enderlin im Krankenhaus behan-delt.
Ihnen allen ist die Liebe zu Lila gemeinsam. Sie erleben jedoch verschiedene
Seiten der Liebe. Gantenbein erlebt den Schmerz der Eifersucht. Enderlin ist
der begünstigte Liebhaber und Svoboda ist der Betrogene. In einem Verhältnis
oder einer Ehe können alle diese Gefühle von einer Person erlebt werden. In
Mein Name sei Gantenbein werden die verschiedenen Gefühle voneinander getrennt
und erscheinen dann stärker.
Die Du-Form zwischen Svoboda und Enderlin zeigt eine Art von
Identität oder Nähe, sonst würden sie sich mit Sie ansprechen.
2.5.7 DAS ROLLENSPIEL - ZUSAMMENFASSUNG
Der Mensch sieht oft eine Sache einseitig. Ein Erzähler-Ich ver-tritt oft
die subjektiven Ansichten und Erlebnisse. Dieses Ich hat versucht, ein
Dreiecks-Verhältnis von mehreren Seiten aus zu besichtigen. Durch die drei
Rollen versucht das Ich, verschiedene Seiten der Liebe und der Ehe zu
beleuchten. Gantenbein vertritt den eifersüchtigen Gatten. Sein Vorteil ist,
daß er Rollen spie-len kann. Das macht ihn besonders spannend und bunt.
Enderlin ist der Liebhaber. Er ist sehr erfolgreich, was wissen-schaftliche
Dinge betrifft. Enderlin kann leider keine Rollen spielen. Er ist sachlich,
etwas unsicher und fürchtet die Krank-heit und das Altern.
Durch Svoboda erlebt das Ich die Situation und die Gefühle des betrogenen Ehemanns.
Enderlin interessiert das Ich weniger als die zwei anderen Rol-len. Svoboda
beschäftigt das Ich viel mehr. Vielleicht fühlt es eine gewisse Gemeinschaft
mit Svoboda.
Am besten gefällt dem Ich die Rolle als Gantenbein. Das Ich spielt Rollen, und
die Rolle als Rollenspieler gibt die meisten Möglichkeiten.
Das Ich könnte sich noch eine Rolle denken. Siebenhagen wird ganz kurz erwähnt,
und das Ich fragt sich ein wenig erschöpft:
"(Muß ich auch Siebenhagen noch erfinden?)" (G 280)
Es gibt noch Seiten des Ichs, die noch nicht enthüllt worden sind.
2.6 ROLLE UND WIRKLICHKEIT
Mein Name sei Gantenbein ist also ein Roman über den Menschen als
Rollenträger. Das Rollenspiel ist nicht die Wirklichkeit. Hinter dem Spiel
steckt die eigentliche Geschichte. Das Erzähler-Ich der Geschichte taucht
meistens auf als Träger der verschiedenen Rollen. Mit den Worten: "Ich
stelle mir vor:" wechselt es die gedachten Situationen und Rollen aus.
Die eigentliche Geschichte, oder das Ich als Vermittler der eige-nen
Geschichte, erscheint nur an wenigen Stellen.
Ganz am Anfang taucht die Wirklichkeit auf:
Ich sitze in einer Wohnung: - meiner Wohnung... Lang kann's nicht her sein, seit hier gelebt worden ist; ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche, Inselchen von Schimmel auf dem samroten Wein, ferner Reste von Brot, aber ziegelhart. ... (G 17)
Es folgt eine genaue Beschreibung einer Wohnung, die viele Spuren des
Zusammenlebens mit einer Frau trägt. Es ist dem Ich kalt so-wohl im
übertragenen als auch im physischen Sinn. Sogar die Pfei-fe ist feuerlos!
"Ich werde mir neue Kleider kaufen," denkt das Ich. (G 19) Damit
meint er, daß er sich ein neues Leben schaffen muß. Diese leere Situation ist
der Ausgangspunkt für das Spiel mit dem eignen Ich, besonders für die Rolle als
Gantenbein.
Ein anderes Leben -?
Ich stelle mir vor:
Ein Mann hat einen Unfall, beispielweise Verkehrsunfall, Schnittwunden im
Gesicht, es besteht keine Lebensgefahr, nur die Gefahr, daß er sein Augenlicht
verliert.
...
Eines Morgens wird der Verband gelöst, und er sieht, daß er sieht, aber
schweigt; er sagt es nicht, daß er sieht, nie-mand und nie.
Ich stelle mir vor: (G 20)
Jetzt fangen also die vielen Vorstellungen an. Das Ich verläßt die
Wirklichkeit, um sich die vielen Möglichkeiten zu verschie-denen Geschichten
vorzustellen. "Ich probiere Geschichten an wie Kleider !" (G 20)
Die Vorstellungen haben also den Zweck, daß die persönlichen Pro-bleme dadurch
verarbeitet werden. Durch die verschiedenen Rollen versucht das Ich die vielen
Seiten des Zusammenlebens mit einer Frau und das Scheitern der Ehe zu
beleuchten. Der Erzähler sucht eine Erklärung für den Verlust von Liebe und
Ehe.
Dieser Zustand, den er erlebt hat, wird mit einem Sturz durch einen Spiegel
verglichen. Die Welt ist zerbrochen, wie ein Spie-gel. Er hofft, daß die Welt
sich wieder zusammen setzt, so daß alles weitergeht. Er versucht das Geschehene
zu vergessen:
Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel, mehr weiß einer nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen. (G 17)
Durch das Rollenspiel ist es möglich, nicht nur Probleme zu verarbeiten,
sondern sie auch zu verleugnen und zu vergessen. Das Rollenspiel scheint als
das am besten geeignete Mittel, die Pro-bleme des Ichs für den Augenblick zu
lösen.
Das Spiel mit dem eigenen Ich hat gewisse Einsichten gegeben, hat aber nicht
die Probleme beseitigen können. Das Rollenspiel kann auch als eine Flucht
gesehen werden, eine Flucht in die Welt der Phantasie. Das Ich hat zwar einen
Sturz durch den Spiegel er-lebt, die Welt aber setzt sich nie wieder zusammen.
Das Erwachen (als wäre alles nicht geschehen!) erweist sich als Trug; es ist
immer etwas geschehen, aber anders. Eines Tages werde ich verhört werden. (G
282)
Man kann den Realitäten nicht entfliehen, und eines Tages muß man über seine
Taten Rechenschaft geben. Das Ich wird von jemandem gefragt, welcher von den
Herren er sei. Auf diese Frage antwortet das Ich, daß es keinen Gantenbein
gibt, auch keine Camilla. In diesem Zusammenhang wird die Sie-Form benutzt.
Hier dreht es sich nicht um verschiedene Seiten eines Ichs, sonern um eine
Person, die eine andere zu Rechenschaft zieht.
Das Verhör setzt sich fort:
"Schon", sagt er, "aber was ist wirklich geschehen in dieser
Zeit und an den Orten, wo Sie gewesen sind?"
Ich schließe die Augen.
"Warum antworten Sie nicht?"
Ich schweige.
"Sie vergessen, mein Lieber, daß es Zeugen gibt."
Darauf öffnet er die Tür, ich höre es, und als ich das Tick-Tack spitzer
Absätze höre, öffne ich nochmals meine Augen, um zu sehen, was da gespielt wird
-
Ich sehe:
Reste von Burgunder in einer Flasche, ich kenne das, Inselchen von Schimmel auf
rotem Wein, ferner Reste von Brot ziegelhart, ... (G 283)
Das Ich will sehen, was vorgespielt wird. Ihm begegnet die Wirk-lichkeit. Der Erzähler hat die Rolle des Blinden gespielt, jetzt versteht er, daß er in übertragenem Sinne blind gewesen ist. Er zweifelt aber noch, will vielleicht die Wirklichkeit akzeptieren:
Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal. Dann wieder zweifele ich, ob die Geschichten, die ich mir vorstellen kann, nicht doch mein Leben sind. Ich glaub's nicht. Ich kann nicht glauben, daß das, was ich sehe, schon der Lauf der Welt ist. (G 283)
Nachher folgt eine letzte Geschichte für Camilla (obwohl sie
schon gestorben ist). Sie handelt von einer Leiche, die es fast schafft:
"Abzuschwimmmen ohne Geschichte." (G 288)
Das ist ein Sinnbild für den Versuch des Ichs, vor den Realitäten zu flüchten.
Im letzten Abschnitt des Romans werden die Worte "Alles ist wie nicht
geschehen..." wiederholt. Die letzten Worte des Erzählers sind "Leben
gefällt mir -" Die Schlußworte passen nicht zu den traurigen Realitäten
des Romans. Sie passen aber sehr gut zu dem, dem das Rollenspiel besser gefällt
als das wirkliche Leben. Vielleicht spielt das Ich wieder eine Rolle, die des
glücklichen Menschen.
2.7 ZUR ICH-PROBLEMATIK IN MEIN NAME SEI GANTENBEIN
...
Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das
menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.) (G 62)
Dennoch wählt Max Frisch die Ich-Form in seinen wichtigsten Ro-manen. Seine
Ich-Dichtung macht eine Entwicklung durch.
In Stiller geht es um ein Ich, das seine Identität verneint. Siller will sich
selbst nicht annehmen, muß aber am Ende ein-sehen, daß die Selbstannahme eine
Notwendigkeit für die eigne Identität ist, wie auch für die Fähigkeit der Liebe
zu anderen Menschen:
..."man solle seinen Nächsten lieben, wie sich selbst,"...
(S 323)
Sein eigenes Ich anzunehmen, ist eine Voraussetzung dafür.
Homo faber ist ein Roman, der die Geschichte eines schuldhaften Ichs
erzählt.
Walter Faber repräsentiert das Ich, das etwas Wesentliches ver-loren hat, weil
er das Leben meistens als eine Rechenaufgabe ge-sehen hat. Zurück bleibt das
technisch-orientierte Ich, dem die menschlichen Qualitäten fehlen.
Es ist eine lange Entwicklung der Ich-Problematik von Stillers mißglücktem
Versuch, sich eine neue Identität zu verschaffen, bis zu Mein Name sei
Gantenbein mit den vielen Ich-Möglichkeiten.
Stillers Versuch, sich eine neue Identität zu schaffen, scheitert. Gantenbein
dagegen wechselt seine Geschichten, sein Ich, "wie Kleider", ohne daß
er sich von der Notwendigkeit, ein Ich zu besitzen, befreien kann.
Man kann sich aber nicht immer auf ein erzählendes Ich verlassen, weil ein Ich
subjektiv ist und deshalb die Situationen aus seinem eigenen Gesichtspunkt
betrachtet.
Das "Ich" in Mein Name sei Gantenbein ist nicht dieselbe Person durch
den Roman hindurch. Wir haben mit einem Ich-Erzähler zu tun. Das Erzähler-Ich
spielt Rollen als Gantenbein und Enderlin. Sowohl Gantenbein als auch Enderlin
bezeichnen sich mit einem Ich, doch kann der Ich-Gebrauch auf das eine Erzähler-Ich
zurück-geführt werden.
Das Spiel mit dem eigenen Ich wird durch Erfahrungen, die ein Mensch macht,
motiviert.
Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu - man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stelle ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung... (G 11)
Das Ich sucht also die Geschichten seiner Erfahrungen. "Ich pro-biere
Geschichten an wie Kleider!" (G 20)
"Ich stelle mir vor:" leitet immer neue Geschichten ein.
Charakteristisch für den Roman ist das Spiel mit dem eigenen Ich. Der Mensch
hat die Möglichkeit, sein Ich und seine Geschichte zu wählen. In jeder
Wahlsituation hat man nur eine Wahl. Diese Wahl macht die Geschichte, alles
andere kann man sich vorstellen. Dazu ist das Rollenspiel nützlich.
Aber was der Mensch für seine Geschichte hält, ist nur eine von vielen
möglichen Geschichten.
Eine Geschichte zu haben ist notwendig für das Ich, und die Ge-schichte, die
man sich wählt, wird das Leben:
"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält," ... (G 45)
Das Spiel mit dem eigenen Ich kann gefährlich sein. Durch den Ich-Wechsel
ist es möglich, sein Ich zu verlieren. Deshalb klammern sich die Menschen an
ihr Ich. Die meisten Menschen können nur eine Rolle spielen, die sie auch nicht
zu tauschen wünschen.
Es wird von einem Milchmann erzählt, der plötzlich eines Tages die Blumentöpfe
vom Balkon hinunterwarf. Er hatte sein Ich verbraucht, und ein anderes fiel ihm
nicht ein. Dieser früher so friedliche Milchmann wurde im Irrenhaus
eingesperrt. Also der Mensch klammert sich an sein Ich, um nicht verrückt zu
werden.
Ein interessantes Detail ist, daß dieser Milchmann auch eine Pfeife raucht. Das
Erzähler-Ich hat auch sehr genaue Kenntnisse von vielen Details, z.B. welche
Blumen und wieviele Blumen da waren, als hätte er es selbst getan.
... " sein Ich hatte sich verbraucht, das kann's geben, und ein anderes fiel ihm nicht ein. Es war entsetzlich." (G 46)
Eine andere Geschichte zeigt, wie der Mensch sein altes Ich ver-teidigt.
Ein Pechvogel hat einmal eine große Geldsumme in einer Lotterie gewonnen.
Dieses Glück war für den Pechvogel ein Unglück, denn es bedrohte sein
unglückliches Ich. Das Ich paßte nicht mehr zu ihm. Man mußte ihn sogar
trösten. Glücklicherweise verlor er seine Brieftasche mit dem Geld. Das war ihm
lieber, sonst wären sein Ich und seine Geschichte bedroht worden.
... Und ich glaube, es war ihm lieber so", sage ich, "andernfalls hätte er sich ein anderes Ich erfinden müssen, der Gute, er konnte sich nicht mehr als Pechvogel sehen. Ein anderes Ich, das ist kostspieliger als der Verlust ein-er Vollen Brieftasche, versteht sich, er müßte die ganze Geschichte seines Lebens aufgeben, alle Vorkommnisse noch einmal erleben, und zwar anders, da sie nicht mehr zu sei-nem Ich passen - " (G 47)
Dieser Ausschnitt zeigt uns den Zusammenhang zwischen der Ge-schichte und
dem Ich. Er unterstreicht auch, wie der Mensch sein Ich verteidigt und zu
bewahren sucht. Viele Menschen träumen von Geld und Reichtum. Das Ich aber ist
nicht für Geld verkaufbar, denn ohne das Ich geht die ganze Lebensgeschichte in
die Brüche.
Das Erzähler-Ich in Mein Name sei Gantenbein hat sein Ich nicht verloren. Es
spielt aber mit der Möglichkeit, das Ich zu wechseln. Der Erzähler probiert
sich die verschiedene Rollen an und versetzt sich in verschiedene Situationen
und Rollen. Dadurch bekommt er Einsicht und gewinnt Kenntnisse über sein
eigenes Ich und dessen Möglichkeiten:
Wir alle verstummten - ich frage mich dann selbst, im stillen meine kalte Pfeife saugend, angesichts jeder wircklichen Geschichte, was ich eigentlich mache: - Entwürfe zu einem Ich!... (G 109)
Enderlin, Gantenbein und Svoboda sind also Entwürfe d.h. Mög-lichkeiten, Skizzen,
zu verschiedenen Ichs. Eine Camilla gibt es in der Roman-Wirklichkeit auch
nicht. Besonders ist die Rolle als Gantenbein so lebendig und bunt beschrieben,
daß man den Erzäh-ler fast vergißt und Gantenbein als Vermittler der Geschichte
be-trachtet.
2.8 DAS BLINDSEIN
Gantenbein lebt als Schauspieler. Er ist sogar ein sehr erfolgreicher
Blindenspieler, denn er spielt seine Rolle so überzeu-gend, daß niemand sein
Spiel durchschaut. Es ist ein wenig ko-misch, das der tüchtigste Schauspieler
auf der Zuschauerbank sitzt.
Gantenbein spielt also Zuhörer im Theater, ist aber Zuschauer wie die anderen.
Als gespielter Blinder ist er auch Zuschauer des Le-bens, weil er mehr sehen
darf als andere Sehende. Weil er "blind" ist, muß man sich in seiner
Nähe nicht so sehr in acht nehmen. Die Leute und die Umgebung treten
ungeschminkt auf.
Das ganze Leben stellt sich echt und unverkleidet dar:
Aber die Vorteile, sage ich mir dann, die Vorteile, du darfst die Vorteile deiner Rolle nie vergessen, die Vorteile im großen wie im kleinen; man kann einen Blinden nicht hinters Licht führen... (G 91)
Als Blinder hat Gantenbein mehrere Vorteile. Es wird nicht viel von einem
Blinden verlangt. Er muß nicht arbeiten, und alles, was ein Blinder schafft,
wird gelobt. Wenn er Lila in der Küche oder bei Aufräumen hilft, macht das
großes Aufsehen, daß ein Blinder so behilflich sein kann. Gantenbein kann sogar
die Aschenbecher für ihre Gäste leeren. Das zeigt, daß Gantenbein die
Blindenrolle sehr gut schafft und sie bestmöglich ausnützt. Die erfolgreiche
Schauspielerin mit dem blinden Gatten ist eine sehr gute Ge-schichte und macht
das Verhältnis noch romantischer.
Ein Blinder braucht aber viel Hilfe, und man sorgt gut für ihn. Er darf auch
Fehler machen, ohne das man ihm Vorwürfe macht:
"Man kann's einem Blinden nicht verargen." (G 31)
Gantenbein sieht aber, was er will, und kann blind sein, wenn ihm das am besten
gefällt.
Die Blindenrolle schafft ihm auch ab und zu Probleme. Er muß gut aufpassen, daß
er nicht als Sehender auftritt und aus der Rolle fällt. Manchmal macht er auch
einen kleinen Fehler, aber glück-licherweise merkt man es nicht. Sein Geheimnis
wird nicht ent-hüllt, weil er sich seiner Rolle sehr bewußt ist.
Manchmal sieht Gantenbein, was die anderen nicht sehen. Zum Beispiel wenn Lila
etwas sucht, und Gantenbein es schon gesehen hat. Dann muß er ihr helfen, ohne
daß er ihr zeigt, daß er sehen kann. Es glingt ihm, sowohl Lila zu helfen als
auch seine Rolle zu wahren.
Auf der Bühne der Gesellschaft wird ihm alles ungeschminkt vor-gespielt. Lila
tritt auch ungeschminkt vor ihn sowohl im Um-kleidezimmer als auch in dem
alltäglichen Leben. Vieles, was er sieht, macht ihn unruhig und zerstört den
Frieden seiner Seele. Er sieht den Helfer Lilas am Flughafen und die Briefe,
die Lila von ihrem Liebhaber bekommt.
Oder ist es nur eine falsche Vorstellung, daß Lila ihn betrügt?
Durch seine Blindenbrille sieht er alles lila, in derselben Farbe wie dem Namen
seiner Frau. Gantenbein nimmt die Blindenrolle an, weil er eifersüchtig ist.
Das einfarbige Sehen ist ein Sinnbild seiner Eifersucht. Die Farbe lila deutet
auf seine Lila hin. Die Eifersucht betrifft sie.
Wie sie aber die Wahrheit über das Blindenspiel eines Tages ken-nenlernt, wird
die Ehe zerstört werden.
In dieser Hinsicht ist Gantenbein wirklich blind. Was er nicht einsieht, ist,
daß seine Eifersucht am Ende die glückliche Ehe zerstört.
Als das heimliche, eifersüchtige Zuschauen enthüllt wird, fühlt sich Lila
betrogen und verläßt ihn:
Das also ist das Ende. Wieso eigentlich?
Vergeblich bitte ich um Verzeihung dafür, daß ich manches gesehen habe.
All diese Jahre! sagt sie, du hast mich nie gliebt, nie,
jetzt weiß ich's und jetzt will ich, daß du gehst, daß du gehst!, rauchend,
dann schreiend: daß du gehst! (G 282)
2.9 LILA
Lila ist Schauspielerin von Beruf. Sie ist also eine professio-nelle Rollenträgerin. Als Schauspielerin ist sie sehr erfolgreich. Wir hören aber nichts davon, welche Rollen sie spielt, oder in welchen Stücken sie mitmacht.
"Heute kommt Lila von Gastspielen zurück." (G 99)
Das scheint merkwürdig, daß so wenig über ihren Beruf erzählt wird. Aber
Lilas Beruf ist für das Geschehen nicht interessant. Wichtig ist, daß betont
wird, daß Lila eine sehr erfolgreiche Schauspielerin ist. Das unterstreicht das
Glück Gantenbeins, daß ein Blinder eine bekannte Schauspielerin geheiratet hat.
Ihr Ruhm schafft ihr viele Bewunderer, und die vielen Bewunderer geben
Gantenbein den Grund eifersüchtig zu sein.
Lila ist auch als Person nicht sehr farbig geschildert. Sie macht einige
praktische Dinge im Haus. Sie ist aber nicht be-sonders praktisch, und ihr wird
mehr von Gantenbein geholfen, als sie selbst versteht. Seine Prästation um so
schwieriger, muß ge-gen sie ankommen.
