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HAUPTAUFGABE ÜBER MAX FRISCH

Rezeption und Analyse von Frischs Roman:

 

Mein Name sei Gantenbein

von Steinar I. Bergo

 

1993

 



INHALT

Vorwort ................................................... 2


TEIL A Biographie

1.1 Max Frisch. Ein Abriß seines Lebens und seiner Arbeit.. 8

1.2 Zur zeitgenössischen Würdigung von Max Frischs Werk... 13

1.3 Einige Würdigungen nach dem Tode von Max Frisch ...... 15

Teil B Analyse

2.0 Mein Name sei Gantenbein.............................. 19
2.1 Zur Ich-Problematik im Allgemeinen ................... 20
2.2 Mein Name sei Gantenbein als autobigraphischer Roman.. 22
2.3 Das Ich in Mein Name sei Gantenbein als peripheres
Ich betrachtet ..................................... ......26
2.4 Mein Name sei Gantenbein als quasiautobiographischer
Roman betrachtet ......................................... 27
2.5 Das Rollenspiel in Mein Name sei Gantenbein .......... 29
2.5.1 Die Rolle als Gantenbein ........................... 30
2.5.2 Gantenbein und Burri ............................... 35
2.5.3 Gantenbein und Camilla ............................. 37
2.5.4 Die Rolle als Enderlin ............................. 38
2.5.5 Die Rolle als Svoboda .............................. 47
2.5.6 Gemeinsamkeiten der drei Rollen .................... 51
2.5.7 Das Rollenspiel - Zusammenfassung................... 52
2.6 Rolle und Wirklichkeit in Mein Name sei Gantenbein . ..53
2.7 Zur Ich-Problematik in Mein Name sei Gantenbein ...... 56
2.8 Das Blindsein ........................................ 60
2.9 Lila ................................................. 62
2.10 Camilla ..............................................64
2.11 Zum Thema in Mein Name sei Gantenbein ............... 66
2.12 Struktur und Erzähltechnik in Mein Name sei Gantenb.. 70
2.13 Zusammenfassung der Analyse von Mein Name sei G. .... 74

Teil C Zur Literaturkritik

3.1 Zur literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit
Mein Name sei Gantenbein ................................. 76
3.2 Meine Analyse und die erwähnte Literaturkritik
- ein Vergleich .......................................... 82

TEIL D Rezeption

4.0 Die Rezeption von Max Frischs Mein Name sei Gantenb.... 84
4.1.0 Die Kritik in der Schweiz ........................... 85
4.1.1 Die Tat ............................................. 85
4.1.2 Zürcher Woche ....................................... 86
4.1.3 Neue Zürcher Zeitung ................................ 88
4.1.4 Tages Anzeiger Zürich ............................... 91
4.1.5 Die Weltwoche ....................................... 95
4.1.6 Neue Zürcher Nachrichten ............................ 97
4.2.0 Die Kritik in Deutschland ........................... 99
4.2.1 Die Welt ............................................ 99
4.2.2 Frankfurter Allgemeine Zeitung ..................... 100
4.2.3 Rheinischer Merkur ................................. 104
4.2.4 Stuttgarter Zeitung ................................ 106
4.2.5 Die Zeit ........................................... 108
4.2.6 Wochenzeitung des Irgun Olej Merkas Europa ......... 111
4.2.7 Der Sonntag ( Berlin-Ost ) ......................... 113
4.2.8 Neue Zeit .......................................... 115

4.3.0 Die Rezeption von Mein Name sei Gantenb.in Norwegen. 117
4.3.1 Aftenposten ........................................ 117
4.3.2 Arbeiderbladet ..................................... 119
4.3.3 Morgenposten ....................................... 121
4.3.4 Morgenbladet ....................................... 122
4.3.5 Verdens Gang ....................................... 124
4.3.6 Sogn og Fjordane ...................................
126
4.3.7 Aftenposten ........................................ 127
4.4 Schlußvolgerungen der Zeitungsanalyse ................ 129

Nachwort ................................................. 135
Anmerkungen .............................................. 137

Literaturverzeichnis ..................................... 143
Verzeichnis der Abkürzungen .............................. 145
Stichwörterindex ......................................... 147


VORWORT

Diese Hauptaufgabe besteht aus vier Hauptteilen.Der erste Teil ist eine Biographie mit unterschiedlichen Meinungen und Würdi-gungen über das Werk Max Frischs, wobei auch die Nachrufe dreier Zeitungen zu Max Frischs Tod behandelt werden.

Im zweiten Teil gebe ich eine Analyse vom Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein auf selbständiger Basis, das heißt, daß ich anhand meiner eigenen literarischen Kenntnisse diese Analyse ausführen werde. Deshalb wird in diesem Teil nur mit dem Roman gearbeitet.
Ich habe natürlich Verschiedenes über den Roman vorher gelesen. Das wird vielleich eine unbewußte Rolle spielen und Gleichheiten mit anderen Interpretationen hervorbringen.
Gleichheiten können natürlich auch bedeuten, daß man die gleiche Auffassung vom Roman hat und sie müssen selbstverständlich vor-kommen. Ich hoffe aber, daß ich auch einige neue Momente zur Interpretation von Max Frisch beibringen kann.

Im dritten Teil werde ich kurz etwas von der Sekundärliteratur präsentieren d.h. Ansichten anderer Interpreten darstellen und auf dem Hintergrund meiner Analyse einige Kommentare dazu geben.

Der vierte Teil ist eine Rezeptionsaufgabe. Ich werde durch Zei-tungs-Rezensionen und andere mögliche Quellen untersuchen, wie Mein Name sei Gantenbein in der Schweiz, in Deutschland und in Norwegen aufgenommen wurde.
In einem kurzen Nachwort werde ich mit Ausgangspunkt in den unterschiedlichen Meinungen über den Autor einige Kommentare geben.

Bergen, März 1993
Steinar I. Bergo

Die Ich-Position des Erzählers: das ist eine Grundfrage der modernen Epik. Ganz vordergründig gesprochen: natürlich ist das Erzähler-Ich nie mein privates Ich, natürlich nicht, aber vielleicht muß man schon Schriftsteller sein, um zu wissen, daß jedes Ich, das sich ausspricht, ein Rolle ist. Immer. Auch im Leben. Auch in diesem Augenblick. Jeder
Mensch (ich spreche jetzt nicht vom Schriftsteller, sondern von seinem Helden), jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Op-fern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die mit Namen und Daten zu belegen sind, so daß an ihrer Wirklichkeit, scheint es, nicht zu zweifeln ist. Trotzdem ist jede Geschichte, meine ich, eine Erfindung und daher auswechselbar.


TEIL A


BIOGRAPHIE


1.1 MAX FRISCH: EIN ABRIß SEINES LEBENS UND SEINER ARBEIT

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich in der Schweiz geboren.

Ausbildung und Lernjahre:
Schon in der Schulzeit zeigte Max Frisch grosses Interesse für
das Theater. In seinem Tagebuch schrieb er:

... wieso Menschen, Erwachsene, die genug Taschengeld haben und keine Schulaufgaben, nicht jeden Abend im Theater ver-bringen. (T 1946 242)


Mit sechzehn Jahren schrieb er sein erstes Drama Stahl. Es
wurde aber nicht gedruckt, und das einzige Ergebnis war das Lächeln der Familie.

Im Jahre 1930 legte er das Abitur ab. Später studierte er Ger-manistik in Zürich.
Als er 22 Jahre alt war, starb sein Vater. Er mußte sein Brot selbst verdienen und arbeitete einige Zeit als Journalist. Das gab ihm die Möglichkeit, verschiedene Seiten des Lebens kennenzulernen:

... "nur Krematorien habe ich abgelehnt", schrieb er später in seinem Tagebuch. (T 1946 244)

Die Arbeit als Journalist gab ihm mehrere bedeutende Reiseer-lebnisse.

Mit 25 Jahren setzte er sich wieder auf die Schulbank. Ein wohl-habender Freund war bereit, den Lebensunterhalt Max Frischs zu bezahlen, und Frisch studierte an den Eidgenössischen Technischen Hochschule Architektur.
Im Jahre 1941 erwarb er sein Diplom. Er wurde aber gleichzeitig zum militärischen Grenzdienst einberufen.
Die Grenze blieb ruhig. Aber das Militärleben und der zweite Weltkrieg gaben ihm eine besondere Möglichkeit, über Leben und Tod nachzudenken.
Sein Tagebuch Blätter aus dem Brotsack, 1940, erzählt von dieser Zeit.
Aus seinem Tagebuch erfahren wir von einer gewissen Weltfremdheit, daß er zwar keinen Haß empfand, daß er aber auch nicht mit der nationalsozialistischen Weltanschauung sympathisierte.

Architekt und Schriftsteller:

Max Frisch eröffnete 1942 sein eignes Architekturbüro. Im Dezem-ber verheiratete er sich mit der Architekturstudentin Constanze von Meyenburg.
Er nahm das Schreiben wieder auf, und mehrere Jahre lang war er als Schriftsteller und Architekt tätig.

Im Jahre 1942 arbeitete Max Frisch an seinem ersten grossen Ro-man, Die Schwierigen oder J'adore ce qui me brûle. Das Werk war eine erweiterte Neufassung eines Frühwerks, das er verbrannt hat-te.
Sein erstes Bühnenstück entstand 1944 und hieß Santa Cruz. Es wurde erst im Jahre 1945, nach dem Requiem Nun singen sie wieder, aufgeführt.
Als der Krieg zu Ende war, besuchte Max Frisch Berlin. Das Er-gebnis davon war das Drama Als der Krieg zu Ende war.
Nachdem er durch das zerstörte Deutschland gereist war, entstand 1946 Die chinesische Mauer, sein drittes Bühnenstück.
Das Tagebuch mit Marion (1947) und die erweiterte Form, Tagebuch 1946-49 (1950), enthalten Ideen und Gedanken, die in den spä-teren Werken, Andorra (1961) und Biedermann und die Brandstifter (1958), weiterentwickelt werden. Die beiden Werke können zum zweiten Weltkrieg zurückgeführt werden. Sie sind aber vor allem als Exempel gedacht. Max Frisch will dadurch zeigen, wie man zum Mitläufer und Mitschuldigen gemacht wird, dadurch daß man nichts tut, um eine Katastrophe zu verhindern.
In Andorra ist die "Bildnisproblematik" sehr deutlich. Die Leute von Andorra haben sich ein Bildnis von Andri gemacht, das nicht wahr ist. Sie haben ihn zum Juden gemacht, obwohl er Andorraner, wie die anderen, ist.
Gottlieb Biedermann ist jedermann, der aus gutem Glauben oder durch Feigheit nichts gegen eine drohende Gefahr tut.
Im Jahre 1951 erschien Graf Öderland.Ein Spiel in zehn Bildern.
In demselben Jahre bekam Frisch ein USA-Stipendium. Dieser einjährige Aufenthalt gab ihm und seiner Arbeit neue Dimensionen.
In New York (1951) fing die Arbeit mit der Komödie Don Juan oder die Liebe zur Geometrie an. Dieses Werk wurde 1953 fertig ge-schrieben und gleichzeitig in Berlin und Zürich uraufgeführt.
1954 erschien Stiller. "Ich bin nicht Stiller", behauptet die Hauptperson, Titelträger des Romans. Stiller verneint sein eignes Ich und versucht, sich eine neue Identität zu schaffen. Er nimmt eine fremde Rolle an und wird zwischen Vorstellung und Wirklichkeit gespalten.
In demselben Jahr als Stiller herauskam, löste Max Frisch sein Architekturbüro auf und fing an, als freier Schriftsteller zu arbeiten.
Im Jahre 1957 machte er Reisen nach Griechenland und den arabi-schen Staaten. Nach einer zweiten Amerikareise in demselben Jahr, entstand Homo faber.
Das Ich des Romans, Walter Faber, lehnt jederlei "Mystik" ab. Er ist gefühllos und der menschliche Kontakt ist gering.
Walter Faber repräsentiert das verlorene Ich. Er hat die mensch-lichen Qualitäten verloren und ist ein Produkt des technischen Zeitalters. Walter Faber ist mit der Hauptperson in Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame verwandt. Die alte Dame repräsentiert die Technik im Körper. Die Fortschritte der Technik zeigen sich in den Prothesen. Der menschliche Körper wird als eine Maschine, die mit Ersatzteilen repariert werden kann, betrachtet. Walter Faber hat eine "technische" Seele.
Durch einen Zufall trifft Walter Faber seine uneheliche Tochter Sabeth, die einen Gegensatz zu ihm bildet.
Er erkennt sie aber nicht und verliebt sich in sie. Später wird er schuld an ihrem Tod. Selbst stirbt er an Magenkrebs.
Es handelt sich also um Schuld im antiken Sinn und einer Art von Sühne des Ödipuskomplexes, übertragen in die moderne Gesell-
schaft.

Im Jahre 1948 stand Max Frisch in Kontakt mit Bertolt Brecht. Die Entfremdung und der Verfremdungseffekt (V-Effekt) sind charakteristisch für Brechts Werke und seine Darstellungstechnik. Brechts Theorie sollte für einige spätere Werke Frischs Bedeutung haben.

1959 wurde Max Frisch von seiner Frau geschieden. Die Ehe hatte einen Sohn und zwei Töchter hervorgebracht.

In den Jahren 1960 - 1965 hatte Max Frisch seinen Wohnsitz in Rom, wo er mit Ingeborg Bachmann zusammen war.
In dieser Zeit arbeitete er erneut mit dem Rollenspiel und dem Mittel der Verfremdung. Das Ergebnis dieser Arbeit war Mein Name sei Gantenbein 1964.
Das Ich nimmt die Rolle des blinden Gantenbeins an. Wie man Kleider wechselt, wechselt der Erzähler sein Ich. Er probiert Geschichten an wie Kleider. Die Blindenrolle gefällt ihm jedoch am besten, weil er eifersüchtig ist und als gespielter Blinder heimlich alles sehen kann. Der Roman zeigt die Möglichkeiten, das Ich zu wählen und zu wechseln, und dadurch daß das Ich nur eine ausgewählte Möglichkeit ist:

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält"... (G 45)

Nach dem Erscheinen von Mein Name sei Gantenbein bekam Max Frisch ein Stipendium, das ihn nach Berlin brachte. Im Jahre 1965 sie-delte er in den Tessin um.
1968 heiratete er Marianne Oellers. (Sie wurden 1979 geschieden.)
Max Frischs Verhältnis zur Schweiz blieb schwierig. 1970 trat er aus dem Schweizerischen Schriftsteller-Verein aus.
Es folgten mehrere Aufenthalte in den USA und in der Sowjetunion.
1972 erschien noch ein Tagebuch, Tagebuch 1966 - 1971.

Montauk 1975 erzählt von der Begegnung eines älteren Schriftstel-lers mit einer viel jüngeren amerikanischen Frau. Das Wechseln zwischen Ich- und Er-Perspektive macht diesen autobiographishen Roman besonders interessant.
Im Jahre 1978 erschien das Bühnenstück Tryptichon.
1979 veröffenlichte Max Frisch Der Mensch erscheint im Holozän.

Herr Geiser kämpft gegen seine Angst vor dem Gedächtnisverlust

und vor dem Altwerden. Das Aufkleben der Zettel an der Wand und die Flucht in der Nacht sind verzweifelte Versuche, gegen das Al-ter zu kämpfen.
Von 1981 an hatte Max Frisch für mehrere Jahre seinen Wohnsitz in New York.
Er wurde sogar Ehrendoktor der City University of New York.
Blaubart (1982) ist das letzte erzählerische Werk Max Frischs.
Dr. Felix Schaad wird vom Gericht freigesprochen. Er fühlt je-doch eine moralische Schuld und klagt sich selbst an. Es ist ein Buch über Ehen, über die Eifersucht und das Schuldgefühl. Man kann viele autobiographische Züge darin finden.
Max Frisch starb am 4.April 1991, fast 80 Jahre alt.

1.2 ZUR ZEITGENÖSSISCHEN WÜRDIGUNG VON MAX FRISCHS WERK

Ich werde im folgenden einige Momente der Kritik zu Max Frischs Werk im allgemeinen festhalten. Zunächst gebe ich eine kurze Aus-wahl von Urteilen über Frischs Werk. Dann gebe ich einige Ansich-ten aus ein paar Zeitungen wieder, die nach dem Tode Max Frischs zu lesen waren. Meine Absicht ist, dadurch die unterschiedlichen Ansichten über Max Frisch zu zeigen. Am Ende meiner Arbeit werde ich versuchen, diese Ansichten mit meinen Schlußfolgerungen zu vergleichen.
Eine kleine Auswahl der Aussagen über Max Frisch:

Joachim Kaiser:


Max Frisch ist mutig genug in der Raum der Freiheit, ja Grenzenlosigkeit, den er für seine Geschöpfe erbauen möch-te, keine Thesen, keine positiven Ratschläge hineinzustel-len.

Helmut Heissenbüttel:


Frischs Werk ist doppelgesichtig. Er kann traditionell be-griffen werden. Er kann gelesen werden als ein Autor, der außerhalb und jenseits dieser ganzen finsteren, destrukti-ven und unfreundlichen Moderne steht. Und auf der anderen Seite, gräbt man ein wenig tiefer, versucht man wirklich zu verstehen, was da verhandelt wird, eine Welt, in der nichts mehr stimmt, in der den Figuren wie dem Autor langsam, aber unausweichlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Karl Schmid:


Alle nationalen Grenzen schaffen in Frischs Augen abgelei-tete und künstliche Wesenheiten... Er hat sich vielleicht nicht so sehr von seiner Nation entfernt als von dem Bild-nisse, daß diese Nation von sich macht.


Erich Franzen:


Frisch ist ein echter Humanist, der die Menschlichkeit und die Freiheit des Individuums als oberste Gebot sieht.


Hans Heinz:

Frisch hat ein Werk geschrieben, das Menschen darstellt, nicht politische Abstraktionen. Aber er hat zu zeigen ver-standen, daß die Menschen als politische Wesen so sind, wie sie sind; daß ihr Charakter durch die Gesellschaft geprägt wird, die sie bilden. Er ist ein Rationalist, denn er ap-pelliert an das Denken. Besser zu denken, hieße auch, besser zu leben. Denken baut Vorurteile und Ideologien ab. Aus dem Abbau der Ideologien mag aber die Bereitschaft zur Verbesserung der Gesellschaft hervorgehen.

Nach der Erscheinung von Mein Name sei Gantenbein wurde Max
Frisch als Kandidat für den Nobelpreis erwähnt. Leider bekam er diesen Preis nicht. Er bekam aber viele andere Preise für seine Dichtung. Ich möchte folgende Preise erwähnen:

Für Stiller:
1955 Der Wilhelm-Raabe Preis der Stadt Braunschweig.
1955 Der Schiller-Preis der Schweizer Schiller Stiftung.
1956 Der Welti-Preis von der Stadt Bonn.

Für Homo faber:

1958 Der Charles-Veillon Preis in Lausanne.
1958 Der Georg Büchner Preis in Darmstadt.
1958 Der Züricher Preis. (Der Preis seiner Heimstadt)

Für Mein Name sei Gantenbein:

1965 Der Preis der Stadt Jerusalem.
1965 Der Schiller-Preis des Landes Baden-Würtemberg.



1.3 EINIGE WÜRDIGUNGEN NACH DEM TODE VON MAX FRISCH

In der Süddeutschen Zeitung, Samstag/Sonntag-Ausgabe vom 6/7. April 1991, zwei Tage nach dem Tode Max Frischs, war folgender Artikel zu lesen: "Max Frisch - das brüderliche Genie".
Der Literaturkritiker und Freund Joachim Kaiser gibt sowohl persönliche als auch litterturkritische Betrachtungen über Max
Frischs Leben und Werk.
Kaiser erzählt von Frischs Verhältnis zu der Schweiz. Max Frisch war in der Schweiz nicht so sehr beliebt, weil er ein scharfer Kritiker der Schweizer Zustände war. Joachim Kaiser unterstreicht aber Max Frischs Bedeutung für die Bundesdeutschen.
Max Frischs Verhältnis zu Brecht wird besprochen. Trotz der nahen Bekanntschaft mit Brecht sei Max Frisch nicht Brechtianer gewor-den. Max Frisch habe nie den Glauben gehabt, daß die Kunst die Welt ändern könne. Er hält den Faschismus als einen Beweis dafür.

"In den sechziger Jahren war Max Frischs Ruhm überwältigend", schreibt Joachim Kaiser. Aber Amerika fehlte noch. Sein Freund und Landsmann Dürrenmatt hatte in den USA großen Erfolg.

In seinem zweiten großen Tagebuch hat sich Max Frisch geändert. Hier ist er mit dem Alt-Werden, der Einsamkeit und der Schuld, die Männer auf sich nehmen, wenn sie Frauen lieben, beschäftigt.

Kaiser bespricht auch Max Frischs Verhältnis zu Ingeborg Bachmann, das von entscheidener Bedeutung für Max Frischs Leben gewesen ist. Max Frischs Liebe zu Ingeborg Bachmann habe bei beiden tiefe Wunden hinterlassen.

Kaiser schließt mit den folgenden Charakteristik von Max Frisch:


Aber auch da (in der Liebe zu Ingeborg Bachmann ) war Max Frisch zu ehrlich, um sich in Schönerei oder auch bequeme Selbstverdammung zu flüchten. Vielleicht liebten seine
Freunde und Leser ihn eben darum. Er war schlechtin unfähig zu allem Rasch-Harmonisierenden, zu allem Groß-sprecherischen, Pompösen. Und verhielt sich doch nie kleinlich, pedantischselbstgerecht, billig clever. Ein Mensch, der die Sorgen und Ängste aller wacher Zeitgenossen mitempfand, der ungnädig war nur zu der klassenlosen Gesellschaft der Selbstgerechten und der als Autor dies alles in die Gültigkeit kleiner und großer Mei-sterwerke umzusetzen wußte: ein solcher Mensch, ein solches brüderliches Genie ist Max Frisch gewesen.

In Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Freitag, dem 5. April 1991 stand unter der Schlagzeile "Ich bin nicht Stiller" ein Artikel in Zusammenhang mit dem Tode Max Frischs.
Ein zentraler Begriff im Artikel ist "der saubere Schnitt". Der Artikelschreiber meint damit die Klarheit und Präzision, mit denen Max Frisch gearbeitet hat. Darin liege auch ein Einschlag von Grausamkeit, der die Reinheit und Befreiung von der Lüge bewirke.

Die Kompromißlosigkeit Max Frischs habe dazu geführt, daß viele ihn für gefährich gehalten hätten, besonders in der Schweiz und seiner Vaterstadt. "Der saubere Schnitt", der eine Folge seiner Kompromißlosigkeit gewesen sei, habe dazu geführt, daß er "die Lüge Lüge und die Schande Schande" nenne.
Alle Interpreten hätten als zentrales Thema gehalten, daß man sich kein Bildnis machen solle. N.N. meint, daß das Fragestellen für Max Frisch wichtiger ist. Er weist auch auf Frischs erstes Tagebuch hin:


Sein Ehrgeiz war nie die Antwort, immer nur die Frage. Das legendäre Axiom, daß man sich kein Bildnis machen solle, der Satz, an den sich seither alle Interpreten klammern, ist für sein Werk in Tat und Wahrheit eher nebensächlich, weit belangloser jedenfalls als die Strategien seines Fra-genstellens."Eine dermaßen zu stellen, daß die Zuschauer von dieser Stunde an ohne eine Antwort nicht mehr leben können"- das nannte er schon im ersten Tagebuch seine Auf-gabe als Dramatiker.

Die Klarheit und Präzision und die Kompromißlosigkeit treffen auch Max Frisch selbst, meint der Artikelschreiber. Deshalb wirken auch die männlichen Hauptfiguren autobiographisch, und "das Gericht, das der Autor über die Figuren hält, wird zum Tribunal für ihn selbst."
Man könne aber leicht die gezeichnete Gestalt mit dem Zeichner verwechseln.
"Der saubere Schnitt" betreffe sowohl die moralische und exi-stentielle als auch die künstlerische Seite.

Der Gestus des sauberen Schnitts ist bei Frisch ebenso sehr eine moralische wie eine existentielle und eine artistische Aktion.

Als Schlußfolgerung seiner Betrachtungen schreibt N.N.:

Was immer er thematisierte an Aktuellem und Grundsätzli- chem, Politischem, Menschlichem, es geriet zu einer Szene und er in dieser Szene zum Akteur. Seine nahezu diabolische Fähigkeit, andere zu durchschauen, ebendas, was viele beim Gedanken an ihn frösteln ließ, erwies sich hier als der Ort eines dialektischen Umschlags von der Analyse zur leibhaftigen Gestaltung. Dennoch wußte er sehr genau Bescheid über die Differenz zwischen dem Erzählen am behaglichen Tisch und dem Erzählen als Vorgang und Verfahren in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Ihm war klar, daß die Wahrheit, die dort, unter Freunden, für einen flüchtigen, aber gelebten Moment gewonnen wird, erlischt, wenn man sie tale quale, "draufloserzählend" eben, zu Papier bringen will.


Im Spiegel Nr.15 vom 8.April 1991 war ein Nachruf über Max Frisch zu lesen.
Hier wird die Größe Max Frischs hervorgehoben. Die Romane Stil-ler, Homo faber und Mein Name sei Gantenbein zusammen mit den Dramen Biedermann und die Brandstifter und Andorra hätten Max Frisch zu dem größten deutschschreibenden Autor seiner Generation gemacht.
Was seine Biographie betrifft, sagt der Artikelschreiber: ..."das gelebte Leben war für ihn nur eine unter vielen möglichen Vari-anten, vielen möglichen Identitäten"...
Dann wird von Max Frischs Leben erzählt, und die zwei Hauptvari-anten seines Lebens, die Schriftstellerei und die Architektur, besprochen.
Der Artikelschreiber Hellmuth Karasek erzählt, daß Max Frisch sehr gern "man" gesagt habe, weil "Ich" für ihn keine feste Größe gewesen sei. "In diesem Ich hat das Werk des Erzählers seinen
Kern,"...
In Mein Name sei Gantenbein habe Max Frisch die Biographie im Ka-leidoskop ihrer Möglichkeiten aufgelöst.
Karasek behauptet auch, daß die Werke Max Frischs viel Autobiographisches enthielten. Er weist auf das Tagebuch hin:

Wieviel Autobiographisches seine Fiktionen nährte, hat er (im "Tagebuch 1966 - 1971", in der Erzählung "Montauk" und anderswo) bis zur Schonungslosigkeit offenbart: die erste Ehe, die bürgerlich sein wollte, die späte zweite, die ein glückliches Abenteur für ein paar Jahre war, dazwischen die lange Verbindung mit Ingeborg Bachmann, und manches Aben-teuer davor, dazwischen, danach - Frisch war ein Mann, der die Frauen liebte.

Hellmuth Karasek behauptet, daß Frisch nie so sehr Mode gewesen sei, daß er altmodisch hätte werden können. Die Schluß-Betrachtungen könnten vielleicht im Widerspruch zu dieser Aussage ste-hen:


Das Spiel der Lebens-Varianten hat mit den Jahren an Reiz verloren, verschlungen von der wachsenden Summe des Geschehenen und Unwiderruflichen; die Zeit hat Frisch zum Chronisten des Alterns gemacht, der dem Ende gefaßt entge-gensah: "Was keine Variante mehr zuläßt, ist der Tod." Am vergangenen Donnerstag ist er, sechs Wochen vor seinem 80. Geburtstag, nach langer Krankheit in Zürich gestorben.


TEIL B

2.0 MEIN NAME SEI GANTENBEIN


In diesem Teil meiner Arbeit werde ich eine Analyse des Romans vornehmen. Ich beginne mit einigen allgemeinen Betrachtungen über die Ich-Problematik. Diese Betrachtungen dienen als Einleitung zu den verschiedenen Ich-Betrachtungen von Mein Name sei Gantenbein.

2.1 ZUR ICH-PROBLEMATIK IM ALLGEMEINEN

Meiner Meinung nach kann man drei verschiedene Ich-Erzählsitua-tionen unterscheiden:
Wenn es sich um einen autobiographischen Roman handelt, spricht man von einem "Ich mit Leib". Damit meint man, daß eine Identität zwischen dem erzählenden Ich und dem erlebenden Ich besteht. Der Erzähler erzählt also von sich selbst und ist selbst "der Held" seiner Erzählung.

Eine andere Art von Ich-Roman ist jene Erzählform, die ein peri-pheres erlebendes Ich hat. Ein peripheres Ich steht nicht im Mit-telpunkt der Begebenheiten. Es ist aber ein Beobachter, durch den uns das Geschehende beigebracht wird. Der "Held" der Geschichte ist eine andere Person.