Da Lila wirklich nicht will, daß Gantenbein, ihr Blinder, das Geschirr wäscht, nur weil es sich nicht selber wäscht, ja, es trägt sich nicht einmal selber in die Küche, und da Lila jedesmal, wenn in der Küche blitzblank ist wie in einem Küchenfachgeschäft, traurig wird wie über einen heimlichen Vorwurf, ist Gantenbein dazu übergegangen, nie wieder die ganze Küche zu putzen. (G 98)
Die darin liegende Ironie, daß das Geschirr sich nicht selber in die Küche
bringt und wäscht, zeigt die fehlende Fähigkeit Lilas, die Hausarbeit zu
machen.
Ab und zu haben Lila und Gantenbein eine Party, und die Geschichte von Lila
und Gantenbein wird erzählt. Sonst treffen wir Lila im Theater, am Flughafen
oder wie sie die Post durchsieht. Immer wird sie von außen geschildert, und
immer als eine rei-zende, schöne und liebevolle Frau. Sie ist der schöne
Gegenstand, der einen Kreis von Bewundern um sich herum hat.
Zwar versucht das Ich, Lilas Beruf zu wechseln. Das sind aber nur
Vorstellungen, die es kurz nachher verläßt. Lila bleibt Schauspielerin.
Es wird auch nie vom Erzähler gesagt, daß es keine Lila gibt. Gantenbein und
Camilla sind Vorstellungen, Lila hat ein reales Verhältnis zum Erzähler, zum
Ich.
Lila als Person hat wenig Interesse, aber ohne Lila kein Roman. Sie ist das
Zentrum der Gefühle der verschiedenen Charaktere des Romans. Gantenbein, Enderlin,
Svoboda und vielleicht das Erzäh-ler-Ich haben ein Verhältnis zu Lila. Der
Roman handelt nicht von Lila im besonderen, sondern von den Gefühlen der
verschiedenen Personen zu Lila. Deshalb wird Lila mit sparsamen Mitteln dar-
gestellt. Was interessiert, sind die verschiedenen Beziehungen zu Lila, die des
Ehemanns und die des Liebhabers. Es handelt sich um ein Dreiecks-Verhältnis, in
dem Lila das Zentrum ist. Aber was das Ich interessiert, ist über seine eigenen
Gefühle klar zu werden und sie zu verstehen. Deshalb würde eine genauere
Schil-derung von Lila den Schwerpunkt des Romans verschieben.
Nicht Lila als Person ist das Interessanteste, sondern die Ge-fühle und Taten
des Ichs dieser Person gegenüber. Durch das Rollenspiel werden die
verschiedenen Seiten eines Dreiecks-Verhältnisses beleuchtet.
2.10 CAMILLA
Camilla ist eine Prostituierte, die viele Männer hat. Sie ist der Gegensatz
von Lila. Daß Camillas Geschäft nicht ganz legal ist, zeigt sich darin, daß die
Polizei in ihrer Wohnung auftaucht. Am Ende wird sie sogar ermordet. Damit wird
unterstrichen, daß sie möglicherweise kriminelle Elemente kennt und mit ihnen
gewisse Verbindungen hat.
Nur eine menschliche Beziehung ist anders als die anderen, näm-lich jene, die
sie zu Gantenbein hat. Gantenbein kommt nicht, um die Hure Camilla zu besuchen,
er kommt um die Person Camilla zu sprechen. Sein Vorwand ist, daß er wegen
Maniküre kommt. Er ist der einzige Kunde, der Maniküre bekommt. Also hat er
vielleicht einen anderen Grund für seine Besuche. Aber für Camilla sind seine
Besuche sehr wichtig, denn sie schaffen ihr ein Alibi für ihre Tätigkeit. Wenn
die Polizei erscheint, um zu untersuchen, und sie bei ihren illegalen
Geschäften zu erwischen, gibt ihr die Maniküre das notwendige Alibi.
Gantenbein weiß von ihrer Beschäftigung, aber es wird nie davon gesprochen.
Vielleicht hat auch Camilla Gantenbeins Spiel durch-schaut. Es besteht
jedenfalls eine Art von "gentlemen's agreement" zwischen den beiden.
Sie sprechen nie von den Schwächen, die die andere Person hat.
Für Gantenbein gilt Camilla als Manikürin. Es kann ein wenig ko-misch sein, daß
ein Herr sich so sehr über seine Fingernägel kümmert. (vgl. Svoboda. Lila wirft
ihm seine schlechten Fingernägel vor.)
Für Gantenbein kann die Maniküre von Camilla eine sinnbildliche Bedeutung
haben. Man spricht im übertragenen Sinne von reinen Händen und davon, seine
Hände zu waschen. Das hat die Bedeutung, daß man seine Unschuld daran zeigt.
Diese Maniküre von Camilla kann deshalb eine Art von Reinigung von einem Schulgefühl
bedeu-ten. Camillas physisches Verhältnis zu Gantenbein ist kein
ge-schlechtliches, sondern sie hat eine metaphysische, fast pla-tonische
Beziehung zu Gantenbein.
Camillas Rolle ist die der Zuhörerin. Gantenbein erzählt ihr viele Geschichten. Camilla liebt wahre Geschichten:
Camilla Huber ist unbezahlbar: sie glaubt an wahre Geschichten, sie ist wild auf wahre Geschichten, es fesselt sie alles, vowon sie glaubt, daß es geschehen sei, und sei's noch so banglos, was ich während der Manicüre erzähle: - aber geschehen muß es sein...Natürlich komme ich nie, ohne mich anzumelden, und dann mit höflicher Verspätung, ausgestattet mit dem schwarzen Stöcklein und der gelben Armbinde, die Blindenbrille im Geschicht; ich treffe Camilla Huber nie im Neglige; sie läßt mich im Korridor warten, bis sie sich gekammt hat und angekleidet, bis das Zimmer in Ordnung gebracht ist. Sie will von ihrem Leben nicht mehr sehen als ich. (G 103)
Die Geschichten erzählen vom Leben, und sind nicht erfunden. Durch die
Geschichten wird vieles aus dem Leben Gantebeins enthüllt. Camilla hört zu,
stellt Fragen und gibt ihre Urteile über verschiedene Sachen ab.
Camilla kann wie Gantenbein, Rollen spielen. Sie spielt ihre Rolle als
Manikürin sehr überzeugend. Ihr gelingt es, die Polzei hinter's Licht zu
führen.
Camilla ist die einzige Person, mit der Gantenbein über seine Gefühle sprechen
kann. Sie ist eine Prostituierte und hat keine gefühlsmaßige Beziehung zu
Männern. Sie ist neutral, und kann sachlich über Gefühle sprechen. Mit Lila
kann Gantenbein dies nicht tun, weil er daran beteiligt ist. Camilla ist aber
die perfekte Zuhörerin und Unterhaltungs-Partnerin für einen eifer-süchtigen
Mann.
Camillas Funktion in Mein Name sei Gantenbein ist die der Psycho-login, zu der
der Patient Gantenbein geht, um seine Seele zu rei-nigen und sein schlechtes
Gewissen zu erleichtern.
Als Camilla eines Tages einem Zahnarzt begegnet, den sie heiraten will, kann
sie ihr Geschäft nicht fortsetzen. Kurz nach diesem Beschluß wird sie ermordet.
Den Mord könnte man sinnbildlich be-trachten. Camillas Rolle ist die der Hure,
und wenn sie nicht mehr Hure ist, hat sie keine Funktion mehr. Sie hat ihre
Rolle ausgespielt.
2.11 ZUM THEMA IN MEIN NAME SEI GANTEN- BEIN
Der charakteristischste Zug in Mein Name sei Gantenbein ist das Rollenspiel.
Das Rollenspiel ist meiner Meinung nach nicht das Thema, sondern ein Mittel,
wodurch gewisse Seiten des Ichs er-läutert werden.
Die Todesangst und die Angst vor dem Altern könnte man als Neben-Themen
ansehen. Diese "Themen" sind vielleicht mehr als Motive zu
betrachten.
Hinter den drei Hauptrollen steckt die Geschichte eines Men-
schen, der von einer Frau verlassen worden ist. Das Verlassensein könnte ein
Thema sein. Aber im Roman wird mit den Gründen für das Verlassenwerden
gearbeitet und nachgedacht. Das Thema muß mit den Hintergründen für das
Verlassensein zu tun haben. Welche Gründe haben also zum Scheitern dieser Ehe
geführt?
Eg gibt einen Grund, der mehrmals durch den ganzen Roman hindurch auftaucht.
Das ist das Problem der Eifersucht. Ich werde im fol-genden versuchen, Beweise
dafür zu finden, daß das Thema in Mein Name sei Gantenbein die Eifersucht ist.
Die Angst, hinter das Licht geführt zu werden, ist ein Hauptproblem des Ichs in
der Rolle als Gantenbein. Das heißt, das Ich hat Angst davor, betrogen zu
werden.
Das Ich nimmt die Rolle des Blinden an, damit er alles besser beobachten kann.
Als Blinder kann er also nicht hinter das Licht geführt werden. Es wird ihm
erlaubt, alles zu sehen, denn niemand muß sich vor den Augen eines Blinden
hüten.
Wie Lila eine erfolgreiche Schauspielerin ist und viele Bewun-
derer, viele Blumen und Briefe bekommt, wächst die Eifersucht Gantenbeins.
Durch das Blindenspiel kann Gantenbein seine miß-trauische Natur befriedigen,
aber er kann nicht die Verdachtsgefühle loswerden. Er findet keine sicheren
Beweise dafür, daß Lila ihn betrügt, dennoch wird er seinen Verdacht nicht los.
Seine Gedanken kreisen immer darum, ob Lila ihn mit jemandem betrügt.
Gantenbein ist sich einigermaßen bewußt, daß er eifersüchtig ist, denn er
denkt:
"Hoffentlich werde ich nie eifersüchtig!" (G 100)
Gantenbein will seine Eifersucht nicht zugeben. So spricht nur ein Mensch, der
selbst diese Eigenschaft besitzt. Das ist ein psychologischer Mechanismus,
seine eigenen schlechten Eigenschaften auf andere Leute zu projizieren.
Gerade nach dieser Aussage erzählt Burri Gantenbein beim Schach-spiel von einem
seiner Patienten, einem Bäckermeister, der den Liebhaber seiner Frau in die
Lende schoß und ihr mit dem Taschen-messer das Gesicht zerschnitt. Nachher
brachte sie der Bäckermeister selbst zum Krankenhaus.
Der Bäcker ist nie ein gewalttätiger Mensch gewesen.
Diese wahre Geschichte beschäftigt Gantenbein sehr. Er muß diesen Bäckermeister
sehen, und geht mehrmals in seinen Laden, um Brot zu kaufen. Gantenbein
identifiziert sich mit dem Bäcker, denn später erzählt er Camilla Huber diese
Geschichte. Gantenbein ist dann selbst der Bäcker, der den Liebhaber in die
Lende schießen wollte. Er tat es aber nicht, sondern sie haben zusammen Campari
getrunken und über Mythologie gesprochen. Der Liebhaber hat Charakterzüge, die
an Enderlin erinnern, und Camilla nennt ihn auch "Enderling". (G 105)
Mehrere Geschichten handeln von eifersüchtigen Leuten.
Eine deutliche Parallele zu Gantenbein und Lila ist die Gesch-ichte von Ali,
der eine blinde Frau heiratete. Diese Geschichte wird auch Camilla erzählt. Die
Frau, Alil, wird von ihrer Blind-heit geheilt. Später wird aber Ali blind. Er
ist sehr eifersüchtig, und weil er nichts sieht, glaubt er, daß seine Frau ihn
be-trügt. Er will sich für die eingebildete Untreue rächen, und geht zu anderen
Frauen. Er schlägt und schimpft seine Frau. Ali wird später von dem Wunderarzt
heimlich geheilt. Er sagt es aber nie-mand, denn er will seine Frau beobachten.
Ali sieht auch, wie sie weint und wie sie sich in sein Zelt hineinschleicht,
als er eine andere Frau umarmt.
Die Parallelität zu Gantenbein ist sehr deutlich. Gantenbein sagt selbst, daß
die Geschichte wahr sei:
"Im Ernst", fragt sie, indem sie die Scherchen und Feilchen
zusammenpackt, "das ist eine wahre Geschichte?"
"Ja", sage ich, "ich finde." (G 147)
Ein anderer Gleichheitspunkt ist der Name Alil. Er wird sogar lilA, wenn man
ihn rückwärts liest.
Einhorn ist ein junger Mann, der Lila als Künstlerin bewundert. Er schickt ihr
Briefe und will sie besuchen. Das macht Gantenbein wahnsinnig eifersüchtig.
Noch deutlicher wird Gantenbeins Eifersucht durch seine Vorstel-lungen von
Philemon und Baucis. Diese alte Märchenerzählung ist eng mit Gantenbein und
Lila verknüpft.
Baucis ist Schauspielerin und bekommt Briefe von Einhorn. Die Namen Gantenbein
und Philemon, Lila und Baucis wechseln durch die Geschichte. Philemon ist
eifersüchtig wie Gantenbein. Die Eifer-sucht gipfelt darin, daß
Philemon/Gantenbein die Schublade auf-bricht, um die Liebesbriefe von dem
Liebhaber Baucis/Lilas zu lesen. Er findet aber nur seine eignen Liebesbriefe
an Baucis/Lila:
... wenn man eine Schublade aufbricht, um einer schlafenden Frau auf der
Schliche zu kommen, und dabei sich selbst auf die Schliche kommt. (G 173)
Wir hören auch von einem Naturvolk in Afrika. Dieses Volk übt eine freie Liebe
aus. Eine solche freie Liebe gefällt dem eifer-süchtigen Gantenbein nicht.
Später kommt Einhorn auf Besuch. Aus Eifersucht schließt Ganten-bein Lila und Einhorn in dem Schlafzimmer ein und verläßt das Haus. Es kommt zu einem großen Krach. Lila verläßt Gantenbein.
Als er gegangen ist, sagt sie:
"- ich gehe."
Eine Woche danach (leider lassen sich Gespräche, die überflussig sind, im Leben
nicht streichen) ist Lila gegangen; sie kann nicht mit einem Wahnsinnigen
leben, ich versteh's. (G 179)
Gantenbeins Eifersucht wird also am Ende so groß, daß sie die Ehe zerstört.
Einmal nimmt Gantenbein auch Gespräche auf Tonband auf. Dadurch will er
herausfinden, ob Lila ihn betrügt. Als er dieses Tonband abspielt, fühlt er
sich wirklich wie ein Blinder, denn er kann alles hören, aber nichts sehen. Was
er nicht sieht, macht ihn sofort eifersüchtig:
Das Tonbandgerät erwist sich als Versager. Zwar höre ich euere Gespräche, aber ich sehe nicht den Verrat, der in den Mienen liegen muß, und wenn ich filmen würde, euere Mienen in meiner Abwesenheit, auch der Film würde vollkommen versagen. (G 244)
Am Ende des Romans stellt sich Gantenbein die Rolle als Vater vor. Die eifersüchtigen Gedanken tauchen wieder auf:
... "vielleicht ist dieser Mann, der da blindlings seine Banane schält, wirklich nicht ihr Papi ?" (G 268)
Das Leben Gantenbeins wird also wegen seiner Eifersucht zerstört. Er sieht
alles einfarbig lila. Das einfarbige Sehen, das die Blindenbrille verursacht,
ist ein Sinnbild dafür, daß eine eifersüchtige Person die Wirklichkeit
einseitig und falsch auffaßt. Das bunte Leben wird durch seine eifersüchtige
Seele farblos gemacht.
Das Ich des Romans stellt sich auch durch Enderlin vor, daß er der Liebhaber
von Lila ist. In der Rolle von Svoboda durchlebt er die Rolle als betrogener
Ehemann. Das Ich probiert sowohl die Rolle als Betrüger als die des Betrogenen.
Gantenbein ist nur eifersüchtig, und er weiß nicht, ob er be-trogen wird. Es
gibt im Roman keine Beweise dafür.
Der Ich-Erzähler des Romans hat die engste Verbindung mit Gan-tenbein.
"Mein Name sei Gantenbein! (Aber endgültig.)" (G 244)
Das Ich des Romans ist von seiner Frau verlassen worden. Die Parallelität
zwischen dem Ich und Gantenbein ist klar. Gantenbein ist wahnsinnig
eifersüchtig.
Das Thema in Mein Name sei Gantenbein ist die Liebe, die durch
Eifersucht zerstört wird.
2.12 STRUKTUR UND ERZÄHLTECHNIK IN MEIN NAME SEI GANTENBEIN
Der Roman besteht aus einer Hintergrundgeschichte und eine
Vor-dergrundgeschichte. Die Vorgrundgeschichte nimmt den größten Platz ein,
aber man kann sich darüber streiten, welche die wichtigste ist.
Der Ablauf ist nicht genau chronologisch. Der Roman fängt mit dem Tode
Enderlins an, später wird viel von dem Leben Enderlins er-zählt. Die
Hintergrundgeschichte bezeichnet die Wirklichkeit und erzählt von einer
gescheiterten Ehe. Das Erlebnis des Verlassenseins taucht zweimal auf, am
Anfang und am Ende:
Ich sitze in einer Wohnung: - meiner Wohnung...Lang kann's nicht her sein, seit
hier gelebt worden ist; ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche, ... (G
17)
In der Vordergrundgeschichte dominiert das Rollenspiel. Mit den Worten
"Ich stelle mir vor" wechselt das Erzähler-Ich zum Rollen-spiel oder
denkt sich eine andere Situation.
Die Hauptrolle ist die als Gantenbein. Durch das Rollenspiel aber auch durch
Vertraute werden Gantenbeins Gedanken mitgeteilt. Sein Freund Burri ist ein
intellektueller Vertrauter und Camilla Huber ist die Vertraute seiner Seele,
seiner Gefühle.
Gantenbein ist die Hauptgestalt im Spiel, Lila ist das Zentrum des Geschehens.
Geschichten, die verschiedene Erfahrungen erklären, sind ein Hauptelement im
Roman. Ohne Geschichten kein Rollenspiel:
Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu - man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, ... (G 11)
Das Wechseln von der Ich-Erzählersituation zum Rollenspiel ist der
charakteristischste Zug des Romans.
Um die Umgebung zu beschreiben, benutzt Max Frisch eine besondere Technik:
Die Dinge werden sehr genau beschrieben. Nicht das einzelne char-akteristische
Detail wird beschrieben, wie ein Impressionist es hätte tun wollen, sondern
eine Reihe von Details folgen einander. Allmählich bekommen wir ein Bild von
dem Zimmer und der Situa-
tion:
Ich sehe:
Reste von Brot in einer Flasche, ich kenne das, Inselchen von Schimmel auf
rotem Wein, ferner Reste von Brot ... (G 283)
Die Bewegung in der Beschreibung ist deutlich. Noch deutlicher ist die Kamerabewegung, wenn der Erzähler (Ich) in der Rolle von Svoboda mit dem Gewehr verschiedene Gegenstände in der Wohnung zerschießt:
Das Lederpolster. Piff-Paff-Puff! Eine dumpfe Büffeljagd. Dann ein beschämender Fehlschuß auf den tönernen Inka-Hund aus Peru, und schon wieder muß ich nachladen. Blick ins Gelände, wo wir zuhause waren. (G 236)
Die genauen Beschreibungen der Dinge und des Geschehenen geben ein
besonderes Effekt in einem Roman, in dem die Hauptgestalt blind spielt.
Das scharfe Sehen des "Blinden" wird in vielen Situationen deutlich
gemacht. Auch das Erzähler-Ich besitzt diese Eigenschaft, eine Reihe von
Details zu beschreiben:
... ich sehe die roten Schollen der Äcker über den Gräbern, fernhin und dunkel das Herbstmeer, Mittag, alles ist Gegenwart, Wind in den staubigen Disteln, ich höre Flötentöne, aber das sind nicht die etruskischen Flöten in den Gräbern, sondern Wind in den Drähten, unter dem rieselnden Schatten einer Olive steht mein Wagen grau von Staub und glühend, Schlangenhitze trotz Wind, aber schon wieder September: ... (G 288)
Es gibt eine Menge von Sinnbildern im Roman. Die Blindenbrille ist vielleicht
das zentralste. Die Brille funktionert als ein Guckloch. Die verdächtige und
eifersüchtige Person versteckt sich dahinter, um alles zu sehen, was man ihm
nicht zu sehen erlaubt. Das einfarbige Sehen durch die Blindenbrille ist auch
ein Sinn-bild der Eifersucht. Der eifersüchtige Mensch sieht nicht die
Wirklichkeit so, wie sie eigentlich ist. Die Welt und das Gesch-ehene werden von
seiner eifersüchtigen Seele gefärbt und falsch wahrgenommen.
Die Pfeife ist auch ein Sinnbild. Die Pfeife ist mit oder ohne Feuer. Man spricht von Feuer der Liebe, oder die Leidenschaft wird als Feuer bezeichnet. Die feuerlose Pfeife wird zu einem Sinnbild der ausgelöschten Liebe:
Ich hocke vergeblich in Mantel und Mütze, die feuerlose Pfeife im Mund; ich
kann es mir nicht vorstellen, wie hier gelebt worden ist, weniger als in
Pompeji; obschon ihr blauer Morgenrock noch immer im Badezimmer hängt...
... (G 19)
Sich Kleider kaufen und sich neue Kleider anziehen steht sinnbildlich dafür,
neue Rollen zu spielen. Man muß neue Kleider haben, um neue Geschichten zu
probieren. Der Tote aber braucht keine Kleider mehr, denn er hat keine
Geschichte mehr nötig. Von Enderlin wird gesagt, wenn er am Anfang des Romans
stirbt:
"er braucht keine Geschichten mehr wie Kleider." (G 8)
Das Ich des Romans braucht Kleider, denn es wird weiterleben und Rollen
spielen:
"Ich werde mir neue Kleider kaufen," ... (G 19)
"Aber man kann ja nicht nackt durch die Welt gehen;" (G 19) Wie die
Kleider den Körper deckt, verbirgt sich der Mensch hinter seiner Rolle. Die
Geschichte und die Rolle sind notwendig wie Kleider.
Der zerbrochene Spiegel ist ein Sinnbild des zerbrochenen Lebens, der
zerbrochenen Ehe. "Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel," ... (G17)
Im Spiel mit den Geschichten läßt sich alles wieder zusammenset-zen, in der
Wirklichkeit nicht.
Das Schachspiel kann man auch als ein Bild des menschlichen Le-bens
betrachten. Man muß auf das Spiel achten, sonst wird man schachmatt. Im Leben
bedeutet das, daß man sich in eine unbequeme Situation bringt.
Das Blindsein ist ein konkretes Spiel für Gantenbein. Aber das Blindsein hat
auch eine übertragene Bedeutung. Es bedeutet Man-gel an Einsicht. Dem
Erzähler-Ich hat die Einsicht gefehlt. Er hat die Rolle des Blinden gespielt,
um alles sehen zu können, doch muß er am Ende zugeben, daß er dennoch blind
gewesen ist:
"Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal." (G 283)
Die letzte Geschichte für Camilla erzählt von einer Leiche, die von einem Fluß ins offene Meer zu "schwimmen" versucht. Die Lei-che wird kurz vor dem Meer erwischt.
Diese Geschichte ist ein Sinnbild dafür, was das Ich des Romans zu tun versucht hat:
"Abzuschwimmen ohne Geschichte." (G 288)
Er hat versucht ohne Geschichte zu verschwinden. Das scheint aber unmöglich, denn nur der Tote braucht keine Kleider und keine Ge-schichte mehr.
Das Rollenspiel selbst kann man auch sinnbildlich als eine Flucht
betrachten. Das Individuum wählt die Rolle, damit es nicht sich selbst sein
muß, oder damit es nicht für seine Taten verantwort-lich sein muß. Dieses
Benehmen wird ein Mittel, unbehaglichen Situationen zu entgehen.
Dieser Fluchtversuch des Ichs erweist sich am Ende als vergeb-lich. Man kann
sich selbst nicht entfliehen. Die Leiche wird erwischt, das Ich wird für seine
Taten verantwortlich gemacht.
2.13 ZUSAMMENFASSUNG DER ANALYSE VON MEIN NAME SEI GANTENBEIN
Ich habe drei verschiedene Auffassungen des Ich-Erzählers an-gedeutet, ohne
daß ich eine der drei vorgezogen habe.
Daß verschiedene Betrachtungsweisen möglich sind, zeigt die Größe eines
Kunstwerks.
Man kann unterschiedliches Gewicht auf die zwei Ebenen des Ro-mans, die
Wirklichkeitsgeschichte und das Rollenspiel legen.
Meiner Meinung nach gehören sie zusammen als eine untrennbare Einheit.
Der Roman scheint am Anfang etwas chaotisch mit den vielen Wech-seln der
Gesichtspunkte und der Rollen.
Wenn man ihn aber mit großer Konzentration liest, findet man einen erstaunlichen
Zusammenhang, auch was die Details betrifft.
Der Roman ist wie ein großes Mosaik-Bild. Die vielen Teile lassen sich nur
mühsam zusammensetzen, doch nach und nach ergibt sich ein Muster.
Nach mehreren Entwürfen erscheinen allmählich die Konturen eines Ichs, das
nicht nur versucht, die Umwelt zu verstehen, sondern auch auf der Suche nach
sich selbst, nach seinem eigenen Ich und den Gründen seiner mißglückten Ehe
ist.
TEIL C
ZUR LITERATURKRITIK
3.1 ZUR LITERATURWISSENSCHAFTLICHEN AUS EINANDERSETZUNG MIT MEIN NAME SEI
GANTENBEIN
Alexander Stephan vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Stiller und Homo
faber. Die Lebensläufe in Stiller und Homo faber seien handfest im Gegensatz zu
denen in Mein Name sei Gantenbein.
Der Unterschied zeige sich z.B. in den Sätzen: "Ich bin nicht
Stiller" und "Mein Name sei Gantenbein". Der Konjunktiv zeige
das Unsichere, die Möglichkeiten.
Die noch recht handfesten Lebensläufe von Stiller und Homo faber sind in "Gantenbein" in ein existentielles Abbild des Lebens aufgelöst worden.
Der Erzähler in Mein Name sei Gantenbein bleibe ohne reale Kon-turen.
Während Max Frisch schon früher die gesellschaftliche Entfremdung behandelt
habe, hebe er in Mein Name sei Gantenbein die Entfrem-dung des modernen
Menschen aus den gesellschaftlichen Begebenheiten auf die existentielle Ebene.
Das Erfinden und Probieren der Geschichten sind in Mein Name sei Gantenbein
das Zentrale. Alexander Stephan behauptet, daß das "angestrebte
Möglichkeitsspiel" Max Frisch in Mein Name sei Gan-tenbein gelinge.
Alexander Stephan kommentiert weiter die Versuche, die Permutationstheorie auf
die Medien Film und Drama zu übertragen. Die Versuche seien gescheitert, weil
die "Ich stelle mir vor"- Situation sich nicht leicht mit der
sichtbaren Situation des Films vereinbaren lasse.
Sybille Heidenreich hält Mein Name sei Gantenbein für das dritte große Werk
Max Frischs in der Ich-Form. Der Keim zu Mein Name sei Gantenbein findet sie im
Tagebuch 1946 - 1949. Max Frisch
schreibt über das Herstellen eines Erlebnisses:
Unser Anliegen, das eigentliche, läßt sich bestenfalls umschreiben, und das heißt ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen.
Weiter, meint Sybille Heidenreich, bilde sich Mein Name sei Gan-tenbein auf Max Frischs philosophische These von Erfahrung und Geschichte. Diese philosophische These werde sowohl in dem Ge-spräch mit Horst Bienek als auch in Mein Name sei Gantenbein deutlich ausgedrückt:
"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Ge-
schichte, die er für sein Leben hält".
Sybille Heidenreich sieht Mein Name sei Gantenbein als eine neue Version des
Themas von Rolle und Wirklichkeit. Es gebe eine Menge von Randgeschichten. Das
erzählende Ich habe aber keine Geschich-te, sondern nur eine Erfahrung. Die
Erfahrung des Ichs sei, daß seine Ehe gescheitert sei. Die erdichteten Personen
seien die Hauptfiguren des Romans. Es drehe sich aber um den Verlassenen, der
sich Rollen umhänge wie Kleider. Er müße sich eine Frau er- dichten, um seine
Erfahrung greifbar zu machen. Der Erzähler in Mein Name sei Gantenbein sei auf
der Suche nach dem verlorenen Paradies.
Eine korrespondierende Erfahrung zu dem Verlassensein sei die Eifersucht. Die
Eifersucht habe eine Ehe zerstört.
Lila werde nie als "Du" bezeichnet. Sie sei nichts weiteres als das
Medium,an dem sich die drei Gestalten ( Gantenbein, Svoboda und Enderlin )
messen müßten. Sie sei die andere Komponente in dieser Ehe, aber die Handlung
drehe sich um den verlassenen Ehemann.
Die Eifersucht sei der eigentliche Grund dafür, daß Gantenbein sich die
Blindenbrille aufsetze.
Es handele sich in Mein Name sei Gantenbein um einen zweifachen Betrug, den
Ehebruch und den Betrug Gantenbeins, das Sehen zu verleugnen.
Sybille Heidenreich sieht aber nicht Mein Name sei Gantenbein nicht als
Eheroman, obwohl das Eheproblem eine dominierende Stellung im Roman hat. Sie
schreibt darüber:
Vielmehr wird die Ehe zum Modellfall zwischenmenschlicher Beziehung, an dem sich Diskrepanz von faktischer und er-lebter Wirklichkeit sinnfällig demonstrieren läßt. Eifersucht, die Gantenbeins Ehe zerstört, offenbart diese Dis-krepanz. Sie ist Ausdruck der "Kluft zwischen Welt und Wahn", der Blindheit des Ichs gegenüber der Welt.
Sybille Heidenreich erwähnt, daß im Namen der Prostituierten auch sich die
Buchstaben "Lila" befänden. Camilla sei aber nicht Lila. Die Liebe
des Ichs brauche sich nicht an Camilla beweisen.
Die Angst für das Altern und vor dem Tod sei auch zentral im Ro-man. Enderlin
vertrete diese Angst. "Ich bin das Altern von Minu-te zu Minute,"
zitiert Sybille Heidenreich Enderlin des Romans.
Mein Name sei Gantenbein handele von dem Blindenspiel, aber Sy-bille
Heidenreich erwähnt auch die nicht-gespielte Blindheit. Der Erzähler habe
geschlossene Augen gehabt. Was er jetzt sehe, sei die Spuren der Trennung.
Das Ende ist nicht glücklich wie Ali und Alil im Märchen. Die Frau hat den
Erzähler verlassen. Doch ist die Situation tröstlich. Sybille Heidenreich
meint, daß der Erzähler ohne Geschichte abgeschwommen sei. Der Gedankenstrich
am Ende bedeute, daß kein Punkt gemacht worden sei, sondern es viele
Möglichkeiten gebe.
Daß es im Roman kein Punkt gemacht worden ist, damit bin ich einverstanden. Das
Ich ist meines Erachtens doch nicht ohne Geschichte abgeschwommen, obwohl es
versucht hat, sich im Roman zu verstecken.
Hans Mayer vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Dürrenmatts Erzählung von
dem Blinden, der in einer Welt der Einbildungskraft lebt.
Am Anfang montiere der Ich-Erzähler die Gantenbein-Figur sorg-fältig. Der
Erzähler probiere auch andere Rollen. Die Liebe zu Lila sei zentral, aber wenn
er ihr erzählt, daß er alles gesehen habe, werde die Liebes- und
Lebensbeziehung zu Lila abgebrochen.
"Die Verwandlung von Leben in Geschichten ist Verwandlung von Dasein in
Kunst", hält Hans Mayer für das eigentliche Romanthema.
"Ich probiere Geschichten an wie Kleider!" sei der zentrale Satz, der
den Roman in Gang setzt.
Martha Glaser schreibt, daß es eine Reihe von Ich-Entwürfen gebe. Einer von diesen sei Gantenbein, der auch mehrere Möglichkeiten habe. Gantenbein verwirkliche, was Stiller nicht gelungen ist. Aber in der Problematik von Wirklichkeit und Rolle sei noch nichts gelöst worden.
Eduard Stäuble behauptet, daß Max Frisch in Mein Name sei Gan-tenbein auf der Suche nach dem eigenen Ich sei. Er schreibt folgendes über den Roman:
In einem Wirbel von Geschichten späht Max Frisch nach der einen, vollkommen
reinen und ganz passenden, "sitzenden" Geschichte aus, nach dem
einzig wahren Ich und dem einzig wirklichen Leben. Er ist - man darf es so
formulieren, auch wenn es sehr hoch tönt - auf der Suche nach dem verlorenen
Paradies, nach dem Sein vor der Sünde, nach dem wirklichen, echten Leben.
In seinem Buch Max Frisch "Stiller", "Homo faber und" und
"Mein Name sei Gantenbein" nimmt Frederik Alfred Lubich die
Aufspaltung der Erzählperspektive in Stiller und Homo faber als Ausgangspunkt.
In Mein Name sei Gantenbein habe sich die Aufspaltung ins Multiperspektivische
entwickelt.
Zur wesentlichen Standortsbestimmung des Ich-Erzählers diene die wiederholende
Beschreibung der verlassenen Wohnung. Diese Be-schreibung tauche dreimal auf,
am Anfang, in der Mitte und am Ende.
Enderlin und Gantenbein seien beide experimentelle Modellfiguren für den
Erzähler, "Entwürfe zu einem Ich." Er stellt sich auch die Frage, ob
er Svoboda ist.
Es handele sich meistens um ein Leben im Spiel, das Blindenschauspiel. Der
Übergang von dem Erzähler und den verschiedenen Rollen sei gleitend.
Lila betrüge Svoboda sowohl als auch Gantenbein. Enderlin habe ein großes
Liebesbedürfnis. Es entwickele sich zu einem Drama der Eifersucht.
Enderlin illustriere auch den Verdrängungskomplex Alter und Tod.
Weiter bespricht Frederik A. Lubich verschiedene Interpretationsaspekte und
Rezeptionskontexte. Gantenbein wird z.B. als ein-ziger Aussteiger in einer
Gesellschaft von Aufsteigern bezeich-
net. Weitere Aspekte sind: "Zersplitterung der Realität" oder
Schwanken zwischen "Sein und Schein" und das "Theater im
Theater."
Als Hauptthema wird die Kluft zwischen Wirklichkeit und dem Wahn erwähnt. Zu
diesem Hauptthema korrelierten die Themen Ehe und Eifersucht, Rolle und
Geschichte, Fiktion und Erfahrung.
Der Ich-Erzähler werde nur sichtbar "im Entwerfen und Verwerfen seiner
selbst". Eine eigentliche Identität, daß heißt eine per-sonale Existenz,
habe er nicht.
Frederik A. Lubich bespricht die drei Stellen, wo der Ich-Erzäh-ler in
seiner leeren Wohnung sitzt. Die Kritiker hätten immer wieder "in diesem
spukhaften Ort die Wohnung eines von seiner Frau verlassenen Mannes"
gesehen.
Lila wird als "Magna Mater" (die große Mutter als große Hure)
bezeichnet. Er nennt auch Lila das "Ewig Weibliche."
Lubich erläutert die sinnbildliche Bedeutung von Ichs Atlantik-Überfahrt.
Dieses homerische Odysee-Motiv bedeute in Stiller und Homo faber eine Flucht.
In Mein Name sei Gantenbein bezeichne die Atlantik-Überfahrt eine Reise
zwischen Diesseits und Jenseits:
Als blinder Passagier im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits bewegt
sich der Ich-Erzähler in den Bahnen Lebender und Verstorbener gleichermassen:
In seinen Lebensentwürfen sei das Erzähler-Ich Gantenbein, En-derlin und
Svoboda. Die Todeserfahrungen bekomme er durch die mytischen Figuren Teiresias,
Christus und Hermes. Die Jerusalem-Golgatha Perspektive durchziehe den ganzen
Roman. Hermes, der Ur-bote zwischen den Welten, sei ein bewanderter Führer.
Am Ende erläutert Frederik A. Lubich die Schluß-Szene. Der Ich-Erzähler
beschreibt die Gräber. Er ißt Brot und Wein. Das Brot und der Wein brächten
unsere Gedanken auf das Abendmahl Jesu. Nach der Meinung Lubichs feiert
Gantenbein seine Auferstehung aus dem Grab, "als hätte er das ewige Leben
errungen."
3.2 MEINE ANALYSE UND DIE ERWÄHNTE LITERA- TURKRITIK - EIN VERGLEICH
Das Probieren von Geschichten ist natürlich ein gemeinsamer Zug, denn das
Wechseln von Geschichten ist der Grundstein des Romans. Die verschiedenen
Benennungen wie "Möglichkeitsspiel" (Alexander Stephan),
"Multiperspektive" (Alfred Lubich) "Leben in Geschich-ten"
(Hans Mayer) und die Bedeutung vom Konjunktiv "sei" im Titel des
Romans korrelieren mit meiner Analyse.
Gantenbeins Blindenspiel, was ich eine Rolle in der Rolle nenne, wird von
Alfred Lubich als "das Theater im Theater" charakterisiert.
Daß der Roman ein Ehe-Roman ist, ist eine andere Gemeinsamkeit der
verschiedenen Interpretationen. Und daß es sich im besonderen um die Eifersucht
in der Ehe handelt, wird von niemandem bezweifelt. Ich lege vielleicht größeres
Gewicht auf das Eifersucht-Thema als die anderen Kritiker.
Die Eifersucht habe die Ehe des Ichs zerstört, behauptet Sybille Heidenreich.
Damit bin ich einverstanden. Ich kann aber nicht ihre Meinung teilen, wenn sie
sagt, daß das Ich keine Geschichte habe. Diese Geschichte wird zwar nicht ganz
erzählt aber wir ah-nen die Konturen einer Geschichte eines Eheverlusts. Durch
die dreimal wiederholte Beschreibung von der leeren Wohnung wird die Geschichte
des Ichs angedeutet. Diese Geschichte ist vielleicht die wichtigste und
eigentliche Geschichte des Romans.
Ich behaupte auch wie z.B. Eduard Stäuble, daß Mein Name sei Gantenbein eine Ich-Geschichte ist. Ich teile aber nicht die Meinung Stäubles, daß Max Frisch im Roman nur auf der Suche nach seinem eigenen Ich sei. Ein Spiel mit den vielen Rollen setzt eine feste Identität voraus. Ich würde lieber sagen, daß Max Frisch eine Erfahrung gemacht hat. Diese Erfahrung wäre der Verlust seiner Ehe. Durch den Roman und besonders durch das Rollenspiel würde Max Frisch die Geschichte seiner Erfahrung suchen.
Die Todesangst wird sowohl von mir als auch von anderen Be-
sprechern als ein wichtiges Element erwähnt.
Hans Mayer und Alfred Lubich heben den Roman auf die philosophi-sche Ebene
hinauf, was ich in geringem Grad gemacht habe.
Alfred Lubich sieht Lila als "das Ewig-Weibliche" und in der
At-lantik-Ûberfahrt findet er das Odyssee-Motiv. Lubich interpretiert den
Schluß des Romans als eine Auferstehung des Ichs. Ich sehe keinen christlichen
Gott in Mein Name sei Gantenbein. Der vorherrschende Gott des Romans ist
Hermes, und er deutet die Vielfältigkeit der Möglichkeiten an. Max Frisch ist
ein Humanist, der keinen christlichen Glauben hat.
Die Darstellungstechnik ist wenig behandelt worden. Darüber hätte auch ich mehr
schreiben können. Das wäre vielleicht ein selbständiges Studium gewesen. Ich
erläutere viele Sinnbilder wie z.B. das Pfeifenrauchen und das Schachspiel, die
die anderen Rezensenten nicht erwähnt haben.
Was nur ich gemacht habe, ist u.a. der Vergleich der drei Rollen des Ichs und
ein Vergleich zwischen den Gemeinsamkeiten der drei Rollen mit dem Leben Max
Frischs. Ich habe dies im Zusammenhang mit meiner Perspektivanalyse gemacht.
Der Versuch, den Roman aus verschiedenen Ich-Erzählperspektive zu studieren,
wäre damit vielleicht mein wichtigster Beitrag zur Analyse von Mein Name sei
Gantenbein.
TEIL D
4.0 REZEPTION
Im folgenden werde ich einige Artikel und Kritiken analysieren,
welche über die Rezeption des Romans Aufschluß geben.
4.1.0 DIE KRITIK IN DER SCHWEIZ
4.1.1 DIE TAT
Hans-Juergen Heise schreibt einen Artikel über Mein Name sei Gan-tenbein in
der Tat, und nennt ihn "ein großes Arsenal mensch-
licher Möglichkeiten".
Hans-Juergen Heise nimmt Stiller als Ausgangspunkt. Er meint, daß Max Frisch in
Stiller nicht mit der Ich-Problematik fertig wurde, und daß Frisch in Mein Name
sei Gantenbein die Suche nach dem Ich fortsetzt.
Hans-Juergen Heise findet den Roman sehr mannigfältig:
"Mein Name sei Gantenbein" ist ein vielschichtiges, ein ironisches Buch. Denn: All seine Figuren werden erst vor dem Leser entworfen, und stets werden sie schon nach we-nigen Seiten wieder abgeändert oder ganz zurückgenommen. Ein Werk also das sich - wie "Die Falschmünzer" - selber erzählt und das, erzählend, über sein Entstehen reflek-tiert. Ein Buch, das zugleich Roman und "Roman eines Romans" ist; ein Kunstwerk und ein Werkstattbericht.
Heise weist auf Max Frischs Behauptung hin, daß man sich selbst nicht von außen
sehen könne, und daß es Geschichten nur von außen gebe. Deshalb besäßen die
Menschen eine Gier nach Geschichten. Nach der Meinung Heises hat diese Gier
zwei Gründe: Erstens ist es Neugierde, zweitens geht es darum, sowohl andere
Menschen als auch sich selbst zu verstehen. "Jede Geschichte ist eine
Erfin-
dung ... Jedes Ich, das sich ausspricht, eine Rolle", zitiert Heise den
Autor.