Als dritte Möglichkeit gibt es die quasiautobiographische Erzäh-lung, in der der Erzähler und "der Held" der Geschichte identisch sind. Diese Erzählweise ist wohl die gewöhnlichste dieser drei. Das Wort "quasiautobiographisch" bedeutet, daß es keine Identität zwischen dem erzählenden Ich und dem erlebenden Ich gibt. Man kann dieses Ich mit einer Reflektorfigur in der dritten Person vergleichen.
Max Frisch wählt die Ich-Form in Mein Name sei Gantenbein. Er gibt sogar die Gründe im Roman an:

(Manchmal scheint auch mir, daß jedes Buch, so es sich nicht befaßt mit der Verhinderung des Krieges, mit der Schaffung einer besseren Gesellschaft und so weiter, sinn-los ist, müssig, unverantwortlich, langweilig, nicht wert, daß man es liest, unstatthaft.
Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgend sonst.) (G 62)


Also alles was passiert, im Krieg oder in der Gesellschaft, be-ruht auf Wahlen und Taten des einzelnen Menschen. Das Benehmen eines Ichs zu den anderen Ichs ist die Grundlage der Geschichte.
Im folgenden werde ich versuchen, den Roman Mein Name sei Gantenbein als drei verschiedene Ich-Geschichten zu betrachten.

2.2 MEIN NAME SEI GANTENBEIN ALS AUTOBIO- GRAPHISCHER ROMAN

Der Titel des Romans deutet an, daß die Hauptperson eine andere als Gantenbein ist. Der Konjunktiv "sei" ist ein Beweis dafür.
Sonst hätte Max Frisch den Titel "Mein Name ist Gantenbein" ge-wählt. Gantenbein ist also nicht der Erzähler des Romans, sondern eine Rolle, die der Erzähler spielt.
Das Erzähler-Ich ist nur an wenigen Stellen spürbar. Zum ersten Mal taucht es am Anfang des Romans auf:

Ich sitze in einer Wohnung: meiner Wohnung... Lang kann's nicht sein, seit hier gelebt worden ist; ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche, Inselchen von Schimmel auf dem samtroten Wein, ferner Reste von Brot, aber ziegelhart. Im Eisschrank(ich habe nachgesehen, ohne Hunger zu haben)- krummt sich Schinken, in Kalte verdorrt und beinahe schwarz, auch etwas Käse ist noch da, rissig wie Baumrinde, grünlich, und ein Glas mit Rahm, der aber nicht mehr fließt, und in einer Schüssel schwimmt noch ein trüber Rest von Kompott, Aprikosenschlamm. Ferner eine Dose mit Gänseleber. Wegzeh rung für eine Mumie? Ich weiß nicht, warum ich es nicht in den Kehrichteimer geworfen habe... Ich hocke in Mantel und Mütze, weil es draußen regnet.Ich hocke auf der Lehne eines Polstersessels und spiele mit einem Korkenzieher. Korken- zieher bleibt Korkenzieher, standard, Hausgerät im Stil der Epoche. Ich sehe: jemand hat unsere Teppiche gerollt, mit Kampfer eingesegnet und gerollt, Schnur drum die Fensterläden geschlossen gegen Regen und Sonne und Wind, gegen Sommer und Winter; ich öffne sie nicht.(G 17)

...

Draußen die Straßenbahn, dazwischen Hupen, aber hier hinter geschlossenen Fensterläden, wo ich in Mantel und Mütze ho-cke auf der Lehne eines weißverhüllten Polstersessels, wäh-rend es draußen regnet, hier ist es wie in Pompeij: alles noch vorhanden, bloß die Zeit ist weg. Wie in Pompeij: man kann durch Räume schlendern, die Hände in den Hosentaschen, und sich vorstellen, wie hier einmal gelebt worden ist, be-vor die heiße Asche sie verschüttet hat. Und es hallt auch (weil die Teppiche gerollt sind) wie in Pompeij - Einmal klingelt's tatsächlich.
Ich mache nicht auf -
Der Herr meines Namens ist verreist. (G 18)


Dieser Herr hat mit jemandem zusammengelebt. Es sind nicht seine Teppiche, sondern "unsere". Jetzt ist er allein. Die Zeit hat seit langem stillgestanden.

Wenn man diesen Roman von dem Gesichtspunkt betrachtet, daß es sich um einen autobiographischen Roman handelt, geht es um das Scheitern der Ehe von Max Frisch und Constanze von Meyenburg. Sie heirateten 1942 und ließen sich im Jahre 1959 scheiden.
Vielleicht versucht Max Frisch in Mein Name sei Gantenbein seine eigene Scheidung zu verarbeiten.Durch die verschiedenen Rollen versucht er die verschiedenen Seiten der Ehe zu beleuchten und fünf Jahre nach der Scheidung einige Antworten zu finden. Den blinden Gantenbein kann man sinnbildlich betrachten. Gantenbein fehlt die Einsicht.

Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal. Dann wieder zweifele ich, ob die Geschichten, die ich mir vor-stellen kann, nicht doch mein Leben sind. Ich glaub's nicht. Ich kann es nicht glauben, daß das, was ich sehe, schon der Lauf der Welt ist. (G 283)


Max Frisch hatte vielleicht auch nicht die nötige Einsicht

gehabt, um seine Ehe retten zu können. Durch Gantenbein tritt

sein Schuldgefühl hervor.

Am Ende des Romans taucht die Beschreibung von der Verlassen-

heit wieder auf:


Reste von Burgunder in einer Flasche, ich kenne das, In-selchen von Schimmel auf rotem Wein, ferner Reste von Brot ziegelhart, im Eisschrank krümmt sich verdorrter Schinken, in einer Schüssel schwimmt ein trüber Rest von Kompott, Aprikosenschlamm, Wegzehrung für eine Mumie, ich weiß, ich hocke in Mantel und Mütze, es riecht nach Kampfer, Staub, Bodenwichse, die Teppiche sind gerollt, und ich hocke auf der Lehne eines Polstersessels und spiele mit einem Korkenzieher, weiß nicht, was geschehen ist, alle Polstersessel sind mit weißen Tüchern bedeckt, ich kenne das, Fensterläden geschlossen, alle Türen offen,
brauche mich nicht zu erheben, kenne das - (G 283)

An einer anderen Stelle erzählt das Ich von der Liebe, die nicht vergolten wird. Das ist eine alltägliche Geschichte, aber es kön-nte auch das Scheitern von Max Frischs Ehe sein.
Das Ich gibt auch zu, daß es keinen Gantenbein gibt, auch keine Camilla. Camilla ist nicht die Frau Gantenbeins, sondern eine Hure von der Gantenbein Maniküre bekommt, sonst ist sie auch wie eine Vertraute, der Gantenbein Geschichten erzählt.
Von jemandem wird der Erzähler am Ende gefragt, wer er ist und was eigentlich geschehen ist:

"Also", sagt jemand, den es nichts angeht, und wir sind unter vier Augen, "was ist nun eigentlich geschehen in Ihrem Leben, das zu Ende geht?"
Ich schweige.
"Ein Mann liebt eine Frau", sagt er, "diese Frau liebt einen anderen Mann", sagt er, "der erste Mann liebt eine andere Frau, die wiederum von einem anderen Mann geliebt wird", sagt er und kommt zum Schluß, "eine durchaus alltägliche Geschichte, die nach allen Seiten auseinander geht -"
Ich nicke.
"Warum sagen Sie nicht klipp und klar", fragt er mit einem letzten Rest von Geduld, "welcher von den beiden Herren Sie selber sind ?"
Ich zucke die Achsel.
"Die Untersuchung hat ergeben", sagt er nicht ohne einen Unterton von Drohung," daß es eine Person namens Camilla Huber beispielweise nicht gibt und nie gegeben hat, ebensowenig wie einen Herrn namens Gantenbein -"
"Weiß ich."
"Sie erzählen lauter Erfindungen."
"Ich erlebe lauter Erfindungen." (G 282)

Am Ende des Romans befindet sich das Erzähler-Ich in einer har-monischen Situation. Er erzählt von etruskischen Flöten, also muß er irgenwo in Italien sein. Die Etrusker waren ein altes Kultur-volk, das in Italien einwanderte und bis ungefähr 500 vor Chris-tus das Land regierte.

"Alles ist wie nicht geschehen..."
...
"Leben gefällt mir -" (G 288)

Der Gedankenstrich statt des Punktes könnte die Bedeutung haben, daß die erlebte Harmonie nur scheinbar ist. Vielleicht handelt es sich noch um eine Person, ein Ich, das immer noch am Verlust seiner Ehe leidet.

Ein Schriftsteller kann nur die Dinge beschreiben, von denen er eine gewisse Kenntnis hat. Man braucht natürlich nicht alles selber erlebt zu haben. Die Kentnisse kann der Schriftsteller durch Lesen und die Beobachtung von anderen Menschen bekommen haben. Nur durch eine genaue Beobachtung von Leben und Werk kann die Parallelität zwischen Leben und Werk beschrieben werden. In Mein Name sei Gantenbein gibt es jedenfalls mehrere Parallelen zu Max Frischs Leben:

Es wird von vielen Reisen erzählt, nach Jerusalem, Gibraltar, nach Italien und Amerika. Wir wissen, daß Frisch selbst dieselben Orte und Länder besuchte. Enderlin ist Ehrendoktor von Harvard, Max Frisch wurde selbst Ehrendoktor der University of New York.

Gantenbein, Enderlin und Svoboda sind alle zwischen 40 und 50, nur wenige Jahre jünger als Max Frisch war, als er Mein Name sei Gantenbein schrieb.

Der Satz aus der Geschichte von der abschwimmenden Leiche ..." daß Zürich ihn nicht halten können -" ... deutet vielleicht auf Max Frischs Verhältnis zur Schweiz hin.
Vielleicht ist die Parallelität größer auf der psychologischen Ebene als auf der sozialen. Man könnte den Roman einen autobio-graphischen Seelenroman nennen.

2.3 DAS ICH IN MEIN NAME SEI GANTENBEIN ALS PHERIPHERES ICH BETRACHTET


Gantenbein ist die deutlichste Person im Roman. Es gibt aber außerdem ein Ich, das eine etwas zurückgezogene Rolle im Roman hat. Dieses Ich könnte auch als ein peripheres Ich betrachtet werden. Man könnte sagen, daß dieses Ich nicht so interessant ist. Es ist aber notwendig als Rollenträger. Ein Roman über den Menschen als Rollenspieler muß einen Rollenträger haben. Das Ich an sich selbst ist uninteressant und taucht nur als eine Notwen-digkeit auf, wenn eine neue Rolle gezeigt werden soll.
Das könnte also der Grund dafür sein, daß die Geschichte des Erzählers, des Ichs, so in den Hintergrund gerät. Die drei Haupt-rollen des Ichs sind das Wesentlichste.
Wenn wir das erzählede Ich als ein peripheres Ich betrachten, bekommt es die Rolle des Zuschauers. Seine Funktion wird die des Vermittlers. Es tritt in den Hintergrund, um die wensentlichen Gestalten hervorzuheben. Das wesentliche im Roman sind die verschiedenen Rollen, das Rollenspiel.

2.4 MEIN NAME SEI GANTENBEIN ALS QUASI-
AUTOBIOGRAPHISCHER ROMAN

Ein quasiautobiographischer Roman ist also ein Roman, wo der Schriftsteller die Ich-Form benutzt, ohne daß er als Erzähler von sich selbst erzählt. In der extremsten Form wird das Ich zur Re-flektorfigur.
Je weniger man diesen Roman für eine autobiographische Erzählung hält, desto stärker wird das quasiautobiographische Element.
Ich habe früher einige Elemente angedeutet, die autobiographische Momente sein könnten. Vieles von dem, was erzählt wird, muß man jedoch als Fiktion betrachten. Und das stützt natürlich das qua-siautobiographische Argument.
Mein Name sei Gantenbein ist ein ganz besonderer Roman, denn es gibt viele gedachte Rollen. Man muß aber nicht vergessen, daß der Roman ein erzählendes Ich hat. Svoboda, Enderlin und sogar Gan-tenbein sind Rollen, die das Ich ausprobiert.
Das erzählende Ich taucht ab und zu auf, was die folgenden Bei-spiele zeigen:
"Ich stelle mir vor" taucht vielmals auf, das erste Mal auf der zweiten Seite des Romans. (G 8)

Weiter taucht das Erzähler-Ich auf in solchen Formulierungen wie:

"Ich sitze in einer Bar,"... (G 8)

"Ich trinke - ich denke: Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung... " (G 8)

"Was ich mir vorstellen kann:
(weil ich es erfahren habe)" (G 139)

"Einmal bin ich in Jerusalem." (G 139)

"Ich frage mich, welche Berufe für Gantenbein in Frage kommen,"... (G 180)


Es gibt also ein Erzähler-Ich, das ab und zu ganz kurz auftaucht. Wenn aber das Erzähler-Ich die Rolle von Gantenbein annimmt, be-zeichnet sich auch Gantenbein als Ich.
Der Übergang von dem Ich-Erzähler zum Gantenbein-Ich ist ab und zu fast unmerkbar. Das zeigt die enge Bindung zwischen dem Er-zähler und Gantenbein:


Eine alte Leidenschaft von Gantenbein, so nehme ich an, ist das Schach. Und auch das geht ohne weiteres.
Hast du gezogen? frage ich.
Moment, sagt mein Partner, Moment!
Ich sehe und warte...
Ja, sagt mein Partner, ich habe gezogen. (G 93)


Die Rolle Gantenbein gefällt dem erzählenden Ich am besten, und sie lassen sich nur schwer unterscheiden. Es ist aber wichtig, daß man versteht, wer spricht, der Erzähler oder Gantenbein.
Gantenbein ist eine Rolle des Erzähler-Ichs. Aber Gantenbein spielt auch eine Rolle, die des Blinden. Die Blindenrolle ist sozusagen eine Rolle in der Rolle.
Mein Name sei Gantenbein ist der Titel des Romans. Der Konjunktiv deutet auf die gedachte Situation hin. Infolgedessen wird Gan-tenbein nicht der Erzähler des Romans. Gantenbein ist buchstäb-lich die Hauptrolle, die das Erzähler-Ich spielt. Der Erzähler bleibt ein Ich, dem es am besten gefällt, die Rolle Gantenbeins zu spielen.

Man kann sich darüber steiten, welche von diesen drei Betrachtungsweisen die richtigste ist. Ich glaube, daß jede Auffassung einen Beitrag zum Verstehen des Romans geben kann.
Das Wichtigste ist aber, daß man nicht den Fehler begeht, Ganten-bein zum Helden zu machen. Es gibt ein erzählendes Ich, das Rol-len wie Kleider probiert!

..."daß es eine Person namnes Camilla Huber beispielweise nicht gibt und nie gegeben hat, ebensowenig wie einen Herrn namens Gantenbein -"... (G 282)

2.5 DAS ROLLENSPIEL


Das zentralste Thema des Romans ist der Mensch als Rollenträger. Der Mensch muß im Leben mehrere Rollen spielen.
Manche haben Probleme, ihre Rolle zu finden, das heißt, sich eine Identität zu verschaffen. Das Ich wird durch das Erlebte geformt. Es gibt im Leben viele Wahlmöglichkeiten. Was man für seine eig-ene Lebensgeschichte hält, ist aber nur eine Möglichkeit unter vielen anderen. Der Mensch klammert sich an seine Geschichte, weil er Angst hat, sein Ich zu verlieren.

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält", ... (G 45)


In Mein Name sei Gantenbein spielt das Erzähler-Ich mit den Mög-lichkeiten des Ichs, sein Ich und seine Geschichte zu wählen:

"Ich probiere Geschichten an wie Kleider!" (G 20)

Das Wechseln der Ichs und der Gechichten werden mit Kleiderwech-seln verglichen. Das Ich kauft sich neue Kleider und zieht sich neue Kleider an. " Neue Kleider " ist ein Sinnbild für das Wech-seln der Geschichten, der verschiedenen Rollen.

"Ich werde mir neue Kleider kaufen," ... (G 19)

Im Roman probiert das Ich drei Hauptgeschichten, drei Hauptrol-len. Das sind die Rolle als Gantenbein, als Enderlin und die als Svoboda. Am Ende stellt es die Frage, ob er auch eine vierte Rol-le erfinden muß:
"(Muß ich auch Siebenhagen noch erfinden?)" (G 280)
Die verschiedenen Rollen vertreten verschiedene persönliche Ei-genschaften, verschiedene Charakterzüge.
Alle Rollen sind mit dem Ich und ineinander verwebt.

2.5.1 DIE ROLLE ALS GANTENBEIN

Die engste Beziehung besteht zwischen dem Erzähler-Ich und Gan-tenbein. Manchmal ist es schwierig zu entscheiden, wo die Grenze zwischen dem Erzähler und Gantenbein geht. Man könnte es viel-leicht eine Spaltung des Ichs in mehrere Personen nennen. Oder wir haben mit einem schizophrenen Menschen zu tun, der die Realität und Phantasie vermischt.

Die Rolle von Gantenbein ist eine doppelte Rolle, denn Ganten-bein spielt zugleich eine Blindenrolle. Die Blindenrolle wird durch einen gedachten Verkehrsunfall motiviert und erklärt:

Ich stelle mir vor:
Ein Mann hat einen Unfall, beispielweise Verkehrsunfall, Schnittwunden im Gesicht, es besteht keine Lebensgefahr, nur die Gefahr, daß er sein Augenlicht verliert.
...
Eines Morgens wird der Verband gelöst, und er sieht, daß er sieht, aber schweigt; er sagt nicht, daß er sieht, niemand und nie.
..., ein Leben als Spiel, seine Freiheit kraft eines Geheimnisses usw.
Sein Name sei Gantenbein. (G 20)

Gantenbein ist der blinde Gatte, der mit einer berühmten Schau-spielerin zusammenlebt, die Vorstellungen von Gantenbein tauchen ganz am Anfang des Romans auf. Die Vorstellungen von dem blinden Gantenbein und Lila etwas später:

Ich stelle mir vor:
mein Leben mit einer großen Schauspielerin, die ich liebe und daher glauben lasse, ich sei blind; unser Glück infolgedessen. (G 74)

Ihr Name sei Lila.


Lila ist also Schauspielerin von Beruf. Was sie nicht weiß, ist, daß Gantenbein auch Schauspieler ist. Er ist kein Berufsschauspieler, er lebt aber als Schauspieler. Er muß sogar ein sehr erfolgreicher Schauspieler sein, denn er fällt nie aus seiner Rolle.
Die Blindenrolle gibt Gantenbein viele Vorteile. Weil er "blind" ist, muß er nicht arbeiten. Er wird von seiner Frau, Lila, ver-sorgt. Er hilft jedoch bei der Hausarbeit, dafür wird er sehr ge-lobt, weil man glaubt, daß er blind ist.
Ein Blinder darf auch Fehler begehen, ohne daß man ihm Vorwürfe macht:

"Man kann's einem Blinden nicht verargen." (G 31)

Im Theater ist er Zuhörer, kann aber alles sehen. Er darf an
Leuten vorbeigehen, ohne zu grüßen, weil er "blind" ist.
Lila und andere Leute müssen sich in seiner Nähe nicht zu sehr schützen, weil ein Blinder nichts durch die Augen mitkriegt.
Das ist der Hauptgrund dafür, daß die Blindenrolle Gantenbein sehr gut gefällt. Und vielleicht ist das heimliche Zuschauen das, was das Erzähler-Ich an Gantenbein so attraktiv findet.

Das heimliche Zuschauen ist der Hauptgrund dafür, daß Gantenbein die Blindenrolle annimmt. Gantenbein ist eine eifersüchtige Per-son.

Aber die Vorteile, sage ich mir dann, die Vorteile, du darfst die Vorteile deiner Rolle nie vergessen, die Vorteile im großen wie im kleinen; man kann einen Blinden nicht hinters Licht führen... (G 91)


Der eifersüchtige Gantenbein hat Angst, hinter das Licht geführt zu werden.
Die Ehe von Gantenbein und der Schauspielerin Lila ist eine glückliche Ehe. Weil Gantenbein sehr eifersüchtig ist, gibt ihm die Blindenrolle eine besonders gute Möglichkeit, allem zuzuschauen. Im Theater, am Flughafen oder wenn die Post kommt, kann er alles genau sehen, ohne daß man weiß, daß er etwas durch die Augen mitbekommt. Hinter der Blindenbrille sucht Gantenbein mit den Augen eines Adlers die Spuren von Betrug und Liebhabern.
Das Sehen durch die Blindebrille ist aber grau und farblos. Das ist ebenfalls ein Sinnbild der Eifersucht. Durch das einfarbige eifersüchtige Sehen wird die Liebe grau und farblos.

Die Triebkraft in Gantenbein ist die Eifersucht, deshalb diese Blindenrolle in der Rolle. Gantenbein ist auch kein gewalttätiger Mensch. Er ist eine Person, die durch die Liebe Schmerz erfährt.
Diese Liebe bringt ihn am Ende zu einer Gewalttat. Als Einhorn, einer der Bewunderer Lilas, auf Besuch kommt, sperrt Gantenbein die beiden ein und verläßt das Haus. Die Eifersucht gipfelt also in dieser Situation und führt zum endgültigen Zusammenbruch der Ehe. Gantenbein ist wahnsinnig vor Eifersucht. Lila verläßt ihn:


Eine Woche danach (leider lassen sich Gespräche, die über-flüssig sind, im Leben nicht streichen) ist Lila gegangen; sie kann nicht mit einem Wahnsinnigen leben, ich versteh's.
Was hilft sehen! (G 179)

Mit dem letzten Satz deutet Gantenbein an, daß es vielleicht bes-ser wäre, wenn er wirklich blind gewesen wäre. Das Sehen macht ihm nur Probleme, jedenfalls das heimliche Sehen.

Lila ist eine treue Frau. Es gibt jedenfalls keine Zeichen im Roman, daß Lila Gantenbein betrügt. Dennoch ist Gantenbein eifer-süchtig. Eine unbegründete Eifersucht enthüllt Gantenbeins eigene Unsicherheit. Ein unbegründeter Verdacht ist immer ein Spiegelbild! Gantenbein vertritt also den unsicheren Menschen, der we-nig Selbstvertrauen hat.

Gantenbein hat auch ein Verhältnis zu einer anderen Frau, Camilla Huber. Diese Frau ist eine Hure, die auch Manikür macht. Die Manikür ist nur eine Deckung dafür, was sie eigentlich macht. Gantenbein kommt nur, um Manikür zu bekommen. Diese zwei ver-stehen sich sehr gut. Sie lassen die dunklen Seiten ihres Lebens in Ruhe. Es besteht eine Art von therapeutischer Freundschaft zwischen ihnen. Camilla ist die Vertraute Gantenbeins, der er Geschichten erzählt. Die Geschichten handeln meistens von Gan-tenbein in Verkleidung. Camilla ist die Therapeutin und Gantenbein der Klient, der regelmäßig zur Behandlung kommt.

Gantenbein ist ein Zeuge des Lebens, ein Zuschauer. Es ist aber ein Problem, daß er nicht erzählen kann, was er sieht.
Ja, er sieht sogar mehr als andere Leute, weil er als "Blinder" mehr sehen darf. Das heißt, man braucht sich in der Nähe eines Blinden nicht so sehr schützen. Die Leute treten vor einem Blinden weniger verkleidet auf. Das sind die Vorteile.
Es gibt auch Nachteile. Ein Blinder ist als Zeuge nicht glaubhaft. Als Camilla ermordert worden ist, wird Gantenbein als Zeuge in den Gerichtssaal gebracht. Er ist aber als Zeuge nicht gesetz-lich glaubhaft, weil er blind ist.
Als Zeuge des Lebens ist Gantenbein ebensowenig glaubhaft, weil er im übertragenen Sinne blind ist. Liebe macht blind. Eine ei-fersüchtige Liebe schafft eine noch gefährlichere Blindheit.

Die Beziehung zu Camilla Huber ist von einer platonischen Art. Das ist vielleicht bemerkenswert, weil man daran denkt, daß Camilla eine Nutte ist. Da könnte sich leicht eine andre Be-ziehung daraus entwickelt haben. Das geschieht aber nicht, und das fehlende Geschehen ist kein Zufall. Das zeigt uns eine Eigenschaft Gantenbeins. Er ist nämlich ein sehr treuer Ehemann. Mit Camilla kann er eine gute Freundschaft haben. Eine Freundschaft ohne Gefühle paßt dem Eifersüchtigen am besten. Mit einer Hure funktioniert es zudem gut, weil alle damit einverstanden sind, daß ein Hure viele Beziehungen haben muß. Es wird nie von Treue und Untreue gesprochen.

Gantenbein ist wegen seiner Blindheit berufslos. Der Erzähler stellt sich einmal die Frage, welche Berufe für den blinden Gan-tenbein in Frage kommen könnten:

Ich frage mich, welche Berufe für Gantenbein in Frage kommen, ohne daß er berufshalber seine Blindenrolle aufgeben muß; es gibt viele Möglichkeiten, scheint mir, beispielweise der Beruf eines Reiseführers: ... (G 180)

Später stellt sich das Ich mehrere Möglichkeiten Gantenbeins vor. Am Ende macht er sich Gedanken über Gantenbein als Freund, das heißt Gantenbein als der Freund des erzählenden Ichs:

Man trifft sich auf der Straße, Gantenbein mit seiner gel-ben Armbinde, so daß er mir leid tut, und man redet so über die Welt, die er nicht sieht. Zwar erkundigt er sich jedes-mal, wie es mir gehe; aber ich wage es ihm nicht zu sagen. Man kennt sich von früher. Man spricht nicht von der eig-enen Karriere, wenn der andere sie nicht sieht. Ich bin kein Angeber. (G 183)


Gantenbein vertritt die Seiten des Ichs, die er nicht billigen kann. Das Ich projiziert seine schlechten Eigenschaften in die Gestalt von Gantenbein. Diese Handlungsweise ist ein gewöhnlicher psychologischer Mechanismus, wodurch man imstande wird, mit sei-nen eigenen Fehlern umzugehen. Gantenbein wird zu einer Art von Wahrsager, deshalb weiß das Ich nicht, ob er Gantenbein mag:

Ich rede aber zu Gantenbein, damit er mich versteht. Warum sagt er nichts? Er zwingt mir nur, daß ich selber alles sehe, was ich verschweige. Warum sagt er nicht, daß er das ganze hier, vom Matisse in der Halle bis zur Platin-Uhr an meiner Gattin, zum Kotzen findet?
Wir sind keine Freunde mehr.
Es macht mich traurig.
Und obschon er den Blinden spielt, es wird kein guter A-bend, und später dann, als ich ihn zum Bahnhof fahre, nehme ich unseren Wolkswagen, nicht den Jaguar, damit er den Wan-del in meinem Leben nicht höre, für den Fall, daß er wirk-lich blind sein sollte.
Gantenbein macht mich unsicher.
Ich frage mich, ob ich ihn mag... (G 187)

2.5.2 GANTENBEIN UND BURRI

Burri ist Gantenbeins guter Freund. Sie spielen zusammen Schach und unterhalten sich. Das Schachspiel ist ein intellektuelles Spiel, man muß denken und überlegen, welche Schritte und Strategien zum Ziel führen. Burri ist Arzt und mit Fakten beschäftigt. Er ist ein Pragmatiker, der das Leben intellektuell und praktisch betrachtet. Mit ihm unterhält sich also Gantenbein über die verschiedenen Fragen der Welt. Sie sprechen über aktuelle politische Fragen. Das Leben wird sogar mit einem Schachspiel verglichen.