Nach der Meinung Hans-Juergen Heises seien die Personen in Mein Name sei
Gantenbein im Gegensatz zu den Personen im Stiller, kei-ne wirklichen Menschen,
nur Rollen.
Das Probieren von Geschichten nimmt Heise als Beweis dafür, daß Max Frisch noch
mit der Identitätsproblematik arbeitet. Denn Hans-Juergen Heise behauptet, daß
nur der Mensch, der seine Identität nicht durchforscht habe, Geschichten
brauche.
Heise erwähnt auch, daß die Figuren fluktuieren, werden identisch, dann stoßen
sie sich wieder ab.
Hans-Juergen Heise behauptet, daß Gantenbein durch seine Blind-heit glücklich
sei:
"Gantenbeins Glück ist seine (gespielte) Blindheit,...".
Er erwähnt nicht aus welchem Grund Gantenbein den Blinden spielt. Gantenbein
ist nicht nur glücklich, sondern seine Eifersucht stört seine Liebe. Heise
schlägt auch fest, daß Lila Gantenbein betrüge. Wenn das wahr ist, wird das
Eifersucht-Motiv geschwächt. Es wird aber im Roman nie festgestellt, daß
Gantenbein betrogen wird. Gantenbein sagt sogar einmal im Gespräch mit Camilla,
daß er nicht wisse, ob Lila ihn betrüge.
Gantenbeins Betrug sei sein Blindenspiel.
Enderlin sei ein intelligenter aber ängstlicher Mensch. Der
Ar-tikelschreiber ist der Ansicht, "Enderlin fürchtet all das, weswegen
Gantenbein den Blinden spielt, ...".
Enderlin werde von zwei Trieben bedrängt, dem Wunsch zu leben und dem Tod. Der Tod
sei für Enderlin wie für Stiller ein möglicher Ausgang.
Als Schlußfolgerung über Max Frischs schriftstellerische Fähig- keit in Mein
Name sei Gantenbein schreibt Hans-Juergen Heise:
Es gelingt Frisch, jede Person in jeder Situation zugleich soziologisch und
psychologisch zu determinieren, und zwar nach allen Seiten hin, mit allen
Konsequenzen für die an-
deren Figuren.
4.1.2 ZÜRCHER WOCHE
"Dreieckskomödie im Spiegelsaal" nennt Gody Suter seinen Artikel
über Mein Name sei Gantenbein in der Zürcher Woche.
Er vergleicht Frischs neuen Roman mit Choderlos de Laclos unsterblichem
Briefroman Les liasons dangereuses. In den beiden Romanen seien "Ironie
und Trauer auf das grausamste und auf das tröstlichste
nebeneinandergestellt."
Die Kritiker würden aber ihre "Frischbrille" und ihr
"FrischVokabular" benutzen und das Problem der Identität im Roman
fin-den. Das ist nach der Meinung Gody Suters, eine falsche Auffassung vom
Roman.
Gody Suter hat darin recht, daß die Erwartungen das Resultat be-einflussen
können. Es ist aber interessant, daß er keine Ich-Problematik im Roman sieht.
Viele Rezensenten u.a. Hans-Juergen Heise sehen die Suche nach dem eigenen Ich
als das zentralste Thema des Romans.
Was Max Frisch versucht, ist, eine Geschichte mit Geschichten zu erzählen:
Doch die Geschichten, die erzählt werden, sind nicht die Geschichte, die erzählt wird; jede Passage steht als Geschichte und als Teil des Romans. Das eben ist der Unterschied zu "Stiller" oder "Homo Faber" : daß einer dahintersteht (oder darüber), der die Unordnung anrichtet, Verwirrung stiftet, Unheil verteilt, die Knoten verschlingt und schürzt - ...
(Gody Suter schreibt den Namen Homo faber falsch, wie auch viele andere
tun!)
Der Roman erzähle von einer ewigen Situation, einem Dreiecks-Ver-hältnis
zwischen Mann und Frau und Liebhaber:
Dreiecks-Komödie im Spiegelsaal, Gesellschaftspiel: Spiel der Gesellschaft; das
Spiel zwischen Mann und Frau und Liebhaber, wie es gespielt wird, unumgänglich.
Gody Suter lobt Max Frischs Darstellungsweise und Stil. Es sei
ein Buch, daß man mehrmals lese. Das Buch lese sich leicht. Man werde durch das
Lesen mitgerissen und müße weitermachen, bis man die letzte Facette im Spiegel
gesehen habe. Und das Fazit ist:
"Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal." ...
Gody Suter endet seine Beurteilung von Mein Name sei Gantenbein mit den Worten:
Max Frisch hat noch nie so erzählt, in keinem seiner früh-eren Romane. Seine
Sprache hat drive, sie ist schmiegsam geworden, biegsam, aber härter zugleich,
ökonomisch, genau und graziös.
...
"Mein Name sei Gantenbein", das neue Buch von Max Frisch, ist ein
Meisterwerk.
4.1.3 NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
Die Neue Zürcher Zeitung bringt einen Artikel von Werner Weber mit dem Titel
"Mein Name sei Gantenbein. Zum neuen Roman von Max Frisch."
Werner Weber fängt mit dem Tod Enderlins an. Das Ich hat ihn ge-kannt, und das
heißt, es hat sich ihn vorgestellt.
Der Tod am Anfang wird mit dem Schluß des Romans verbunden. Der Tote hat es
nicht erreicht, ohne Geschichte zu verschwinden:
Und beide, Anfang und Ende, bestimmen die Suite, welche vom einen zum anderen
führt.
...
Das Thema dieser Geschichte ist "die Geschichte", sind "die
Geschichten"
Mein Name sei Gantenbein enthalte eine Kern-Geschichte und mehr-ere
Randgeschichten. Zum Kern gehöre die Erzählung von einem Mann, der einen
anderen Mann für eine Besprechung treffen solle. Dieser Mann ist aber verreist
und schickt seine Frau hin, stell-vertretend. Diese Begegnung führt zum
Ehebruch.
Zur Randgeschichten gehörten zum Beispiel die Geschichte von dem Nackten, dem
Autounfall und die Begegnung mit der Kokotte Camilla Huber. Diese Geschichten
seien also Bewegungen am Rand, jedoch vom Kern bestimmt und auf ihn bezogen.
Ein Erzähler probiere Geschichten, um eine Gescichte zu finden, die ihm gehöre.
Und Werner Weber zitiert den Roman: "Man kann nicht leben mit einer
Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt."
Man könnte auch das Auftauchen des Ichs in der leeren Wohnung als die
Kerngeschichte sehen. Das würde ich lieber behaupten. Denn die Begegnung in der
Bar gehört der "Ich stelle mir vor"-Proble-matik.
Werner Weber wundert sich darüber, ob Max Frisch das Buch des Philosophen
Wilhelm Schnapp kenne und er weist auf dessen Buch In Geschichten verstrickt.
Zum Sein von Mensch und Ding hin.
Werner Weber liest Mein Name sei Gantenbein als Fragen nach Ge-schichten, daß
heißt Fragen nach dem Menschen und zuletzt "als Fragen nach demjenigen,
was mehr ist als der Mensch; Instanz au-ßerhalb der Vergänglichkeit."
Das Buch sei an mancher Stelle heiter und spaßig, aber der Ernst des Fragens
mache das Buch unheimlich.
Es gehe im Roman darum, die richtige Geschichte zu finden. Es heißt den Lügen
beikommen, sie überwinden.
Der Erzähler erfinde für sich den blinden Doppelgänger und nenne ihn
Gantenbein. Nach der Meinung Werner Webers handelt es nicht um Blindheit aber
Blindnis:
Es geht um "Blindnis", das ist ein Vermögen, körperlich listig versteckt, seelisch-geistig aufs schärfste geübt - "Blindnis" heißt soviel wie: selber ungesehen sehen können; ...
Werner Weber stellt die Frage, ob die anderen von der Blindnis sehend
gemacht werden. Und er nennt es "die Verwandlung in die zeitfreie Instanz
( sage ich es: Gott )."
Infolge Weber geht es um Ûberwindung der Lüge. Er sieht darin ein religiöses
Motiv:
"... in dieser Wahrheit ohne Zeit, göttlich paradiesisch. Ich meine in diesem Werk werde inständig das Sein vor der Sünde gesucht."
Das Blindnis-Abenteuer Gantenbeins scheint uns anfangs ganz ko-misch oder humoristisch, doch sei es nicht zum Lachen. Es bestehe eine Spannung zwischen Scherz, Spaß, Witz und dem Ernst. Die Blindnis Gantenbeins sei eine Verkleidung. Der blinde Zuschauer Gantenbein habe scharfe Augen:
"Im Tun und Mittun verringert sich die Kraft des Zuschauers. Der beste
Zuschauer steht außen, über den Geschichten."
Die Zuschauer-Situation ("Hände in den Hosentaschen") sei für diesen
Roman charakteristisch. Wer spricht, lasse sich aber auf die Situation ein. Max
Frisch versuche im Roman, etwas Unmög-liches zu machen. Er brauche Sprache und
möchte keine Sprache brauchen.
Der Redende, der Angesprochene, der Gegenstand des Gesprächs wi-schten einander
aus. Wo sie sind könne auch beliebig sein. Das Gestern und der Morgen kreuzten
das Jetzt.
Werner Weber kommt dann zu der Besprechung von Hermes. Der Beob-achter von Geschichten
in Mein Name sei Gantenbein suche das Un-mögliche:
..."den ewigen Augenblick, die zeitfreie Frische, die Glückswoge in einem
Punkt, Jetzt!"
Hermes sei nicht nur Gott der günstigen Gelegenheit, sondern Gott der einen
nicht wiederholbaren Gelegenheit. Er sei der Schelm der tiefen Augenblicke.
Mit Ausgangspunkt in den Worten des Erzählers "Via Appia antica"
erinnert sich Werner Weber an die Begegnung mit der jungen Frau Lila. Und er
sieht den Schluß des Romans an der Stelle wo Ganten-bein bekennt, daß er nicht
blind ist. Gantenbein hat die Grenze geahnt, aber nicht beachtet. Das religiöse
Hintergrundmotiv ta-ucht wieder bei Weber auf:
Ich meine, die Grenze sei in diesem gegeben: So zusehen, wie der Mann es wollte
und listig tat - so zusehen darf nur Gott; der Mensch ist in Verstricktsein
geboren.
Werner Weber spricht schließlich darüber, was er "Literaturkri-tik und Literaturklatsch ernst und unernst die Krise des Romans" nennt. Er sieht die Krise nur als Unvermögen der heutigen Schrei-ber. Max Frisch aber überspringe die Schwierigkeiten und lasse die Krise hinter sich.
Als Schlussfolgerung seiner Besprechung schreibt Werner Weber:
Aber ich würde unbeirrt sagen: daß in diesem Buche ein en-ergisches Denken in durchgeprüfter Melodie den Menschen einzuholen versucht, der mit dem Rücken zum Paradiese steht.
Ich bin mit Werner Weber nicht einverstanden, wenn er auf das religiöse Motiv
so großes Gewicht legt.
Wie ich früher in meiner Analyse gesagt habe, halte ich Max Fri-sch für einen
Humanisten, der an keinen Gott glaubt.
4.1.4 TAGES ANZEIGER ZÜRICH
Im Tages Anzeiger, wird Mein Name sei Gantenbein von zwei Rezen-senten besprochen:
Hugo Leber bespricht ihn zustimmend, August E. Hohler betrachtet ihn kritisch.
Hugo Leber: "Theo Gantenbein: Leben im Konjunktiv".
Hugo Leber deutet zunächst die Verwandtschaft zu früheren Werken an und
nimmt dann den Konjunktiv sei als Ausgangspunkt. Der Kon-junktiv deute
"die Möglichkeiten des ungelebten Lebens" an. Max Frisch mache Entwürfe
zu Lebensläufe. Gantenbein stelle sich blind, um zu sehen, was ihm sonst
verborgen bliebe.
"Einen Blinden kann man nicht hinters Licht führen", zitiert Hugo
Leber und erklärt, daß diese paradoxe Erscheinung für Gantenbein zur totalen
Wahreit werde. Der leitmotivische Satz "Ich stelle mir vor" leite das
Leben im Konjunktiv ein. Gantenbein sei der sehende Blinde, eine prüfende
Instanz in der Vielfalt von Rollen. "Nicht der Blinde ist blind, die
anderen sind es".
Lila ist wirklich nur in ihren Verhaltensweisen, sie ist nur die Projektion des
jeweiligen Mannes.
Hugo Leber weist auf Max Frischs Tagebuch hin und referiert den Schriftsteller:
"Eifersucht sei die Angst vor dem Vergleich".
Die Eifersucht stehe in Beziehung zum "Ich stelle mir vor"-Motiv. Sie
repräsentiere eine der möglichen Erfahrungen. Die Liebe führt zum Scheitern der
Männer und ist hier durchaus negativ. Diese Ironie wird "mit sprachlicher
Brillanz bis nahe an Sarkasmus her-angeführt".
Max Frisch stelle die Situationen "mit der Meisterschaft des
Dramatikers" dar. Hugo Leber nennt es auch "geniales
Kartenspiel", in das der Leser miteinbezogen werde. Mein Name sei
Gantenbein sei ein Roman, der von dem Leser selbst den Schluß fordere. Es
handle sich um die Bühne des Lebens ohne Vorhang:
Darin ist dieser Roman neu und bestechend: er ist, wie ein Theaterstück am Abend der Aufführung, nur im Leser vollendet.
Der Roman stelle sich kritisch zu unserer Zeit. Hugo Leber weist auf die Klammern Max Frischs und auf den Satz über die Ich-Ge-schichten hin.
Max Frisch schildert, nach der Meinug Hugo Lebers, Entwürfe zu einem Ich, weil er an kein festes Ich glaubt. Über das Spiel mit der Blindenbrille sagt Leber:
Frischs Roman, in dieser Optik mit Brille und doch sehend gelesen, offenbart sich als ein eminent zeitkritisches Werk; er zeichnet nicht mehr die Oberfläche, sondern die Grunde zu den falschen Verhaltensweisen. Es hat nicht die Welt, sondern das Ich zum Thema, das die Welt erst schafft.
Über die Darstellungsweise fährt Hugo Leber fort:
Mag sein, Frisch hat hat diese Sicht mit allzu offenbaren Zeichen bildhaft
gemacht: er verwendet sie aber so gesch-ickt, läßt sie einfließen gleichsam in
seine leichte, ele-gante Prosa, daß nur die Wirkung, die sie hervorrufen,
zählt.
Hugo Leber schließt mit einigen Betrachtungen über Hermes. Hermes, die vieldeutige Gestalt, spiele auch in der Liebe eine Rolle. Dieser Gott, der "das Unheimliche in aller Heiterkeit" vertritt, sei sowohl Bote des Todes als auch Gott des Konjunktivs.
August E. Hohler: "Mondäne Vorstellungen".
August E. Hohler vergleicht jeden neuen Frisch-Roman mit der Pariser Mode.
Der Erfolg ist im voraus gesichert. So ist es auch mit Mein Name sei
Gantenbein. "Aber die neue Stadt wird nie ge-baut". Damit meint
August E. Hohler, daß dieser Roman viele
Schwächen habe.
Er bestreitet nicht, daß Max Frisch international anerkannt ist, aber das sei
mehr ein ästhetischer Standort als schweierzischer Zeitgenosse, der seinen
Landesleuten "einen unbarmherzigen Spie-gel vorhält."
Über den neuen Roman schreibt August E. Hohler:
"... ein streckenweise fazinierendes, im ganzen dennoch unerfreuliches Ergebnis, wie ich finde."
Hohler stellt sich kritisch zu dem immer wiederkehrenden Problem der zerfallenden Persönlichkeit und der Beschaffenheit des Ichs. Er findet diese Probleme fragwürdig, weil sie einen narzistischen Eigenwert bekommen. Gantenbeins Liebessorge gehe vielleicht Max Frisch selber an, aber die Zuschauer-Rolle findet August E. Hoh-ler peinlich:
Gantenbeins Liebessorgen sind eine Sache, die ihn vornehmlich selber angehen. Der Leser fühlt sich bisweilen in die etwas peinliche Rolle des unfreiwilligen Zuschauers versetzt.
August E. Hohler steht die Melancholie als einen Grundzug im Ro-man. Doch gebe
es positive Züge in der Darstellung:
... es gibt neben lyrischen Einsprengseln auch Sequenzen von hurtiger Beiläufigkeit und Szenen von geradezu um- werfender Komik.
August E. Hohler gibt zu, daß Max Frisch ein Meister der Sprache ist. Mein Name
sei Gantenbein wird ihm aber zu intim und "for-muliert geradeaus, was man
sich selber kaum zu gestehen wagt".
Mit den Vorstellungen, daß das Vorgestellte oft wirklicher als das Erlebte sei,
ist Hohler einverstanden. Aber die Aufteilung der Person in Ich und Er findet
er krankhaft und absurd:
Aufteilung der Person in "Ich" und "Er", wobei
"ich" etwas tue, was "er" durchaus ablehnt: das ist
natürlich verlockend, kommt auch häufig genug vor, bedeutet aber, auf die
Spitze getrieben, den Verlust der Beziehung zum Mitmenschen und wohl zur Welt
überhaupt.
"Es gibt keine sozialen Probleme in diesem Roman", behauptet
Hoh-ler. Mein Name sei Gantenbein ist eine zusammenhängende Liebes- und
Eifersuchtsgeschichte. Der Roman beschreibt ein Luxusleben, und 500 Seiten sind
zu viel dafür.
Mein Name sei Gantenbein werde nie ein Höhepunkt werden, vergli-chen mit den
früheren Werken:
"Gantenbein ist zu allem möglichen fähig; "neue Städte" indessen wird er schwerlich entwerfen".
Die Rezensenten haben verschiendene Ausgangspunkte, und der Aus-gangspunkt
bestimmt zum Teil das Ergebnis. Sie besprechen beide dieselben Motive:
Ich-Problematik, Ehe und Eifersucht.
Der eine sieht das Positive darin, der andere das Negative. In meiner Analyse
bin ich hauptsächlich mit Hugo Leber in Überein-stimmung.
Den Vergleich vom Roman mit der Pariser Mode finde ich ganz unge-recht. Doch
war Frisch ein moderner Schriftsteller aber kein Mode-Schreiber, der nach dem
Wunsch der Leser schrieb. Er war auch kein Mode-Schreiber, der nach ein paar
Jahren die Aktu-alität verlor. Seine Werke sind immer noch aktuell.
In diesem Zusammenhang weise ich auf eine Aussage von Hellmuth Karasek hin:
"Max Frisch war nie so sehr Mode, daß er altmodisch hätte werden können;
..."
4.1.5 DIE WELTWOCHE
Die Weltwoche hat folgende Kritik von Peter Hamm geschrieben: "Entwürfe zu
einem späten Ich".
Anfangs widerspricht er den Vorwürfen, daß Max Frisch nur ein Thema, die Suche
nach der Identität, behandele. Peter Hamm hält Mein Name sei Gantenbein für
"die kühnste Variation zu seinem Thema".
"Du sollst dir kein Bildnis machen" ist immer das Hauptproblem der
Frisch-Figuren gewesen, stellt Hamm fest. Was ich in seiner Besprechung
besonders interessant finde, ist die ange-deutete Entwicklung der
Bildnisproblematik der drei Romane Stil-ler, Homo faber und Mein Name sei
Gantenbein. Stiller versuche sich selbst ein neues Bildnis zu machen. Walter
Faber mache sich ein Bildnis von den anderen Menschen. Gantenbein dagegen
liefere der Welt selbst ein Bildnis. Ja, er mache sogar viele Entwürfe zu seinem
Ich. Das zeige auch, daß Max Frisch mit der Ich-Prob-lematik weitergekommen
ist.
Nach der Meinung Peter Hamms handelt Mein Name sei Gantenbein von der Schwierigkeit der Distanzgewinnung. Gantenbein gewinne diese Distanz durch das Rollenspiel. Die anderen spielten auch Rollen, ohne es zu wissen und würden Opfer ihrer Rollen. Gantenbein aber könne alles durch sein Rollenspiel beobachten.
Peter Hamm zitiert auch Max Frischs berühmten Satz aus dem Inter-view mit Horst Bienek:
"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die mit Namen und Daten zu belegen sind, so daß an ihrer Wirklichkeit, scheint es, nicht zu zweifeln ist. Trozdem ist jede Geschichte eine Erfindung und daher auswechselbar."
Jede Erfindung ist auswechselbar, und das Auswechseln ist genau das, was Max
Frisch im Roman tut: "Ich probiere Geschichten an wie Kleider."
Sobald Liebe ins Spiel kommt, bekommt Gantenbein Probleme, denn er ist ein eifersüchtiger
Mensch. "Eifersucht läßt uns zwar, wie kein Gefühl sonst, Geschichten
erfinden." Die Eifersucht als Er-finder von Geschichten macht die
Eifersucht zu der Triebkraft des Romans. Dieses Argument habe ich bei keinem
anderen Rezensenten gefunden. Ich finde es sowohl richtig als auch wichtig.
Gantenbein wird auch eifersüchtig auf die Welt. Er wird sogar eifersüchtig auf
"seine eigene, überwunden geglaubte Vergang-enheit" und muß "zum
Rebell gegen seine Rolle werden".