Gestern, in Gesellschaft bei Burri, redete man einmal mehr über Kommunismus und Imperialismus, über Cuba, jemand re-dete von der Berliner Mauer, Meinungen, Gegenmeinungen, leidenschaftlich, ein Schach auch so, Zug und Gegenzug, ein Gesellschaftsspiel, bis einer, bisher stumm, erzählte von seiner Flucht. (G 109)

Manchmal reden sie aber über Probleme, die Gantenbein besonders beschäftigen: das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im all-gemeinen, und speziell interessiert sich Gantenbein für eifersüchchtige Leute.
Einmal erzählt Burri von einem Bäckermeister, der sehr eifersü-chtig ist. Er versteckt sich im Schrank, um seine Frau zu über-wachen. Es zeigt sich auch, daß sein Verdacht nicht grundlos ge-wesen ist. Seine Frau betrügt ihn mit einem jungen Mann. Der Bä-ckermeister wird von Burri, dem Arzt, zu einer Versöhnung über-redet.
Später werden die beiden Liebhaber aufs neue erwischt, und dies-mal greift der sonst so verläßliche Bäcker zur Gewalt. Er
schießt den Liebhaber seiner Frau, und zerschneidet das Gesicht seiner Frau mit einem Taschenmesser. Dann versucht er den Arzt zu rufen, aber vergeblich. Am Ende bringt er die beiden mit sei-nem Lieferwagen ins nächste Spital und ruft die Polizei.
Diese Geschichte beschäftigt Gantenbein sehr. Er muß den Bäcker-meister sehen und besucht seinen Laden, um Brot zu kaufen. Er tut es mehrmals, bis er den Bäckermeister selbst trifft. Gantenbein findet, daß die Tat des Bäckermeisters gar nicht zu dem Täter
paßt. Mit Schrecken muß Gantenbein zugeben, daß er dasselbe hätte tun können:


Seine Tat, sah ich, paßte überhaupt nicht zu ihm. Das gibt es: plötzlich tut einer meine Tat, die ihn ins Gefängnis bringen wird, und ich stehe da mit dem Schrecken über mich. (G 103)


Nach einem späteren Schachspiel sprechen Gantenbein und Burri wieder von dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Sie sind darüber einverstanden, daß die Männer die Frauen eine zu wichtige Rolle spielen lassen. Das ist der Hauptgrund dafür, daß die Frauen zu viel Unheil anrichten. Die Männer sind blind, weil sie dies nicht einsehen wollen.
Die Männer sollten sich nicht von dem Spiel und der Koketterie der Frauen beeinflussen lassen, das tun sie aber und sind des-wegen selbst am Unheil schuld:

Ein Mann, der an seiner Frau leidet, ist selbst schuld... Was Männer hörig macht:ihre Verachtung der Frau, die sie sich selbst nicht eingestehen; daher müssen sie verherr-lichen und stellen sich blind; wenn die Wirklichkeit sie unterrichtet, laufen sie zur nächsten, als wäre die nächste nicht wieder eine Frau, und können von ihrem Traum nicht lassen... (G 188)


In den Gesprächen mit Burri behandelt Gantenbein seine eigenen Probleme zu Lila in einer intellektuellen Weise. Er scheint die Lösungen gefunden zu haben, seine Eifersucht aber kann er nicht los werden. Die zusammen mit Burri gewonnene Einsicht hilft ihm nichts.
Sie sprechen auch von dem biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau, der die Hure möglich macht. Eine Frau kann in einer Nacht mit zehn Männern zusammensein. Die Frau kann ihre Erlösung im Genuß spielen, auch wenn er ausbleibt. Das mögliche Spiel macht den Mann mißtrauisch. Der Mann ist also der Frau preisgegeben, nicht umgekehrt:

Die Frau ist ein Mensch, bevor man sie liebt, manchmal auch nachher; sobald man sie liebt, ist sie ein Wunder, also un-haltbar - (G 189)

2.5.3 GANTENBEIN UND CAMILLA

Die gewöhnliche Beziehung zu einer Hure ist geschlechtlich und physisch. Gantenbein aber hat ein menschliches, metaphysisches Verhältnis zur Prostituierten Camilla Huber. Er weiß natürlich, daß sie mehrere Männer hat, aber das macht ihn nicht eifersüch-tig.
Gantenbein kann seine Probleme nicht intellektuell lösen. Bei Camilla versucht er, seine gefühlsmässigen Schwierigkeiten zu bearbeiten. Diese Bearbeitung läßt sich nur mit einer Frau durch-führen, die durch ihr Leben keine Bindungen zu einem Mann haben kann, also einer Hure.
Gantenbein erzählt Camilla Geschichten. In den Geschichten ver-stecken sich Probleme, die Gantenbein zu lösen versucht.
Die Geschichten sollen nicht nur erdichtet sein, sie müssen vom Leben erzählen:


Camilla Huber ist unbezahlbar; sie glaubt an wahre Gesch-ichten, sie ist wild auf wahre Geschichten, es fesselt sie alles, wovon sie glaubt, daß es geschehen sei, und sei's noch so belanglos, was ich während der Manicure erzähle: -aber geschehen muß es sein ... (G 103)


Die Maniküre ist nur ein Vorwand, ein Alibi, für die Besuche Gan-tenbeins bei Camilla. Er ist auch der einzige Kunde, der bei Ca-milla Maniküre bekommt.
Eine der vielen Geschichten für Camilla handelt von Gantenbein, der den Liebhaber seiner Frau in die Lenden schießt. Gantenbein überträgt die Geschichte von dem Bäckermeister auf sich selbst. Er gesteht also Camilla seine eigene Eifersucht. Gantenbein er-zählt auch, daß er sich mit dem Liebhaber seiner Frau lange un-terhalten hat. Ja, sie haben sogar Campari getrunken. Dieser jun-ge Mann hat "einen Ruf nach Harvard" (G 104). Damit läßt er uns verstehen, daß dieser junge Mann Enderlin ist.
Dieses freundliche Verhalten zu dem Liebhaber zeigt, daß Gantenbein kein gewalttätiger Typ ist, sondern er versucht durch das Sprechen und das Denken seine Probleme zu lösen. Der Bäckermeister aber war auch ein friedlicher Mensch, der eines Tages zur Gewalt griff. Gantenbein hat Angst vor sich selbst. Vielleicht könnte er auch selbst gewalttätig werden.
Eigentlich geht Gantenbein nicht zur Maniküre, sondern zur Thera-pie. Es besteht ein zwischenmenschliches Vertrauen zwischen Gan-tenbein und Camilla. Sie müssen einander nichts vorgeben. Sie kennen sich gut aus, und akzeptieren einander. Gantenbein spricht nie von Camillas eigentlichem Beruf. Ein nicht unmöglicher Gedan-ke wäre, daß Camilla ihrerseits das Blindenspiel durchschaut hat. Sie wird ihm das jedoch niemals vorwerfen.

2.5.4 DIE ROLLE ALS ENDERLIN

Die Beziehung zwischen dem Erzähler-Ich und Enderlin ist nicht so eng wie die von Ich und Gantenbein. Über Enderlin wird mei-stens in der dritten Person gesprochen.
Enderlin taucht früher auf im Roman als Gantenbein. Ja, Enderlin begegnen wir ganz am Anfang, wo er stirbt:

So könnte das Ende von Enderlin sein.
...
Ja sage ich auch,ich habe ihn gekannt. Was heiß das! Ich habe ihn mir vorgestellt, und jetzt wirft er mir meine Vorstellungen zurück wie Plunder; er braucht keine Geschichten mehr wie Kleider. (G 8)


Die Menschen, von denen der Erzähler berichtet, vertreten seine eigenen Erfahrungen. Dies zeigt Identität zwischen dem Erzähler-Ich und den Rollen-Gestalten.
Enderlin und Gantenbein haben das gleiche Alter, 41 Jahre alt, ungefähr das Alter des Erzählers. Sie haben auch das Pfeifen-Rauchen gemeinsam. (Was auch charakteristisch für Max Frisch war!)

Die Geschichte Enderlins wird später erzählt. Enderlin ist ein sehr erfolgreicher Mensch. Ihm wird eine große wissenschaftliche Karriere vorausgesagt. Er hat einen Ruf nach Harvard (Vgl.: Max Frisch wurde Ehrendoktor der Univerität von New York!).
Er wird manchmal als der fremde Herr besprochen. "Der fremde Herr: Enderlin." (G 62)
Das Erzähler-Ich stellt sich vor, daß es in einer Bar ist. Der Erzähler wartet auf einen Herrn, der nicht auftaucht, weil er nach London gereist ist. Statt seiner kommt die Frau des erwar-teten Herrn.

Die Erzählperspektive gleitet vom Erzähler zu dem fremden Herrn, Enderlin, über. Es besteht eine Art von Doppelperspektive:

Der fremde Herr, als später (ca.15.30) ihren bloßen Arm faßt, ist verlegen nicht vor ihr, aber von mir. Sie blickt mich nicht an, wie ich erwartet hätte, mit spöttischer Mie-ne: Mein Herr was soll das? Und sie zieht auch ihren warmen Arm nicht zurück, und da sie zudem schweigt, bleibt nicht andres übrig als die Geste des fremden Herrn durchzuhalten. Aufrichtig ist dabei mein Bedauern, nichts zu empfinden. Mehr noch: ich bin bestürzt. Und als der fremde Herr end-lich seine Hand wegnimmt, da ich sie brauche, um meinen Whisky zu ergreifen, bevor er warm ist, hat sie meine heim-liche Bestürzung schon bemerkt, glaube ich, und mißverstan- den.
(G 57)


Es besteht eine Art von Spaltung des Ichs in einen Beobachter
und einen Akteur. Das Ich versucht sich von der vorgestellten
Situation zu trennen:

Ich drehte mich auf dem Absatz ich möchte nicht das Ich sein, das meine Geschichten erlebt, Geschichten, die ich mir vorstellen kann ich drehte mich auf dem Absatz, um mich zu trennen, so flink wie möglich, von dem fremden Herren. (G 60)

Später wird das Ich in der Gestalt von Enderlin der Liebhaber

der Frau, deren Mann er in der Bar treffen sollte. Ihr Mann

heißt Svoboda. Svoboda lernen wir später als Lilas ersten

Mann kennen. Diese Frau muß also Lila sein!

Durch Enderlin erlebt also das Ich die Situation und die Emp-

findungenen des Liebhabers.

Es wird weiter in der "Er-Form" erzählt. Enderlin geht mit ihr zusammen in die Oper. Sie verbringen die Nacht zusammen in ihrer Wohnung. Vom Bett aus spricht die Frau sogar mit ihrem Mann in London. Enderlin ist dabei und hört dem Gespräch zu. Was ihn traurig macht, ist die Schlauheit der Frau, an die er sich besser erinnern wird als an alles andere.
Enderlin taucht auch später als Liebhaber auf. Wenn Gantenbein Camilla die Geschichte von dem Bäckermeister erzählt, ist Gan-tenbein die Hauptperson der Geschichte. Der Betrüger hat einen Ruf nach Harvard, also muß er Enderlin sein. Hier ist es sehr deutlich, daß es Gantenbein ist, der von Enderlin betrogen wird. Jedenfalls ist es sicher, daß Gantenbein glaubt, von seiner Frau betrogen zu werden. Camilla spricht den Namen dieses Herrn falsch aus, aber nicht falscher, als daß wir Enderlin erkennen. Die Frau ist natürlich Lila.


"- aber Sie können sich vorstellen", fragt sie feilend, "daß er es ist, dieser Herr Enderling oder wie er heißt?"
Ich nicke.
"Wieso gerade der?" fragt sie.
"Das frage ich mich auch" (G 105)

...

"- aber Sie sind sicher", fragt sie mit der Indiskretion der Anteilnahme, "Sie sind sicher, daß Ihre Frau ein Verhältnis mit einem andern hat?"
"Keineswegs". (G 106)

Ob Enderlin in Wirklichkeit Gantenbein betrügt oder nicht, wissen wir nicht. Enderlin vertritt jedenfalls unter anderem die Rolle des Liebhabers.
Ein drittes Mal treffen wir Enderlin, wo sein Verhältnis zu einer Frau betont wird. Das Erzähler-Ich beobachtet ihn, als er Parfum für eine Frau kauft. Er kennt sogar das Parfum, das Enderlin kauft. Ja, das Erzähler-Ich paßt sogar darauf, daß die Mappe ni-cht vergessen wird.
Wir haben noch einmal eine Spaltung der Erlebnisse in ein Handeln und ein Beobachten, eine Art von Doppelperspektive.
Es besteht eine enge Beziehung zwischen dem Erzähler-Ich und Enderlin. Sie sind zusammengewebt und überschneiden einander. Und vielleicht ahnen wir hier auch eine Beziehung zwischen dem Erzäh-ler und Gantenbein. Erkennen wir hier Lilas Parfum, Chanel 5 ?:

Enderlin vertreibt sich die Zeit, die auf Erden ihm gegeben ist, wieder einmal mit Kaffee, später mit Cognac. Sein Ge-päck ist aufgegeben, und so bin ich frei und ledig, abgesehen von seiner Mappe, die ich auf die Theke stelle; ich sehe mich um: andere fliegen nach Lissabon, andere nach London, andere kommen von Zürich, Lautsprecher dröhnen: This is our last call, aber nicht für Enderlin. Ich be-
ruhige ihn, ich habe es genau gehört. Enderlin ist nervös, ich bin nur gelangweilt, da man sich mit Enderlin nicht unterhalten kann. Ich achte darauf, daß ich seine Mappe nicht vergesse. Enderlin kauft Parfum, um nicht mit leeren Händen heimzukommen, Chanel 5, ich kenne das. (G 111)


Jedenfalls unterstützt diese Textstelle die Theorie, daß es sich in Mein Name sei Gantenbein um ein erzählendes Ich handelt, das durch verschiedene Rollen und Möglichkeiten sein Ich ausprobiert.

Wir alle verstummten - ich frage mich dann selbst, im stillen meine kalte Pfeife saugend, angesichts jeder wircklichen Geschichte, was ich eigentlich mache: - Entwürfe zu einem Ich!... (G 109)


Das Erzähler-Ich stellt sich noch deutlicher als Enderlin vor:


"Ich wäre Enderlin, dessen Mappe ich trage," ... (G 112)

Das Ich erinnert sich an die Situation in der Bar. In der Rolle als Enderlin erinnert er sich Geste für Geste, was damals pas-siert war. Das Ich möchte jetzt Enderlin sein, denn Enderlin steht am Anfang einer Beziehung zu einer Frau. Das Ich möchte für ein Jahr Enderlin sein, denn er sieht voraus, daß die Liebe eines Tages zu Ende sein wird.

Die Spaltung des Ichs wird im Wartesaal sehr auffallend. Der Flug hat einen übertragenen Sinn. Er wird als eine Flucht bezeichnet. Es ist keine Flucht vor der Vergangenheit, sondern vor der Zu-kunft. "Ich verstehe seine Flucht vor der Zukunft." (G 115)
Es gibt zwei Möglichkeiten von Flug, das heißt Flucht, oder die andrere Möglichkeit ist das Bleiben.


Ich kann mir beides vorstellen:
Enderlin fliegt.
Enderlin bleibt.
Langsam habe ich es satt, dieses Spiel, das ich nun kenne: handelen oder unterlassen, und in jedem Fall, ich weiß, ist es nur ein Teil meines Lebens, und den anderen Teil muß ich mir vorstellen; Handlung und Unterlassung sind vertauschbar; manchmal handle ich bloß, weil die Unterlassung, genau so möglich, auch nichts daran andert, daß die Zeit vergeht, daß ich älter werde...
Also Enderlin bleibt.
Ich nicht...
Wieso er und nicht ich?
Oder umgekehrt:
Wieso ich?
So oder so:
Einer wird fliegen -
Einer wird bleiben - (G 117)


Dieser Textabschnitt erzählt uns viel über die Funktion des Rol-lenspiels. Man kann in vielen Situationen wählen, aber man hat nur eine Wahl. Die Wahl macht die Geschichte eines Menschen. Man kann sich aber vorstellen, was geschehen wäre, wenn man eine an-dere Wahl getroffen hätte. Dazu ist das Rollenspiel nützlich. Durch die verschiedenen Rollen, Vorstellungen, kann eine Person die anderen Möglichkeiten durchleben.
Es gibt in dieser Situation zwei Möglichkeiten. Das Ich stellt sich vor, daß es selber fliegt. Enderlin wählt die andere Mög-lichkeit und fährt in einem Taxi weg. Das Ich nimmt das Flugzeug. Während der Fahrt stellt das Ich sich die andere Möglichkeit vor. Diese wird durch Enderlin sichtbar gemacht. Das Ich stellt sich die Begegnung mit einer Frau vor. Es ist dieselbe Frau, mit der Enderlin in die Oper ging, also Lila.

Das Ich stellt sich auch das Sterben der Liebe vor. Es fürchtet sowohl das Altern der Liebe als auch das Altern von sich selber. Wahrscheinlich ist es dies, was er unter Hölle versteht:

... genau so, ja, aber alles mit dem Wissen wie es weitergeht, ohne die blinde Erwartung, ohne die Ungewissheit, die alles erträglich macht -
Es wäre die Hölle. (G 113)


Das Ich stellt sich auch vor, wie das Verhältnis in der Ehe in zehn Jahren ist. Alles wiederholt sich, die Gefühle und Begierde sind weg. Die Gefühle sind gestorben, und die Körper sind alt ge-worden. Dies ist die Zukunft wovor Enderlin und das Ich flüchten:

Da ruht Ihr nun also, ein Paar mit liebestoten Körpern all-nächtlich im gemeinsamen Zimmer, ausgenommen die kurzen Reisen wie jetzt. (G 121)


Die Furcht vor dem Altern wird auch deutlich ausgesprochen:

Vergangenheit ist kein Geheimnis mehr, die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zu-kunft heißt Altern... (G 124)


Wenn das Flugzeug landet, wissen wir nicht, wer geflogen ist.Es könnte auch Enderlin sein. Wenn Lila im Flughafen wartet, ist es jedenfalls Enderlin, der geflogen ist:


Ich schaue:
wenn sie schwarzes Haar hat und wassergraue Augen, große Augen und Lippen voll, aber so daß sie die oberen Zähne nie verdecken, und ein winziges Muttermal hinter dem linken Ohr, dann bin ich's, der damals nicht geflogen ist. (G 124)


Die genaue Beschreibung dieser Frau zeigt, daß das Ich sie sehr gut kennt und eine sehr intime Bekanntschaft mit dieser Frau ge-habt hat. Diese Bekanntschaft oder vielleicht diese Ehe ist zu Ende. Durch Enderlin hat sich das Ich die Situation der Liebhaber vorgestellt. In dieser Situation ist er wieder Enderlin, der in der Liebe Glück hat.

"die Zukunft heißt Altern..." (G 124) denkt das Ich. Enderlin vertritt nicht nur die glückliche Liebe, sondern auch die Angst vor Krankheit, dem Altern und dem Tod.
Der Roman fängt mit dem Tod Enderlins an. Später wird seine Ge-schichte erzählt. Das Ich stellt sich vor, daß Enderlin todkrank ist. Er hat ungefähr nur ein Jahr zu leben.

Ich stelle mir vor:
Enderlin Felix, Dr. phil., im Alter von 41 Jahren, 11 Monaten und 17 Tagen und mit Lebenserwartung 1 Jahr, ... (G 126)


Durch Enderlin erlebt also das Ich seine Angst vor Krankheit und Tod. Es gibt mehrere Gleichheiten zwischen Enderlin und dem Er-zähler-Ich. Enderlins Arzt heißt Burri, der Arzt, mit dem das Ich ebenfalls befreundet ist; und das Alter ist dasselbe. Im Krankenbett denkt Enderlin über das Leben nach, das zu Ende geht. Er denkt an alles, was er nicht erleben wird. Enderlin hat auch erotische Phantasien. Er denkt an alle Frauen, die er jetzt nicht treffen wird:

Viele Frauen!
Er kann nicht in der Einzahl denken.
Alle Frauen!
Und er denkt an ihren Schoß nur, in ihren Schoß; er denkt an keine, die er kennt, aber an alle, die er versäumt hat; Schöße; Münder und seine Zunge in ihren Mündern; wenn ihre Geschichter einander zum Verwechseln gleichen; dazu Wörter, die er nie ausgesprochen hat ... (G 135)

Das erotische Element ist bei Enderlin noch sehr stark, obwohl er todkrank ist. Nicht mehr im Stande zu sein die Liebe zu ge-nießen, wird für Enderlin der größte Verlust sein. Die Krankheit wird natürlich auch seine große wissenschaftliche Karriere zer-stören.
Enderlin ist ein sehr erfolgreicher Wissenschaftler. Er hat einen Ruf nach Harvard, sollte also an der Universität arbeiten. Enderlin hat aber kein Interesse an Technik und Architektur. (Was das autobiographische Element betrifft, besteht hier keine Iden-tität zwischen Max Frisch und Enderlin. Enderlin könnte aber als eine nicht benutzte Möglichkeit betrachtet werden.)

Betreffend die Konstruktion: in der Fachsprache nennt sich das, glaube ich, Dreigelenkbogen...aber Enderlin hat kein Interesse dafür, sehe ich, Enderlin möchte fliegen. (G 111)


Enderlin ist also kein praktischer Mensch, sondern ein Theore-tiker, ein sehr erfolgreicher aber. Jetzt bedroht die Krankheit sowohl die Liebe als die Karriere. Gegen den Tod nützt dem Men-schen nichts.

Oder vielleicht ist die Krankheit eine Flucht. Enderlin hat die Vorlesungen gemacht. Er muß sie nur in seinen Koffer packen. Er kann es aber nicht, er zögert, weil er seine Rolle nicht spielen kann. Die Flucht vor der Realität in eine Krankheit wäre die ein-fachste Lösung:

Das ist's, was Enderlin spürt, was ihn erschreckt. Krank werden, um nicht nach Harvard fahren zu können, wäre das Einfachste. Enderlin kann keine Rolle spielen - (G 107)


Enderlin stirbt aber nicht. Er genest, muß sich aber schonen. Vielleicht ist die Angst des Ichs vor dem Tod so groß, daß es Enderlin leben lassen muß. Jedenfallls läßt das Ich Enderlin weiterleben. Zurück bleibt dennoch die Angst vor dem Altern. Enderlin kann nichts dagegen tun, daß er älter wird. Das Ende jedes Menschen ist der Tod. Enderlin vertritt also die Angst des Ichs nicht nur vor dem Tode, aber auch die Angst vor dem Altern:

... die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zukunft heißt Altern... (G 124)


Und das Erzähler-Ich setzt später fort:


Ich werde älter -
Via appia antica. (G 124)

Enderlin ist nicht wie Gantenbein imstande, Rollen zu spielen.
Enderlin ist ein wissenschaftlicher Mensch, der keine Phantasie hat, Rollen zu spielen.
Vielleich ist das der Grund dafür, daß das Ich ihn später aufgibt. Es gibt sowohl lebendige als tote Menschen, die das Ich nicht aufgeben kann. Das ist nicht, weil die Leuten das Ich nicht in Ruhe lassen, sondern weil das Ich diese Leute in seiner Vorstellung verfolgt. Enderlin aber interessiert das Ich nicht mehr:

Ich habe Enderlin aufgegeben. -
(Es gibt andere Leute, die ich nicht aufgeben kann, selbst wenn ich ihnen nur selten begegne oder nie mehr. Ich will nicht sagen, sie verfolgen mich in meiner Vorstellung, sondern ich verfolge sie, ich bleibe neugierig, wie sie sich in dieser oder jener Lage verhalten möchten, dabei unsicher wie sie sich wirklich verhalten.
...
Aber Enderlin kann ich aufgeben.) (G 145)


2.5.5 DIE ROLLE ALS SVOBODA


In der Rolle als Svoboda wird die pragmatische Seite des Ichs hervorgehoben. Svoboda ist ein großer, breitschultriger Mann, der mit einem Bären verglichen wird. Sowohl Lila als auch Enderlin werden Gegensätze zu ihm. Svoboda ist wortkarg und er ist Pfei-fenraucher. Diese Gewohnheit Pfeife zu rauchen, ist ein Element, das das Ich und die verschiedenen Rollencharaktere zusammenbinden.

... - ein baumlanger Böhme, breitschultrig, rundschultrig, etwas zu baumlang für die grazile Lila, finde ich, selbst auf ihren höchsten Absätzen reicht sie ihm gerade bis zur Schulter, und wenn sie barfuß ist, erscheinen sie als Paar fast ungehörig, ein schwerer Mann, dabei unfett und keineswegs schwerfällig, sportlich, ein Mann übrigens, den man sofort als blond bezeichnen würde, obwohl er eigentlich eine vollkomme Glatze hat, die aber nicht als Haarausfall erscheint, sondern zu seinem männlichen Gesicht gehört wie Kinn und Stirn, ein guter Kopf, ein Kopf der auch einem Russen gehören könnte, ein harter Kopf, ein Kugel-Kopf, ein eigentümlicher Kopf, aber er tritt ungern vor dem Spiegel, denn er versteht nicht, was die Frauen an ihm finden, Svo-boda im Smoking ist ergreifend, das weiß er, dabei ein gu-ter Tänzer, ein Mann, der meistens schwitzt und nie friert, trinkfest, dabeid nicht laut, außer wenn er einen dreistündigen Koller hat, sonst eher wortkarg, Pfeifenraucher, ru-hig und ein angenehmer Lacher in Gesellschaft, brillenlos, sicherlich ein famoser Koch, Melancholiker, ein Bär,
schwer, aber beweglich, linkisch nur aus dem Bedürfnis (insbesondere in Gegenwart von Lila) seine Kraft nicht zeigen. (G 211)

Diese genaue Beschreibung von Svoboda zeigt uns einen Menschen, der sehr verschieden von Gantenbein und Enderlin ist. Svobodas vorherschende Eigenschaft ist seine Physik. Er ist groß und stark, eine schöne Gestalt. Svoboda kann gut tanzen, er ist ein guter Koch und er lacht gern. Seine vorherrschenden Eigenschaften sind physische und praktische. Ihm fehlen die Eigenschaften des intellektuellen Menschen. Svoboda versteht auch selbst nicht welche Kraft und liebenswerte Eigenschaften, er besitzt. Der Verstand ist also nicht besonders groß. Ja, es wird sogar un-terstrichen, daß er keine Brille hat. Die Brille wird oft als Sinnbild des Intellektuellen benutzt.
Statt der Kenntnisse Enderlins und der Gefühle und Phantasie Gantenbeins besitzt Svoboda eine ungeheuere Lebenskraft.

Svoboda ist ein praktischer Mensch. Er besitzt eine Baufirma, einen Großbetrieb, und wird als ein sehr aktiver Arbeitsleiter beschrieben. Enderlin sieht eine seiner Baustellen, als sie ein-mal gemeinsam vorbeifahren.
Svoboda vertritt den betrogenen Ehemann. Er wird von Enderlin betrogen. Enderlin betrügt ihn das erste Mal, während Svoboda in London ist. Svoboda weiß, daß er betrogen wird, und er will Enderlin treffen und sprechen.
Das Erzähler-Ich stellt sich die Ehe zwischen Svoboda und Lila vor. Es stellt sich viele alltägliche Situationen vor, z.B. wie Svoboda eine Flasche entkorkt. Svoboda wird sogar mit dem Spitz-namen "Svob" von Lila angeredet. Lila wirft ihm aber vor, daß er häßliche Fingernägel hat. (Vgl. Gantenbein, der zur Maniküre geht!)
Als Svoboda erfährt, daß er von Enderlin während seines Londoner Aufenthalts betrogen worden ist, wird er böse. Er zerknallt sein Whisky-Glas im Kamin. Lila wirft ihm vor, daß er sie nur als Frau nimmt. Svoboda bestätigt, daß er das tut:

"Ich nehme dich nur als Frau, sagt er, und sein Blick na-
gelt sie fest, so daß Lila erschrickt; seine Augen haben plötzlich den bösen Blick, obschon er ganz ruhig ist: "Ich nehme dich nur als Frau", wiederholt er ... (G 210)


Svoboda ist sehr auf den Körper fixiert. Enderlin sieht in Lila auch den Menschen, und das Verhältnis zu Enderlin bietet ihr viel mehr.
Das Erzähler-Ich stellt sich mehrere Lösungen vor, nach dem Krach in der Ehe zwischen Lila und Svoboda. Er kann großmütig sein und darauf hoffen, daß die Zeit alles wieder in Ordnung bringt. Aber die Zeit ist ein Feind der Liebe:

Svoboda macht sich grosmütig. Er hofft auf die Macht der Zeit, die immer gegen die Liebe ist, also gegen uns. (G 213)


Svoboda meint damit, daß mit der Zeit auch Lilas Liebe zu Enderlin vergeht. Er will geduldig darauf warten.
Svoboda kann auch etwas anderes tun. Er kann wegfahren, oder sich um andere Sachen kümmern. Vielleicht passiert ihm ein Verkehrsunfall. Aber "Svoboda will Enderlin sehen und sprechen!" (G 222) Hier liegt wieder eine Art von Doppelperspektive vor. Ein anderes Ich taucht auf, weiß aber nicht, wie Svoboda sich das vorstellt. Was das Ich aber weiß, ist daß Lila von dieser Begegnung ge-sprochen hat. Dieses Ich hat also auch eine Beziehung zu Lila, hat aber keine Vorstellungen von Svobodas Gedanken. Also muß es Endelin sein. Lila hat ihm erzählt, daß Svoboda mit ihm sprechen will:

Ich weiß nicht, wie er sich das vorstellt, und als Lila es mich mitteilt, streiche ich mit der Hand über meinen Mund.
...
Es wird nicht einmal peinlich sein, unser Treffen zu dritt, nur mühsam, jedenfalls zwecklos. (G 222)


Man hat fast den Eindruck, daß der Erzähler hier spricht. Es ist aber Enderlin, der diese Ansicht hat. Die Beziehung zwischen dem Erzähler-Ich und Enderlin scheint hier sehr eng zu sein.
Das Erzähler-Ich beschäftigt sich aber weiter mit Svoboda. Svoboda interessiert ihn sehr:

Svoboda beschäftigt mich noch immer.
(- weil ich ihm Unrecht getan habe. Mann kann einen Menschen nicht bloß in seiner Beziehung zum anderen Geschlecht vorstellen, einen Mann nicht; die meiste Zeit unseres Le-bens verbringen wir mit Arbeit.) (G 231)


Das Interesse für Svoboda ist viel größer als das Interesse für Enderlin. Das Ich scheint sich mit dem betrogenen Ehemann tiefer zu indentifizieren als mit dem Liebhaber. Vielleicht liegt darin eine Selbstanalyse. Der Erzähler möchte gern herausfinden, welche Fehler und Taten eine Ehe zerstören können.
In der Gestalt von Enderlin trifft also das Erzähler-Ich Svoboda. Es kommt nicht zum Krach, sie verhalten sich sachlich und ruhig zueinander, fast wie zwei Freunde:

"Was trinkst du", fragt er, nicht ohne sich bedankt zu haben für das Eis, das Lila gebracht hat, und für die Whisky-Gläser, die er am Vorabend nicht in den Kamin geschmettert hat, "du mit deiner Leber?"
"Whisky."
"Siehst du", sagt er, "er findet es auch einen Quatsch, dieses Gerede von der Raumbühne-"
Das also ist sie.
Ich erzähle von Jerusalem... (G 234)


Es wäre natürlicher, daß sie von Lila gesprochen hätten. Lila aber wird fast übersehen. Svoboda dankt ihr auch nicht für die Gläser und das Eis. Die Herren sprechen über alltägliche Sachen. Enderlin erzählt von Jerusalem.
Zu bemerken ist auch, daß Svoboda Enderlin duzt. Die normale An-rede wäre selbstverständlich Sie gewesen. Das könnte die Bedeu-tung haben, daß es sich hier um einen Erzähler handelt, der die verschiedenen Rollen probiert. Die Rollen vertreten verschiedene Seiten des Ichs, und darin besteht die enge Beziehung.
Nachher versetzt sich das Erzähler-Ich in die Situation Svobodas.
"Wenn ich Svoboda wäre:" (G 234). Es stellt sich vor, wie er ruhig und kaltblütig die verschiedenen Gegenstände in der Wohnung zerschießen würde.
Seine Vorstellungen schließen damit, daß er nicht Svoboda ist. "Aber ich bin nicht Svoboda." (G 236)
Das Ich kann dennoch Svoboda nicht loswerden. Später taucht die Frage wieder auf: "Bin ich Svoboda?" (G 261)

2.5.6 GEMEINSAMKEITEN DER DREI ROLLEN

Die drei Rollen Gantenbein, Enderlin und Svoboda werden von einem und demselben Ich gespielt. Das Ich stellt sie sich vor, und der Übergang von dem Ich zu den verschiedenden Rollen ist oft glei-tend und oft fast unmerkbar. In der Form, daß heißt im Gebrauch des Personalpronomens Ich, steht Gantenbein dem Ich am nächsten, weil es vom Ich-Erzähler zum Gantenbein-Ich fast unmerkbar hin-übergleitet. Svoboda ist am fernsten, weil über ihn im hypothetischen Konjunktiv geprochen wird:

"Wenn ich Svoboda wäre:" (G 234)

Enderlin befindet sich in der Mitte. Aber der Übergang vom Erzäh-ler-Ich zu Enderlin-Ich ist ebenfalls gleitend.
Diese drei Rollen haben also gemeinsam, daß sie an das Erzähler-Ich geknüpft sind. Sie haben auch andere Gemeinsamkeiten, die die drei Rollen zu einer Einheit machen.
Sie haben alle dasselbe Alter, zwischen 40 und 50 Jahre.
Das Pfeifen-Rauchen ist ein gemeinsamer Zug. ( Sogar mit Max
Frisch. Man sieht fast kein Bild von ihm ohne Pfeife.)
Das Pfeifen-Rauchen hat manchmal eine sinnbildliche Funktion. Wie die Pfeife geraucht wird, gibt oft einen Hinweis auf die gefühls-mäßige Situation. Feuer oder Mangel an Feuer kann auf Leidenschaft oder Mangel an Leidenschaft deuten.
Burri ist ein gemeinsamer Freund und Arzt. Er spielt mit Ganten-bein Schach und ist der Arzt, der Enderlin im Krankenhaus behan-delt.

Ihnen allen ist die Liebe zu Lila gemeinsam. Sie erleben jedoch verschiedene Seiten der Liebe. Gantenbein erlebt den Schmerz der Eifersucht. Enderlin ist der begünstigte Liebhaber und Svoboda ist der Betrogene. In einem Verhältnis oder einer Ehe können alle diese Gefühle von einer Person erlebt werden. In Mein Name sei Gantenbein werden die verschiedenen Gefühle voneinander getrennt und erscheinen dann stärker.
Die Du-Form zwischen Svoboda und Enderlin zeigt eine Art von
Identität oder Nähe, sonst würden sie sich mit Sie ansprechen.

2.5.7 DAS ROLLENSPIEL - ZUSAMMENFASSUNG

Der Mensch sieht oft eine Sache einseitig. Ein Erzähler-Ich ver-tritt oft die subjektiven Ansichten und Erlebnisse. Dieses Ich hat versucht, ein Dreiecks-Verhältnis von mehreren Seiten aus zu besichtigen. Durch die drei Rollen versucht das Ich, verschiedene Seiten der Liebe und der Ehe zu beleuchten. Gantenbein vertritt den eifersüchtigen Gatten. Sein Vorteil ist, daß er Rollen spie-len kann. Das macht ihn besonders spannend und bunt.
Enderlin ist der Liebhaber. Er ist sehr erfolgreich, was wissen-schaftliche Dinge betrifft. Enderlin kann leider keine Rollen spielen. Er ist sachlich, etwas unsicher und fürchtet die Krank-heit und das Altern.
Durch Svoboda erlebt das Ich die Situation und die Gefühle des betrogenen Ehemanns.
Enderlin interessiert das Ich weniger als die zwei anderen Rol-len. Svoboda beschäftigt das Ich viel mehr. Vielleicht fühlt es eine gewisse Gemeinschaft mit Svoboda.
Am besten gefällt dem Ich die Rolle als Gantenbein. Das Ich spielt Rollen, und die Rolle als Rollenspieler gibt die meisten Möglichkeiten.
Das Ich könnte sich noch eine Rolle denken. Siebenhagen wird ganz kurz erwähnt, und das Ich fragt sich ein wenig erschöpft:
"(Muß ich auch Siebenhagen noch erfinden?)" (G 280)

Es gibt noch Seiten des Ichs, die noch nicht enthüllt worden sind.

2.6 ROLLE UND WIRKLICHKEIT

Mein Name sei Gantenbein ist also ein Roman über den Menschen als Rollenträger. Das Rollenspiel ist nicht die Wirklichkeit. Hinter dem Spiel steckt die eigentliche Geschichte. Das Erzähler-Ich der Geschichte taucht meistens auf als Träger der verschiedenen Rollen. Mit den Worten: "Ich stelle mir vor:" wechselt es die gedachten Situationen und Rollen aus.
Die eigentliche Geschichte, oder das Ich als Vermittler der eige-nen Geschichte, erscheint nur an wenigen Stellen.
Ganz am Anfang taucht die Wirklichkeit auf:

Ich sitze in einer Wohnung: - meiner Wohnung... Lang kann's nicht her sein, seit hier gelebt worden ist; ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche, Inselchen von Schimmel auf dem samroten Wein, ferner Reste von Brot, aber ziegelhart. ... (G 17)


Es folgt eine genaue Beschreibung einer Wohnung, die viele Spuren des Zusammenlebens mit einer Frau trägt. Es ist dem Ich kalt so-wohl im übertragenen als auch im physischen Sinn. Sogar die Pfei-fe ist feuerlos!
"Ich werde mir neue Kleider kaufen," denkt das Ich. (G 19) Damit meint er, daß er sich ein neues Leben schaffen muß. Diese leere Situation ist der Ausgangspunkt für das Spiel mit dem eignen Ich, besonders für die Rolle als Gantenbein.

Ein anderes Leben -?
Ich stelle mir vor:
Ein Mann hat einen Unfall, beispielweise Verkehrsunfall, Schnittwunden im Gesicht, es besteht keine Lebensgefahr, nur die Gefahr, daß er sein Augenlicht verliert.
...
Eines Morgens wird der Verband gelöst, und er sieht, daß er sieht, aber schweigt; er sagt es nicht, daß er sieht, nie-mand und nie.
Ich stelle mir vor: (G 20)


Jetzt fangen also die vielen Vorstellungen an. Das Ich verläßt die Wirklichkeit, um sich die vielen Möglichkeiten zu verschie-denen Geschichten vorzustellen. "Ich probiere Geschichten an wie Kleider !" (G 20)
Die Vorstellungen haben also den Zweck, daß die persönlichen Pro-bleme dadurch verarbeitet werden. Durch die verschiedenen Rollen versucht das Ich die vielen Seiten des Zusammenlebens mit einer Frau und das Scheitern der Ehe zu beleuchten. Der Erzähler sucht eine Erklärung für den Verlust von Liebe und Ehe.
Dieser Zustand, den er erlebt hat, wird mit einem Sturz durch einen Spiegel verglichen. Die Welt ist zerbrochen, wie ein Spie-gel. Er hofft, daß die Welt sich wieder zusammen setzt, so daß alles weitergeht. Er versucht das Geschehene zu vergessen:

Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel, mehr weiß einer nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen. (G 17)

Durch das Rollenspiel ist es möglich, nicht nur Probleme zu verarbeiten, sondern sie auch zu verleugnen und zu vergessen. Das Rollenspiel scheint als das am besten geeignete Mittel, die Pro-bleme des Ichs für den Augenblick zu lösen.
Das Spiel mit dem eigenen Ich hat gewisse Einsichten gegeben, hat aber nicht die Probleme beseitigen können. Das Rollenspiel kann auch als eine Flucht gesehen werden, eine Flucht in die Welt der Phantasie. Das Ich hat zwar einen Sturz durch den Spiegel er-lebt, die Welt aber setzt sich nie wieder zusammen.

Das Erwachen (als wäre alles nicht geschehen!) erweist sich als Trug; es ist immer etwas geschehen, aber anders. Eines Tages werde ich verhört werden. (G 282)


Man kann den Realitäten nicht entfliehen, und eines Tages muß man über seine Taten Rechenschaft geben. Das Ich wird von jemandem gefragt, welcher von den Herren er sei. Auf diese Frage antwortet das Ich, daß es keinen Gantenbein gibt, auch keine Camilla. In diesem Zusammenhang wird die Sie-Form benutzt. Hier dreht es sich nicht um verschiedene Seiten eines Ichs, sonern um eine Person, die eine andere zu Rechenschaft zieht.
Das Verhör setzt sich fort:

"Schon", sagt er, "aber was ist wirklich geschehen in dieser Zeit und an den Orten, wo Sie gewesen sind?"
Ich schließe die Augen.
"Warum antworten Sie nicht?"
Ich schweige.
"Sie vergessen, mein Lieber, daß es Zeugen gibt."
Darauf öffnet er die Tür, ich höre es, und als ich das Tick-Tack spitzer Absätze höre, öffne ich nochmals meine Augen, um zu sehen, was da gespielt wird -
Ich sehe:
Reste von Burgunder in einer Flasche, ich kenne das, Inselchen von Schimmel auf rotem Wein, ferner Reste von Brot ziegelhart, ... (G 283)

Das Ich will sehen, was vorgespielt wird. Ihm begegnet die Wirk-lichkeit. Der Erzähler hat die Rolle des Blinden gespielt, jetzt versteht er, daß er in übertragenem Sinne blind gewesen ist. Er zweifelt aber noch, will vielleicht die Wirklichkeit akzeptieren:

Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal. Dann wieder zweifele ich, ob die Geschichten, die ich mir vorstellen kann, nicht doch mein Leben sind. Ich glaub's nicht. Ich kann nicht glauben, daß das, was ich sehe, schon der Lauf der Welt ist. (G 283)


Nachher folgt eine letzte Geschichte für Camilla (obwohl sie
schon gestorben ist). Sie handelt von einer Leiche, die es fast schafft: "Abzuschwimmmen ohne Geschichte." (G 288)
Das ist ein Sinnbild für den Versuch des Ichs, vor den Realitäten zu flüchten.
Im letzten Abschnitt des Romans werden die Worte "Alles ist wie nicht geschehen..." wiederholt. Die letzten Worte des Erzählers sind "Leben gefällt mir -" Die Schlußworte passen nicht zu den traurigen Realitäten des Romans. Sie passen aber sehr gut zu dem, dem das Rollenspiel besser gefällt als das wirkliche Leben. Vielleicht spielt das Ich wieder eine Rolle, die des glücklichen Menschen.

2.7 ZUR ICH-PROBLEMATIK IN MEIN NAME SEI GANTENBEIN

...
Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.) (G 62)


Dennoch wählt Max Frisch die Ich-Form in seinen wichtigsten Ro-manen. Seine Ich-Dichtung macht eine Entwicklung durch.
In Stiller geht es um ein Ich, das seine Identität verneint. Siller will sich selbst nicht annehmen, muß aber am Ende ein-sehen, daß die Selbstannahme eine Notwendigkeit für die eigne Identität ist, wie auch für die Fähigkeit der Liebe zu anderen Menschen:

..."man solle seinen Nächsten lieben, wie sich selbst,"...
(S 323)
Sein eigenes Ich anzunehmen, ist eine Voraussetzung dafür.

Homo faber ist ein Roman, der die Geschichte eines schuldhaften Ichs erzählt.
Walter Faber repräsentiert das Ich, das etwas Wesentliches ver-loren hat, weil er das Leben meistens als eine Rechenaufgabe ge-sehen hat. Zurück bleibt das technisch-orientierte Ich, dem die menschlichen Qualitäten fehlen.
Es ist eine lange Entwicklung der Ich-Problematik von Stillers mißglücktem Versuch, sich eine neue Identität zu verschaffen, bis zu Mein Name sei Gantenbein mit den vielen Ich-Möglichkeiten.
Stillers Versuch, sich eine neue Identität zu schaffen, scheitert. Gantenbein dagegen wechselt seine Geschichten, sein Ich, "wie Kleider", ohne daß er sich von der Notwendigkeit, ein Ich zu besitzen, befreien kann.
Man kann sich aber nicht immer auf ein erzählendes Ich verlassen, weil ein Ich subjektiv ist und deshalb die Situationen aus seinem eigenen Gesichtspunkt betrachtet.
Das "Ich" in Mein Name sei Gantenbein ist nicht dieselbe Person durch den Roman hindurch. Wir haben mit einem Ich-Erzähler zu tun. Das Erzähler-Ich spielt Rollen als Gantenbein und Enderlin. Sowohl Gantenbein als auch Enderlin bezeichnen sich mit einem Ich, doch kann der Ich-Gebrauch auf das eine Erzähler-Ich zurück-geführt werden.
Das Spiel mit dem eigenen Ich wird durch Erfahrungen, die ein Mensch macht, motiviert.

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu - man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stelle ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung... (G 11)

Das Ich sucht also die Geschichten seiner Erfahrungen. "Ich pro-biere Geschichten an wie Kleider!" (G 20)
"Ich stelle mir vor:" leitet immer neue Geschichten ein. Charakteristisch für den Roman ist das Spiel mit dem eigenen Ich. Der Mensch hat die Möglichkeit, sein Ich und seine Geschichte zu wählen. In jeder Wahlsituation hat man nur eine Wahl. Diese Wahl macht die Geschichte, alles andere kann man sich vorstellen. Dazu ist das Rollenspiel nützlich.
Aber was der Mensch für seine Geschichte hält, ist nur eine von vielen möglichen Geschichten.
Eine Geschichte zu haben ist notwendig für das Ich, und die Ge-schichte, die man sich wählt, wird das Leben:

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält," ... (G 45)

Das Spiel mit dem eigenen Ich kann gefährlich sein. Durch den Ich-Wechsel ist es möglich, sein Ich zu verlieren. Deshalb klammern sich die Menschen an ihr Ich. Die meisten Menschen können nur eine Rolle spielen, die sie auch nicht zu tauschen wünschen.
Es wird von einem Milchmann erzählt, der plötzlich eines Tages die Blumentöpfe vom Balkon hinunterwarf. Er hatte sein Ich verbraucht, und ein anderes fiel ihm nicht ein. Dieser früher so friedliche Milchmann wurde im Irrenhaus eingesperrt. Also der Mensch klammert sich an sein Ich, um nicht verrückt zu werden.
Ein interessantes Detail ist, daß dieser Milchmann auch eine Pfeife raucht. Das Erzähler-Ich hat auch sehr genaue Kenntnisse von vielen Details, z.B. welche Blumen und wieviele Blumen da waren, als hätte er es selbst getan.

... " sein Ich hatte sich verbraucht, das kann's geben, und ein anderes fiel ihm nicht ein. Es war entsetzlich." (G 46)


Eine andere Geschichte zeigt, wie der Mensch sein altes Ich ver-teidigt.
Ein Pechvogel hat einmal eine große Geldsumme in einer Lotterie gewonnen. Dieses Glück war für den Pechvogel ein Unglück, denn es bedrohte sein unglückliches Ich. Das Ich paßte nicht mehr zu ihm. Man mußte ihn sogar trösten. Glücklicherweise verlor er seine Brieftasche mit dem Geld. Das war ihm lieber, sonst wären sein Ich und seine Geschichte bedroht worden.

... Und ich glaube, es war ihm lieber so", sage ich, "andernfalls hätte er sich ein anderes Ich erfinden müssen, der Gute, er konnte sich nicht mehr als Pechvogel sehen. Ein anderes Ich, das ist kostspieliger als der Verlust ein-er Vollen Brieftasche, versteht sich, er müßte die ganze Geschichte seines Lebens aufgeben, alle Vorkommnisse noch einmal erleben, und zwar anders, da sie nicht mehr zu sei-nem Ich passen - " (G 47)

Dieser Ausschnitt zeigt uns den Zusammenhang zwischen der Ge-schichte und dem Ich. Er unterstreicht auch, wie der Mensch sein Ich verteidigt und zu bewahren sucht. Viele Menschen träumen von Geld und Reichtum. Das Ich aber ist nicht für Geld verkaufbar, denn ohne das Ich geht die ganze Lebensgeschichte in die Brüche.
Das Erzähler-Ich in Mein Name sei Gantenbein hat sein Ich nicht verloren. Es spielt aber mit der Möglichkeit, das Ich zu wechseln. Der Erzähler probiert sich die verschiedene Rollen an und versetzt sich in verschiedene Situationen und Rollen. Dadurch bekommt er Einsicht und gewinnt Kenntnisse über sein eigenes Ich und dessen Möglichkeiten:

Wir alle verstummten - ich frage mich dann selbst, im stillen meine kalte Pfeife saugend, angesichts jeder wircklichen Geschichte, was ich eigentlich mache: - Entwürfe zu einem Ich!... (G 109)


Enderlin, Gantenbein und Svoboda sind also Entwürfe d.h. Mög-lichkeiten, Skizzen, zu verschiedenen Ichs. Eine Camilla gibt es in der Roman-Wirklichkeit auch nicht. Besonders ist die Rolle als Gantenbein so lebendig und bunt beschrieben, daß man den Erzäh-ler fast vergißt und Gantenbein als Vermittler der Geschichte be-trachtet.

2.8 DAS BLINDSEIN

Gantenbein lebt als Schauspieler. Er ist sogar ein sehr erfolgreicher Blindenspieler, denn er spielt seine Rolle so überzeu-gend, daß niemand sein Spiel durchschaut. Es ist ein wenig ko-misch, das der tüchtigste Schauspieler auf der Zuschauerbank sitzt.
Gantenbein spielt also Zuhörer im Theater, ist aber Zuschauer wie die anderen. Als gespielter Blinder ist er auch Zuschauer des Le-bens, weil er mehr sehen darf als andere Sehende. Weil er "blind" ist, muß man sich in seiner Nähe nicht so sehr in acht nehmen. Die Leute und die Umgebung treten ungeschminkt auf.
Das ganze Leben stellt sich echt und unverkleidet dar:

Aber die Vorteile, sage ich mir dann, die Vorteile, du darfst die Vorteile deiner Rolle nie vergessen, die Vorteile im großen wie im kleinen; man kann einen Blinden nicht hinters Licht führen... (G 91)


Als Blinder hat Gantenbein mehrere Vorteile. Es wird nicht viel von einem Blinden verlangt. Er muß nicht arbeiten, und alles, was ein Blinder schafft, wird gelobt. Wenn er Lila in der Küche oder bei Aufräumen hilft, macht das großes Aufsehen, daß ein Blinder so behilflich sein kann. Gantenbein kann sogar die Aschenbecher für ihre Gäste leeren. Das zeigt, daß Gantenbein die Blindenrolle sehr gut schafft und sie bestmöglich ausnützt. Die erfolgreiche Schauspielerin mit dem blinden Gatten ist eine sehr gute Ge-schichte und macht das Verhältnis noch romantischer.
Ein Blinder braucht aber viel Hilfe, und man sorgt gut für ihn. Er darf auch Fehler machen, ohne das man ihm Vorwürfe macht:
"Man kann's einem Blinden nicht verargen." (G 31)
Gantenbein sieht aber, was er will, und kann blind sein, wenn ihm das am besten gefällt.
Die Blindenrolle schafft ihm auch ab und zu Probleme. Er muß gut aufpassen, daß er nicht als Sehender auftritt und aus der Rolle fällt. Manchmal macht er auch einen kleinen Fehler, aber glück-licherweise merkt man es nicht. Sein Geheimnis wird nicht ent-hüllt, weil er sich seiner Rolle sehr bewußt ist.
Manchmal sieht Gantenbein, was die anderen nicht sehen. Zum Beispiel wenn Lila etwas sucht, und Gantenbein es schon gesehen hat. Dann muß er ihr helfen, ohne daß er ihr zeigt, daß er sehen kann. Es glingt ihm, sowohl Lila zu helfen als auch seine Rolle zu wahren.
Auf der Bühne der Gesellschaft wird ihm alles ungeschminkt vor-gespielt. Lila tritt auch ungeschminkt vor ihn sowohl im Um-kleidezimmer als auch in dem alltäglichen Leben. Vieles, was er sieht, macht ihn unruhig und zerstört den Frieden seiner Seele. Er sieht den Helfer Lilas am Flughafen und die Briefe, die Lila von ihrem Liebhaber bekommt.
Oder ist es nur eine falsche Vorstellung, daß Lila ihn betrügt?
Durch seine Blindenbrille sieht er alles lila, in derselben Farbe wie dem Namen seiner Frau. Gantenbein nimmt die Blindenrolle an, weil er eifersüchtig ist.
Das einfarbige Sehen ist ein Sinnbild seiner Eifersucht. Die Farbe lila deutet auf seine Lila hin. Die Eifersucht betrifft sie.
Wie sie aber die Wahrheit über das Blindenspiel eines Tages ken-nenlernt, wird die Ehe zerstört werden.
In dieser Hinsicht ist Gantenbein wirklich blind. Was er nicht einsieht, ist, daß seine Eifersucht am Ende die glückliche Ehe zerstört.
Als das heimliche, eifersüchtige Zuschauen enthüllt wird, fühlt sich Lila betrogen und verläßt ihn:

Das also ist das Ende. Wieso eigentlich?
Vergeblich bitte ich um Verzeihung dafür, daß ich manches gesehen habe.
All diese Jahre! sagt sie, du hast mich nie gliebt, nie,
jetzt weiß ich's und jetzt will ich, daß du gehst, daß du gehst!, rauchend, dann schreiend: daß du gehst! (G 282)

2.9 LILA

Lila ist Schauspielerin von Beruf. Sie ist also eine professio-nelle Rollenträgerin. Als Schauspielerin ist sie sehr erfolgreich. Wir hören aber nichts davon, welche Rollen sie spielt, oder in welchen Stücken sie mitmacht.

"Heute kommt Lila von Gastspielen zurück." (G 99)

Das scheint merkwürdig, daß so wenig über ihren Beruf erzählt wird. Aber Lilas Beruf ist für das Geschehen nicht interessant. Wichtig ist, daß betont wird, daß Lila eine sehr erfolgreiche Schauspielerin ist. Das unterstreicht das Glück Gantenbeins, daß ein Blinder eine bekannte Schauspielerin geheiratet hat. Ihr Ruhm schafft ihr viele Bewunderer, und die vielen Bewunderer geben Gantenbein den Grund eifersüchtig zu sein.
Lila ist auch als Person nicht sehr farbig geschildert. Sie macht einige praktische Dinge im Haus. Sie ist aber nicht be-sonders praktisch, und ihr wird mehr von Gantenbein geholfen, als sie selbst versteht. Seine Prästation um so schwieriger, muß ge-gen sie ankommen.

Da Lila wirklich nicht will, daß Gantenbein, ihr Blinder, das Geschirr wäscht, nur weil es sich nicht selber wäscht, ja, es trägt sich nicht einmal selber in die Küche, und da Lila jedesmal, wenn in der Küche blitzblank ist wie in einem Küchenfachgeschäft, traurig wird wie über einen heimlichen Vorwurf, ist Gantenbein dazu übergegangen, nie wieder die ganze Küche zu putzen. (G 98)


Die darin liegende Ironie, daß das Geschirr sich nicht selber in die Küche bringt und wäscht, zeigt die fehlende Fähigkeit Lilas, die Hausarbeit zu machen.

Ab und zu haben Lila und Gantenbein eine Party, und die Geschichte von Lila und Gantenbein wird erzählt. Sonst treffen wir Lila im Theater, am Flughafen oder wie sie die Post durchsieht. Immer wird sie von außen geschildert, und immer als eine rei-zende, schöne und liebevolle Frau. Sie ist der schöne Gegenstand, der einen Kreis von Bewundern um sich herum hat.
Zwar versucht das Ich, Lilas Beruf zu wechseln. Das sind aber nur Vorstellungen, die es kurz nachher verläßt. Lila bleibt Schauspielerin.
Es wird auch nie vom Erzähler gesagt, daß es keine Lila gibt. Gantenbein und Camilla sind Vorstellungen, Lila hat ein reales Verhältnis zum Erzähler, zum Ich.
Lila als Person hat wenig Interesse, aber ohne Lila kein Roman. Sie ist das Zentrum der Gefühle der verschiedenen Charaktere des Romans. Gantenbein, Enderlin, Svoboda und vielleicht das Erzäh-ler-Ich haben ein Verhältnis zu Lila. Der Roman handelt nicht von Lila im besonderen, sondern von den Gefühlen der verschiedenen Personen zu Lila. Deshalb wird Lila mit sparsamen Mitteln dar- gestellt. Was interessiert, sind die verschiedenen Beziehungen zu Lila, die des Ehemanns und die des Liebhabers. Es handelt sich um ein Dreiecks-Verhältnis, in dem Lila das Zentrum ist. Aber was das Ich interessiert, ist über seine eigenen Gefühle klar zu werden und sie zu verstehen. Deshalb würde eine genauere Schil-derung von Lila den Schwerpunkt des Romans verschieben.
Nicht Lila als Person ist das Interessanteste, sondern die Ge-fühle und Taten des Ichs dieser Person gegenüber. Durch das Rollenspiel werden die verschiedenen Seiten eines Dreiecks-Verhältnisses beleuchtet.

2.10 CAMILLA

Camilla ist eine Prostituierte, die viele Männer hat. Sie ist der Gegensatz von Lila. Daß Camillas Geschäft nicht ganz legal ist, zeigt sich darin, daß die Polizei in ihrer Wohnung auftaucht. Am Ende wird sie sogar ermordet. Damit wird unterstrichen, daß sie möglicherweise kriminelle Elemente kennt und mit ihnen gewisse Verbindungen hat.
Nur eine menschliche Beziehung ist anders als die anderen, näm-lich jene, die sie zu Gantenbein hat. Gantenbein kommt nicht, um die Hure Camilla zu besuchen, er kommt um die Person Camilla zu sprechen. Sein Vorwand ist, daß er wegen Maniküre kommt. Er ist der einzige Kunde, der Maniküre bekommt. Also hat er vielleicht einen anderen Grund für seine Besuche. Aber für Camilla sind seine Besuche sehr wichtig, denn sie schaffen ihr ein Alibi für ihre Tätigkeit. Wenn die Polizei erscheint, um zu untersuchen, und sie bei ihren illegalen Geschäften zu erwischen, gibt ihr die Maniküre das notwendige Alibi.
Gantenbein weiß von ihrer Beschäftigung, aber es wird nie davon gesprochen. Vielleicht hat auch Camilla Gantenbeins Spiel durch-schaut. Es besteht jedenfalls eine Art von "gentlemen's agreement" zwischen den beiden. Sie sprechen nie von den Schwächen, die die andere Person hat.
Für Gantenbein gilt Camilla als Manikürin. Es kann ein wenig ko-misch sein, daß ein Herr sich so sehr über seine Fingernägel kümmert. (vgl. Svoboda. Lila wirft ihm seine schlechten Fingernägel vor.)
Für Gantenbein kann die Maniküre von Camilla eine sinnbildliche Bedeutung haben. Man spricht im übertragenen Sinne von reinen Händen und davon, seine Hände zu waschen. Das hat die Bedeutung, daß man seine Unschuld daran zeigt. Diese Maniküre von Camilla kann deshalb eine Art von Reinigung von einem Schulgefühl bedeu-ten. Camillas physisches Verhältnis zu Gantenbein ist kein ge-schlechtliches, sondern sie hat eine metaphysische, fast pla-tonische Beziehung zu Gantenbein.