Den Schluß des Romans versteht Peter Hamm als eine Variation der
Sophokles-Weisheit: "das beste für den Menschen wäre, nicht geboren zu
sein".
Peter Hamm weist in seiner Analyse auf prominente Kritiker wie Reinhard
Baumgart und Marcel Reich-Ranicki hin. Hamm bestreitet, daß dem Roman eine
einheitliche entwickelnde Handlung fehle. Er muß aber Reinhard Baumgart recht
geben, wenn dieser sagt, daß der Roman "eine Perpetuum mobile von
Kurzgeschichten" liefere.
Peter Hamm ist auch mit Hans Mayer einverstanden, der "eine kon-zise
Beschreibung des sozialen Milieus" vermißt.
Hamm weist aber in diesem Zusammenhang auf Max Frischs eigenen Satz im Roman
hin, wo er über die Notwendigkeit der Ich-Ge-
schichten schreibt.
Peter Hamm wiederholt nochmals das Fazit des Romans: Es gibt für den Menschen
keine anderen Möglichkeiten als Kleider zu probieren. Die Alternative ist nur
"Ohne-Geschichte-Auskommen, das Nicht-Geborensein."
Als hervortretendes Element des Stils deutet Peter Hamm auf die "kritische
Ironie" hin. Diesen Stil habe Frisch bereits im Stil-ler entwickelt.
Die Schlußfolgerung seiner Besprechung faßt Peter Hamm in diesen Worten
zusammen:
Sicher ist, daß Frisch auf der Suche nach der Identität die Entfremdung des
Menschen in der bürgerlichen Welt so rea-
listisch wie nie zuvor ins Bild zwang.
...
Gerade, weil er Gantenbein scheitern läßt, beweist Max Frisch, daß er weitergekommen ist, und das kann man kaum von einem seiner deutschsprachigen Kollegen behaupten.
4.1.6 NEUE ZÜRCHER NACHRICHTEN
Unter der Schlagzeile "Eine Summe von Fiktionen" schreibt Gerardo
Zanetti einen Artikel, wo er festhält, daß die Ansichten über Mein Name sei
Gantenbein diamentral auseinander gehen. Einige finden in Mein Name sei
Gantenbein tiefe Ansichten, während and-ere dagegen keine Tiefen sehen können.
Gerardo Zanetti hat der Roman gut gefallen, aber er hätte sich eine
durchgespielte und einheitliche Romanfigur gewünscht. Er ist aber auch gewahr,
daß es die Absicht Frischs gewesen sei, kein festes Ich darzustellen. Die Worte
"Ich stelle mir vor" und "Entwürfe zu einem ich" sind
Beweise dafür.
Durch die vielen Entwürfe: Enderlin, Svoboda, Gantenbein und Sie-benhagen
besteht die Gefahr, daß der Roman "zu einer Anhäufung von guten
Kurzgeschichten ohne Ende" auseinander zerfalle.
Aber dann verdichte sich ein neues Element, daß den ganzen Roman wieder
zusammenfügt. Dieses Element sei die Eifersucht des Ichs, und sie rückt ins
Zentrum des Geschehens.
Gerardo Zanetti gibt also dem Eifersucht-Motiv eine zentrale Rol-le, wie ich in
meiner Analyse gemacht habe und was auch Peter Hamm in seine Besprechung macht.
Der Erzähler entscheidet sich für die Gantenbein-Rolle. Es gibt aber zwei
Gantenbein-Rollen, der Pseudoblinde und der Sehende.
Der Roman endet mit dem Erwachen des Ichs an einem schönen Herbsttag in
Italien.
Gerardo Zanetti fragt sich:
Ist "Gantenbein" eine Summe und somit das Resultat einer Addition
verschiedener Geschichten - oder ist er lediglich eine Reihe von Geschichten,
die zusammenzählen kein Ergebnis gibt?
...
Ist "Gantenbein" nur beinahe oder tatsächlich ohne Geschichte
abgeschwommen? Ich tippe auf tatsächlich.
Gerardo Zanetti unterscheidet nicht zwischen dem Erzähler-Ich und
Gantenbein. Die Gantenbein-Geschichte ist ganz deutlich. Das Erzähler-Ich hat
aber versucht, ohne Geschichte abzuschwimmen.
Ich finde diese Behauptung interessant. Aber meiner Meinung nach hat das
Erzähler-Ich nicht geschafft, ohne Geschichte abzusch-wimmen. Die Leiche wird
erwischt. Das ist ein Sinnbild dafür, daß das Erzähler-Ich wie auch kein
anderer Mensch ohne Geschichte entkommen kann.
Gerardo Zanetti zitiert Max Frisch in Mein Name sei Ganten-bein:
"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er
für sein Leben hält."
Zanetti will damit unterstreichen, daß Max Frisch sich vor wahren Geschichten
scheut. Max Frisch weigert sich aber, uns zu betrügen, dennoch erzählt er uns
viele Erfindungen, weil er eine wahre Geschichte für unmöglich hält. Gerardo
Zanetti möchte aber gern, daß Max Frisch ihn einmal mit einer ganzen Erfindung
betrügen würde:
Daß die Fahrt Gantenbeins auf dieses tote Geleise ein voller Genuß ist, dafür
wollen wir der Begabung des Schriftstellers die Referenz erweisen und uns
ausmalen, wie schön es wäre, wenn er uns tatsächlich einmal mit einer ganzen
Erfindung "betrügen" würde.
4.2.0 DIE KRITIK IN DEUTSCHLAND
4.2.1 DIE WELT
In der Welt äussert Helmut Heissenbüttel seine Kritik über Mein Name sei
Gantenbein: "Ein Erzähler, der sein Handwerk haßt?"
Helmut Heissenbüttel ist sehr sachlich und gibt uns literäre Er-läuterungen
statt einer subjektiven Würdigung.
Ihm fällt als erstes auf, daß wir fast ausnahmslos den Personen im Roman in
ihrer Freizeit oder in den Pausen zwischen ihren Tätigkeiten begegnen. Nach
Meinung Heissenbüttels will Max Frisch damit unterstreichen, daß die Menschen
nur sich selbst sind, wenn sie aus ihrer sozialen Rolle entlassen sind:
In der Sinnlosigkeit dieser Pause öffnet sich ihre Subjek-tivität, ihre Subjektivität ist an solche Pausen ohne Sinn gefesselt, ist blinde Vorsichhinstarren der Langweile. Sie langweilen sich.
Die Rahmenerzählungen scheinen im ersten Augenblick etwas maka-ber. Sie sind aber nach Heissenbüttel notwendig, um Perspektive zu erzielen. Die Lebendigen brauchen Kleider und Geschichten, die Toten nicht. Die vielen Geschichten in dem Roman stehen im Rahmen der Geschichten von dem sterbenden Enderlin und der abschwimmenden Leiche. Helmut Heissenbüttel sieht nicht "abzuschwimmen ohne Geschichte" als Fazit des Romans. Max Frisch wolle damit nur an-deuten, wo seine Schwierigkeit liege. Frisch versuche etwas auf-zubewahren, was sonst verschwindet:
In der Erscheinung der Geschichte soll etwas aufbewahrt werden, das sich sonst verflüchtigt, das sich sonst nicht fassen läßt (und das, vielleicht, so deutet der Schluß an, auch ebensogut in der Verflüchtigung, der Unfassbarkeit be-lassen werden könnte).
Max Frisch erfindet drei zusammengewebte Geschichten um das
Un-aussprechliche umzuschreiben. Die Geschichten seien "Projekti-onen
einer Situation", und sie seien an ein Ich-Bewußtsein und eine Frau
gebunden.
Diese Situation werde durch die neutrale Szene, wo das Ich in seiner leeren
Wohnung von seiner Partnerin verlassen sitzt, deutlicher gemacht:
In dieser Szene sitzt der Erzähler in einer Wohnung, die verlassen worden ist,
von ihm selber und seiner Partne-rin,...
...
In dieser Szene tritt in Erscheinung, was durch die Ablei-tung der Fiktionen Gantenbein, Enderlin, Svoboda und so weiter nur verborgen wird.
Ich bin mit Helmut Heissenbüttel darüber ganz einverstanden, daß es sich
hier um eine Geschichte einer verlassenen Person handelt. Wie ich auch in
meiner Analyse behauptet habe, versucht Max Frisch im Roman, seinen eigenen
Eheverlust zu verstehen.
Max Frischs Versuch, sein eigenes Leben schriftstellerisch zu verarbeiten,
wurde in den späten Werken wie z. B. Montauk und Blaubart noch deutlicher und
rücksichtsloser gemacht.
4.2.2 FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Rolf Michaelis eine Besprechung
unter der Ûberschrift "Schnittmuster für Lebens-läufe".
Rolf Michaelis beschreibt Mein Name sei Gantenbein als "einen Roman in
Romanen." Eine Besonderheit dieses Romans, meint er, sei die unvollendete
und skizzenhafte Form. Wenn man den letzten Satz gelesen habe, sei die
Erzählung noch nicht am Ende. Der Gedankenstrich am Ende der letzten Satz deute
eine Fortsetzung an:
Der Gedankenstrich nach dem letzten Satz: "Leben gefällt mir - " ist sichtbares Zeichen für die noch nicht zur Ruhe gekommene Bewegung des Erzählens.
Er vergleicht diesen Roman mit früheren Romanen von Max Frisch. Die Titel der früheren Romane "lesen sich wie Visitkarten ihrer Hauptfiguren." Gantenbein dagegen wünscht nicht einmal seine eig-enen Ausweispapiere zu sehen. Der fehlende Gebrauch des Indikativs, sei statt ist, zeige einen Mann, der sich ein anderes Ich wünscht oder die Exsistenz in der Form der Möglichkeit der Reali-tät vorzieht.
"Möglichkeit - das ist die Dimension von Max Frischs neuem Roman", schreibt Rolf Michaelis.
Weiter zitiert Rolf Michaelis Max Frischs Skizze Geschichten von 1960, wo
der Schriftsteller über Wahrheit und Geschichten
schreibt. Vier Jahre später werden diese Gedanken in Mein Name sei Gantenbein
realisiert. Mein Name sei Gantenbein wird bezeichnet als:
Schnittmuster für wechselnde Geschichten, Vorlagen für auswechselbare Rollenfiguren, Entwürfe für Daseinsformen, Matern für vertauschbare Lebensläufe.
Rolf Michaelis vergleicht den Leser mit einem Detektiv, der die Spuren
rekonstruieren muß und die Teile zusammensetzt. Es wird auch unterstrichen, daß
es ein Roman der Liebe sei, oder genauer der Eifersucht in der Liebe.
Die Geliebte ist natürlich Lila, Svoboda ist der erste Ehemann, und Gantenbein
der zweite. Enderlin ist ein Intellektueller, der die Rolle des Liebhabers
spielt.
Michaelis Meinung nach zeigt Camilla die Liebe der kleinen Leute nach wahren
Geschichten. Die Geschichten für Camilla sind Par-abeln und Spiegelgeschichten
von Gantenbeins Phantasien um Lila. Rolf Michaelis meint sogar, daß der Name
Alil in dem Märchen von Ali und Alil rückwärts etwas vertrauter wird.
Er erwähnt weiter die Geschichte von dem verlassenen Ehemann in der leeren
Wohnung. Unterstrichen wird aber, daß der größte Teil von dem Rollenspiel eines
Mannes "der sein Glück als sehender Blinder sucht".
Der Verdacht und die Eifersucht, wovon der Roman erzählt, werde durch die
Geschichte vom Aufbrechen der Schublade unterstrichen.
Die Erzählerdistanz werde durch Ironie und sarkastische Knapp-heit geschaffen.
"das sieht doch ein Blinder!"
Was die Erzähltechnik betrifft, erwähnt Michaelis die Aufsplit-
terung und Engführung des epischen Ichs und des epischen Er in den Gestalten
von Svoboda und Enderlin.
Die sinnbildliche Funktion von Hermes wird erläutert. Hermes ist eine
vieldeutige Gestalt, wie der Roman selbst.
Hermes ist sowohl ein Gott, der in der Liebe hilft, als auch Bote des Todes.
Götterbote und Bote des Todes; das Unheimliche in aller Heiterkeit - das werden Schlüsselworte für Frischs Roman.
Weiter erklärt Rolf Michaelis das Versteckspiel Gantenbeins als ein Spiel, um nicht sehen zu müssen, wie seine Frau ihn betrügt. Die Qualen der Eifersucht werden beschrieben, aber es wird dem Leser überlassen, den Wahrheitsgehalt des Verdachts herauszufinden. Rolf Michaelis behauptet, daß Mein Name sei Gantenbein ein Roman sei, der mit der Mitarbeit des Lesers rechne.
Mein Name sei Gantenbein wird auch mit der Gegenwartsliteratur verglichen,
besonders mit dem Roman La Jalousie von dem Fran-zosen Robbe-Grillet. Das Thema
der beiden Romane sei die Ei-
fersucht. Michaelis ist hier ganz klar in seiner Bewertung, er zieht Frischs
Roman dem anderen vor:
Gleichvoll erscheinen die beiden Romane wie Positiv und Negativ einer Ansicht. Flucht in die Phantasie, spiel mit dem Konjunktiv, Orgien der Imagination bei dem Schweizer. Bei dem Franzosen: Erstarrung in einer durch die Jalousie begrenzten Perspektive, Registrierung der Wirklichkeit, kriminalistische Beweisaufnahme.
Rolf Michaelis behauptet weiter, daß die Züge Stillers in den Gesichtern von Gantenbein, Enderlin und Svoboda zu erkennen seien.
Viele Situationen lassen sich auch auf das Tagebuch zurückfüh-ren. In Mein
Name sei Gantenbein führt uns Max Frisch wieder in den Kreis seiner Ängste,
fährt Michaelis fort. Das zeige ein autobiographisches Element.
Den Hinweis aus das Leben des Autors finde ich interessant. Rolf Michaelis
hätte die autobiographische Seite des Romans viel mehr erläutern können. Die
von ihm erwähnten Themen, Ehe und Eifer- sucht, wären hier zentral gewesen.
Was Michaelis in Mein Name sei Gantenbein neu findet, ist die Gelassenheit und die Bereitschaft, sich mit der Welt abzufinden, so wie sie einmal ist. Rolf Michaelis weiß nicht, ob dieser neue Ton Weisheit oder Resignation ist.
"... die Zukunft heißt Altern..." zitiert Michaelis den Roman. Trotzdem sieht Max Frisch die Zukunft nicht so dunkel wie Ganten-bein durch seine Blindenbrille:
Wie Gantenbein durch eine dunkle, blickt Frisch durch eine rosa Brille. "Vergangenheit ist kein Geheimnis mehr, die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zukunft heißt Altern..." Derlei Lebensweis-heiten hemmen den Aufschwung dieses Romans der unbegrenzten Möglichkeiten.
Rolf Michaelis gibt eine sachliche Auswertung von Mein Name sei Gantenbein,
wobei sein Urteil überwiegend positiv ist, besonders beim Vergleich des Romans
mit anderer zeitgenößischer Literatur.
Es wird deutlich, daß hier die positive Stimme eines erfahrenen Lesers und
Kritikers zu hören ist.
In Verbindung mit einer Lesung Frischs in Frankfurt brachte die FAZ ein Interview das den Autor portraitiert und seine Beziehung zu Gantenbein aufgreift:
Die dunkle Tabakspfeife legt er selten beiseite. Die Augen wirken ungewöhnlich groß, was sicher an den Brillengläsern liegt. Er trägt eine Jacke aus weichem Leder. Das ergraute Haar liegt in leichten Wellen. Sein Name? Jetzt ist man immer versucht, Gantenbein zu sagen, seitdem er diesen li-terarischen Sohn geboren hat. Wir sprachen im Haus Suhrkamp mit Max Frisch, ehe er im Cantate-Saal aus seinem neuen Buch las.
Weiter werden der Schweizer-Dialekt und die Rastlosigkeit Max Frischs
besprochen sowie die Suche nach der eigenen Identität.
Max Frisch verneint, daß Mein Name sei Gantenbein eine Fortsetzung von Stiller
und Homo faber sei.
Den seltsamen Namen Gantenbein erklärt Frisch als einen gewöhnlichen Schweizer
Namen, u.a. hieß sein Vorgänger in einer Wohnung so, die er später bezog. Max
Frisch hat ihn nie gesehen, aber er wußte plötzlich, daß es der Name für seine
Figur war.
4.2.3 RHEINISCHER MERKUR
Im Rheinischen Merkur 1964 rezensiert Heinz Beckmann den Roman mit
"Entwürfe zu einem Ich".
Heinz Beckmann vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Andorra. Der Jude in
Andorra ist kein Jude, der blinde Gantenbein ist nicht blind.
Beckmann stellt fest, daß Max Frisch noch auf die Frage der Iden-tität des
Menschen fixiert sei. Auf die Frage, was im Roman pas-siere, antwortet Heinz
Beckmann: "Überhaupt nichts."
Was die Erzählweise betrifft, benutzt er Worte wie: "Feuerwerk",
"vortreffliches Vexierspiel" und "literarische
Schlemmerplatte". Über die Sprache sagt er:
Es ist vor allem die Sprache, die dem Labyrinth einen festen Halt gibt, diese
frische, knappe, unmittelbar an der Sache orientierte Sprache mit ihrer
federnden Wendigkeit bis hin zu rhythmischen Variationen, die sogar Gefühl zum
Klingen bringen und dabei der Ironie nur gerade noch die Rolle eines Gewürzes
zugestehen.
Heinz Beckmann wiederholt den Vergleich mit Andorra, und meint, daß der Roman sich in "ein Nichts" auflöse:
Mitunter erschrickt man, wie bei der Geschichte von dem Juden in Andorra. Der
Mensch, das Leben löst sich unter lauter Vexierbildern in ein Nichts auf. Es
wird auf einmal "still wie in Pompeji".
Beckmann erwähnt auch, daß Max Frisch uns durch die Worte "Ich stelle mir vor" hindert, daß wir die Vorstellungen für Wirklichkeit halten.
Heinz Beckmann hat in seinem Artikel jedoch Probleme, die Grenze zwischen
dem Erzähler und den verschiedenen Rollen einzuhalten. Er zitiert
"Gantenbein" (statt des Ichs) auf dem Schiff nach Amerika: "Es
geht mir gut, wie gesagt, nicht sehr gut, aber gleichgültig gut..."
Die Gleichgültigkeit hält Heinz Beckmann für einen charakteristischen Zug des
Romans. Es zeigt sich aber ein paar Risse auf der Oberfläche. Einer der
wichtigsten Risse sei der Alltag, das heißt die Wirklichkeit.
Der Konjunktiv im Titel des Romans "Mein Name sei Gantenbein" löst
die geheime Unruhe aus. Hier wird Wirklichkeit aufgedröselt wie die Wolle eines
abgetragenen Pullovers.
4.2.4 STUTTGARTER ZEITUNG
"Unheimliches in aller Heiterkeit" nennt Peter Horst Neumann
seinen Artikel über Mein Name sei Gantenbein in der Stuttgarter Zeitung.
Die Schlagzeile verweist auf Hermes, die vieldeutige Gestalt, die im Roman
besprochen wird. "Hermes ist Gott des Romans", schlage Peter Horst
Neumann fest.
... Er ist ein Helfer, ein Glücksbringer, aber auch ein Irreführer... all dieses gehört zu Hermes und seinem Wal-ten, das Unheimliche in aller Heiterkeit..."
Der Konjunktiv im Titel bestimme den Modus des Romans, der durch die
Zauberformel "Ich stelle mir vor" die vielen Geschichten und Entwürfe
mache:
Der Konjunktiv bleibt der bestimmende Modus des Romans; nicht grammatisch, versteht sich, sondern essentiell. Die stehende Wendung, mit der die meisten Erzählabschnitte ein-geleitet werden - es gibt keine Kapitelgliederung -, heißt: "Ich stelle mir vor..." Damit ist die Romanhandlung von An-fang an im Spielraum der blossen Möglichkeit angesiedelt, woraus sich wichtige Konsequensen für den Aufbau des Werkes ergeben: keine zeitliche Sukzession, keine Fabel, man kann sagen: kein "Roman". An deren Stelle tritt das Experiment mit vertauschbaren "Geschichten", in der Sprache des Buch-es: "Entwürfe zu einem Ich!"
Peter Horst Neumann sieht auch eine Verwandschaft mit Stiller und Walter Faber.
Er betrachtet Gantenbein als "einen glücklichen Stiller". Enderlin
ist mit Walter Faber verwandt.
Enderlin ist ein typischer Intellektueller. Er hat den Ruf nach Harvard. Walter
Faber ist ebenfalls mit seinem Fach beschäftigt.
Beide sind also Wissenschaftler. "Enderlin kann keine Rolle
spie-len-", Walter Faber auch nicht. Neumann nennt weiter, daß beide Krebs
haben.
Peter Horst Neumann bespricht den Erzähler des Romans. Er ist we-nig sichtbar
und wird mit einem Schatten verglichen. Der Erzähler hofft durch die
verschiedenen Rollen sich selbst zu finden.