Camillas Rolle ist die der Zuhörerin. Gantenbein erzählt ihr viele Geschichten. Camilla liebt wahre Geschichten:

Camilla Huber ist unbezahlbar: sie glaubt an wahre Geschichten, sie ist wild auf wahre Geschichten, es fesselt sie alles, vowon sie glaubt, daß es geschehen sei, und sei's noch so banglos, was ich während der Manicüre erzähle: - aber geschehen muß es sein...Natürlich komme ich nie, ohne mich anzumelden, und dann mit höflicher Verspätung, ausgestattet mit dem schwarzen Stöcklein und der gelben Armbinde, die Blindenbrille im Geschicht; ich treffe Camilla Huber nie im Neglige; sie läßt mich im Korridor warten, bis sie sich gekammt hat und angekleidet, bis das Zimmer in Ordnung gebracht ist. Sie will von ihrem Leben nicht mehr sehen als ich. (G 103)

Die Geschichten erzählen vom Leben, und sind nicht erfunden. Durch die Geschichten wird vieles aus dem Leben Gantebeins enthüllt. Camilla hört zu, stellt Fragen und gibt ihre Urteile über verschiedene Sachen ab.
Camilla kann wie Gantenbein, Rollen spielen. Sie spielt ihre Rolle als Manikürin sehr überzeugend. Ihr gelingt es, die Polzei hinter's Licht zu führen.
Camilla ist die einzige Person, mit der Gantenbein über seine Gefühle sprechen kann. Sie ist eine Prostituierte und hat keine gefühlsmaßige Beziehung zu Männern. Sie ist neutral, und kann sachlich über Gefühle sprechen. Mit Lila kann Gantenbein dies nicht tun, weil er daran beteiligt ist. Camilla ist aber die perfekte Zuhörerin und Unterhaltungs-Partnerin für einen eifer-süchtigen Mann.
Camillas Funktion in Mein Name sei Gantenbein ist die der Psycho-login, zu der der Patient Gantenbein geht, um seine Seele zu rei-nigen und sein schlechtes Gewissen zu erleichtern.

Als Camilla eines Tages einem Zahnarzt begegnet, den sie heiraten will, kann sie ihr Geschäft nicht fortsetzen. Kurz nach diesem Beschluß wird sie ermordet. Den Mord könnte man sinnbildlich be-trachten. Camillas Rolle ist die der Hure, und wenn sie nicht mehr Hure ist, hat sie keine Funktion mehr. Sie hat ihre Rolle ausgespielt.

2.11 ZUM THEMA IN MEIN NAME SEI GANTEN- BEIN
Der charakteristischste Zug in Mein Name sei Gantenbein ist das Rollenspiel. Das Rollenspiel ist meiner Meinung nach nicht das Thema, sondern ein Mittel, wodurch gewisse Seiten des Ichs er-läutert werden.
Die Todesangst und die Angst vor dem Altern könnte man als Neben-Themen ansehen. Diese "Themen" sind vielleicht mehr als Motive zu betrachten.
Hinter den drei Hauptrollen steckt die Geschichte eines Men-
schen, der von einer Frau verlassen worden ist. Das Verlassensein könnte ein Thema sein. Aber im Roman wird mit den Gründen für das Verlassenwerden gearbeitet und nachgedacht. Das Thema muß mit den Hintergründen für das Verlassensein zu tun haben. Welche Gründe haben also zum Scheitern dieser Ehe geführt?
Eg gibt einen Grund, der mehrmals durch den ganzen Roman hindurch auftaucht. Das ist das Problem der Eifersucht. Ich werde im fol-genden versuchen, Beweise dafür zu finden, daß das Thema in Mein Name sei Gantenbein die Eifersucht ist.
Die Angst, hinter das Licht geführt zu werden, ist ein Hauptproblem des Ichs in der Rolle als Gantenbein. Das heißt, das Ich hat Angst davor, betrogen zu werden.
Das Ich nimmt die Rolle des Blinden an, damit er alles besser beobachten kann. Als Blinder kann er also nicht hinter das Licht geführt werden. Es wird ihm erlaubt, alles zu sehen, denn niemand muß sich vor den Augen eines Blinden hüten.
Wie Lila eine erfolgreiche Schauspielerin ist und viele Bewun-
derer, viele Blumen und Briefe bekommt, wächst die Eifersucht Gantenbeins. Durch das Blindenspiel kann Gantenbein seine miß-trauische Natur befriedigen, aber er kann nicht die Verdachtsgefühle loswerden. Er findet keine sicheren Beweise dafür, daß Lila ihn betrügt, dennoch wird er seinen Verdacht nicht los. Seine Gedanken kreisen immer darum, ob Lila ihn mit jemandem betrügt.
Gantenbein ist sich einigermaßen bewußt, daß er eifersüchtig ist, denn er denkt:
"Hoffentlich werde ich nie eifersüchtig!" (G 100)
Gantenbein will seine Eifersucht nicht zugeben. So spricht nur ein Mensch, der selbst diese Eigenschaft besitzt. Das ist ein psychologischer Mechanismus, seine eigenen schlechten Eigenschaften auf andere Leute zu projizieren.
Gerade nach dieser Aussage erzählt Burri Gantenbein beim Schach-spiel von einem seiner Patienten, einem Bäckermeister, der den Liebhaber seiner Frau in die Lende schoß und ihr mit dem Taschen-messer das Gesicht zerschnitt. Nachher brachte sie der Bäckermeister selbst zum Krankenhaus.
Der Bäcker ist nie ein gewalttätiger Mensch gewesen.
Diese wahre Geschichte beschäftigt Gantenbein sehr. Er muß diesen Bäckermeister sehen, und geht mehrmals in seinen Laden, um Brot zu kaufen. Gantenbein identifiziert sich mit dem Bäcker, denn später erzählt er Camilla Huber diese Geschichte. Gantenbein ist dann selbst der Bäcker, der den Liebhaber in die Lende schießen wollte. Er tat es aber nicht, sondern sie haben zusammen Campari getrunken und über Mythologie gesprochen. Der Liebhaber hat Charakterzüge, die an Enderlin erinnern, und Camilla nennt ihn auch "Enderling". (G 105)
Mehrere Geschichten handeln von eifersüchtigen Leuten.
Eine deutliche Parallele zu Gantenbein und Lila ist die Gesch-ichte von Ali, der eine blinde Frau heiratete. Diese Geschichte wird auch Camilla erzählt. Die Frau, Alil, wird von ihrer Blind-heit geheilt. Später wird aber Ali blind. Er ist sehr eifersüchtig, und weil er nichts sieht, glaubt er, daß seine Frau ihn be-trügt. Er will sich für die eingebildete Untreue rächen, und geht zu anderen Frauen. Er schlägt und schimpft seine Frau. Ali wird später von dem Wunderarzt heimlich geheilt. Er sagt es aber nie-mand, denn er will seine Frau beobachten. Ali sieht auch, wie sie weint und wie sie sich in sein Zelt hineinschleicht, als er eine andere Frau umarmt.
Die Parallelität zu Gantenbein ist sehr deutlich. Gantenbein sagt selbst, daß die Geschichte wahr sei:

"Im Ernst", fragt sie, indem sie die Scherchen und Feilchen zusammenpackt, "das ist eine wahre Geschichte?"
"Ja", sage ich, "ich finde." (G 147)
Ein anderer Gleichheitspunkt ist der Name Alil. Er wird sogar lilA, wenn man ihn rückwärts liest.
Einhorn ist ein junger Mann, der Lila als Künstlerin bewundert. Er schickt ihr Briefe und will sie besuchen. Das macht Gantenbein wahnsinnig eifersüchtig.
Noch deutlicher wird Gantenbeins Eifersucht durch seine Vorstel-lungen von Philemon und Baucis. Diese alte Märchenerzählung ist eng mit Gantenbein und Lila verknüpft.
Baucis ist Schauspielerin und bekommt Briefe von Einhorn. Die Namen Gantenbein und Philemon, Lila und Baucis wechseln durch die Geschichte. Philemon ist eifersüchtig wie Gantenbein. Die Eifer-sucht gipfelt darin, daß Philemon/Gantenbein die Schublade auf-bricht, um die Liebesbriefe von dem Liebhaber Baucis/Lilas zu lesen. Er findet aber nur seine eignen Liebesbriefe an Baucis/Lila:
... wenn man eine Schublade aufbricht, um einer schlafenden Frau auf der Schliche zu kommen, und dabei sich selbst auf die Schliche kommt. (G 173)


Wir hören auch von einem Naturvolk in Afrika. Dieses Volk übt eine freie Liebe aus. Eine solche freie Liebe gefällt dem eifer-süchtigen Gantenbein nicht.

Später kommt Einhorn auf Besuch. Aus Eifersucht schließt Ganten-bein Lila und Einhorn in dem Schlafzimmer ein und verläßt das Haus. Es kommt zu einem großen Krach. Lila verläßt Gantenbein.

Als er gegangen ist, sagt sie:
"- ich gehe."
Eine Woche danach (leider lassen sich Gespräche, die überflussig sind, im Leben nicht streichen) ist Lila gegangen; sie kann nicht mit einem Wahnsinnigen leben, ich versteh's. (G 179)

Gantenbeins Eifersucht wird also am Ende so groß, daß sie die Ehe zerstört.
Einmal nimmt Gantenbein auch Gespräche auf Tonband auf. Dadurch will er herausfinden, ob Lila ihn betrügt. Als er dieses Tonband abspielt, fühlt er sich wirklich wie ein Blinder, denn er kann alles hören, aber nichts sehen. Was er nicht sieht, macht ihn sofort eifersüchtig:

Das Tonbandgerät erwist sich als Versager. Zwar höre ich euere Gespräche, aber ich sehe nicht den Verrat, der in den Mienen liegen muß, und wenn ich filmen würde, euere Mienen in meiner Abwesenheit, auch der Film würde vollkommen versagen. (G 244)

Am Ende des Romans stellt sich Gantenbein die Rolle als Vater vor. Die eifersüchtigen Gedanken tauchen wieder auf:

... "vielleicht ist dieser Mann, der da blindlings seine Banane schält, wirklich nicht ihr Papi ?" (G 268)

Das Leben Gantenbeins wird also wegen seiner Eifersucht zerstört. Er sieht alles einfarbig lila. Das einfarbige Sehen, das die Blindenbrille verursacht, ist ein Sinnbild dafür, daß eine eifersüchtige Person die Wirklichkeit einseitig und falsch auffaßt. Das bunte Leben wird durch seine eifersüchtige Seele farblos gemacht.
Das Ich des Romans stellt sich auch durch Enderlin vor, daß er der Liebhaber von Lila ist. In der Rolle von Svoboda durchlebt er die Rolle als betrogener Ehemann. Das Ich probiert sowohl die Rolle als Betrüger als die des Betrogenen.

Gantenbein ist nur eifersüchtig, und er weiß nicht, ob er be-trogen wird. Es gibt im Roman keine Beweise dafür.
Der Ich-Erzähler des Romans hat die engste Verbindung mit Gan-tenbein. "Mein Name sei Gantenbein! (Aber endgültig.)" (G 244)
Das Ich des Romans ist von seiner Frau verlassen worden. Die Parallelität zwischen dem Ich und Gantenbein ist klar. Gantenbein ist wahnsinnig eifersüchtig.
Das Thema in Mein Name sei Gantenbein ist die Liebe, die durch
Eifersucht zerstört wird.

2.12 STRUKTUR UND ERZÄHLTECHNIK IN MEIN NAME SEI GANTENBEIN

Der Roman besteht aus einer Hintergrundgeschichte und eine Vor-dergrundgeschichte. Die Vorgrundgeschichte nimmt den größten Platz ein, aber man kann sich darüber streiten, welche die wichtigste ist.
Der Ablauf ist nicht genau chronologisch. Der Roman fängt mit dem Tode Enderlins an, später wird viel von dem Leben Enderlins er-zählt. Die Hintergrundgeschichte bezeichnet die Wirklichkeit und erzählt von einer gescheiterten Ehe. Das Erlebnis des Verlassenseins taucht zweimal auf, am Anfang und am Ende:

Ich sitze in einer Wohnung: - meiner Wohnung...Lang kann's nicht her sein, seit hier gelebt worden ist; ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche, ... (G 17)

In der Vordergrundgeschichte dominiert das Rollenspiel. Mit den Worten "Ich stelle mir vor" wechselt das Erzähler-Ich zum Rollen-spiel oder denkt sich eine andere Situation.
Die Hauptrolle ist die als Gantenbein. Durch das Rollenspiel aber auch durch Vertraute werden Gantenbeins Gedanken mitgeteilt. Sein Freund Burri ist ein intellektueller Vertrauter und Camilla Huber ist die Vertraute seiner Seele, seiner Gefühle.
Gantenbein ist die Hauptgestalt im Spiel, Lila ist das Zentrum des Geschehens.
Geschichten, die verschiedene Erfahrungen erklären, sind ein Hauptelement im Roman. Ohne Geschichten kein Rollenspiel:

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu - man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, ... (G 11)


Das Wechseln von der Ich-Erzählersituation zum Rollenspiel ist der charakteristischste Zug des Romans.
Um die Umgebung zu beschreiben, benutzt Max Frisch eine besondere Technik:
Die Dinge werden sehr genau beschrieben. Nicht das einzelne char-akteristische Detail wird beschrieben, wie ein Impressionist es hätte tun wollen, sondern eine Reihe von Details folgen einander. Allmählich bekommen wir ein Bild von dem Zimmer und der Situa-
tion:

Ich sehe:
Reste von Brot in einer Flasche, ich kenne das, Inselchen von Schimmel auf rotem Wein, ferner Reste von Brot ... (G 283)

Die Bewegung in der Beschreibung ist deutlich. Noch deutlicher ist die Kamerabewegung, wenn der Erzähler (Ich) in der Rolle von Svoboda mit dem Gewehr verschiedene Gegenstände in der Wohnung zerschießt:

Das Lederpolster. Piff-Paff-Puff! Eine dumpfe Büffeljagd. Dann ein beschämender Fehlschuß auf den tönernen Inka-Hund aus Peru, und schon wieder muß ich nachladen. Blick ins Gelände, wo wir zuhause waren. (G 236)

Die genauen Beschreibungen der Dinge und des Geschehenen geben ein besonderes Effekt in einem Roman, in dem die Hauptgestalt blind spielt.
Das scharfe Sehen des "Blinden" wird in vielen Situationen deutlich gemacht. Auch das Erzähler-Ich besitzt diese Eigenschaft, eine Reihe von Details zu beschreiben:

... ich sehe die roten Schollen der Äcker über den Gräbern, fernhin und dunkel das Herbstmeer, Mittag, alles ist Gegenwart, Wind in den staubigen Disteln, ich höre Flötentöne, aber das sind nicht die etruskischen Flöten in den Gräbern, sondern Wind in den Drähten, unter dem rieselnden Schatten einer Olive steht mein Wagen grau von Staub und glühend, Schlangenhitze trotz Wind, aber schon wieder September: ... (G 288)


Es gibt eine Menge von Sinnbildern im Roman. Die Blindenbrille ist vielleicht das zentralste. Die Brille funktionert als ein Guckloch. Die verdächtige und eifersüchtige Person versteckt sich dahinter, um alles zu sehen, was man ihm nicht zu sehen erlaubt. Das einfarbige Sehen durch die Blindenbrille ist auch ein Sinn-bild der Eifersucht. Der eifersüchtige Mensch sieht nicht die Wirklichkeit so, wie sie eigentlich ist. Die Welt und das Gesch-ehene werden von seiner eifersüchtigen Seele gefärbt und falsch wahrgenommen.

Die Pfeife ist auch ein Sinnbild. Die Pfeife ist mit oder ohne Feuer. Man spricht von Feuer der Liebe, oder die Leidenschaft wird als Feuer bezeichnet. Die feuerlose Pfeife wird zu einem Sinnbild der ausgelöschten Liebe:

Ich hocke vergeblich in Mantel und Mütze, die feuerlose Pfeife im Mund; ich kann es mir nicht vorstellen, wie hier gelebt worden ist, weniger als in Pompeji; obschon ihr blauer Morgenrock noch immer im Badezimmer hängt...
... (G 19)


Sich Kleider kaufen und sich neue Kleider anziehen steht sinnbildlich dafür, neue Rollen zu spielen. Man muß neue Kleider haben, um neue Geschichten zu probieren. Der Tote aber braucht keine Kleider mehr, denn er hat keine Geschichte mehr nötig. Von Enderlin wird gesagt, wenn er am Anfang des Romans stirbt:

"er braucht keine Geschichten mehr wie Kleider." (G 8)

Das Ich des Romans braucht Kleider, denn es wird weiterleben und Rollen spielen:
"Ich werde mir neue Kleider kaufen," ... (G 19)
"Aber man kann ja nicht nackt durch die Welt gehen;" (G 19) Wie die Kleider den Körper deckt, verbirgt sich der Mensch hinter seiner Rolle. Die Geschichte und die Rolle sind notwendig wie Kleider.

Der zerbrochene Spiegel ist ein Sinnbild des zerbrochenen Lebens, der zerbrochenen Ehe. "Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel," ... (G17)
Im Spiel mit den Geschichten läßt sich alles wieder zusammenset-zen, in der Wirklichkeit nicht.

Das Schachspiel kann man auch als ein Bild des menschlichen Le-bens betrachten. Man muß auf das Spiel achten, sonst wird man schachmatt. Im Leben bedeutet das, daß man sich in eine unbequeme Situation bringt.
Das Blindsein ist ein konkretes Spiel für Gantenbein. Aber das Blindsein hat auch eine übertragene Bedeutung. Es bedeutet Man-gel an Einsicht. Dem Erzähler-Ich hat die Einsicht gefehlt. Er hat die Rolle des Blinden gespielt, um alles sehen zu können, doch muß er am Ende zugeben, daß er dennoch blind gewesen ist:

"Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal." (G 283)

Die letzte Geschichte für Camilla erzählt von einer Leiche, die von einem Fluß ins offene Meer zu "schwimmen" versucht. Die Lei-che wird kurz vor dem Meer erwischt.

Diese Geschichte ist ein Sinnbild dafür, was das Ich des Romans zu tun versucht hat:

"Abzuschwimmen ohne Geschichte." (G 288)

Er hat versucht ohne Geschichte zu verschwinden. Das scheint aber unmöglich, denn nur der Tote braucht keine Kleider und keine Ge-schichte mehr.

Das Rollenspiel selbst kann man auch sinnbildlich als eine Flucht betrachten. Das Individuum wählt die Rolle, damit es nicht sich selbst sein muß, oder damit es nicht für seine Taten verantwort-lich sein muß. Dieses Benehmen wird ein Mittel, unbehaglichen Situationen zu entgehen.
Dieser Fluchtversuch des Ichs erweist sich am Ende als vergeb-lich. Man kann sich selbst nicht entfliehen. Die Leiche wird erwischt, das Ich wird für seine Taten verantwortlich gemacht.


2.13 ZUSAMMENFASSUNG DER ANALYSE VON MEIN NAME SEI GANTENBEIN

Ich habe drei verschiedene Auffassungen des Ich-Erzählers an-gedeutet, ohne daß ich eine der drei vorgezogen habe.
Daß verschiedene Betrachtungsweisen möglich sind, zeigt die Größe eines Kunstwerks.

Man kann unterschiedliches Gewicht auf die zwei Ebenen des Ro-mans, die Wirklichkeitsgeschichte und das Rollenspiel legen.
Meiner Meinung nach gehören sie zusammen als eine untrennbare Einheit.
Der Roman scheint am Anfang etwas chaotisch mit den vielen Wech-seln der Gesichtspunkte und der Rollen.
Wenn man ihn aber mit großer Konzentration liest, findet man einen erstaunlichen Zusammenhang, auch was die Details betrifft.
Der Roman ist wie ein großes Mosaik-Bild. Die vielen Teile lassen sich nur mühsam zusammensetzen, doch nach und nach ergibt sich ein Muster.
Nach mehreren Entwürfen erscheinen allmählich die Konturen eines Ichs, das nicht nur versucht, die Umwelt zu verstehen, sondern auch auf der Suche nach sich selbst, nach seinem eigenen Ich und den Gründen seiner mißglückten Ehe ist.


TEIL C


ZUR LITERATURKRITIK

3.1 ZUR LITERATURWISSENSCHAFTLICHEN AUS EINANDERSETZUNG MIT MEIN NAME SEI GANTENBEIN


Alexander Stephan vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Stiller und Homo faber. Die Lebensläufe in Stiller und Homo faber seien handfest im Gegensatz zu denen in Mein Name sei Gantenbein.
Der Unterschied zeige sich z.B. in den Sätzen: "Ich bin nicht Stiller" und "Mein Name sei Gantenbein". Der Konjunktiv zeige das Unsichere, die Möglichkeiten.

Die noch recht handfesten Lebensläufe von Stiller und Homo faber sind in "Gantenbein" in ein existentielles Abbild des Lebens aufgelöst worden.

Der Erzähler in Mein Name sei Gantenbein bleibe ohne reale Kon-turen.
Während Max Frisch schon früher die gesellschaftliche Entfremdung behandelt habe, hebe er in Mein Name sei Gantenbein die Entfrem-dung des modernen Menschen aus den gesellschaftlichen Begebenheiten auf die existentielle Ebene.

Das Erfinden und Probieren der Geschichten sind in Mein Name sei Gantenbein das Zentrale. Alexander Stephan behauptet, daß das "angestrebte Möglichkeitsspiel" Max Frisch in Mein Name sei Gan-tenbein gelinge.
Alexander Stephan kommentiert weiter die Versuche, die Permutationstheorie auf die Medien Film und Drama zu übertragen. Die Versuche seien gescheitert, weil die "Ich stelle mir vor"- Situation sich nicht leicht mit der sichtbaren Situation des Films vereinbaren lasse.

Sybille Heidenreich hält Mein Name sei Gantenbein für das dritte große Werk Max Frischs in der Ich-Form. Der Keim zu Mein Name sei Gantenbein findet sie im Tagebuch 1946 - 1949. Max Frisch
schreibt über das Herstellen eines Erlebnisses:

Unser Anliegen, das eigentliche, läßt sich bestenfalls umschreiben, und das heißt ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen.

Weiter, meint Sybille Heidenreich, bilde sich Mein Name sei Gan-tenbein auf Max Frischs philosophische These von Erfahrung und Geschichte. Diese philosophische These werde sowohl in dem Ge-spräch mit Horst Bienek als auch in Mein Name sei Gantenbein deutlich ausgedrückt:

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Ge-
schichte, die er für sein Leben hält".

Sybille Heidenreich sieht Mein Name sei Gantenbein als eine neue Version des Themas von Rolle und Wirklichkeit. Es gebe eine Menge von Randgeschichten. Das erzählende Ich habe aber keine Geschich-te, sondern nur eine Erfahrung. Die Erfahrung des Ichs sei, daß seine Ehe gescheitert sei. Die erdichteten Personen seien die Hauptfiguren des Romans. Es drehe sich aber um den Verlassenen, der sich Rollen umhänge wie Kleider. Er müße sich eine Frau er- dichten, um seine Erfahrung greifbar zu machen. Der Erzähler in Mein Name sei Gantenbein sei auf der Suche nach dem verlorenen Paradies.
Eine korrespondierende Erfahrung zu dem Verlassensein sei die Eifersucht. Die Eifersucht habe eine Ehe zerstört.
Lila werde nie als "Du" bezeichnet. Sie sei nichts weiteres als das Medium,an dem sich die drei Gestalten ( Gantenbein, Svoboda und Enderlin ) messen müßten. Sie sei die andere Komponente in dieser Ehe, aber die Handlung drehe sich um den verlassenen Ehemann.
Die Eifersucht sei der eigentliche Grund dafür, daß Gantenbein sich die Blindenbrille aufsetze.
Es handele sich in Mein Name sei Gantenbein um einen zweifachen Betrug, den Ehebruch und den Betrug Gantenbeins, das Sehen zu verleugnen.
Sybille Heidenreich sieht aber nicht Mein Name sei Gantenbein nicht als Eheroman, obwohl das Eheproblem eine dominierende Stellung im Roman hat. Sie schreibt darüber:

Vielmehr wird die Ehe zum Modellfall zwischenmenschlicher Beziehung, an dem sich Diskrepanz von faktischer und er-lebter Wirklichkeit sinnfällig demonstrieren läßt. Eifersucht, die Gantenbeins Ehe zerstört, offenbart diese Dis-krepanz. Sie ist Ausdruck der "Kluft zwischen Welt und Wahn", der Blindheit des Ichs gegenüber der Welt.


Sybille Heidenreich erwähnt, daß im Namen der Prostituierten auch sich die Buchstaben "Lila" befänden. Camilla sei aber nicht Lila. Die Liebe des Ichs brauche sich nicht an Camilla beweisen.
Die Angst für das Altern und vor dem Tod sei auch zentral im Ro-man. Enderlin vertrete diese Angst. "Ich bin das Altern von Minu-te zu Minute," zitiert Sybille Heidenreich Enderlin des Romans.
Mein Name sei Gantenbein handele von dem Blindenspiel, aber Sy-bille Heidenreich erwähnt auch die nicht-gespielte Blindheit. Der Erzähler habe geschlossene Augen gehabt. Was er jetzt sehe, sei die Spuren der Trennung.
Das Ende ist nicht glücklich wie Ali und Alil im Märchen. Die Frau hat den Erzähler verlassen. Doch ist die Situation tröstlich. Sybille Heidenreich meint, daß der Erzähler ohne Geschichte abgeschwommen sei. Der Gedankenstrich am Ende bedeute, daß kein Punkt gemacht worden sei, sondern es viele Möglichkeiten gebe.
Daß es im Roman kein Punkt gemacht worden ist, damit bin ich einverstanden. Das Ich ist meines Erachtens doch nicht ohne Geschichte abgeschwommen, obwohl es versucht hat, sich im Roman zu verstecken.

Hans Mayer vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Dürrenmatts Erzählung von dem Blinden, der in einer Welt der Einbildungskraft lebt.
Am Anfang montiere der Ich-Erzähler die Gantenbein-Figur sorg-fältig. Der Erzähler probiere auch andere Rollen. Die Liebe zu Lila sei zentral, aber wenn er ihr erzählt, daß er alles gesehen habe, werde die Liebes- und Lebensbeziehung zu Lila abgebrochen.
"Die Verwandlung von Leben in Geschichten ist Verwandlung von Dasein in Kunst", hält Hans Mayer für das eigentliche Romanthema.
"Ich probiere Geschichten an wie Kleider!" sei der zentrale Satz, der den Roman in Gang setzt.

Martha Glaser schreibt, daß es eine Reihe von Ich-Entwürfen gebe. Einer von diesen sei Gantenbein, der auch mehrere Möglichkeiten habe. Gantenbein verwirkliche, was Stiller nicht gelungen ist. Aber in der Problematik von Wirklichkeit und Rolle sei noch nichts gelöst worden.

Eduard Stäuble behauptet, daß Max Frisch in Mein Name sei Gan-tenbein auf der Suche nach dem eigenen Ich sei. Er schreibt folgendes über den Roman:


In einem Wirbel von Geschichten späht Max Frisch nach der einen, vollkommen reinen und ganz passenden, "sitzenden" Geschichte aus, nach dem einzig wahren Ich und dem einzig wirklichen Leben. Er ist - man darf es so formulieren, auch wenn es sehr hoch tönt - auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, nach dem Sein vor der Sünde, nach dem wirklichen, echten Leben.


In seinem Buch Max Frisch "Stiller", "Homo faber und" und "Mein Name sei Gantenbein" nimmt Frederik Alfred Lubich die Aufspaltung der Erzählperspektive in Stiller und Homo faber als Ausgangspunkt. In Mein Name sei Gantenbein habe sich die Aufspaltung ins Multiperspektivische entwickelt.
Zur wesentlichen Standortsbestimmung des Ich-Erzählers diene die wiederholende Beschreibung der verlassenen Wohnung. Diese Be-schreibung tauche dreimal auf, am Anfang, in der Mitte und am Ende.
Enderlin und Gantenbein seien beide experimentelle Modellfiguren für den Erzähler, "Entwürfe zu einem Ich." Er stellt sich auch die Frage, ob er Svoboda ist.
Es handele sich meistens um ein Leben im Spiel, das Blindenschauspiel. Der Übergang von dem Erzähler und den verschiedenen Rollen sei gleitend.
Lila betrüge Svoboda sowohl als auch Gantenbein. Enderlin habe ein großes Liebesbedürfnis. Es entwickele sich zu einem Drama der Eifersucht.
Enderlin illustriere auch den Verdrängungskomplex Alter und Tod.
Weiter bespricht Frederik A. Lubich verschiedene Interpretationsaspekte und Rezeptionskontexte. Gantenbein wird z.B. als ein-ziger Aussteiger in einer Gesellschaft von Aufsteigern bezeich-
net. Weitere Aspekte sind: "Zersplitterung der Realität" oder Schwanken zwischen "Sein und Schein" und das "Theater im Theater."
Als Hauptthema wird die Kluft zwischen Wirklichkeit und dem Wahn erwähnt. Zu diesem Hauptthema korrelierten die Themen Ehe und Eifersucht, Rolle und Geschichte, Fiktion und Erfahrung.
Der Ich-Erzähler werde nur sichtbar "im Entwerfen und Verwerfen seiner selbst". Eine eigentliche Identität, daß heißt eine per-sonale Existenz, habe er nicht.

Frederik A. Lubich bespricht die drei Stellen, wo der Ich-Erzäh-ler in seiner leeren Wohnung sitzt. Die Kritiker hätten immer wieder "in diesem spukhaften Ort die Wohnung eines von seiner Frau verlassenen Mannes" gesehen.
Lila wird als "Magna Mater" (die große Mutter als große Hure) bezeichnet. Er nennt auch Lila das "Ewig Weibliche."
Lubich erläutert die sinnbildliche Bedeutung von Ichs Atlantik-Überfahrt. Dieses homerische Odysee-Motiv bedeute in Stiller und Homo faber eine Flucht. In Mein Name sei Gantenbein bezeichne die Atlantik-Überfahrt eine Reise zwischen Diesseits und Jenseits:


Als blinder Passagier im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits bewegt sich der Ich-Erzähler in den Bahnen Lebender und Verstorbener gleichermassen:

In seinen Lebensentwürfen sei das Erzähler-Ich Gantenbein, En-derlin und Svoboda. Die Todeserfahrungen bekomme er durch die mytischen Figuren Teiresias, Christus und Hermes. Die Jerusalem-Golgatha Perspektive durchziehe den ganzen Roman. Hermes, der Ur-bote zwischen den Welten, sei ein bewanderter Führer.
Am Ende erläutert Frederik A. Lubich die Schluß-Szene. Der Ich-Erzähler beschreibt die Gräber. Er ißt Brot und Wein. Das Brot und der Wein brächten unsere Gedanken auf das Abendmahl Jesu. Nach der Meinung Lubichs feiert Gantenbein seine Auferstehung aus dem Grab, "als hätte er das ewige Leben errungen."

3.2 MEINE ANALYSE UND DIE ERWÄHNTE LITERA- TURKRITIK - EIN VERGLEICH

Das Probieren von Geschichten ist natürlich ein gemeinsamer Zug, denn das Wechseln von Geschichten ist der Grundstein des Romans. Die verschiedenen Benennungen wie "Möglichkeitsspiel" (Alexander Stephan), "Multiperspektive" (Alfred Lubich) "Leben in Geschich-ten" (Hans Mayer) und die Bedeutung vom Konjunktiv "sei" im Titel des Romans korrelieren mit meiner Analyse.
Gantenbeins Blindenspiel, was ich eine Rolle in der Rolle nenne, wird von Alfred Lubich als "das Theater im Theater" charakterisiert.

Daß der Roman ein Ehe-Roman ist, ist eine andere Gemeinsamkeit der verschiedenen Interpretationen. Und daß es sich im besonderen um die Eifersucht in der Ehe handelt, wird von niemandem bezweifelt. Ich lege vielleicht größeres Gewicht auf das Eifersucht-Thema als die anderen Kritiker.
Die Eifersucht habe die Ehe des Ichs zerstört, behauptet Sybille Heidenreich. Damit bin ich einverstanden. Ich kann aber nicht ihre Meinung teilen, wenn sie sagt, daß das Ich keine Geschichte habe. Diese Geschichte wird zwar nicht ganz erzählt aber wir ah-nen die Konturen einer Geschichte eines Eheverlusts. Durch die dreimal wiederholte Beschreibung von der leeren Wohnung wird die Geschichte des Ichs angedeutet. Diese Geschichte ist vielleicht die wichtigste und eigentliche Geschichte des Romans.

Ich behaupte auch wie z.B. Eduard Stäuble, daß Mein Name sei Gantenbein eine Ich-Geschichte ist. Ich teile aber nicht die Meinung Stäubles, daß Max Frisch im Roman nur auf der Suche nach seinem eigenen Ich sei. Ein Spiel mit den vielen Rollen setzt eine feste Identität voraus. Ich würde lieber sagen, daß Max Frisch eine Erfahrung gemacht hat. Diese Erfahrung wäre der Verlust seiner Ehe. Durch den Roman und besonders durch das Rollenspiel würde Max Frisch die Geschichte seiner Erfahrung suchen.

Die Todesangst wird sowohl von mir als auch von anderen Be-
sprechern als ein wichtiges Element erwähnt.
Hans Mayer und Alfred Lubich heben den Roman auf die philosophi-sche Ebene hinauf, was ich in geringem Grad gemacht habe.
Alfred Lubich sieht Lila als "das Ewig-Weibliche" und in der At-lantik-Ûberfahrt findet er das Odyssee-Motiv. Lubich interpretiert den Schluß des Romans als eine Auferstehung des Ichs. Ich sehe keinen christlichen Gott in Mein Name sei Gantenbein. Der vorherrschende Gott des Romans ist Hermes, und er deutet die Vielfältigkeit der Möglichkeiten an. Max Frisch ist ein Humanist, der keinen christlichen Glauben hat.
Die Darstellungstechnik ist wenig behandelt worden. Darüber hätte auch ich mehr schreiben können. Das wäre vielleicht ein selbständiges Studium gewesen. Ich erläutere viele Sinnbilder wie z.B. das Pfeifenrauchen und das Schachspiel, die die anderen Rezensenten nicht erwähnt haben.
Was nur ich gemacht habe, ist u.a. der Vergleich der drei Rollen des Ichs und ein Vergleich zwischen den Gemeinsamkeiten der drei Rollen mit dem Leben Max Frischs. Ich habe dies im Zusammenhang mit meiner Perspektivanalyse gemacht. Der Versuch, den Roman aus verschiedenen Ich-Erzählperspektive zu studieren, wäre damit vielleicht mein wichtigster Beitrag zur Analyse von Mein Name sei Gantenbein.


TEIL D

4.0 REZEPTION


Im folgenden werde ich einige Artikel und Kritiken analysieren,
welche über die Rezeption des Romans Aufschluß geben.

4.1.0 DIE KRITIK IN DER SCHWEIZ


4.1.1 DIE TAT

Hans-Juergen Heise schreibt einen Artikel über Mein Name sei Gan-tenbein in der Tat, und nennt ihn "ein großes Arsenal mensch-
licher Möglichkeiten".
Hans-Juergen Heise nimmt Stiller als Ausgangspunkt. Er meint, daß Max Frisch in Stiller nicht mit der Ich-Problematik fertig wurde, und daß Frisch in Mein Name sei Gantenbein die Suche nach dem Ich fortsetzt.
Hans-Juergen Heise findet den Roman sehr mannigfältig:

"Mein Name sei Gantenbein" ist ein vielschichtiges, ein ironisches Buch. Denn: All seine Figuren werden erst vor dem Leser entworfen, und stets werden sie schon nach we-nigen Seiten wieder abgeändert oder ganz zurückgenommen. Ein Werk also das sich - wie "Die Falschmünzer" - selber erzählt und das, erzählend, über sein Entstehen reflek-tiert. Ein Buch, das zugleich Roman und "Roman eines Romans" ist; ein Kunstwerk und ein Werkstattbericht.


Heise weist auf Max Frischs Behauptung hin, daß man sich selbst nicht von außen sehen könne, und daß es Geschichten nur von außen gebe. Deshalb besäßen die Menschen eine Gier nach Geschichten. Nach der Meinung Heises hat diese Gier zwei Gründe: Erstens ist es Neugierde, zweitens geht es darum, sowohl andere Menschen als auch sich selbst zu verstehen. "Jede Geschichte ist eine Erfin-
dung ... Jedes Ich, das sich ausspricht, eine Rolle", zitiert Heise den Autor.
Nach der Meinung Hans-Juergen Heises seien die Personen in Mein Name sei Gantenbein im Gegensatz zu den Personen im Stiller, kei-ne wirklichen Menschen, nur Rollen.
Das Probieren von Geschichten nimmt Heise als Beweis dafür, daß Max Frisch noch mit der Identitätsproblematik arbeitet. Denn Hans-Juergen Heise behauptet, daß nur der Mensch, der seine Identität nicht durchforscht habe, Geschichten brauche.
Heise erwähnt auch, daß die Figuren fluktuieren, werden identisch, dann stoßen sie sich wieder ab.
Hans-Juergen Heise behauptet, daß Gantenbein durch seine Blind-heit glücklich sei:
"Gantenbeins Glück ist seine (gespielte) Blindheit,...".

Er erwähnt nicht aus welchem Grund Gantenbein den Blinden spielt. Gantenbein ist nicht nur glücklich, sondern seine Eifersucht stört seine Liebe. Heise schlägt auch fest, daß Lila Gantenbein betrüge. Wenn das wahr ist, wird das Eifersucht-Motiv geschwächt. Es wird aber im Roman nie festgestellt, daß Gantenbein betrogen wird. Gantenbein sagt sogar einmal im Gespräch mit Camilla, daß er nicht wisse, ob Lila ihn betrüge.
Gantenbeins Betrug sei sein Blindenspiel.

Enderlin sei ein intelligenter aber ängstlicher Mensch. Der Ar-tikelschreiber ist der Ansicht, "Enderlin fürchtet all das, weswegen Gantenbein den Blinden spielt, ...".
Enderlin werde von zwei Trieben bedrängt, dem Wunsch zu leben und dem Tod. Der Tod sei für Enderlin wie für Stiller ein möglicher Ausgang.
Als Schlußfolgerung über Max Frischs schriftstellerische Fähig- keit in Mein Name sei Gantenbein schreibt Hans-Juergen Heise:

Es gelingt Frisch, jede Person in jeder Situation zugleich soziologisch und psychologisch zu determinieren, und zwar nach allen Seiten hin, mit allen Konsequenzen für die an-
deren Figuren.

4.1.2 ZÜRCHER WOCHE

"Dreieckskomödie im Spiegelsaal" nennt Gody Suter seinen Artikel über Mein Name sei Gantenbein in der Zürcher Woche.
Er vergleicht Frischs neuen Roman mit Choderlos de Laclos unsterblichem Briefroman Les liasons dangereuses. In den beiden Romanen seien "Ironie und Trauer auf das grausamste und auf das tröstlichste nebeneinandergestellt."
Die Kritiker würden aber ihre "Frischbrille" und ihr "FrischVokabular" benutzen und das Problem der Identität im Roman fin-den. Das ist nach der Meinung Gody Suters, eine falsche Auffassung vom Roman.
Gody Suter hat darin recht, daß die Erwartungen das Resultat be-einflussen können. Es ist aber interessant, daß er keine Ich-Problematik im Roman sieht. Viele Rezensenten u.a. Hans-Juergen Heise sehen die Suche nach dem eigenen Ich als das zentralste Thema des Romans.
Was Max Frisch versucht, ist, eine Geschichte mit Geschichten zu erzählen:

Doch die Geschichten, die erzählt werden, sind nicht die Geschichte, die erzählt wird; jede Passage steht als Geschichte und als Teil des Romans. Das eben ist der Unterschied zu "Stiller" oder "Homo Faber" : daß einer dahintersteht (oder darüber), der die Unordnung anrichtet, Verwirrung stiftet, Unheil verteilt, die Knoten verschlingt und schürzt - ...

(Gody Suter schreibt den Namen Homo faber falsch, wie auch viele andere tun!)
Der Roman erzähle von einer ewigen Situation, einem Dreiecks-Ver-hältnis zwischen Mann und Frau und Liebhaber:


Dreiecks-Komödie im Spiegelsaal, Gesellschaftspiel: Spiel der Gesellschaft; das Spiel zwischen Mann und Frau und Liebhaber, wie es gespielt wird, unumgänglich.

Gody Suter lobt Max Frischs Darstellungsweise und Stil. Es sei
ein Buch, daß man mehrmals lese. Das Buch lese sich leicht. Man werde durch das Lesen mitgerissen und müße weitermachen, bis man die letzte Facette im Spiegel gesehen habe. Und das Fazit ist:

"Ich bin blind. Ich weiß es nicht immer, aber manchmal." ...
Gody Suter endet seine Beurteilung von Mein Name sei Gantenbein mit den Worten:


Max Frisch hat noch nie so erzählt, in keinem seiner früh-eren Romane. Seine Sprache hat drive, sie ist schmiegsam geworden, biegsam, aber härter zugleich, ökonomisch, genau und graziös.
...
"Mein Name sei Gantenbein", das neue Buch von Max Frisch, ist ein Meisterwerk.

4.1.3 NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

Die Neue Zürcher Zeitung bringt einen Artikel von Werner Weber mit dem Titel "Mein Name sei Gantenbein. Zum neuen Roman von Max Frisch."
Werner Weber fängt mit dem Tod Enderlins an. Das Ich hat ihn ge-kannt, und das heißt, es hat sich ihn vorgestellt.
Der Tod am Anfang wird mit dem Schluß des Romans verbunden. Der Tote hat es nicht erreicht, ohne Geschichte zu verschwinden:


Und beide, Anfang und Ende, bestimmen die Suite, welche vom einen zum anderen führt.
...
Das Thema dieser Geschichte ist "die Geschichte", sind "die Geschichten"

Mein Name sei Gantenbein enthalte eine Kern-Geschichte und mehr-ere Randgeschichten. Zum Kern gehöre die Erzählung von einem Mann, der einen anderen Mann für eine Besprechung treffen solle. Dieser Mann ist aber verreist und schickt seine Frau hin, stell-vertretend. Diese Begegnung führt zum Ehebruch.
Zur Randgeschichten gehörten zum Beispiel die Geschichte von dem Nackten, dem Autounfall und die Begegnung mit der Kokotte Camilla Huber. Diese Geschichten seien also Bewegungen am Rand, jedoch vom Kern bestimmt und auf ihn bezogen.
Ein Erzähler probiere Geschichten, um eine Gescichte zu finden, die ihm gehöre. Und Werner Weber zitiert den Roman: "Man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt."
Man könnte auch das Auftauchen des Ichs in der leeren Wohnung als die Kerngeschichte sehen. Das würde ich lieber behaupten. Denn die Begegnung in der Bar gehört der "Ich stelle mir vor"-Proble-matik.
Werner Weber wundert sich darüber, ob Max Frisch das Buch des Philosophen Wilhelm Schnapp kenne und er weist auf dessen Buch In Geschichten verstrickt. Zum Sein von Mensch und Ding hin.
Werner Weber liest Mein Name sei Gantenbein als Fragen nach Ge-schichten, daß heißt Fragen nach dem Menschen und zuletzt "als Fragen nach demjenigen, was mehr ist als der Mensch; Instanz au-ßerhalb der Vergänglichkeit."
Das Buch sei an mancher Stelle heiter und spaßig, aber der Ernst des Fragens mache das Buch unheimlich.
Es gehe im Roman darum, die richtige Geschichte zu finden. Es heißt den Lügen beikommen, sie überwinden.
Der Erzähler erfinde für sich den blinden Doppelgänger und nenne ihn Gantenbein. Nach der Meinung Werner Webers handelt es nicht um Blindheit aber Blindnis:

Es geht um "Blindnis", das ist ein Vermögen, körperlich listig versteckt, seelisch-geistig aufs schärfste geübt - "Blindnis" heißt soviel wie: selber ungesehen sehen können; ...

Werner Weber stellt die Frage, ob die anderen von der Blindnis sehend gemacht werden. Und er nennt es "die Verwandlung in die zeitfreie Instanz ( sage ich es: Gott )."
Infolge Weber geht es um Ûberwindung der Lüge. Er sieht darin ein religiöses Motiv:

"... in dieser Wahrheit ohne Zeit, göttlich paradiesisch. Ich meine in diesem Werk werde inständig das Sein vor der Sünde gesucht."

Das Blindnis-Abenteuer Gantenbeins scheint uns anfangs ganz ko-misch oder humoristisch, doch sei es nicht zum Lachen. Es bestehe eine Spannung zwischen Scherz, Spaß, Witz und dem Ernst. Die Blindnis Gantenbeins sei eine Verkleidung. Der blinde Zuschauer Gantenbein habe scharfe Augen:

"Im Tun und Mittun verringert sich die Kraft des Zuschauers. Der beste Zuschauer steht außen, über den Geschichten."
Die Zuschauer-Situation ("Hände in den Hosentaschen") sei für diesen Roman charakteristisch. Wer spricht, lasse sich aber auf die Situation ein. Max Frisch versuche im Roman, etwas Unmög-liches zu machen. Er brauche Sprache und möchte keine Sprache brauchen.
Der Redende, der Angesprochene, der Gegenstand des Gesprächs wi-schten einander aus. Wo sie sind könne auch beliebig sein. Das Gestern und der Morgen kreuzten das Jetzt.
Werner Weber kommt dann zu der Besprechung von Hermes. Der Beob-achter von Geschichten in Mein Name sei Gantenbein suche das Un-mögliche:
..."den ewigen Augenblick, die zeitfreie Frische, die Glückswoge in einem Punkt, Jetzt!"
Hermes sei nicht nur Gott der günstigen Gelegenheit, sondern Gott der einen nicht wiederholbaren Gelegenheit. Er sei der Schelm der tiefen Augenblicke.
Mit Ausgangspunkt in den Worten des Erzählers "Via Appia antica" erinnert sich Werner Weber an die Begegnung mit der jungen Frau Lila. Und er sieht den Schluß des Romans an der Stelle wo Ganten-bein bekennt, daß er nicht blind ist. Gantenbein hat die Grenze geahnt, aber nicht beachtet. Das religiöse Hintergrundmotiv ta-ucht wieder bei Weber auf:


Ich meine, die Grenze sei in diesem gegeben: So zusehen, wie der Mann es wollte und listig tat - so zusehen darf nur Gott; der Mensch ist in Verstricktsein geboren.

Werner Weber spricht schließlich darüber, was er "Literaturkri-tik und Literaturklatsch ernst und unernst die Krise des Romans" nennt. Er sieht die Krise nur als Unvermögen der heutigen Schrei-ber. Max Frisch aber überspringe die Schwierigkeiten und lasse die Krise hinter sich.

Als Schlussfolgerung seiner Besprechung schreibt Werner Weber:

Aber ich würde unbeirrt sagen: daß in diesem Buche ein en-ergisches Denken in durchgeprüfter Melodie den Menschen einzuholen versucht, der mit dem Rücken zum Paradiese steht.


Ich bin mit Werner Weber nicht einverstanden, wenn er auf das religiöse Motiv so großes Gewicht legt.
Wie ich früher in meiner Analyse gesagt habe, halte ich Max Fri-sch für einen Humanisten, der an keinen Gott glaubt.


4.1.4 TAGES ANZEIGER ZÜRICH

Im Tages Anzeiger, wird Mein Name sei Gantenbein von zwei Rezen-senten besprochen:

Hugo Leber bespricht ihn zustimmend, August E. Hohler betrachtet ihn kritisch.

Hugo Leber: "Theo Gantenbein: Leben im Konjunktiv".

Hugo Leber deutet zunächst die Verwandtschaft zu früheren Werken an und nimmt dann den Konjunktiv sei als Ausgangspunkt. Der Kon-junktiv deute "die Möglichkeiten des ungelebten Lebens" an. Max Frisch mache Entwürfe zu Lebensläufe. Gantenbein stelle sich blind, um zu sehen, was ihm sonst verborgen bliebe.
"Einen Blinden kann man nicht hinters Licht führen", zitiert Hugo Leber und erklärt, daß diese paradoxe Erscheinung für Gantenbein zur totalen Wahreit werde. Der leitmotivische Satz "Ich stelle mir vor" leite das Leben im Konjunktiv ein. Gantenbein sei der sehende Blinde, eine prüfende Instanz in der Vielfalt von Rollen. "Nicht der Blinde ist blind, die anderen sind es".
Lila ist wirklich nur in ihren Verhaltensweisen, sie ist nur die Projektion des jeweiligen Mannes.
Hugo Leber weist auf Max Frischs Tagebuch hin und referiert den Schriftsteller: "Eifersucht sei die Angst vor dem Vergleich".
Die Eifersucht stehe in Beziehung zum "Ich stelle mir vor"-Motiv. Sie repräsentiere eine der möglichen Erfahrungen. Die Liebe führt zum Scheitern der Männer und ist hier durchaus negativ. Diese Ironie wird "mit sprachlicher Brillanz bis nahe an Sarkasmus her-angeführt".
Max Frisch stelle die Situationen "mit der Meisterschaft des Dramatikers" dar. Hugo Leber nennt es auch "geniales Kartenspiel", in das der Leser miteinbezogen werde. Mein Name sei Gantenbein sei ein Roman, der von dem Leser selbst den Schluß fordere. Es handle sich um die Bühne des Lebens ohne Vorhang:

Darin ist dieser Roman neu und bestechend: er ist, wie ein Theaterstück am Abend der Aufführung, nur im Leser vollendet.

Der Roman stelle sich kritisch zu unserer Zeit. Hugo Leber weist auf die Klammern Max Frischs und auf den Satz über die Ich-Ge-schichten hin.

Max Frisch schildert, nach der Meinug Hugo Lebers, Entwürfe zu einem Ich, weil er an kein festes Ich glaubt. Über das Spiel mit der Blindenbrille sagt Leber:

Frischs Roman, in dieser Optik mit Brille und doch sehend gelesen, offenbart sich als ein eminent zeitkritisches Werk; er zeichnet nicht mehr die Oberfläche, sondern die Grunde zu den falschen Verhaltensweisen. Es hat nicht die Welt, sondern das Ich zum Thema, das die Welt erst schafft.

Über die Darstellungsweise fährt Hugo Leber fort:


Mag sein, Frisch hat hat diese Sicht mit allzu offenbaren Zeichen bildhaft gemacht: er verwendet sie aber so gesch-ickt, läßt sie einfließen gleichsam in seine leichte, ele-gante Prosa, daß nur die Wirkung, die sie hervorrufen, zählt.

Hugo Leber schließt mit einigen Betrachtungen über Hermes. Hermes, die vieldeutige Gestalt, spiele auch in der Liebe eine Rolle. Dieser Gott, der "das Unheimliche in aller Heiterkeit" vertritt, sei sowohl Bote des Todes als auch Gott des Konjunktivs.


August E. Hohler: "Mondäne Vorstellungen".

August E. Hohler vergleicht jeden neuen Frisch-Roman mit der Pariser Mode. Der Erfolg ist im voraus gesichert. So ist es auch mit Mein Name sei Gantenbein. "Aber die neue Stadt wird nie ge-baut". Damit meint August E. Hohler, daß dieser Roman viele
Schwächen habe.
Er bestreitet nicht, daß Max Frisch international anerkannt ist, aber das sei mehr ein ästhetischer Standort als schweierzischer Zeitgenosse, der seinen Landesleuten "einen unbarmherzigen Spie-gel vorhält."

Über den neuen Roman schreibt August E. Hohler:

"... ein streckenweise fazinierendes, im ganzen dennoch unerfreuliches Ergebnis, wie ich finde."

Hohler stellt sich kritisch zu dem immer wiederkehrenden Problem der zerfallenden Persönlichkeit und der Beschaffenheit des Ichs. Er findet diese Probleme fragwürdig, weil sie einen narzistischen Eigenwert bekommen. Gantenbeins Liebessorge gehe vielleicht Max Frisch selber an, aber die Zuschauer-Rolle findet August E. Hoh-ler peinlich:

Gantenbeins Liebessorgen sind eine Sache, die ihn vornehmlich selber angehen. Der Leser fühlt sich bisweilen in die etwas peinliche Rolle des unfreiwilligen Zuschauers versetzt.


August E. Hohler steht die Melancholie als einen Grundzug im Ro-man. Doch gebe es positive Züge in der Darstellung:

... es gibt neben lyrischen Einsprengseln auch Sequenzen von hurtiger Beiläufigkeit und Szenen von geradezu um- werfender Komik.


August E. Hohler gibt zu, daß Max Frisch ein Meister der Sprache ist. Mein Name sei Gantenbein wird ihm aber zu intim und "for-muliert geradeaus, was man sich selber kaum zu gestehen wagt".
Mit den Vorstellungen, daß das Vorgestellte oft wirklicher als das Erlebte sei, ist Hohler einverstanden. Aber die Aufteilung der Person in Ich und Er findet er krankhaft und absurd:


Aufteilung der Person in "Ich" und "Er", wobei "ich" etwas tue, was "er" durchaus ablehnt: das ist natürlich verlockend, kommt auch häufig genug vor, bedeutet aber, auf die Spitze getrieben, den Verlust der Beziehung zum Mitmenschen und wohl zur Welt überhaupt.

"Es gibt keine sozialen Probleme in diesem Roman", behauptet Hoh-ler. Mein Name sei Gantenbein ist eine zusammenhängende Liebes- und Eifersuchtsgeschichte. Der Roman beschreibt ein Luxusleben, und 500 Seiten sind zu viel dafür.
Mein Name sei Gantenbein werde nie ein Höhepunkt werden, vergli-chen mit den früheren Werken:

"Gantenbein ist zu allem möglichen fähig; "neue Städte" indessen wird er schwerlich entwerfen".


Die Rezensenten haben verschiendene Ausgangspunkte, und der Aus-gangspunkt bestimmt zum Teil das Ergebnis. Sie besprechen beide dieselben Motive: Ich-Problematik, Ehe und Eifersucht.
Der eine sieht das Positive darin, der andere das Negative. In meiner Analyse bin ich hauptsächlich mit Hugo Leber in Überein-stimmung.

Den Vergleich vom Roman mit der Pariser Mode finde ich ganz unge-recht. Doch war Frisch ein moderner Schriftsteller aber kein Mode-Schreiber, der nach dem Wunsch der Leser schrieb. Er war auch kein Mode-Schreiber, der nach ein paar Jahren die Aktu-alität verlor. Seine Werke sind immer noch aktuell.
In diesem Zusammenhang weise ich auf eine Aussage von Hellmuth Karasek hin: "Max Frisch war nie so sehr Mode, daß er altmodisch hätte werden können; ..."


4.1.5 DIE WELTWOCHE


Die Weltwoche hat folgende Kritik von Peter Hamm geschrieben: "Entwürfe zu einem späten Ich".
Anfangs widerspricht er den Vorwürfen, daß Max Frisch nur ein Thema, die Suche nach der Identität, behandele. Peter Hamm hält Mein Name sei Gantenbein für "die kühnste Variation zu seinem Thema".
"Du sollst dir kein Bildnis machen" ist immer das Hauptproblem der Frisch-Figuren gewesen, stellt Hamm fest. Was ich in seiner Besprechung besonders interessant finde, ist die ange-deutete Entwicklung der Bildnisproblematik der drei Romane Stil-ler, Homo faber und Mein Name sei Gantenbein. Stiller versuche sich selbst ein neues Bildnis zu machen. Walter Faber mache sich ein Bildnis von den anderen Menschen. Gantenbein dagegen liefere der Welt selbst ein Bildnis. Ja, er mache sogar viele Entwürfe zu seinem Ich. Das zeige auch, daß Max Frisch mit der Ich-Prob-lematik weitergekommen ist.

Nach der Meinung Peter Hamms handelt Mein Name sei Gantenbein von der Schwierigkeit der Distanzgewinnung. Gantenbein gewinne diese Distanz durch das Rollenspiel. Die anderen spielten auch Rollen, ohne es zu wissen und würden Opfer ihrer Rollen. Gantenbein aber könne alles durch sein Rollenspiel beobachten.

Peter Hamm zitiert auch Max Frischs berühmten Satz aus dem Inter-view mit Horst Bienek:

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die mit Namen und Daten zu belegen sind, so daß an ihrer Wirklichkeit, scheint es, nicht zu zweifeln ist. Trozdem ist jede Geschichte eine Erfindung und daher auswechselbar."

Jede Erfindung ist auswechselbar, und das Auswechseln ist genau das, was Max Frisch im Roman tut: "Ich probiere Geschichten an wie Kleider."
Sobald Liebe ins Spiel kommt, bekommt Gantenbein Probleme, denn er ist ein eifersüchtiger Mensch. "Eifersucht läßt uns zwar, wie kein Gefühl sonst, Geschichten erfinden." Die Eifersucht als Er-finder von Geschichten macht die Eifersucht zu der Triebkraft des Romans. Dieses Argument habe ich bei keinem anderen Rezensenten gefunden. Ich finde es sowohl richtig als auch wichtig.
Gantenbein wird auch eifersüchtig auf die Welt. Er wird sogar eifersüchtig auf "seine eigene, überwunden geglaubte Vergang-enheit" und muß "zum Rebell gegen seine Rolle werden".

Den Schluß des Romans versteht Peter Hamm als eine Variation der Sophokles-Weisheit: "das beste für den Menschen wäre, nicht geboren zu sein".
Peter Hamm weist in seiner Analyse auf prominente Kritiker wie Reinhard Baumgart und Marcel Reich-Ranicki hin. Hamm bestreitet, daß dem Roman eine einheitliche entwickelnde Handlung fehle. Er muß aber Reinhard Baumgart recht geben, wenn dieser sagt, daß der Roman "eine Perpetuum mobile von Kurzgeschichten" liefere.
Peter Hamm ist auch mit Hans Mayer einverstanden, der "eine kon-zise Beschreibung des sozialen Milieus" vermißt.
Hamm weist aber in diesem Zusammenhang auf Max Frischs eigenen Satz im Roman hin, wo er über die Notwendigkeit der Ich-Ge-
schichten schreibt.
Peter Hamm wiederholt nochmals das Fazit des Romans: Es gibt für den Menschen keine anderen Möglichkeiten als Kleider zu probieren. Die Alternative ist nur "Ohne-Geschichte-Auskommen, das Nicht-Geborensein."
Als hervortretendes Element des Stils deutet Peter Hamm auf die "kritische Ironie" hin. Diesen Stil habe Frisch bereits im Stil-ler entwickelt.
Die Schlußfolgerung seiner Besprechung faßt Peter Hamm in diesen Worten zusammen:

Sicher ist, daß Frisch auf der Suche nach der Identität die Entfremdung des Menschen in der bürgerlichen Welt so rea-
listisch wie nie zuvor ins Bild zwang.