Über die Rolle des Ich-Erzählers schreibt Peter Horst Neumann:
Wie ein Schatten durch Figuren aus Glas geht ein Ich durch die Gestalten seines Romans - ja, dieses Hindurchgehen ist sein "Roman". Ein Schatten ohne Körper, eine Erfahrung ohne Schicksal, ein nacktes Ich, die Geschichten wie Kleider "probiert" und beiseite legt, ein ego ludens, ein spielen-des, bisweilen verspieltes Ich, noch in Banalstes mit Lust sich versetzend, rollenbesessen aus Not, ein Schauspieler, der von jeder Verwandlung sich selber erhofft.
Peter Horst Neumann legt großes Gewicht auf die Schlußworte des Romans:
"... Leben gefällt mir." Wer die Werke dieses sympathischen
Schriftstellers kennt, mag das Gewicht dieses Satzes be-
greifen. Leser, denen unsere moderne Literatur, einschließlich der Werke Max
Frischs, nicht selten zu "pessemistisch" schien, mögen erleichtert
aufatmen, Gegen die Umkehrung ihres Vorurteils wird dieser Roman dennoch sich
selber verwahren; was ihn auszeichnet, ist Weisheit.
Was diesen Roman auszeichne, sei also Weisheit. Der Schlußsatz des Romans
enthält nach der Meinung Peter Horst Neumanns Opti-mismus.
Man könnte auch den glücklichen Schluß als nur scheinbar oder gespielter Glück
interpretieren. Ein unglücklicher Mensch ver-sucht sich selbst zu überzeugen,
daß er trotz der traurigen Situation jedoch glücklich ist.
4.2.5 DIE ZEIT
Zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 1964 druckt Die Zeit in der
Literaturbeilage Hans Mayers Artikel: "Mögliche Ansichten über Herrn
Gantenbein".
Hans Mayer legt großes Gewicht auf die Worte "Ich stelle mir vor".
Sie sind die Schlüsselworte zum Verstehen des Romans.
Diese Worte, behauptet er, sind die Keimzelle des Romans.Max Frisch will kein
Spiel mit der Glaubwürdigkeit des Lesers trei-ben, sondern er bricht diese
Illusion immer wieder durch die Wor-te "Ich stelle mir vor".
Die Illusion des Lesers soll immer wieder gestört, sein Bedürfnis nach seelischer Vereinigung mit den Gestalten und ihrem romanhaften Treiben immer wieder dadurch enttäuscht werden, daß unablässig bloß eine vorgestellte Welt, eine Vorstellungswelt zugelassen wird.
Die Schauspielerin Lila muß Max Frisch gereizt haben, meint Hans Mayer. Aber Lila wird durch den Roman etwas "umfunktioniert". Der Erzähler stellt sie sich z.B. sowohl Mutter als auch Gräfin vor. Diesen Wechsel versteht Hans Mayer als ein Bedürfnis des Schriftstellers, den ständigen Wechsel einer Schauspielerin zwi-schen vorgestelltem Bühnenleben und "wirklichem" Leben. Am Ende weiß der Erzähler nicht, wer sie ist. Und Hans Mayer zitiert die Worte des Erzählers:
"Einzige Gewißheit über Lila: So wie ich mir sie vorstelle,
gibt es sie nicht."
Weiter behauptet Hans Mayer, daß Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein mit Dürrenmatts früherem Drama von dem Blinden ver-wandt sei. Durch folgendes Zitat aus dem Tagebuch 1946 - 1949 will Hans Mayer diesen Zusammenhang beweisen:
"Ein Blinder, der die Zerstörung seines Herzogtums nicht wahrgenommen hat, glaubt er lebe immernoch in seiner fes-ten Burg. In seinem Glauben, in seiner Einbildung verwaltet er ein heiles und verschontes Land. So sitzt er inmitten von Ruinen, die er als Blinder ja nicht sehen kann, umringt von allerlei wüstem Gesindel des Krieges, von Söldnern, Dirnen, Räubern, Zuhältern, die nun den Blinden Herzog, seinen Glauben verhöhnend, zum Narren machen wollen indem sie sich von ihm empfangen lassen als Herzöge und Feldherren, die Hure aber als verfolgte Äbtissin; der Blinde spr-icht sie an, wie er sich vorstellt, daß sie es verdiene, wir aber sehen die verrotzte Person, deren Segen als Äbtissin er gläubig erbittet - kniend..."
Im Tagebuch 1946 -1949 hat Max Frisch einige weitere Kommentare zum Drama Dürrenmatts. Frisch kommentiert das Wiederspiel von Wahrnehmung und Imagination, und daß im Drama Dürrenmatts das Theater sich selbst spiele.
Dürrenmatts Thema werde bei Max Frisch weitergeführt und weiterentwickelt.
Bei Max Frisch gibt es keinen Blinden, der in einer Welt der Einbildungskraft
lebt, sondern es geht um den Nur-
scheinbar-Blinden, den alle Welt für blind hält. Deshalb spielt man ihm eine
Scheinwelt vor, während er hinter der schwarzen Brille die wirklichen Vorgänge
sehen kann.
Mein Name sei Gantenbein ist also der Kontrapunkt von Dürren-matts Drama.
Wer von diesem Blindenspiel besonders betroffen wird, ist na-
türlich Lila.
Hans Mayer betont auch das höhnische Benehmen Gantenbeins, als er sich an die
Stelle des Theaterbesuchers setzt.
Max Frischs epische Darstellung gibt mehr Möglichkeiten als Dürrenmatts Drama.
In Mein Name sei Gantenbein handelt es sich nicht nur um ein Doppelspiel,
sondern ein Trippelspiel.
Die Vorstellung oder die Einbildungskraft und darin die Nur-
scheinbar-Blindengeschichte, hält Hans Mayer für das wichtigste Thema des
Romans. Daneben gehe es um die Frage nach der Einheit der Persönlichkeit oder
"den Zweifel an dieser allgemein ange-nommenen Einheit".
Max Frisch kreise auch wieder um die Frage, wie unser Dasein von außen aussehe,
und nur von außen.
Es gibt aber auch etwas Neues in Mein Name sei Gantenbein: Unser Leben hängt
eng mit Sprechen und Sprache zusammen. Es gibt einen Unterschied zwischen dem
elebten Lebensvorgang und dem nachträg-lichen erzählten Lebensvorgang.
Hans Mayer weist nochmals auf das Tagebuch 1946 - 1949 hin. Er unterstreicht
aufs neue das Tagebuch als wichtige Keimzelle zu Max Frischs gesamten späteren
Werken.
"Jeder Gedanke ist in dem Augenblick, wo wir ihn zum er-stenmal haben,
vollkommen wahr, gültig, den Bedingungen entsprechend, unter denen er entsteht,
dann aber, indem
wir nur das Ergebnis aussprechen, ohne die Summe seiner
Bedingungen aussprechen zu können, hängt er plötzlich im Leeren, nichtssagend,
und jetzt erst beginnt das Falsche, indem wir uns umsehen und Entsprechungen
suchen..."
Diese Weiterführung des Themas früherer Romane, meint Hans Mayer, sei keine
"Verwässerung", sondern es mache Stiller, Homo faber und Mein Name
sei Gantenbein zu einer Trilogie. Stiller und Homo faber seien
Komplementärromane. Stiller wünscht sich ein anderes Dasein. Walter Faber
berechnet die Welt wie eine technische Auf-gabe.
Gantenbein ist nicht naiv, wie Stiller. Gantenbein erfindet sich Lebensweisen,
stellt sich in der Einbildungskraft die vielen mög-lichen Leben vor. Er kann
aber auch das Leben real durchleben. Es besteht also eine Entwicklung von
Stiller zu Mein Name sei Gantenbein.
Dann folgt noch ein Zitat aus dem Roman, das über das Leben und die Geschichte
erzählt:
"Man kann sich selbst nicht sehen, das ist's, Geschichten gibt es nur von außen", sage ich, "daher unsere Gier nach Geschichten!"
Und er schließt sein Zitat mit den zentralen Worten des Romans
ab:
"'Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Ge-schichte, die er für sein Leben hält', sage ich, 'oder eine ganze Reihe von Geschichten', sage ich."
Hans Mayer fügt hinzu, daß Max Frisch diese Worte als künstlerische Selbstaussage in einem sogenannten "Werkstattgespräch" von 1961 geäußert habe.
Kurzgefaßt kann man die Kritik Hans Mayers verstehen als ein im voraus
gemachtes Gegengespräch gegen die Leser und Kritiker, die Mein Name sei
Gantenbein als eine Neuauflage der Schillerge-
schichte sehen wollen. Er sieht auch den Zusammenhang und die Entwicklung von
Stiller und Homo faber zu Mein Name sei Gantenbein ebenso wie den erweiterten
Zusammenhang. Durch Hinweise auf das Tagebuch und Dürrenmatt steht Mein Name
sei Gantenbein als ein selbständiger Teil in einem größeren Puzzlespiel.
Hans Mayer hat auch Probleme zwischen dem erzählenden Ich und Gantenbein zu
scheiden. "Er (Gantenbein) notiert", schreibt er und zitiert das
Erzähler-Ich. Es ist auch etwas schwierig, die verschiedenen Ich-Bennungen
auseinader zu halten.
4.2.6 WOCHENZEITUNG DES IRGUN OLEJ MERKAS EUROPA
In der oberngenannten Zeitung schreibt Wera Lewin eine Besprechung von Mein
Name sei Gantenbein und nimmt als Ausgangspunkt die Beschreibung von dem Pferd,
das voller Todesangst ist und mit der Flucht des verzweifelten Nackten
fortfährt.
Das nackte, verzweifelte Ich probiert Geschichten an wie Kleider. Das Ich sei
sowohl Gantenbein, Enderlin als auch Svoboda. Die Gantenbein-Rolle gefällt ihr
jedoch am besten. Es geht nach Meinung Wera Lewins um die Suche nach dem
eigenen Ich:
Doch wer bin "ich "? Diese Frage bestimmt das Werk Frischs. Seine Romane, seine Dramen sind unzählige Variationen des Versuchs, eine Antwort auf sie zu finden.
Mein Name sei Gantenbein sei eine Weiterentwicklung der Ich-Ge-schichten:
Diese Suche nach dem "Ich", nach der Möglichkeit der Selbstindetifikation, führt nun im "Gantenbein" zu vollkommener Aufspaltung der Persönlichkeit und zur Leugnung ihrer Kontuniutät.
Der Roman handle von der verzweifelten existentiellen Situation der
Menschen. Sogar die Blinden-Situation sei unausstehlich. "Ich möchte aus
meiner Einbildung heraus, ich möchte in der Welt
sein."
"Es ist ein Vorgeschmack der Hölle", schreibt Wera Lewin. Sie sieht
im Roman mehr als eine subjektive Darstellung, er ist ein Zeitdokument:
Obwohl heute das Gefühl der Sinn- und Haltlosigkeit ange-sichts drohender völliger Vernichtung zu einer kaum er-tragbaren Verzweiflung wird, ist dieses Existenzgefühl an sich keineswegs unserer Zeit allein eigen. Der auf sich ge-stellte Mensch, der von keiner persönlichen religiöseti-schen oder gesellschaftlichen Ordnung mehr gehalten wird, ist stets seiner Isolierung erlegen. Damit wird die heutige Situation ihrer Einmaligkeit entkleidet, sie wird relativ-iert.
Viele große Künstler hätten ihren eigenen Untergang überwunden dadurch, daß
sie ihre Gestalten haben untergehen lassen.
Max Frisch habe aber dem "Nein" gegenüber kapituliert, behauptet Wera
Lewin:
Eine äußerst gefährliche Kapitulation, weil sie von einem der heute
repräsentativen Schriftsteller ausgesprochen wurde. Es gibt schon Gegenstimmen,
sogar unter der Jüngeren. Ein Künstler vom Range Frischs würde einer positiven
Form, einer Erfüllung des "Ich"s eine ganz andere Resonanz und
Bedeutung geben können.
Die Beschreibung von der existentiellen Krise widerspricht die Behauptungen, derer, die in Mein Name sei Gantenbein die Suche nach dem Paradiese sehen.
4.2.7 DER SONNTAG ( Berlin-Ost )
Im folgenden ein Beispiel aus dem Sonntag, der Illustrierten zum Gantenbein
bringt.
Die Ost-Deutschen haben Schwierigkeiten, einen solchen modernen Roman zu
akzeptieren. Deswegen machen sie sich über ihn lustig.
4.2.8 NEUE ZEIT ( BERLIN-OST )
In der Neuen Zeit, Berlin - Ost schreibt H. U. über Mein Name sei
Gantenbein.
Der Roman handelt nach H. U. von Tagträumen und Wunscherfüll-ungen. Solche
Vorstellungen haben alle Menschen, die etwas Phan-tasie haben.
Max Frisch aber mache in Mein Name sei Gantenbein solche Vor-stellungen zur
literarischen Methode. Mein Name sei Gantenbein sei keine Flucht aus der
Realität, sondern ein "besonderes Vor-fahren zu Realitätserhellung".
Das macht "Ich stelle mir vor" zum Schlüsselwort des Romans samt
"Ich probiere Geschichten an wie Kleider".
Enderlin, Svoboda und Gantenbein haben alle verschiedene Erfahr-ungen im Leben.
Gantenbein simuliert Blindheit, um die Umwelt besser durchschauen zu können.
Darin liegt gleichzeitig eine Gesellschaftskritik:
Frisch sieht diese Gesellschaft kritisch, begegnet ihr mit Ironie; Gantenbein, der unter dem Deckmantel der Blindheit um so scharfsichtiger ist, durchschaut denn auch mit Sich-erheit den Jahrmarkt der Eitelkeiten und das Einander-eine-Rolle-vorspielen, worin der Lebensinnhalt dieser guten Ge-sellschaft offenbar besteht.
H.U. deutet an, daß die Erzählungen eine tiefere Bedeutung haben. Sie deuten
den Wirklichkeitsverlust der Gesellschaft an und auch die Unfähigkeit der
Menschen die Realität zu erleben, Persönlichkeitsverarmung, psychische
Problematik und das Phänomen der Iso-lation.
Viele von den "klugen Bemerkungen" stehen in Klammern, z.B. die
Aussage über die Ich-Geschichten.
Die Situationskomik, die die simulierte Blindheit hervorbringt, mache den Roman sehr amüsant aber nicht ohne Nachdenklichkeit. Dennoch gibt das Lesen von Banalitäten H.U. "ein Gefühl des Un-behagens", denn er/sie hat Schwierigkeiten die Quintessenz zu finden:
Es rührt von der Ungeduld her, mit der man - je langer man las, desto mehr -
nach Substantiellem suchte, nach einer Quintessenz, nach etwas, das sich aus
diesen Gedanken- und Erzählspielen ergibt, ohne solches recht zu finden.
H.U. hält, daß wir alle Geschichten ausdenken, nur nicht so gut wie Frisch. Er/Sie schließt mit den folgenden Worten über das Geschichtenausdenken, die Tagträumerei als literarisches Prinzip:
Ob aber Geschichten ausdenken nun ein tragfähiges Organisationsprinzip für vierhundert Seiten Romanprosa ist, darf nach diesem Gantenbein-Experiment denn doch bezweifelt wer-den.
Ein paar andere Rezensenten haben sich auch gefragt, ob der Roman zu lang ist.
4.3.0 DIE REZEPTION VON MEIN NAME SEI GAN- TENBEIN IN NORWEGEN
Mein Name sei Gantenbein wurde 1965 von Carl Fr. Engelstad ins Norwegische übersetzt und erschien im Verlag Gyldendal.
4.3.1 AFTENPOSTEN
In Aftenposten schreibt Birgit Wiig eine Rezension: "Kall meg
Gantenbein".
Birgit Wiig nimmt als Ausgangspunkt die Geschichte von dem Pech-vogel, der das
große Los gewinnt. Dieses Glück bedroht sein eige-nes Ich, aber das
Gleichgewicht wird wieder in Ordnung gebracht, wie er seine Brieftasche
verliert:
"Mannen kan igjen bli lykkelig - i forvissningen at han er en
ulykkesfugl."
(Der Mann kann wieder glücklich werden - in der Gewissheit, daß er ein Pechvogel ist.)
Die Geschichte von dem Pechvogel ist nach Wiig zentral in der
Welt des Romans als Frage: Was ist ein Mensch, und was ist ein sogenannter
Charakter? Nicht das, was man glaubt, jedenfalls!
Ein jeder Mensch, eine jede Persönlichkeit, sei eine Kette von gewollten
Geschichten, die sich scheinbar logisch zusammensetzen. Ein jeder Mensch dichte
sein Schicksal aus einer gewissen Auswahl von Erfahrungen, die er gemacht hat.
Dieser Mensch könnte ein an-derer geworden sein, wenn die Auswahl von
Geschichten eine andere gewesen wäre.
Das Ich des Romans hat selbst seinen Namen und seine Geschichte gewählt. Mit
großer Genauigkeit beschreibt der Schriftsteller die verschiedenen Möglichkeiten
Gantenbeins vom blinden Gatten bis zum blinden Reiseführer. Als gespielter
Blinder wolle er die Lüge und Heuchelei enthüllen.
Die Geschichten kreuzen einander. Meistens ist Gantenbein blind. Man fühlt beim
Lesen, daß das Schizophrene das natürliche ist.
Birgit Wiig nennt frühere Werke von Max Frisch, Stiller, Homo faber, Andorra
und Biedermann und die Brandstifter, die dasselbe Thema behandeln.
Die Kritikerin erwähnt auch, daß Max Frisch einmal gefragt wurde, ob er jemals
ein anderes Thema versucht habe. Max Frisch hat dar-auf geantwortet:
"Selvfølgelig", svarte Frisch. "Jeg vil da ikke være denne Max Frisch hele livet. Foran hvert nytt arbeide har jeg hatt denne naive tro at nå, Guskjelov, har jeg begynt på et radikalt nytt tema, - men før eller senere måtte innse at alt som ikke var radikalt mislykket, hadde radikalt det samme tema."
(Frisch: Das habe ich, natürlich. Ich will doch nicht ein
Leben lang dieser Max Frisch sein! Bei jeder neuen Arbeit
hatte ich das naive Gefühl, daß ich jetzt, Gott sei Dank, ein radikal anderes
Thema angehe - um früher oder später festzustellen, das alles, was nicht
radikal mißlingt, das radikal gleiche Thema hat.)
Birgit Wiig deutet schließlich an die Entwicklung der Literatur von Ibsen und
Strindberg zu Max Frisch an. Ibsen hält den Charak-ter, das Ich, für etwas
Festes, das man immer besser kennenler-nen kann. Mit Strindberg fange die
Darstellung des unberechenbaren und irrationellen des Charakters an.
Max Frisch habe den Charakter zum Postulat gemacht.
In Mein Name sei Gantenbein behauptet Max Frisch, daß der Charak-ter eine
Sammelung von Geschichten nach freier Wahl sei.
Birgit Wiig deutet in ihrer Besprechung auf etwas hin, daß ich auch besonders
typisch für die Erzählungs-Technik dieses Romans finde; nämlich die genauen
Beschreibungen der Dinge:
"Frisch beskriver detaljer med en Zolaisk nitiditet- ..."
(Frisch beschreibt Details mit der Genauigkeit Zolas)
4.3.2 ARBEIDERBLADET
In Arbeiderbladet schreibt Odd Solumsmoen einen Artikel über Mein Name sei
Gantenbein unter dem Titel "Blindeskrift" (Blinden-
schrift).
Wie die Überschrift besagt, nimmt Odd Solumsmoen das Blindenspiel als
Ausgangspunkt. Gantenbein dolmetsche das Leben, wie ein Blin-der die
Blindenschrift dolmetscht.
Es handele sich um ein gelerntes Gefühl, sich das Leben vorzustellen:
Gantenbein ist vielleicht nicht Gantenbein, aber Svoboda, Einhorn oder
Enderlin, der nicht nach Harvard fahren will, um eine ehren-volle Ernennung zu
empfangen.
Max Frisch fange damit an, daß der Ich-Erzähler in einer Bar sit-ze und eine
Geschichte zu seiner Erfahrung suche. Das Ich pro-biert Geschichten an wie
Kleider. Die Möglichkeiten als gespiel-ter Blinder gefalle ihm am besten.
Odd Solumsmoen vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Graf Öder-land (1951), wo
Max Frisch auch seinen Personen Identitätswech-selung zustehe.
Chronologie gibt es nicht im Roman. Die Chronologie gehört, nach der Meinung
Odd Solumsmoens zur Abteilung von unbrauchbaren Erfindungen.
Max Frisch sei nicht Gesellschaftskritiker in Mein Name sei Gan-tenbein, wie er
es in Graf Öederland war, jedenfalls weniger dir-ekt. Es wird ja in Mein Name
sei Gantenbein auch über das Welt-geschehen der Sechzigerjahre wie Kommunismus,
Cuba und die Atom-bombe gesprochen.
Solumsmoem betont den Humor Max Frischs. Sein Humor wird als ba-rock, grotesk
und makaber bezeichnet und mit Dürrenmatts vergli-chen.
Erst spät kommt der Artikelschreiber zu Lila. Baucis heiße viel-leicht Lila.
Gantenbein sei der Gucker, der an der Tür lauscht und Lilas Briefe liest. Die Tatsache,
daß er seine eigenen Lie-besbriefe findet, unterstreiche die altmodischen
Qualen der Ei-fersucht, wovon der Roman erzähle.
Gantenbein bleibt also blind. Am Ende wird er aber vor Gericht gebracht. Es hat
sich nämlich gezeigt, daß es kein Gantenbein und keine Camilla Huber gibt.
Gantenbein wird angeklagt, daß er nur Erfindungen erzählt:
("De forteller bare oppdiktede ting".) Gantenbein erwidert, daß er
lauter Erfindungen erlebe. ("Jeg opplever bare oppdiktende ting".)
Gantenbein erlebt sogar seine eigene Beerdigung, und Odd
Solumsmoen erwähnt die phantastische Geschichte von der Leiche, die es fast
geschafft hätte, ohne Geschichte abzuschwimmen.
Odd Solumsmoen zerlegt aber nicht die Erzählung von der ab-
schwimmenden Leiche. Dieser Szene hat eine wichtige sinnbildliche Bedeutung für
das Verstehen des Romans. Die Frage ist, ob das Ich mit oder ohne Geschichte
loskommt.
Ich meine nein!
Dieses Buch, das von Persöhnlichkeitsspaltung,
Identifikationsverschiebungen, aber vor allem vom Unfaßbaren des Lebens handelt,
ist keinem anderen Buch ähnlich, meint Odd Solumsmoen. Er erwähnt dennoch Emil
Boysens Yngere herre på besøk (Jüngerer Herr auf Besuch) und Johan Borgens Jeg
(Ich) als ferne Verwandte.
Mein Name sei Gantenbein paße nicht in einen Leserzirkel, auch nicht als
Zuglektüre. Dazu sei der Roman nicht schematisch genug.
Am Ende lobt Odd Solumsmoen den Übersetzer, der den Roman in ei-ner natürlichen
Weise ins Riksmål übersetzt habe, ein viel-deutiges Werk, das vor besondere
Schwierigkeiten stelle, denn der Humor und die Mehrdeutigkeit können nur durch
sprachliche Nuan-cierungen erhalten werden.
4.3.3 MORGENPOSTEN
"Lek med speil" (Spiel mit Spiegel) nennt Ebba Haslund ihre
Besprechung von Mein Name sei Gantenbein in Morgenposten.
Sie behauptet, daß alle Kunstarten im Wandel seien. Das alte
Weltbild sei zerschmettert. Die Auflösung der Persönlichkeit sei schon bei
Freud vorbedeutet worden. Nach der Meinung Ebba Has-lunds ist das Ich von einer
verantwortlichen Einheit zu einer fließenden Summe von Eindrücken verwandelt
worden.
Die Schriftsteller Virginia Wolfe, Pirandello, Lawrence Dürrell und Johan
Borgen kreisten ebenfalls um die Frage: Was ist der Mensch, wer bin ich?,
schreibt Ebba Haslund.
Der große schweizerische Schriftsteller Max Frisch behandle das
Identifikationsproblem stets in seinen Büchern, am dreistesten und sehr
durchgehend in Mein Name sei Gantenbein.
Ebba Haslund weist darauf hin, daß Mein Name sei Gantenbein zur Zeit in elf
Ländern herausgegeben werde. Im Englischen heiße der Roman A Wilderness of
Mirrors (Eine Wildnis von Spiegeln). Diesen Titel hält Ebba Haslund für sehr
deckend, denn das Gesicht der Hauptgestalt werde von vielen Seiten reflektiert.
Die Artikelschreiberin meint weiter, daß es sehr schwierig sei, einen solchen
Roman zu referieren, weil die Hauptperson die Geschichten wechsele wie Kleider.
Das Ich denke sich immer neue Situationen aus, und oft passiere das Gegenteil
von dem Erwarteten.
Ebba Haslund vertauscht die Begriffe Autor und Erzähler, denn sie schreibt:
"Forfatteren skifter selv identitet," ... (Der Autor wechselt selbst
die Identität).
Gemeint ist der Wechsel der Rollen des Ich-Erzählers.
Durch die Blindenrolle wird Gantenbein vieles erspart, das heißt, er kann
vieles übersehen. Vor allem wird er von den Qualen der Eifersucht verschont.
Die Eifersucht ist, nach der Meinung Ebba Haslunds, das Hauptmotiv des Romans.
Gantenbeins Eifersucht betrifft auch das Wei-terleben der anderen Menschen nach
seinem eigenen Tode:
"Hva gjør min elskede når hun er borte fra meg? Men: Hva gjør verden, når jeg ikke er til stede?"
(Was macht meine Geliebte, wenn sie von mir weg ist? Aber: Was macht die Welt, wenn ich nicht hier ist?)
Durch das Blindenspiel ist Gantenbein unsichtbar anwesend, wie der Mann, von
dem erzählt wird, daß er Zuschauer seines eigenen Begräbnisses war.
Am Ende ihres Artikels kommt Ebba Haslund auf das Jalousie-Thema zurück. Mit
einem Zitat aus dem Roman unterstreicht sie, daß die Eifersucht weniger mit der
Liebe zu tun hat als mit der Kluft zwischen der Welt und der Wahn.
Nach der Meinung Ebba Haslunds ist Mein Name sei Gantenbein ein schwierig zugänglicher aber sehr faszinierender Roman. Es sei nicht leicht, dem Spiel des Verfassers zu folgen in seinem ele-ganten Spiel mit Spiegeln, wo er mit dem Leser Verstecken spielt. Den Faden und den Sinn zu finden seien schwer. Es sei aber gute Unterhaltung und führe zu Reflexionen und Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Mann und Frau.
4.3.4 MORGENBLADET
In Morgenbladet schreibt Idar Aasheim seine Kritik über Mein Name sei
Gantenbein und fängt mit einigen allgemeinen Betrachtungen über Literatur und
Schriftsteller an.
Die meisten Schriftsteller sollten, nach der Meinung des Ar-tikelschreibers,
staatliche Pension bekommen, wenn sie sich dazu verpflichteten, nie mehr Bücher
zu schreiben, weil sie den Leser langweilen.
Zusammen mit Max Frisch dagegen habe sich dieser Leser fast nicht gelangweilt.
Die meisten Leser kennten wohl Frisch als Verfasser von Schauspielen. Er habe
ja früher auch lesbare Romane wie Stil-ler und Homo faber geschrieben. In Mein
Name sei Gantenbein aber fabuliere er freier und sei voller Einfälle.
Die Verlage und einige Kritiker sowohl in Norwegen als auch im Ausland
hätten moderichtige Brillen aufgesetzt, die sie für die schärfsten hielten, und
der Welt mitgeteilt, daß Frisch ein bedeutendes Werk über das
Identifikationsproblem geschrieben habe: Bin ich ich selbst oder ein anderer,
oder bin ich sowohl ich selbst als auch der andere? Dieses Jonglieren auf der
Spitze der Schizophrenie sei das beliebteste der intellektualistischen Spiele.
Diese Quasitiefsinnigen hätten das Gegenteil von Ganten-bein gemacht. Er
schafft sich Blindenbrille, Blindenstock und Blindenschein an, um Nichtsehender
zu sein. Aber gerade dadurch kann er manches sehen, was dem normalen Sehenden
entgeht. Hinter seinen dunklen Gläsern macht er scharfe Beobachtungen, mit
denen die Umgebung sich nicht beschäftigt, weil sie glaubt, daß er
blind sei.
Das Blindenspiel sei aber moralisch anstößig.
Gantenbein zweifele nie daran, daß er sich selbst ist. Die Mas-
kierung sei kein Ausdruck dafür, daß Gantenbein an seiner eigenen Identität
zweifelt. Deshalb sei der Roman kein krankhaftes Krei-sen darum, ob die
Hauptgestalt wirklich sich selbst sei.
Der Artikelschreiber behauptet weiter, daß der Roman sich nicht erzählen
lasse. Ein Referat wäre nichtssagend.
In diesem Roman habe sich Max Frisch weit von den Modeschreibern und ihren
programmatischen Schwarzseherei entfernt. Mein Name sei Gantenbein sei ein
lebendiger und wohlgeschriebener Roman. Weniger tüchtige Schriftsteller hätten
diesen Stoff zu etwas Tra-gisch-Tiefsinnigem gemacht.
Frisch bewege sich aber mit Eleganz durch das schwierige Terrain, die nur
vorkommt, wenn schaffender Gedanke unter ethischer Zucht gesetzt wird. Er
verfalle nie zu dem Quasitiefsinn, der Melancho- lie, der Sentimentalität oder
der Roheit und Brutalität, wie viele der literarischen Größen unserer Zeit.
Idar Aaheim hat nur einen Einwand gegen Frisch. Dieser ist seine Selbstliebe ("selvforelskelse"), daß er nie vergessen kann, wie begabt er ist sich unerwarteter literarischer Wirkungsmittel zu bedienen. Das Ergebnis davon sei, daß der Roman einige Seiten zu viel habe.
Als Schlußfolgerung schreibt er:
Men som sagt, kjære leser. De skal ikke la Dem avskrekke av all tale om indentitetsproblemet
i forbindelse med Frisch. Det finnes ikke behandlet i denne romanen - hvis da
ikke all psykologisk skildring herefter betegnes som identitetsproblematikk.
(Aber wie gesagt, lieber Leser. Sie sollen sich nicht von der Rede über das
Identifikationsproblem im Zusammenhang mit Frisch abschrecken lassen. Es wird
in diesem Roman
nicht behandelt - wenn nicht alle psychologische Schilder-ung von nun an als
Identitätsproblematik bezeichnet werden soll.)
Diese Behauptung, daß es in Mein Name sei Gantenbein gar nicht von
Ich-Problematik handele ist interessant. Die meisten Rezen-senten widersprechen
diese Ansicht. Max Frisch ist noch mit dem Ich beschäftigt, aber in einer
anderen Weise. Er spielt mit dem Ich. Das Hauptthema des Romans wäre wahrscheinlich
die Eifersu-cht.
4.3.5 VERDENS GANG
In Verdens Gang schreibt N.N. folgende Besprechung von Mein Name sei
Gantenbein:
Er/Sie fängt mit einer Beschreibung der Dichter-Zwillinge Frisch und Dürrenmatt
an. Ihre Werke seien sowohl unterhaltend als auch spannend. Beide seien durch
ihre Dramen berühmt worden.
über den Schlüssel zur Frisch-Methode sagt N.N.:
En mann har gjort en erfaring, nå søker han en historie for sin erfaring.
...
"Jeg prøver historier som om de war klær -" ...
(Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte seiner
Erfahrung.
...
Ich probiere Geschichten an wie Kleider.)
Das Wechseln der Geschichten wie Kleider, sei genau was Frisch in diesem
Roman tut.
Kurz gefaßt sei es ein Roman über die sentimentalen Gefühle des Menschen,
besonders über die Qualen der Eifersucht.
Der Rezensent von VG sieht Max Frisch in Mein Name sei Gantenbein mit der Frage
"Wer bin ich" beschäftigt, wobei er dem Autor mani-erische Tendenzen
und dichterische Mode vorwirft. Seine Meinungen scheinen vorgefaßt, von der
Faber-Gestalt her bestimmt, da er für Frisch die Vorliebe für technisch
geschulte Individuen anmerkt und die daraus resultierende Schwierigkeiten.
Er sieht die Beschränkung Frischs darin, nicht stringent denken zu können und
in Digressionen zu ertrinken.
Nach der Meinung von N.N. läßt sich die Handlung nicht wiederge-ben. Das sei
auch nicht notwendig. Frisch sei sehr stimulierend und spannend. Seine
Beschränkungen seien aber auch deutlich.
Nicht verständlich daher der Schluß, daß das Schaffen Frisch und Dürrenmatts -
deren große Unterschiedlichkeit nicht erkannt wird - mit der Präzision von
Schweizer-Uhren verglichen wird.
Es ist also in dieser Besprechung ein klarer Widerspruch zwischen dem fehlenden
stringenten Denken und dem Präzision des Schreibens, das mit einem
Schweizer-Uhr verglichen wird.
4.3.6 SOGN OG FJORDANE
In einer kleinen westnorwegischen Zeitung, Sogn og Fjordane, stand ein
kleiner Artikel über Mein Name sei Gantenbein von "K" verfaßt.
Bemerkenswert ist, daß eine kleine lokale Zeitung sich mit einem
schweizerischen Roman beschäftigt.
"K" erzählt am Anfang, daß Max Frisch Kandidat für den Nobelpreis
sei. Weiter schreibt er/sie, daß Max Frisch sich als ein profil-ierter
Schriftsteller zeige. Max Frisch durchbreche die Grenze zwischen Phantasie und
Wirklichkeit.
"K" meint, daß es lanweilig sei, von einer scheinbaren Wirklichkeit
zu erzählen. Es sei spannender, sich mit Variationen und Alternativen zu
beschäftigen, wie es Max Frisch in Mein Name sei Gantenbein tue.
Der Erzähler könne Gantenbein sein. Gantenbein spielt blind, und dadurch ist es
für ihn möglich in einer harmonischen Ehe zu le-ben. "K" erschließt
daraus, daß Max Frisch damit meine, daß das Ehe-Glück eine Unterdrückung der
eigenen Identität voraussetze.
Der Erzähler könne auch Enderlin sein. Enderlin ärgert die Um-gebung, weil er
den Erwartungen entspricht. Er kann sich zu nichts entschliessen.
Der Erzähler könne auch andere Personen sein. Er wechselt Rollen wie Kleider.
Die Rollen können gewechselt werden, entwickelt wer-den, und auch in Streit mit
sich selbst kommen.
Eine Rolle könne auch verschwinden ohne nachweisbare Ursache, oder weil der
Autor die Rolle satt hat.
Jeder Ich-Wechsel, jede Rolle repräsentiert eine Möglichkeit, eine Variation,
eine Alternative. Frisch gebe den Menschen eine große Wahlfreiheit in der
Phantasie. Er besitze eine vieldeutige und komplizierte Auffassung vom
Menschen.
Max Frisch gebe ein schönes Erlebnis von etwas Neuem, zu dem man sich nicht
gleichgültig stellen könne.
4.3.7 AFTENPOSTEN
Mein Name sei Gantenbein wird 25 Jahre nach der Erscheinung wie-der in Aftenposten besprochen, diesmal von Finn Jor. Eines der Bücher, das er am meisten aus dem Bücherregal herausziehe, sei Mein Name sei Gantenbein (Kall meg Gantenbein). Das Buch sei ja ganz verbraucht, denn der Roman ist zur Zeit, wo der Artikel geschrieben wird, 25 Jahre alt. Weiter erzählt Finn Jor, daß man nach dem Erscheinen von Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch als einem Nobelpreiskandidaten zu sprechen angefangen habe.
Die Geschichte im Roman sei schlicht aber desto raffinierter:
"En mann har gjort en erfaring, nå er han på leting efter en historie til
den..."
( Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu...)
Das Ich des Romans, das keinen Namen hat, fängt an, Personen und Geschichten
zu erfinden, mit denen er sich indetifiziert. Die wichtigste dieser Geschichten
handelt nach Finn Jor von einem Mann, der durch ein Unglück sein Gesicht
zerschnitt. Wie man sei-ne Bandage wegnimmt, sieht er, spielt aber blind, um
die Welt und die Menschen beobachten zu können.
Eines Tages stellt sich der erdichtete Gantenbein vor, daß er der schönen
Schauspielerin Lila begegnet, und sie heiraten sich. Gantenbein aber glaubt,
daß Lila ihn betrüge. Es wird Gantenbein eines Tages klar, daß das Narrenspiel
sinnlos ist. Plötzlich ver-steht er, daß sie keine Betrügerin ist. Er nimmt die
Brille ab und erzählt ihr die Wahrheit, daß er alle diese Jahre alles gese-hen
hat. Sie wird nicht froh, sondern schreit ihm zu, daß er sie nie geliebt hat
und bittet ihn gehen. Gantenbein ist wirklich blind gewesen!
Schließlich kommt Finn Jor zum Thema:
"Kall meg Gantenbein" er en bok om våre masker, våre rol-ler, vårt
spill med hverandre. Om muligheten av å bedra uten å ville det.
(Mein Name sei Gantenbein ist ein Buch über unsere Masken, unsere Rollen und unser Spiel miteinander. Über die Möglichkeit zu betrügen, ohne es zu wollen.)
Am Ende des Artikels sieht Finn Jor sich selbst im Verhältnis zur Gantenbein-Problematik:
"Hvem gjør ikke utkast til hvordan livet skulle ha formet seg?"
... GANTENBEIN er i oss alle."
(Wer macht nicht Entwürfe zu einem gewünschten Leben? ... Gantenbein ist in uns
allen.)
4.4 SCHLUßFOLGERUNGEN DER ZEITUNGSANA- LYSE
Hans-Juergen Heise ( Tat ) behauptet, daß Max Frisch noch nicht mit der Ich-Problematik fertig sei. Denn nur ein Mensch, der seine Identität nicht durchforscht hat, brauche Geschichten. Heise weist auch auf Max Frischs Behauptung hin, daß man sich selbst nicht von außen sehen könne. Geschichten gebe aber es nur von außen.
Gody Suter ( ZW ) meint, daß Mein Name sei Gantenbein sich von den frü-heren Romanen Frischs sich stark unterscheide. Max Frisch wolle eine Geschichte durch viele Geschichten erzählen. Die eigentliche Geschichte sei eine Dreieckskomödie. Es handele sich also nicht um das Ich !
Werner Weber ( NZZ ) spricht von einer Kerngeschichte und meh-
reren Randgeschichten. Die Kerngeschichte sei die Geschichte von dem blinden
Gantenbein. In Zusammenhang mit der Blindengeschichte werden die Begriffe
"Blindheit" und "Blindnis" benutzt. Die Blindnis
Gantenbeins sei eine Verkleidung, hinter der er alles beobachten kann.
Das Blindenspiel sei ein Versuch, hinter die Lüge zu kommen. Es werde das Sein
vor der Sünde gesucht. Werner Weber sieht ein re-ligiöses Motiv im Roman, eine
Suche nach dem Paradies.
Gantenbein überschreite aber die Grenze. Nur Gott dürfe alles ansehen. Der
religiöse Gesichtspunkt ist für diesen Artikel cha-rakteristisch.
Die zwei Artikel im TAZ sind mit verschiedenem Ausgangspunkt ge-schrieben.
Das macht sie besonders interessant. Die positive Kri-tik Hugo Lebers fügt sich
in die Reihe anderer positiver Kritik-en ein. Interessant sind die Einwände
August E. Hohlers. Er
meint, daß ein berühmter Schriftsteller wie Max Frisch im voraus Erfolg habe.
Hohler hat Einwände gegen die immer wiederkehrende Ich-Problematik und die
intimen Beschreibungen, die er Narzismus nennt. Die Hauptschwäche dieses Romans
sei, daß Max Frisch hier nicht sozial engagiert ist. Doch muß August E. Hohler
Max Frisch einige künstlerische Fähigkeiten einräumen.
Gerardo Zanetti ( NZN ) stellt fest, daß man sich über die Tiefen des Romans
streitet. Er meint, daß die Eifersucht die vielen Ge-schichten zusammenbinde.
Zanetti erwähnt auch, daß Frisch an
wahre Geschichte nicht glaube. Gerardo Zanetti möchte aber gern, daß Max Frisch
den Leser einmal mit einer wahren Geschichte "betrügen" würde.
Helmut Heissenbüttel ( Welt ) sieht die vielen Geschichten des Romans als "Projektionen einer Situation". Durch die Geschichten wolle Max Frisch etwas Unaussprechliches umschreiben. Die Verlassensein-Situation des Ich-Erzählers, die Verlust der Partnerin, solle durch die Geschichten zum Ausdruck kommen.
Rolf Michaelis ( FAZ ) legt das größte Gewicht auf die Form des Romans. Die
Besonderheit dieses Romans sei die unvollendete und skizzenhafte Form. Das
Rollenspiel des sehenden Blinden sei doch die Hauptgeschichte des Romans. Die
unvollendete Form fordere die Mitarbeit des Lesers.
Rolf Michaelis hält die Qualen der Eifersucht für ein Haupt-The-ma.
Rolf Michelis ist sehr positiv, wie er Mein Name sei Gantenbein mit
zeitgenössischer Literatur vergleicht.
Heinz Beckmann ( Rheinischer Merkur ) meint, daß im Roman nicht viel passiere. Er lobt aber die Darstellungsweise und die Sprache im Roman, in dem Max Frisch sich noch mit der Identitätsproble-matik beschäftige.
Peter Horst Neumann ( Stuttgarter Zeitung ) sieht einen genauen Zusammenhang zwischen Stiller, Walter Faber und Gantenbein. Er behauptet, daß der Roman Weisheit und Optimismus ausdrücke.
Hans Mayer ( Zeit ) sieht die Worte: "Ich stelle mir vor" als den
Schlüssel des Romans. Damit meint er das bewußte Vorstellen, eine
intellektuelle Aktivität, keine Illusion. Hans Mayer weist auf die
Verwandschaft mit Dürrenmatt.