...

Gerade, weil er Gantenbein scheitern läßt, beweist Max Frisch, daß er weitergekommen ist, und das kann man kaum von einem seiner deutschsprachigen Kollegen behaupten.

4.1.6 NEUE ZÜRCHER NACHRICHTEN


Unter der Schlagzeile "Eine Summe von Fiktionen" schreibt Gerardo Zanetti einen Artikel, wo er festhält, daß die Ansichten über Mein Name sei Gantenbein diamentral auseinander gehen. Einige finden in Mein Name sei Gantenbein tiefe Ansichten, während and-ere dagegen keine Tiefen sehen können.
Gerardo Zanetti hat der Roman gut gefallen, aber er hätte sich eine durchgespielte und einheitliche Romanfigur gewünscht. Er ist aber auch gewahr, daß es die Absicht Frischs gewesen sei, kein festes Ich darzustellen. Die Worte "Ich stelle mir vor" und "Entwürfe zu einem ich" sind Beweise dafür.
Durch die vielen Entwürfe: Enderlin, Svoboda, Gantenbein und Sie-benhagen besteht die Gefahr, daß der Roman "zu einer Anhäufung von guten Kurzgeschichten ohne Ende" auseinander zerfalle.
Aber dann verdichte sich ein neues Element, daß den ganzen Roman wieder zusammenfügt. Dieses Element sei die Eifersucht des Ichs, und sie rückt ins Zentrum des Geschehens.
Gerardo Zanetti gibt also dem Eifersucht-Motiv eine zentrale Rol-le, wie ich in meiner Analyse gemacht habe und was auch Peter Hamm in seine Besprechung macht.
Der Erzähler entscheidet sich für die Gantenbein-Rolle. Es gibt aber zwei Gantenbein-Rollen, der Pseudoblinde und der Sehende.
Der Roman endet mit dem Erwachen des Ichs an einem schönen Herbsttag in Italien.
Gerardo Zanetti fragt sich:

Ist "Gantenbein" eine Summe und somit das Resultat einer Addition verschiedener Geschichten - oder ist er lediglich eine Reihe von Geschichten, die zusammenzählen kein Ergebnis gibt?
...
Ist "Gantenbein" nur beinahe oder tatsächlich ohne Geschichte abgeschwommen? Ich tippe auf tatsächlich.

Gerardo Zanetti unterscheidet nicht zwischen dem Erzähler-Ich und Gantenbein. Die Gantenbein-Geschichte ist ganz deutlich. Das Erzähler-Ich hat aber versucht, ohne Geschichte abzuschwimmen.
Ich finde diese Behauptung interessant. Aber meiner Meinung nach hat das Erzähler-Ich nicht geschafft, ohne Geschichte abzusch-wimmen. Die Leiche wird erwischt. Das ist ein Sinnbild dafür, daß das Erzähler-Ich wie auch kein anderer Mensch ohne Geschichte entkommen kann.
Gerardo Zanetti zitiert Max Frisch in Mein Name sei Ganten-bein:

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält."
Zanetti will damit unterstreichen, daß Max Frisch sich vor wahren Geschichten scheut. Max Frisch weigert sich aber, uns zu betrügen, dennoch erzählt er uns viele Erfindungen, weil er eine wahre Geschichte für unmöglich hält. Gerardo Zanetti möchte aber gern, daß Max Frisch ihn einmal mit einer ganzen Erfindung betrügen würde:


Daß die Fahrt Gantenbeins auf dieses tote Geleise ein voller Genuß ist, dafür wollen wir der Begabung des Schriftstellers die Referenz erweisen und uns ausmalen, wie schön es wäre, wenn er uns tatsächlich einmal mit einer ganzen Erfindung "betrügen" würde.


4.2.0 DIE KRITIK IN DEUTSCHLAND


4.2.1 DIE WELT


In der Welt äussert Helmut Heissenbüttel seine Kritik über Mein Name sei Gantenbein: "Ein Erzähler, der sein Handwerk haßt?"
Helmut Heissenbüttel ist sehr sachlich und gibt uns literäre Er-läuterungen statt einer subjektiven Würdigung.
Ihm fällt als erstes auf, daß wir fast ausnahmslos den Personen im Roman in ihrer Freizeit oder in den Pausen zwischen ihren Tätigkeiten begegnen. Nach Meinung Heissenbüttels will Max Frisch damit unterstreichen, daß die Menschen nur sich selbst sind, wenn sie aus ihrer sozialen Rolle entlassen sind:

In der Sinnlosigkeit dieser Pause öffnet sich ihre Subjek-tivität, ihre Subjektivität ist an solche Pausen ohne Sinn gefesselt, ist blinde Vorsichhinstarren der Langweile. Sie langweilen sich.

Die Rahmenerzählungen scheinen im ersten Augenblick etwas maka-ber. Sie sind aber nach Heissenbüttel notwendig, um Perspektive zu erzielen. Die Lebendigen brauchen Kleider und Geschichten, die Toten nicht. Die vielen Geschichten in dem Roman stehen im Rahmen der Geschichten von dem sterbenden Enderlin und der abschwimmenden Leiche. Helmut Heissenbüttel sieht nicht "abzuschwimmen ohne Geschichte" als Fazit des Romans. Max Frisch wolle damit nur an-deuten, wo seine Schwierigkeit liege. Frisch versuche etwas auf-zubewahren, was sonst verschwindet:

In der Erscheinung der Geschichte soll etwas aufbewahrt werden, das sich sonst verflüchtigt, das sich sonst nicht fassen läßt (und das, vielleicht, so deutet der Schluß an, auch ebensogut in der Verflüchtigung, der Unfassbarkeit be-lassen werden könnte).

Max Frisch erfindet drei zusammengewebte Geschichten um das Un-aussprechliche umzuschreiben. Die Geschichten seien "Projekti-onen einer Situation", und sie seien an ein Ich-Bewußtsein und eine Frau gebunden.
Diese Situation werde durch die neutrale Szene, wo das Ich in seiner leeren Wohnung von seiner Partnerin verlassen sitzt, deutlicher gemacht:

In dieser Szene sitzt der Erzähler in einer Wohnung, die verlassen worden ist, von ihm selber und seiner Partne-rin,...

...

In dieser Szene tritt in Erscheinung, was durch die Ablei-tung der Fiktionen Gantenbein, Enderlin, Svoboda und so weiter nur verborgen wird.

Ich bin mit Helmut Heissenbüttel darüber ganz einverstanden, daß es sich hier um eine Geschichte einer verlassenen Person handelt. Wie ich auch in meiner Analyse behauptet habe, versucht Max Frisch im Roman, seinen eigenen Eheverlust zu verstehen.
Max Frischs Versuch, sein eigenes Leben schriftstellerisch zu verarbeiten, wurde in den späten Werken wie z. B. Montauk und Blaubart noch deutlicher und rücksichtsloser gemacht.

4.2.2 FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Rolf Michaelis eine Besprechung unter der Ûberschrift "Schnittmuster für Lebens-läufe".
Rolf Michaelis beschreibt Mein Name sei Gantenbein als "einen Roman in Romanen." Eine Besonderheit dieses Romans, meint er, sei die unvollendete und skizzenhafte Form. Wenn man den letzten Satz gelesen habe, sei die Erzählung noch nicht am Ende. Der Gedankenstrich am Ende der letzten Satz deute eine Fortsetzung an:

Der Gedankenstrich nach dem letzten Satz: "Leben gefällt mir - " ist sichtbares Zeichen für die noch nicht zur Ruhe gekommene Bewegung des Erzählens.

Er vergleicht diesen Roman mit früheren Romanen von Max Frisch. Die Titel der früheren Romane "lesen sich wie Visitkarten ihrer Hauptfiguren." Gantenbein dagegen wünscht nicht einmal seine eig-enen Ausweispapiere zu sehen. Der fehlende Gebrauch des Indikativs, sei statt ist, zeige einen Mann, der sich ein anderes Ich wünscht oder die Exsistenz in der Form der Möglichkeit der Reali-tät vorzieht.

"Möglichkeit - das ist die Dimension von Max Frischs neuem Roman", schreibt Rolf Michaelis.

Weiter zitiert Rolf Michaelis Max Frischs Skizze Geschichten von 1960, wo der Schriftsteller über Wahrheit und Geschichten
schreibt. Vier Jahre später werden diese Gedanken in Mein Name sei Gantenbein realisiert. Mein Name sei Gantenbein wird bezeichnet als:

Schnittmuster für wechselnde Geschichten, Vorlagen für auswechselbare Rollenfiguren, Entwürfe für Daseinsformen, Matern für vertauschbare Lebensläufe.

Rolf Michaelis vergleicht den Leser mit einem Detektiv, der die Spuren rekonstruieren muß und die Teile zusammensetzt. Es wird auch unterstrichen, daß es ein Roman der Liebe sei, oder genauer der Eifersucht in der Liebe.
Die Geliebte ist natürlich Lila, Svoboda ist der erste Ehemann, und Gantenbein der zweite. Enderlin ist ein Intellektueller, der die Rolle des Liebhabers spielt.
Michaelis Meinung nach zeigt Camilla die Liebe der kleinen Leute nach wahren Geschichten. Die Geschichten für Camilla sind Par-abeln und Spiegelgeschichten von Gantenbeins Phantasien um Lila. Rolf Michaelis meint sogar, daß der Name Alil in dem Märchen von Ali und Alil rückwärts etwas vertrauter wird.

Er erwähnt weiter die Geschichte von dem verlassenen Ehemann in der leeren Wohnung. Unterstrichen wird aber, daß der größte Teil von dem Rollenspiel eines Mannes "der sein Glück als sehender Blinder sucht".
Der Verdacht und die Eifersucht, wovon der Roman erzählt, werde durch die Geschichte vom Aufbrechen der Schublade unterstrichen.
Die Erzählerdistanz werde durch Ironie und sarkastische Knapp-heit geschaffen. "das sieht doch ein Blinder!"
Was die Erzähltechnik betrifft, erwähnt Michaelis die Aufsplit-
terung und Engführung des epischen Ichs und des epischen Er in den Gestalten von Svoboda und Enderlin.
Die sinnbildliche Funktion von Hermes wird erläutert. Hermes ist eine vieldeutige Gestalt, wie der Roman selbst.
Hermes ist sowohl ein Gott, der in der Liebe hilft, als auch Bote des Todes.

Götterbote und Bote des Todes; das Unheimliche in aller Heiterkeit - das werden Schlüsselworte für Frischs Roman.

Weiter erklärt Rolf Michaelis das Versteckspiel Gantenbeins als ein Spiel, um nicht sehen zu müssen, wie seine Frau ihn betrügt. Die Qualen der Eifersucht werden beschrieben, aber es wird dem Leser überlassen, den Wahrheitsgehalt des Verdachts herauszufinden. Rolf Michaelis behauptet, daß Mein Name sei Gantenbein ein Roman sei, der mit der Mitarbeit des Lesers rechne.

Mein Name sei Gantenbein wird auch mit der Gegenwartsliteratur verglichen, besonders mit dem Roman La Jalousie von dem Fran-zosen Robbe-Grillet. Das Thema der beiden Romane sei die Ei-
fersucht. Michaelis ist hier ganz klar in seiner Bewertung, er zieht Frischs Roman dem anderen vor:

Gleichvoll erscheinen die beiden Romane wie Positiv und Negativ einer Ansicht. Flucht in die Phantasie, spiel mit dem Konjunktiv, Orgien der Imagination bei dem Schweizer. Bei dem Franzosen: Erstarrung in einer durch die Jalousie begrenzten Perspektive, Registrierung der Wirklichkeit, kriminalistische Beweisaufnahme.

Rolf Michaelis behauptet weiter, daß die Züge Stillers in den Gesichtern von Gantenbein, Enderlin und Svoboda zu erkennen seien.

Viele Situationen lassen sich auch auf das Tagebuch zurückfüh-ren. In Mein Name sei Gantenbein führt uns Max Frisch wieder in den Kreis seiner Ängste, fährt Michaelis fort. Das zeige ein autobiographisches Element.
Den Hinweis aus das Leben des Autors finde ich interessant. Rolf Michaelis hätte die autobiographische Seite des Romans viel mehr erläutern können. Die von ihm erwähnten Themen, Ehe und Eifer- sucht, wären hier zentral gewesen.

Was Michaelis in Mein Name sei Gantenbein neu findet, ist die Gelassenheit und die Bereitschaft, sich mit der Welt abzufinden, so wie sie einmal ist. Rolf Michaelis weiß nicht, ob dieser neue Ton Weisheit oder Resignation ist.

"... die Zukunft heißt Altern..." zitiert Michaelis den Roman. Trotzdem sieht Max Frisch die Zukunft nicht so dunkel wie Ganten-bein durch seine Blindenbrille:

Wie Gantenbein durch eine dunkle, blickt Frisch durch eine rosa Brille. "Vergangenheit ist kein Geheimnis mehr, die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zukunft heißt Altern..." Derlei Lebensweis-heiten hemmen den Aufschwung dieses Romans der unbegrenzten Möglichkeiten.

Rolf Michaelis gibt eine sachliche Auswertung von Mein Name sei Gantenbein, wobei sein Urteil überwiegend positiv ist, besonders beim Vergleich des Romans mit anderer zeitgenößischer Literatur.
Es wird deutlich, daß hier die positive Stimme eines erfahrenen Lesers und Kritikers zu hören ist.

In Verbindung mit einer Lesung Frischs in Frankfurt brachte die FAZ ein Interview das den Autor portraitiert und seine Beziehung zu Gantenbein aufgreift:

Die dunkle Tabakspfeife legt er selten beiseite. Die Augen wirken ungewöhnlich groß, was sicher an den Brillengläsern liegt. Er trägt eine Jacke aus weichem Leder. Das ergraute Haar liegt in leichten Wellen. Sein Name? Jetzt ist man immer versucht, Gantenbein zu sagen, seitdem er diesen li-terarischen Sohn geboren hat. Wir sprachen im Haus Suhrkamp mit Max Frisch, ehe er im Cantate-Saal aus seinem neuen Buch las.


Weiter werden der Schweizer-Dialekt und die Rastlosigkeit Max Frischs besprochen sowie die Suche nach der eigenen Identität.
Max Frisch verneint, daß Mein Name sei Gantenbein eine Fortsetzung von Stiller und Homo faber sei.
Den seltsamen Namen Gantenbein erklärt Frisch als einen gewöhnlichen Schweizer Namen, u.a. hieß sein Vorgänger in einer Wohnung so, die er später bezog. Max Frisch hat ihn nie gesehen, aber er wußte plötzlich, daß es der Name für seine Figur war.


4.2.3 RHEINISCHER MERKUR


Im Rheinischen Merkur 1964 rezensiert Heinz Beckmann den Roman mit "Entwürfe zu einem Ich".
Heinz Beckmann vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Andorra. Der Jude in Andorra ist kein Jude, der blinde Gantenbein ist nicht blind.
Beckmann stellt fest, daß Max Frisch noch auf die Frage der Iden-tität des Menschen fixiert sei. Auf die Frage, was im Roman pas-siere, antwortet Heinz Beckmann: "Überhaupt nichts."
Was die Erzählweise betrifft, benutzt er Worte wie: "Feuerwerk", "vortreffliches Vexierspiel" und "literarische Schlemmerplatte". Über die Sprache sagt er:


Es ist vor allem die Sprache, die dem Labyrinth einen festen Halt gibt, diese frische, knappe, unmittelbar an der Sache orientierte Sprache mit ihrer federnden Wendigkeit bis hin zu rhythmischen Variationen, die sogar Gefühl zum Klingen bringen und dabei der Ironie nur gerade noch die Rolle eines Gewürzes zugestehen.

Heinz Beckmann wiederholt den Vergleich mit Andorra, und meint, daß der Roman sich in "ein Nichts" auflöse:


Mitunter erschrickt man, wie bei der Geschichte von dem Juden in Andorra. Der Mensch, das Leben löst sich unter lauter Vexierbildern in ein Nichts auf. Es wird auf einmal "still wie in Pompeji".

Beckmann erwähnt auch, daß Max Frisch uns durch die Worte "Ich stelle mir vor" hindert, daß wir die Vorstellungen für Wirklichkeit halten.

Heinz Beckmann hat in seinem Artikel jedoch Probleme, die Grenze zwischen dem Erzähler und den verschiedenen Rollen einzuhalten. Er zitiert "Gantenbein" (statt des Ichs) auf dem Schiff nach Amerika: "Es geht mir gut, wie gesagt, nicht sehr gut, aber gleichgültig gut..."
Die Gleichgültigkeit hält Heinz Beckmann für einen charakteristischen Zug des Romans. Es zeigt sich aber ein paar Risse auf der Oberfläche. Einer der wichtigsten Risse sei der Alltag, das heißt die Wirklichkeit.


Der Konjunktiv im Titel des Romans "Mein Name sei Gantenbein" löst die geheime Unruhe aus. Hier wird Wirklichkeit aufgedröselt wie die Wolle eines abgetragenen Pullovers.

4.2.4 STUTTGARTER ZEITUNG

"Unheimliches in aller Heiterkeit" nennt Peter Horst Neumann
seinen Artikel über Mein Name sei Gantenbein in der Stuttgarter Zeitung.
Die Schlagzeile verweist auf Hermes, die vieldeutige Gestalt, die im Roman besprochen wird. "Hermes ist Gott des Romans", schlage Peter Horst Neumann fest.

... Er ist ein Helfer, ein Glücksbringer, aber auch ein Irreführer... all dieses gehört zu Hermes und seinem Wal-ten, das Unheimliche in aller Heiterkeit..."


Der Konjunktiv im Titel bestimme den Modus des Romans, der durch die Zauberformel "Ich stelle mir vor" die vielen Geschichten und Entwürfe mache:

Der Konjunktiv bleibt der bestimmende Modus des Romans; nicht grammatisch, versteht sich, sondern essentiell. Die stehende Wendung, mit der die meisten Erzählabschnitte ein-geleitet werden - es gibt keine Kapitelgliederung -, heißt: "Ich stelle mir vor..." Damit ist die Romanhandlung von An-fang an im Spielraum der blossen Möglichkeit angesiedelt, woraus sich wichtige Konsequensen für den Aufbau des Werkes ergeben: keine zeitliche Sukzession, keine Fabel, man kann sagen: kein "Roman". An deren Stelle tritt das Experiment mit vertauschbaren "Geschichten", in der Sprache des Buch-es: "Entwürfe zu einem Ich!"


Peter Horst Neumann sieht auch eine Verwandschaft mit Stiller und Walter Faber. Er betrachtet Gantenbein als "einen glücklichen Stiller". Enderlin ist mit Walter Faber verwandt.
Enderlin ist ein typischer Intellektueller. Er hat den Ruf nach Harvard. Walter Faber ist ebenfalls mit seinem Fach beschäftigt.
Beide sind also Wissenschaftler. "Enderlin kann keine Rolle spie-len-", Walter Faber auch nicht. Neumann nennt weiter, daß beide Krebs haben.
Peter Horst Neumann bespricht den Erzähler des Romans. Er ist we-nig sichtbar und wird mit einem Schatten verglichen. Der Erzähler hofft durch die verschiedenen Rollen sich selbst zu finden.
Über die Rolle des Ich-Erzählers schreibt Peter Horst Neumann:

Wie ein Schatten durch Figuren aus Glas geht ein Ich durch die Gestalten seines Romans - ja, dieses Hindurchgehen ist sein "Roman". Ein Schatten ohne Körper, eine Erfahrung ohne Schicksal, ein nacktes Ich, die Geschichten wie Kleider "probiert" und beiseite legt, ein ego ludens, ein spielen-des, bisweilen verspieltes Ich, noch in Banalstes mit Lust sich versetzend, rollenbesessen aus Not, ein Schauspieler, der von jeder Verwandlung sich selber erhofft.

Peter Horst Neumann legt großes Gewicht auf die Schlußworte des Romans:

"... Leben gefällt mir." Wer die Werke dieses sympathischen Schriftstellers kennt, mag das Gewicht dieses Satzes be-
greifen. Leser, denen unsere moderne Literatur, einschließlich der Werke Max Frischs, nicht selten zu "pessemistisch" schien, mögen erleichtert aufatmen, Gegen die Umkehrung ihres Vorurteils wird dieser Roman dennoch sich selber verwahren; was ihn auszeichnet, ist Weisheit.

Was diesen Roman auszeichne, sei also Weisheit. Der Schlußsatz des Romans enthält nach der Meinung Peter Horst Neumanns Opti-mismus.
Man könnte auch den glücklichen Schluß als nur scheinbar oder gespielter Glück interpretieren. Ein unglücklicher Mensch ver-sucht sich selbst zu überzeugen, daß er trotz der traurigen Situation jedoch glücklich ist.

4.2.5 DIE ZEIT

Zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 1964 druckt Die Zeit in der Literaturbeilage Hans Mayers Artikel: "Mögliche Ansichten über Herrn Gantenbein".
Hans Mayer legt großes Gewicht auf die Worte "Ich stelle mir vor". Sie sind die Schlüsselworte zum Verstehen des Romans.
Diese Worte, behauptet er, sind die Keimzelle des Romans.Max Frisch will kein Spiel mit der Glaubwürdigkeit des Lesers trei-ben, sondern er bricht diese Illusion immer wieder durch die Wor-te "Ich stelle mir vor".

Die Illusion des Lesers soll immer wieder gestört, sein Bedürfnis nach seelischer Vereinigung mit den Gestalten und ihrem romanhaften Treiben immer wieder dadurch enttäuscht werden, daß unablässig bloß eine vorgestellte Welt, eine Vorstellungswelt zugelassen wird.

Die Schauspielerin Lila muß Max Frisch gereizt haben, meint Hans Mayer. Aber Lila wird durch den Roman etwas "umfunktioniert". Der Erzähler stellt sie sich z.B. sowohl Mutter als auch Gräfin vor. Diesen Wechsel versteht Hans Mayer als ein Bedürfnis des Schriftstellers, den ständigen Wechsel einer Schauspielerin zwi-schen vorgestelltem Bühnenleben und "wirklichem" Leben. Am Ende weiß der Erzähler nicht, wer sie ist. Und Hans Mayer zitiert die Worte des Erzählers:

"Einzige Gewißheit über Lila: So wie ich mir sie vorstelle,
gibt es sie nicht."

Weiter behauptet Hans Mayer, daß Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein mit Dürrenmatts früherem Drama von dem Blinden ver-wandt sei. Durch folgendes Zitat aus dem Tagebuch 1946 - 1949 will Hans Mayer diesen Zusammenhang beweisen:

"Ein Blinder, der die Zerstörung seines Herzogtums nicht wahrgenommen hat, glaubt er lebe immernoch in seiner fes-ten Burg. In seinem Glauben, in seiner Einbildung verwaltet er ein heiles und verschontes Land. So sitzt er inmitten von Ruinen, die er als Blinder ja nicht sehen kann, umringt von allerlei wüstem Gesindel des Krieges, von Söldnern, Dirnen, Räubern, Zuhältern, die nun den Blinden Herzog, seinen Glauben verhöhnend, zum Narren machen wollen indem sie sich von ihm empfangen lassen als Herzöge und Feldherren, die Hure aber als verfolgte Äbtissin; der Blinde spr-icht sie an, wie er sich vorstellt, daß sie es verdiene, wir aber sehen die verrotzte Person, deren Segen als Äbtissin er gläubig erbittet - kniend..."

Im Tagebuch 1946 -1949 hat Max Frisch einige weitere Kommentare zum Drama Dürrenmatts. Frisch kommentiert das Wiederspiel von Wahrnehmung und Imagination, und daß im Drama Dürrenmatts das Theater sich selbst spiele.

Dürrenmatts Thema werde bei Max Frisch weitergeführt und weiterentwickelt. Bei Max Frisch gibt es keinen Blinden, der in einer Welt der Einbildungskraft lebt, sondern es geht um den Nur-
scheinbar-Blinden, den alle Welt für blind hält. Deshalb spielt man ihm eine Scheinwelt vor, während er hinter der schwarzen Brille die wirklichen Vorgänge sehen kann.
Mein Name sei Gantenbein ist also der Kontrapunkt von Dürren-matts Drama.
Wer von diesem Blindenspiel besonders betroffen wird, ist na-
türlich Lila.
Hans Mayer betont auch das höhnische Benehmen Gantenbeins, als er sich an die Stelle des Theaterbesuchers setzt.
Max Frischs epische Darstellung gibt mehr Möglichkeiten als Dürrenmatts Drama. In Mein Name sei Gantenbein handelt es sich nicht nur um ein Doppelspiel, sondern ein Trippelspiel.

Die Vorstellung oder die Einbildungskraft und darin die Nur-
scheinbar-Blindengeschichte, hält Hans Mayer für das wichtigste Thema des Romans. Daneben gehe es um die Frage nach der Einheit der Persönlichkeit oder "den Zweifel an dieser allgemein ange-nommenen Einheit".
Max Frisch kreise auch wieder um die Frage, wie unser Dasein von außen aussehe, und nur von außen.
Es gibt aber auch etwas Neues in Mein Name sei Gantenbein: Unser Leben hängt eng mit Sprechen und Sprache zusammen. Es gibt einen Unterschied zwischen dem elebten Lebensvorgang und dem nachträg-lichen erzählten Lebensvorgang.
Hans Mayer weist nochmals auf das Tagebuch 1946 - 1949 hin. Er unterstreicht aufs neue das Tagebuch als wichtige Keimzelle zu Max Frischs gesamten späteren Werken.

"Jeder Gedanke ist in dem Augenblick, wo wir ihn zum er-stenmal haben, vollkommen wahr, gültig, den Bedingungen entsprechend, unter denen er entsteht, dann aber, indem
wir nur das Ergebnis aussprechen, ohne die Summe seiner
Bedingungen aussprechen zu können, hängt er plötzlich im Leeren, nichtssagend, und jetzt erst beginnt das Falsche, indem wir uns umsehen und Entsprechungen suchen..."

Diese Weiterführung des Themas früherer Romane, meint Hans Mayer, sei keine "Verwässerung", sondern es mache Stiller, Homo faber und Mein Name sei Gantenbein zu einer Trilogie. Stiller und Homo faber seien Komplementärromane. Stiller wünscht sich ein anderes Dasein. Walter Faber berechnet die Welt wie eine technische Auf-gabe.
Gantenbein ist nicht naiv, wie Stiller. Gantenbein erfindet sich Lebensweisen, stellt sich in der Einbildungskraft die vielen mög-lichen Leben vor. Er kann aber auch das Leben real durchleben. Es besteht also eine Entwicklung von Stiller zu Mein Name sei Gantenbein.
Dann folgt noch ein Zitat aus dem Roman, das über das Leben und die Geschichte erzählt:

"Man kann sich selbst nicht sehen, das ist's, Geschichten gibt es nur von außen", sage ich, "daher unsere Gier nach Geschichten!"


Und er schließt sein Zitat mit den zentralen Worten des Romans

ab:

"'Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Ge-schichte, die er für sein Leben hält', sage ich, 'oder eine ganze Reihe von Geschichten', sage ich."

Hans Mayer fügt hinzu, daß Max Frisch diese Worte als künstlerische Selbstaussage in einem sogenannten "Werkstattgespräch" von 1961 geäußert habe.

Kurzgefaßt kann man die Kritik Hans Mayers verstehen als ein im voraus gemachtes Gegengespräch gegen die Leser und Kritiker, die Mein Name sei Gantenbein als eine Neuauflage der Schillerge-
schichte sehen wollen. Er sieht auch den Zusammenhang und die Entwicklung von Stiller und Homo faber zu Mein Name sei Gantenbein ebenso wie den erweiterten Zusammenhang. Durch Hinweise auf das Tagebuch und Dürrenmatt steht Mein Name sei Gantenbein als ein selbständiger Teil in einem größeren Puzzlespiel.
Hans Mayer hat auch Probleme zwischen dem erzählenden Ich und Gantenbein zu scheiden. "Er (Gantenbein) notiert", schreibt er und zitiert das Erzähler-Ich. Es ist auch etwas schwierig, die verschiedenen Ich-Bennungen auseinader zu halten.