Die Einbildungskraft sei ein zentrales Wort nach der Meinung Hans Mayers. Er
meint, daß unser Leben mit Sprache und Sprechen zusam-menhänge. Mayer
wiederspricht den Kritiker, die Mein Name sei Gantenbein als eine Neuauflage
der Stillergeschichte sehen.
Wera Lewin ( WdIOME ) meint auch, daß der Roman von der Suche nach dem eigenen Ich handele. Sie sieht auch eine existentielle Verzweifelung darin. Er handele von dem Menschen, der keinen Glauben mehr hat.
Peter Hamm ( Weltwoche ) stellt fest, daß Mein Name sei Ganten-bein ein sehr entwickelter Ich-Roman ist. Früher ginge es darum, sich kein Bilnis zu machen. Gantenbein aber liefere sein eigenes Bildnis. Es fehle doch das soziale Milieu, aber alles hänge mit dem Ich zusammen. Hamm erwähnt auch Sophokles und das "Nicht-Ge-borensein" als Motiv.
H.U. ( Neue Zeit, Berlin-Ost ) hebt das bewußte Tagträumen vor. Das Gesellschaftskritik sei im Roman zentral. Doch sucht H.U. etwas vergebens den Quintessenz des Romans und stellt die Frage, ob das Geschichtenausdenken ein tragfähiges Prinzip für einen so großen Roman sei.
Das Identitätsproblem und die Möglichkeit seine Geschichte zu wählen sind zentral in der Besprechung von Birgit Wiig (Aften-posten ). Sie behauptet, daß Max Frisch den menschlichen Charak-ter zum Postulat mache.
Odd Solumsmoen ( Arbeiderbladet ) sieht auch wie Rolf Michaelis ( FAZ ) und N.N. ( NZZ ) das Blindenspiel als das Zentrale. "Der Blinde" dolmetsche das Leben, wie ein Blinder die Blindenschrift dolmetscht. Das Verlassen der Chronologie sieht Odd Solumsmoen als sehr positiv. Nach der Meinung Odd Solumsmoens handele dieser Roman von Persönlichkeitsspaltung, Identifikationsverschiebungen und das Unfaßbare des Lebens.
Ebba Haslund ( Morgenposten ) sieht das Identifikationsproblem als zentral im Roman. Das Thema aber sei die Eifersucht.
Idar Aasheim ( Morgenbladet ) ist nicht mit Ebba Haslund einver-standen.
Nach der Meinung Idar Aasheims handele Mein Name sei Gantenbein nicht vom
Identifikationsproblem. Der Erzähler zweifele nicht an seinem Ich, sondern er
sei sich seines Ichs sehr bewußt.
Aasheim mag die meisten Schriftsteller nicht. Max Frisch wird aber gelobt.
N.N. ( Verdens Gang ) erwähnt auch sowohl das Identifikationsproblem als auch das Problem der Eifersucht als die zentralen Elemente des Romans samt den Wescheln der Geschichten wie Klei-der.
Die vielen Variationen und Alternative sind für "K" (Sogn og Fjordane) das Interessanteste. Das Blindenspiel sei notwendig für das Eheglück und dafür, die Identität in der Ehe zu bewahren, schließt "K" vom Roman.
Nach 25 Jahren wird Mein Name sei Gantenbein aufs Neue besprochen ( Aftenposten ). Das Erfinden von Geschichten ist für Finn Jor das Zentrale. Mein Name sei Gantenbein sei ein Roman von unseren Masken, von unserem gewünschtem Leben und von dem Betrug, ohne daß wir betrügen wollen. Finn Jor findet Gantenbein in uns allen.
Mein Name sei Gantenbein ist ein vieldeutiger Roman. Das zeigt auch die große
Variation der Ansichten über den Roman. Die viel-deutige Gestalt von Hermes
kann als ein Sinnbild der Roman be-trachtet werden. Hermes wird auch von
mehreren Kritikern erwähnt. Der Kritiker in NZZ läßt seine Betrachtungen von
einer religiösen Betrachtungsweise beeinflussen. Wera Lewin spricht auch von
dem Menschen, der von "keiner unpersönlichen religiösethischen oder gesellschaftlichen
Ordnung mehr gehalten wird."
Helmut Heissenbüttel sieht die Verlassensein-Geschichte als die zentralste. ( Vielleicht nähert er sich einer autobiographischen Betrachtungsweise ? )
Mehrere Rezensenten haben mit der Erzählperspektive Schwierigkeiten. Sie
verwechseln die verschiedenen Ichs. Man muß sich sehr gut konzentrieren und den
Roman mehrmals lesen, um alles richtig zu verstehen.
Die meisten Kritiker loben die künstlerischen Fähigkeiten Max Frischs, auch die
Kritiker, die im Roman eine Quintessenz schwer finden.
Die Schweizer sind ein wenig kritischer zu dem Inhalt des Romans als die Deutschen und die Norweger. Das hat vielleicht damit zu tun, daß Max Frischs Verhältnis zu der Schweiz im allgemeinen etwas schwierig war. Besonders hat August E. Hohler viele kri-tische Bemerkungen zum Roman. Sein Haupteinwand ist, daß im Roman keine sozialen Probleme besprochen werde. Das Ich-Problematik nennt er Narzismus.
Doch kann man einige Generalnenner herausziehen:
Die meisten nennen das Rollenspiel, das heißt die Einbildungskraft und die
Wahl von Geschichten, als zentrales Thema. Die Ei-fersucht wird auch von vielen
als Hauptthema erwähnt.
Die Ich-Problematik wird in verschiedenen Weisen verstanden, aber mit Ausnahme
von Gody Suter und Idar Aasheim halten alle es für ein wichtiges Thema im
Roman.
Die meisten Kritiker loben die Darstellungsweise und die Sprache Max Frischs.
Die Norweger sind alle mit der Übersetzung ins Norwegische sehr zufrieden.
Durch meine Untersuchung habe ich hauptsächlich eine positive Haltung zu Max
Frisch im allgemeinen und besonders zu Mein Name sei Gantenbein gefunden. Der
Roman scheint doch den Ost-Deutschen etwas unrealistisch und ein wenig zu
modern.
Max Frisch repräsentiert etwas Neues in der Literatur und wird, zusammen mit
seinem Landsmann Dürrenmatt, für einen der größten Schriftsteller seiner Zeit
gehalten.
Mit Max Frisch ist die Brecht-Zeit aus. Bertolt Brecht glaubte an Veränderung
durch die Literatur. Gegen diesen Glauben spricht Max Frisch in Mein Name sei
Gantenbein. Das alte Bild vom Charak-ter, das seit der Ibsen-Zeit die Literatur
beherrscht hat und weiter mit Freuds Psychoanalyse als Methode weiterentwickelt
worden ist, ist mit Mein Name sei Gantenbein entgültig entfernt worden. Es gibt
keinen festen Kern, kein festgelegtes Ich, nur Möglichkeiten.
Max Frisch hat den menschlichen Charakter zum Postulat gemacht.
NACHWORT
Ich habe am Anfang meiner Arbeit einige Aussagen über Max Frisch zitiert.
Damit habe ich gedacht, daß das Interesse des Lesers er-weckt werden sollte.
Wahrscheinlich haben sich einige Antworten unterwegs ergeben. Die Person Max
Frisch zu studieren, wäre eine Aufgabe für sich, und ich werde mich in diesem
Nachwort mit ein paar Kommentaren begnügen.
Max Frisch war ein Mann, der die Grenzen gesprengt hat. Er sah die
Möglichkeiten und die Freiheit des Menschen als unendlich an. Joachim Kaiser
nennt es "Grenzlosigkeit" und Erich Franzen "Frei-heit des
Individuums". Ich finde ihre Charakteristik richtig und treffend.
Besonders in Mein Name sei Gantenbein kommt diese Hal-tung zum Ausdruck.
Diese Freiheit des Ichs ist für sowohl die Hauptgestalten als auch für den
Autor gefährlich. Wie es Helmut Heissenbüttel richtig formuliert, kann der
Boden unter den Füßen weggezogen werden. In diesem unsicheren Zustand hat der
Schriftsteller gelebt.
Darüber hinaus war Frisch ein ehrlicher Mensch. In seinen Werken erzählt er
immer schonungslos von sich selbst und seinen Liebes- geschichten.
Max Frisch hat versucht, durch das Denken sich selbst und die Um-welt zu
verstehen. Er war also mit den Worten von Hans Heinz ein Rationalist. Frisch
wollte die Ideologien abbauen, denn er meinte, daß sie die Entwicklung der
Gesellschaft behinderten.
Er glaubte jedoch nicht, daß die Literatur die Welt ändern werde.
Ich bin mit Erich Franzen einverstanden, wenn er sagt: "Frisch ist ein
echter Humanist". Seine Menschlichkeit zeigt sich deutlich in der
Darstellung von Gantenbein.
Ich habe früher behauptet, daß Frisch an keinen christlichen Gott glaube. Sein
Gott wäre vielleich Hermes, der die vielen Möglich-keiten vertritt.
Max Frisch war ein Mensch, der sich vor dem Alter und dem Tod
fürchtete. Er hat auch selbst unter den Qualen der Eifersucht gelitten.
Durch das Denken und das Schreiben hat er einen ehrlichen Versuch gemacht,
seine Ängste und Probleme zu verarbeiten.
Seine Geschichte war die des Schriftstellers. Als Schriftsteller hat er sowohl
seine Zeitgenossen als auch sich selbst vor das Tribunal gestellt.
ANMERKUNGEN
LITERATURVERZEICHNIS
PRIMÄRLITERATUR:
Tagebuch 1946 - 1949, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1950)
1985
Stiller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M (1954) 1976
Homo faber, Surkamp Verlag, Frankfurt/M (1957) 1975
Mein Name sei Gantenbein, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1964) 1975
SEKUNDÄRLITERATUR:
Bienek, Horst: Werkstattgespräche mit Schriftstellern, Carl
Hanser Verlag, München 1962
Hamm, Peter: "Entwürfe zu einem späten Ich" in: Die Weltwoche, 16.10.1964
Haslund, Ebba: "Lek med speil" in: Morgenposten, 10.12.1965
Heidenreich, Sybille: in: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein, Montauk,
Stiller. Analysen und Reflexionen Band 15
Beyer Verlag, Hollfeld (1976) 1989
Heidenreich, S. / Thunic M. : Analysen und Reflexionen Band 9.
Max Frisch: Andorra, Biedermann und die Brandstifter, Beyer Verlag, Hollfeld, (1974)
1990
Heise, Hans-Juergen: "Ein großes Arsenal menschlicher Möglichkeiten" in: Die Tat, 7.08.1964
Heissenbüttel, Helmut: "Ein Erzähler, der sein Handwerk haßt?" in: Die Welt, 3.09.1966
Hohler, August E. : "Mondäne Verzweiflungen" in: Tages Anzeiger Zürich, 12.09.1964
Jor, Finn: "Å dikte et liv" in: Aftenposten, 20.09.1989
Kaiser, Joachim: "Max Frisch - das brüderliche Genie" in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 80, 6.7. April 1991
Karasek, Hellmuth: "Nachruf Max Frisch" in: Der Spiegel , 8.04.1991, Nr.15
Leber, Hugo: "Theo Gantenbein: Leben im Konjunktiv" in: Tages
Anzeiger, 12.09.1964
Lewin Wera: "Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein" " in: Wochenzeitung des Olej Merkas Europa, 26.02.1965 Nr.9
Lubich, Frederik A.: Max Frisch: "Stiller", "Homo faber" und "Mein Name sei Gantenbein". W.Fink Verlag, München 1990
Mayer, Hans: "Mögliche Ansichten über Herrn Gantenbein" in: Die Zeit, Literaturbeilage, 18.09.1964 S.1
Michaelis, Rolf: "Schnittmuster für Lebensläufe" in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, den 29.08.1964
N.N.: "Herr Gantenbein und die Eiger-Nordwand" in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.1964
N.N.: "Ich bin nicht Stiller" in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.04.1991 Nr.79
N.N.: "Max Frisch: Kall meg Gantenbein" in: Verdens Gang,18.02.1966
Neis, Edgar: Erläuterungen zu Max Frisch, Stiller, Homo Faber,
Gantenbein. Königs Erläuterungen, Band 148, Bange Verlag, Hollfeld/Obfr. 4.
Auflage
Neumann, Peter Hamm "Unheimliches in aller Heiterkeit" in: Stuttgarter Zeitung, den 5.09.1964
Stäuble, Eduard: "Die Suche nach dem eigenen Ich" in: Königs
Erläuterungen, Band 148, Bange Verlag
Stephan, Alexander: Max Frisch, Autorenbücher 37, Verlag C.H. Beck, München 1983
Suter, Gody: "Dreieckskomödie im Spiegelsaal" in: Zürcher Woche, 4.09.1964
U.H.: "Ein Mann probiert Geschichten an" in: Neue Zeit, 19.11. 1966
Weber, Werner: "Mein Name sei Gantenbein". Zum neuen Roman von Max Fisch, in: Neue Zürcher Zeitung, Morgenausgabe, 12.09.1964, Nr. 3792.
Wiig, Birgit: "Max Frisch: Kall meg Gantenbein" in: Aftenposten, 24.11.1965
Zanetti, Gerardo: "Eine Summe von Fiktionen" in: Neue Zürcher Nachrichten, 9.11.1964
Aasheim, Idar: "Max Frisch: Kall meg Gantenbein" in: Morgenbladet,
17.10.1966
VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN
Die Tat : Tat
Die Weltwoche : Weltwoche
Die Welt : Welt
Frankfurter Allgemeine Zeitung : FAZ
Heidenreich S. / Thunic M.: Analysen und Reflexionen Band 9. Max Frisch:
Andorra, Biedermann und die Brandstifter, Beyer Verlag, Hollfeld, (1974) 1990 :
Heidenreich / Thunic (1990)
Heidenreich, Sybille: Mein Name se Gantenbein, Montauk, Stiller. Analysen und Reflexionen Band 1, Beyer Verlag, Hollfeld/Ofr. (1976) 1989 : Heydenreich (1989) Montauk, Stiller. Analysen und Reflexionen Band 15
Homo faber, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1957) 1975 : Hf.
N.N.: "Ich bin nicht Stiller". Zum Tode von Max Frisch in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr.79. Freitag, den 5.April 1991 : N.N.: "Ich bin nicht Stiller" in: FAZ, Nr.79
N.N.: "Nachruf Max Frisch" in: Der Spiegel Nr.15, 8. April 1991 : "Nachruf Max Frisch" in: Spiegel Nr.15 1991
Lubich, Frederik A.: Max Frisch "Stiller", "Homo faber" und "Mein Name sei Gantenbein." W.Fink Verlag, München 1990 : Lubich (1990)
Mein Name sei Gantenbein, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1964) 1975 : G
Neue Zeit : NZ
Neue Zürcher Nachrichten : NZN
Neue Zürcher Zeitung : NZZ
Stephan, Alexander: Max Frisch, Autorenbücher 37, Verlag C.H.
Beck, München 1983 : Stephan (1983)
Stiller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1954) 1985 : S
Tagebuch 1946-1949, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1950) 1985 : T.1946
Tages Anzeiger Zürich : TAZ
Verdens Gang : VG
Wochenzeitung des Olej Merkas Europa : WdIOME
Zürcher Woche : ZW
STICHWÖRTERINDEX
Aftenposten 116, 117, 127, 131, 132
Als der Krieg zu Ende war 9
Andorra 9, 17, 105, 118
Arbeiderbladet 118, 131
Autorenbücher 137
A Wilderness of Mirrors 121
Bachmann, Ingeborg 15
Baumgart, Reinhard 96
Beckmann, Heinz 104, 105, 130
Biedermann und die Brandstifter 9, 17, 118
Bienek, Horst 95
Blätter aus dem Brotsack 9
Blaubaart 12, 100
Borgen, Johan 120
Boysen, Emil 120
Brecht, Bertolt 11, 113, 134
Burri 35, 36, 44, 51, 67
Camilla 28, 32, 33, 37, 54, 55, 63, 64, 65, 67, 73, 78, 88, 101, 120
Das Tagebuch mit Marion 9
de Lachlos, Choderlos 86
Der Besuch der alten Dame 10, 90
Der Mensch erscheint in Holozän 12
Der Sonntag 113
Der Spiegel 17
Deutschland 98
Die chienesische Mauer 9
Die Schwierigen oder J'adore ce qui me brûle 9
Die Tat 85, 129
Die Welt 99, 130
Die Weltwoche 95, 131
Die Zeit 108, 130
Don Juan oder die Liebe zur Geometrie 10
Dürell 121
Dürrenmatt 10, 15, 125, 134
Eidgenössische Technische Hochschule 8
Einhorn 119
Enderlin 29, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 49, 50, 51, 52, 59, 67,
72, 77, 80, 88, 97, 101, 102, 103, 106, 119
Engelstad, Carl Fr. 117
Etrusker 25
Frankfurter Allgemeine Zeitung 16, 100, 130, 131
Franzen, Eirich 13, 135
Freud, Sigmund 134
Frisch, Max 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 23, 25, 39, 45, 51, 83, 85, 86, 90, 92, 93, 94, 95, 96,98, 99, 101, 103, 104, 105, 108, 109, 110, 115, 118, 119, 123, 124, 125, 127, 129, 130, 133, 134, 135
Gantenbein 11, 22, 23, 24, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 46, 48, 51, 52, 54, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 67, 68, 69, 70, 73, 77, 80, 82, 84, 90, 93, 95, 97, 98, 99, 103, 104, 105, 106, 111, 112, 115, 117, 119, 120, 121, 122, 123, 127, 128, 130, 135
Glaser, Martha 79
Graf Öderland 10, 119
Gyldendal 148
Hamm, Peter 95, 96, 131
Harvard 38, 40, 45, 106, 119
Haslund, Ebba 121, 122, 132
Heidenreich, Sybille 76, 78
Heinz, Hans 14
Heise, Hans Jurgen 85, 86, 87, 129
Heissenbüttel, Helmut 13, 99, 100, 130, 133, 135
Hermes 83, 102, 106, 135
Hohler, August E. 91, 93, 94, 129, 133
Homo faber 10, 14, 17, 56, 76, 79, 80, 87, 95, 104, 110, 111, 118, 122
H.U. 115, 116, 131
Ibsen 118, 134
In Geschichten verstrickt 89
Jeg 120
Jor, Finn 127, 128, 132
Kaiser, Joachim 13, 15, 135
Karasek, Hellmuth 18
La Jalousie 102
Leber, Hugo 91, 92, 129
Les liasons dangereuse 87
Lewin, Wera 111, 112, 131
Lila 30, 31, 32, 36, 40, 41, 47, 48, 49, 60, 61, 62, 63, 67, 68, 69, 70, 78,
80, 90, 92, 101, 102, 108, 109, 119
Lubich, Frederik A. 79, 80, 82, 83
Mayer, Hans 82, 83, 96, 108, 110, 130, 131
Mein Name sei Gantenbein 5, 14, 18, 19, 20, 22, 23, 25, 26, 27, 28, 29, 41,
51, 53, 56, 57, 58, 59, 65, 66, 69, 70, 74, 76, 77, 78, 79, 80, 82, 83, 85, 86,
87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 97, 98, 100, 101, 102, 103, 104. 106, 108,
109, 110, 111, 112, 115, 117, 118, 119, 120, 123, 124, 125, 126, 127, 129, 130,
131, 132, 133, 135
Meyenburg, Constanze von 23
Michaelis, Rolf 100, 101, 102, 103, 130
Montauk 12, 100
Morgenbladet 122, 132
Morgenposten 121, 132
Neue Zeit 115, 132
Neue Zürcher Nachrichten 97, 130
Neue Zürcher Zeitung 88, 129, 131, 132
Neumann, Peter Horst 106, 107, 130
Nun singen sie wieder 9
Oellers, Marianne 11
Pirandello 121
Reich-Ranicki, Marcel 96
Rheinischer Merkur 104, 130
Robbet-Grillet 102
Santa Cruz 9
Schmied, Karl 13
Schnapp, Wilhelm 89
Schweiz 8, 85
Siebenhagen 52
Sogn og Fjordane 126, 132
Solumsmoen, Odd 119, 120, 131
Stahl 8
Stäubele, Eduard 79, 82
Stephan, Alexander 76, 82
Stiller 10, 14, 17, 76, 79, 80, 85, 95, 97, 104, 110, 11, 118, 122, 130
Strindberg 118
Stuttgarter Zeitung 106, 130
Süddeutsche Zeitung 15
Suter, Gody 86, 87, 129, 133
Svoboda 29, 40, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 59, 69, 71, 77, 80, 97, 101, 102, 103,
119
Tagebuch 1946-1949 9, 76, 108, 110
Tagebuch 1966-1971 12, 18
Tages Anzeiger Zürich 91, 129
Tessin 11
Trypticon 12
Verdens Gang 124, 132
Verfremdungseffekt 11
Weber, Werner 88, 89, 90, 91, 129
Wiig, Birgit 117, 131
Wochenzeitung des Irgun Olej Merkas Europa 111, 131
Wolfe, Virginia 121
Ygre herre på besøk 120
Zanetti, Gerardo 97, 98, 130
Zürcher Woche 86
Aasheim, Idar 122, 123, 131, 133