4.2.6 WOCHENZEITUNG DES IRGUN OLEJ MERKAS EUROPA


In der oberngenannten Zeitung schreibt Wera Lewin eine Besprechung von Mein Name sei Gantenbein und nimmt als Ausgangspunkt die Beschreibung von dem Pferd, das voller Todesangst ist und mit der Flucht des verzweifelten Nackten fortfährt.
Das nackte, verzweifelte Ich probiert Geschichten an wie Kleider. Das Ich sei sowohl Gantenbein, Enderlin als auch Svoboda. Die Gantenbein-Rolle gefällt ihr jedoch am besten. Es geht nach Meinung Wera Lewins um die Suche nach dem eigenen Ich:

Doch wer bin "ich "? Diese Frage bestimmt das Werk Frischs. Seine Romane, seine Dramen sind unzählige Variationen des Versuchs, eine Antwort auf sie zu finden.

Mein Name sei Gantenbein sei eine Weiterentwicklung der Ich-Ge-schichten:

Diese Suche nach dem "Ich", nach der Möglichkeit der Selbstindetifikation, führt nun im "Gantenbein" zu vollkommener Aufspaltung der Persönlichkeit und zur Leugnung ihrer Kontuniutät.

Der Roman handle von der verzweifelten existentiellen Situation der Menschen. Sogar die Blinden-Situation sei unausstehlich. "Ich möchte aus meiner Einbildung heraus, ich möchte in der Welt
sein."
"Es ist ein Vorgeschmack der Hölle", schreibt Wera Lewin. Sie sieht im Roman mehr als eine subjektive Darstellung, er ist ein Zeitdokument:

Obwohl heute das Gefühl der Sinn- und Haltlosigkeit ange-sichts drohender völliger Vernichtung zu einer kaum er-tragbaren Verzweiflung wird, ist dieses Existenzgefühl an sich keineswegs unserer Zeit allein eigen. Der auf sich ge-stellte Mensch, der von keiner persönlichen religiöseti-schen oder gesellschaftlichen Ordnung mehr gehalten wird, ist stets seiner Isolierung erlegen. Damit wird die heutige Situation ihrer Einmaligkeit entkleidet, sie wird relativ-iert.

Viele große Künstler hätten ihren eigenen Untergang überwunden dadurch, daß sie ihre Gestalten haben untergehen lassen.
Max Frisch habe aber dem "Nein" gegenüber kapituliert, behauptet Wera Lewin:


Eine äußerst gefährliche Kapitulation, weil sie von einem der heute repräsentativen Schriftsteller ausgesprochen wurde. Es gibt schon Gegenstimmen, sogar unter der Jüngeren. Ein Künstler vom Range Frischs würde einer positiven Form, einer Erfüllung des "Ich"s eine ganz andere Resonanz und Bedeutung geben können.

Die Beschreibung von der existentiellen Krise widerspricht die Behauptungen, derer, die in Mein Name sei Gantenbein die Suche nach dem Paradiese sehen.


4.2.7 DER SONNTAG ( Berlin-Ost )
Im folgenden ein Beispiel aus dem Sonntag, der Illustrierten zum Gantenbein bringt.
Die Ost-Deutschen haben Schwierigkeiten, einen solchen modernen Roman zu akzeptieren. Deswegen machen sie sich über ihn lustig.



4.2.8 NEUE ZEIT ( BERLIN-OST )

In der Neuen Zeit, Berlin - Ost schreibt H. U. über Mein Name sei Gantenbein.
Der Roman handelt nach H. U. von Tagträumen und Wunscherfüll-ungen. Solche Vorstellungen haben alle Menschen, die etwas Phan-tasie haben.
Max Frisch aber mache in Mein Name sei Gantenbein solche Vor-stellungen zur literarischen Methode. Mein Name sei Gantenbein sei keine Flucht aus der Realität, sondern ein "besonderes Vor-fahren zu Realitätserhellung".
Das macht "Ich stelle mir vor" zum Schlüsselwort des Romans samt "Ich probiere Geschichten an wie Kleider".
Enderlin, Svoboda und Gantenbein haben alle verschiedene Erfahr-ungen im Leben. Gantenbein simuliert Blindheit, um die Umwelt besser durchschauen zu können. Darin liegt gleichzeitig eine Gesellschaftskritik:

Frisch sieht diese Gesellschaft kritisch, begegnet ihr mit Ironie; Gantenbein, der unter dem Deckmantel der Blindheit um so scharfsichtiger ist, durchschaut denn auch mit Sich-erheit den Jahrmarkt der Eitelkeiten und das Einander-eine-Rolle-vorspielen, worin der Lebensinnhalt dieser guten Ge-sellschaft offenbar besteht.

H.U. deutet an, daß die Erzählungen eine tiefere Bedeutung haben. Sie deuten den Wirklichkeitsverlust der Gesellschaft an und auch die Unfähigkeit der Menschen die Realität zu erleben, Persönlichkeitsverarmung, psychische Problematik und das Phänomen der Iso-lation.
Viele von den "klugen Bemerkungen" stehen in Klammern, z.B. die Aussage über die Ich-Geschichten.

Die Situationskomik, die die simulierte Blindheit hervorbringt, mache den Roman sehr amüsant aber nicht ohne Nachdenklichkeit. Dennoch gibt das Lesen von Banalitäten H.U. "ein Gefühl des Un-behagens", denn er/sie hat Schwierigkeiten die Quintessenz zu finden:


Es rührt von der Ungeduld her, mit der man - je langer man las, desto mehr - nach Substantiellem suchte, nach einer Quintessenz, nach etwas, das sich aus diesen Gedanken- und Erzählspielen ergibt, ohne solches recht zu finden.

H.U. hält, daß wir alle Geschichten ausdenken, nur nicht so gut wie Frisch. Er/Sie schließt mit den folgenden Worten über das Geschichtenausdenken, die Tagträumerei als literarisches Prinzip:

Ob aber Geschichten ausdenken nun ein tragfähiges Organisationsprinzip für vierhundert Seiten Romanprosa ist, darf nach diesem Gantenbein-Experiment denn doch bezweifelt wer-den.


Ein paar andere Rezensenten haben sich auch gefragt, ob der Roman zu lang ist.

4.3.0 DIE REZEPTION VON MEIN NAME SEI GAN- TENBEIN IN NORWEGEN

Mein Name sei Gantenbein wurde 1965 von Carl Fr. Engelstad ins Norwegische übersetzt und erschien im Verlag Gyldendal.


4.3.1 AFTENPOSTEN

In Aftenposten schreibt Birgit Wiig eine Rezension: "Kall meg Gantenbein".
Birgit Wiig nimmt als Ausgangspunkt die Geschichte von dem Pech-vogel, der das große Los gewinnt. Dieses Glück bedroht sein eige-nes Ich, aber das Gleichgewicht wird wieder in Ordnung gebracht, wie er seine Brieftasche verliert:

"Mannen kan igjen bli lykkelig - i forvissningen at han er en

ulykkesfugl."

(Der Mann kann wieder glücklich werden - in der Gewissheit, daß er ein Pechvogel ist.)

Die Geschichte von dem Pechvogel ist nach Wiig zentral in der
Welt des Romans als Frage: Was ist ein Mensch, und was ist ein sogenannter Charakter? Nicht das, was man glaubt, jedenfalls!
Ein jeder Mensch, eine jede Persönlichkeit, sei eine Kette von gewollten Geschichten, die sich scheinbar logisch zusammensetzen. Ein jeder Mensch dichte sein Schicksal aus einer gewissen Auswahl von Erfahrungen, die er gemacht hat. Dieser Mensch könnte ein an-derer geworden sein, wenn die Auswahl von Geschichten eine andere gewesen wäre.
Das Ich des Romans hat selbst seinen Namen und seine Geschichte gewählt. Mit großer Genauigkeit beschreibt der Schriftsteller die verschiedenen Möglichkeiten Gantenbeins vom blinden Gatten bis zum blinden Reiseführer. Als gespielter Blinder wolle er die Lüge und Heuchelei enthüllen.
Die Geschichten kreuzen einander. Meistens ist Gantenbein blind. Man fühlt beim Lesen, daß das Schizophrene das natürliche ist.
Birgit Wiig nennt frühere Werke von Max Frisch, Stiller, Homo faber, Andorra und Biedermann und die Brandstifter, die dasselbe Thema behandeln.
Die Kritikerin erwähnt auch, daß Max Frisch einmal gefragt wurde, ob er jemals ein anderes Thema versucht habe. Max Frisch hat dar-auf geantwortet:

"Selvfølgelig", svarte Frisch. "Jeg vil da ikke være denne Max Frisch hele livet. Foran hvert nytt arbeide har jeg hatt denne naive tro at nå, Guskjelov, har jeg begynt på et radikalt nytt tema, - men før eller senere måtte innse at alt som ikke var radikalt mislykket, hadde radikalt det samme tema."



(Frisch: Das habe ich, natürlich. Ich will doch nicht ein
Leben lang dieser Max Frisch sein! Bei jeder neuen Arbeit
hatte ich das naive Gefühl, daß ich jetzt, Gott sei Dank, ein radikal anderes Thema angehe - um früher oder später festzustellen, das alles, was nicht radikal mißlingt, das radikal gleiche Thema hat.)


Birgit Wiig deutet schließlich an die Entwicklung der Literatur von Ibsen und Strindberg zu Max Frisch an. Ibsen hält den Charak-ter, das Ich, für etwas Festes, das man immer besser kennenler-nen kann. Mit Strindberg fange die Darstellung des unberechenbaren und irrationellen des Charakters an.
Max Frisch habe den Charakter zum Postulat gemacht.
In Mein Name sei Gantenbein behauptet Max Frisch, daß der Charak-ter eine Sammelung von Geschichten nach freier Wahl sei.
Birgit Wiig deutet in ihrer Besprechung auf etwas hin, daß ich auch besonders typisch für die Erzählungs-Technik dieses Romans finde; nämlich die genauen Beschreibungen der Dinge:

"Frisch beskriver detaljer med en Zolaisk nitiditet- ..."
(Frisch beschreibt Details mit der Genauigkeit Zolas)


4.3.2 ARBEIDERBLADET

In Arbeiderbladet schreibt Odd Solumsmoen einen Artikel über Mein Name sei Gantenbein unter dem Titel "Blindeskrift" (Blinden-
schrift).
Wie die Überschrift besagt, nimmt Odd Solumsmoen das Blindenspiel als Ausgangspunkt. Gantenbein dolmetsche das Leben, wie ein Blin-der die Blindenschrift dolmetscht.
Es handele sich um ein gelerntes Gefühl, sich das Leben vorzustellen:
Gantenbein ist vielleicht nicht Gantenbein, aber Svoboda, Einhorn oder Enderlin, der nicht nach Harvard fahren will, um eine ehren-volle Ernennung zu empfangen.
Max Frisch fange damit an, daß der Ich-Erzähler in einer Bar sit-ze und eine Geschichte zu seiner Erfahrung suche. Das Ich pro-biert Geschichten an wie Kleider. Die Möglichkeiten als gespiel-ter Blinder gefalle ihm am besten.
Odd Solumsmoen vergleicht Mein Name sei Gantenbein mit Graf Öder-land (1951), wo Max Frisch auch seinen Personen Identitätswech-selung zustehe.
Chronologie gibt es nicht im Roman. Die Chronologie gehört, nach der Meinung Odd Solumsmoens zur Abteilung von unbrauchbaren Erfindungen.
Max Frisch sei nicht Gesellschaftskritiker in Mein Name sei Gan-tenbein, wie er es in Graf Öederland war, jedenfalls weniger dir-ekt. Es wird ja in Mein Name sei Gantenbein auch über das Welt-geschehen der Sechzigerjahre wie Kommunismus, Cuba und die Atom-bombe gesprochen.
Solumsmoem betont den Humor Max Frischs. Sein Humor wird als ba-rock, grotesk und makaber bezeichnet und mit Dürrenmatts vergli-chen.
Erst spät kommt der Artikelschreiber zu Lila. Baucis heiße viel-leicht Lila. Gantenbein sei der Gucker, der an der Tür lauscht und Lilas Briefe liest. Die Tatsache, daß er seine eigenen Lie-besbriefe findet, unterstreiche die altmodischen Qualen der Ei-fersucht, wovon der Roman erzähle.
Gantenbein bleibt also blind. Am Ende wird er aber vor Gericht gebracht. Es hat sich nämlich gezeigt, daß es kein Gantenbein und keine Camilla Huber gibt. Gantenbein wird angeklagt, daß er nur Erfindungen erzählt:
("De forteller bare oppdiktede ting".) Gantenbein erwidert, daß er lauter Erfindungen erlebe. ("Jeg opplever bare oppdiktende ting".)
Gantenbein erlebt sogar seine eigene Beerdigung, und Odd
Solumsmoen erwähnt die phantastische Geschichte von der Leiche, die es fast geschafft hätte, ohne Geschichte abzuschwimmen.
Odd Solumsmoen zerlegt aber nicht die Erzählung von der ab-
schwimmenden Leiche. Dieser Szene hat eine wichtige sinnbildliche Bedeutung für das Verstehen des Romans. Die Frage ist, ob das Ich mit oder ohne Geschichte loskommt.
Ich meine nein!

Dieses Buch, das von Persöhnlichkeitsspaltung, Identifikationsverschiebungen, aber vor allem vom Unfaßbaren des Lebens handelt, ist keinem anderen Buch ähnlich, meint Odd Solumsmoen. Er erwähnt dennoch Emil Boysens Yngere herre på besøk (Jüngerer Herr auf Besuch) und Johan Borgens Jeg (Ich) als ferne Verwandte.
Mein Name sei Gantenbein paße nicht in einen Leserzirkel, auch nicht als Zuglektüre. Dazu sei der Roman nicht schematisch genug.
Am Ende lobt Odd Solumsmoen den Übersetzer, der den Roman in ei-ner natürlichen Weise ins Riksmål übersetzt habe, ein viel-deutiges Werk, das vor besondere Schwierigkeiten stelle, denn der Humor und die Mehrdeutigkeit können nur durch sprachliche Nuan-cierungen erhalten werden.



4.3.3 MORGENPOSTEN

"Lek med speil" (Spiel mit Spiegel) nennt Ebba Haslund ihre Besprechung von Mein Name sei Gantenbein in Morgenposten.
Sie behauptet, daß alle Kunstarten im Wandel seien. Das alte
Weltbild sei zerschmettert. Die Auflösung der Persönlichkeit sei schon bei Freud vorbedeutet worden. Nach der Meinung Ebba Has-lunds ist das Ich von einer verantwortlichen Einheit zu einer fließenden Summe von Eindrücken verwandelt worden.

Die Schriftsteller Virginia Wolfe, Pirandello, Lawrence Dürrell und Johan Borgen kreisten ebenfalls um die Frage: Was ist der Mensch, wer bin ich?, schreibt Ebba Haslund.
Der große schweizerische Schriftsteller Max Frisch behandle das Identifikationsproblem stets in seinen Büchern, am dreistesten und sehr durchgehend in Mein Name sei Gantenbein.
Ebba Haslund weist darauf hin, daß Mein Name sei Gantenbein zur Zeit in elf Ländern herausgegeben werde. Im Englischen heiße der Roman A Wilderness of Mirrors (Eine Wildnis von Spiegeln). Diesen Titel hält Ebba Haslund für sehr deckend, denn das Gesicht der Hauptgestalt werde von vielen Seiten reflektiert.
Die Artikelschreiberin meint weiter, daß es sehr schwierig sei, einen solchen Roman zu referieren, weil die Hauptperson die Geschichten wechsele wie Kleider. Das Ich denke sich immer neue Situationen aus, und oft passiere das Gegenteil von dem Erwarteten.
Ebba Haslund vertauscht die Begriffe Autor und Erzähler, denn sie schreibt: "Forfatteren skifter selv identitet," ... (Der Autor wechselt selbst die Identität).
Gemeint ist der Wechsel der Rollen des Ich-Erzählers.

Durch die Blindenrolle wird Gantenbein vieles erspart, das heißt, er kann vieles übersehen. Vor allem wird er von den Qualen der Eifersucht verschont.
Die Eifersucht ist, nach der Meinung Ebba Haslunds, das Hauptmotiv des Romans. Gantenbeins Eifersucht betrifft auch das Wei-terleben der anderen Menschen nach seinem eigenen Tode:

"Hva gjør min elskede når hun er borte fra meg? Men: Hva gjør verden, når jeg ikke er til stede?"

(Was macht meine Geliebte, wenn sie von mir weg ist? Aber: Was macht die Welt, wenn ich nicht hier ist?)

Durch das Blindenspiel ist Gantenbein unsichtbar anwesend, wie der Mann, von dem erzählt wird, daß er Zuschauer seines eigenen Begräbnisses war.
Am Ende ihres Artikels kommt Ebba Haslund auf das Jalousie-Thema zurück. Mit einem Zitat aus dem Roman unterstreicht sie, daß die Eifersucht weniger mit der Liebe zu tun hat als mit der Kluft zwischen der Welt und der Wahn.

Nach der Meinung Ebba Haslunds ist Mein Name sei Gantenbein ein schwierig zugänglicher aber sehr faszinierender Roman. Es sei nicht leicht, dem Spiel des Verfassers zu folgen in seinem ele-ganten Spiel mit Spiegeln, wo er mit dem Leser Verstecken spielt. Den Faden und den Sinn zu finden seien schwer. Es sei aber gute Unterhaltung und führe zu Reflexionen und Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Mann und Frau.

4.3.4 MORGENBLADET

In Morgenbladet schreibt Idar Aasheim seine Kritik über Mein Name sei Gantenbein und fängt mit einigen allgemeinen Betrachtungen über Literatur und Schriftsteller an.
Die meisten Schriftsteller sollten, nach der Meinung des Ar-tikelschreibers, staatliche Pension bekommen, wenn sie sich dazu verpflichteten, nie mehr Bücher zu schreiben, weil sie den Leser langweilen.
Zusammen mit Max Frisch dagegen habe sich dieser Leser fast nicht gelangweilt. Die meisten Leser kennten wohl Frisch als Verfasser von Schauspielen. Er habe ja früher auch lesbare Romane wie Stil-ler und Homo faber geschrieben. In Mein Name sei Gantenbein aber fabuliere er freier und sei voller Einfälle.

Die Verlage und einige Kritiker sowohl in Norwegen als auch im Ausland hätten moderichtige Brillen aufgesetzt, die sie für die schärfsten hielten, und der Welt mitgeteilt, daß Frisch ein bedeutendes Werk über das Identifikationsproblem geschrieben habe: Bin ich ich selbst oder ein anderer, oder bin ich sowohl ich selbst als auch der andere? Dieses Jonglieren auf der Spitze der Schizophrenie sei das beliebteste der intellektualistischen Spiele. Diese Quasitiefsinnigen hätten das Gegenteil von Ganten-bein gemacht. Er schafft sich Blindenbrille, Blindenstock und Blindenschein an, um Nichtsehender zu sein. Aber gerade dadurch kann er manches sehen, was dem normalen Sehenden entgeht. Hinter seinen dunklen Gläsern macht er scharfe Beobachtungen, mit denen die Umgebung sich nicht beschäftigt, weil sie glaubt, daß er
blind sei.
Das Blindenspiel sei aber moralisch anstößig.
Gantenbein zweifele nie daran, daß er sich selbst ist. Die Mas-
kierung sei kein Ausdruck dafür, daß Gantenbein an seiner eigenen Identität zweifelt. Deshalb sei der Roman kein krankhaftes Krei-sen darum, ob die Hauptgestalt wirklich sich selbst sei.

Der Artikelschreiber behauptet weiter, daß der Roman sich nicht erzählen lasse. Ein Referat wäre nichtssagend.
In diesem Roman habe sich Max Frisch weit von den Modeschreibern und ihren programmatischen Schwarzseherei entfernt. Mein Name sei Gantenbein sei ein lebendiger und wohlgeschriebener Roman. Weniger tüchtige Schriftsteller hätten diesen Stoff zu etwas Tra-gisch-Tiefsinnigem gemacht.
Frisch bewege sich aber mit Eleganz durch das schwierige Terrain, die nur vorkommt, wenn schaffender Gedanke unter ethischer Zucht gesetzt wird. Er verfalle nie zu dem Quasitiefsinn, der Melancho- lie, der Sentimentalität oder der Roheit und Brutalität, wie viele der literarischen Größen unserer Zeit.

Idar Aaheim hat nur einen Einwand gegen Frisch. Dieser ist seine Selbstliebe ("selvforelskelse"), daß er nie vergessen kann, wie begabt er ist sich unerwarteter literarischer Wirkungsmittel zu bedienen. Das Ergebnis davon sei, daß der Roman einige Seiten zu viel habe.

Als Schlußfolgerung schreibt er:


Men som sagt, kjære leser. De skal ikke la Dem avskrekke av all tale om indentitetsproblemet i forbindelse med Frisch. Det finnes ikke behandlet i denne romanen - hvis da ikke all psykologisk skildring herefter betegnes som identitetsproblematikk.

(Aber wie gesagt, lieber Leser. Sie sollen sich nicht von der Rede über das Identifikationsproblem im Zusammenhang mit Frisch abschrecken lassen. Es wird in diesem Roman
nicht behandelt - wenn nicht alle psychologische Schilder-ung von nun an als Identitätsproblematik bezeichnet werden soll.)


Diese Behauptung, daß es in Mein Name sei Gantenbein gar nicht von Ich-Problematik handele ist interessant. Die meisten Rezen-senten widersprechen diese Ansicht. Max Frisch ist noch mit dem Ich beschäftigt, aber in einer anderen Weise. Er spielt mit dem Ich. Das Hauptthema des Romans wäre wahrscheinlich die Eifersu-cht.


4.3.5 VERDENS GANG


In Verdens Gang schreibt N.N. folgende Besprechung von Mein Name sei Gantenbein:
Er/Sie fängt mit einer Beschreibung der Dichter-Zwillinge Frisch und Dürrenmatt an. Ihre Werke seien sowohl unterhaltend als auch spannend. Beide seien durch ihre Dramen berühmt worden.
über den Schlüssel zur Frisch-Methode sagt N.N.:

En mann har gjort en erfaring, nå søker han en historie for sin erfaring.
...
"Jeg prøver historier som om de war klær -" ...

(Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte seiner Erfahrung.
...
Ich probiere Geschichten an wie Kleider.)

Das Wechseln der Geschichten wie Kleider, sei genau was Frisch in diesem Roman tut.
Kurz gefaßt sei es ein Roman über die sentimentalen Gefühle des Menschen, besonders über die Qualen der Eifersucht.
Der Rezensent von VG sieht Max Frisch in Mein Name sei Gantenbein mit der Frage "Wer bin ich" beschäftigt, wobei er dem Autor mani-erische Tendenzen und dichterische Mode vorwirft. Seine Meinungen scheinen vorgefaßt, von der Faber-Gestalt her bestimmt, da er für Frisch die Vorliebe für technisch geschulte Individuen anmerkt und die daraus resultierende Schwierigkeiten.
Er sieht die Beschränkung Frischs darin, nicht stringent denken zu können und in Digressionen zu ertrinken.
Nach der Meinung von N.N. läßt sich die Handlung nicht wiederge-ben. Das sei auch nicht notwendig. Frisch sei sehr stimulierend und spannend. Seine Beschränkungen seien aber auch deutlich.
Nicht verständlich daher der Schluß, daß das Schaffen Frisch und Dürrenmatts - deren große Unterschiedlichkeit nicht erkannt wird - mit der Präzision von Schweizer-Uhren verglichen wird.
Es ist also in dieser Besprechung ein klarer Widerspruch zwischen dem fehlenden stringenten Denken und dem Präzision des Schreibens, das mit einem Schweizer-Uhr verglichen wird.


4.3.6 SOGN OG FJORDANE

In einer kleinen westnorwegischen Zeitung, Sogn og Fjordane, stand ein kleiner Artikel über Mein Name sei Gantenbein von "K" verfaßt. Bemerkenswert ist, daß eine kleine lokale Zeitung sich mit einem schweizerischen Roman beschäftigt.
"K" erzählt am Anfang, daß Max Frisch Kandidat für den Nobelpreis sei. Weiter schreibt er/sie, daß Max Frisch sich als ein profil-ierter Schriftsteller zeige. Max Frisch durchbreche die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit.
"K" meint, daß es lanweilig sei, von einer scheinbaren Wirklichkeit zu erzählen. Es sei spannender, sich mit Variationen und Alternativen zu beschäftigen, wie es Max Frisch in Mein Name sei Gantenbein tue.
Der Erzähler könne Gantenbein sein. Gantenbein spielt blind, und dadurch ist es für ihn möglich in einer harmonischen Ehe zu le-ben. "K" erschließt daraus, daß Max Frisch damit meine, daß das Ehe-Glück eine Unterdrückung der eigenen Identität voraussetze.
Der Erzähler könne auch Enderlin sein. Enderlin ärgert die Um-gebung, weil er den Erwartungen entspricht. Er kann sich zu nichts entschliessen.
Der Erzähler könne auch andere Personen sein. Er wechselt Rollen wie Kleider. Die Rollen können gewechselt werden, entwickelt wer-den, und auch in Streit mit sich selbst kommen.
Eine Rolle könne auch verschwinden ohne nachweisbare Ursache, oder weil der Autor die Rolle satt hat.
Jeder Ich-Wechsel, jede Rolle repräsentiert eine Möglichkeit, eine Variation, eine Alternative. Frisch gebe den Menschen eine große Wahlfreiheit in der Phantasie. Er besitze eine vieldeutige und komplizierte Auffassung vom Menschen.
Max Frisch gebe ein schönes Erlebnis von etwas Neuem, zu dem man sich nicht gleichgültig stellen könne.


4.3.7 AFTENPOSTEN

Mein Name sei Gantenbein wird 25 Jahre nach der Erscheinung wie-der in Aftenposten besprochen, diesmal von Finn Jor. Eines der Bücher, das er am meisten aus dem Bücherregal herausziehe, sei Mein Name sei Gantenbein (Kall meg Gantenbein). Das Buch sei ja ganz verbraucht, denn der Roman ist zur Zeit, wo der Artikel geschrieben wird, 25 Jahre alt. Weiter erzählt Finn Jor, daß man nach dem Erscheinen von Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch als einem Nobelpreiskandidaten zu sprechen angefangen habe.

Die Geschichte im Roman sei schlicht aber desto raffinierter:
"En mann har gjort en erfaring, nå er han på leting efter en historie til den..."
( Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu...)

Das Ich des Romans, das keinen Namen hat, fängt an, Personen und Geschichten zu erfinden, mit denen er sich indetifiziert. Die wichtigste dieser Geschichten handelt nach Finn Jor von einem Mann, der durch ein Unglück sein Gesicht zerschnitt. Wie man sei-ne Bandage wegnimmt, sieht er, spielt aber blind, um die Welt und die Menschen beobachten zu können.
Eines Tages stellt sich der erdichtete Gantenbein vor, daß er der schönen Schauspielerin Lila begegnet, und sie heiraten sich. Gantenbein aber glaubt, daß Lila ihn betrüge. Es wird Gantenbein eines Tages klar, daß das Narrenspiel sinnlos ist. Plötzlich ver-steht er, daß sie keine Betrügerin ist. Er nimmt die Brille ab und erzählt ihr die Wahrheit, daß er alle diese Jahre alles gese-hen hat. Sie wird nicht froh, sondern schreit ihm zu, daß er sie nie geliebt hat und bittet ihn gehen. Gantenbein ist wirklich blind gewesen!

Schließlich kommt Finn Jor zum Thema:


"Kall meg Gantenbein" er en bok om våre masker, våre rol-ler, vårt spill med hverandre. Om muligheten av å bedra uten å ville det.

(Mein Name sei Gantenbein ist ein Buch über unsere Masken, unsere Rollen und unser Spiel miteinander. Über die Möglichkeit zu betrügen, ohne es zu wollen.)

Am Ende des Artikels sieht Finn Jor sich selbst im Verhältnis zur Gantenbein-Problematik:

"Hvem gjør ikke utkast til hvordan livet skulle ha formet seg?" ... GANTENBEIN er i oss alle."
(Wer macht nicht Entwürfe zu einem gewünschten Leben? ... Gantenbein ist in uns allen.)

4.4 SCHLUßFOLGERUNGEN DER ZEITUNGSANA- LYSE

Hans-Juergen Heise ( Tat ) behauptet, daß Max Frisch noch nicht mit der Ich-Problematik fertig sei. Denn nur ein Mensch, der seine Identität nicht durchforscht hat, brauche Geschichten. Heise weist auch auf Max Frischs Behauptung hin, daß man sich selbst nicht von außen sehen könne. Geschichten gebe aber es nur von außen.

Gody Suter ( ZW ) meint, daß Mein Name sei Gantenbein sich von den frü-heren Romanen Frischs sich stark unterscheide. Max Frisch wolle eine Geschichte durch viele Geschichten erzählen. Die eigentliche Geschichte sei eine Dreieckskomödie. Es handele sich also nicht um das Ich !

Werner Weber ( NZZ ) spricht von einer Kerngeschichte und meh-
reren Randgeschichten. Die Kerngeschichte sei die Geschichte von dem blinden Gantenbein. In Zusammenhang mit der Blindengeschichte werden die Begriffe "Blindheit" und "Blindnis" benutzt. Die Blindnis Gantenbeins sei eine Verkleidung, hinter der er alles beobachten kann.
Das Blindenspiel sei ein Versuch, hinter die Lüge zu kommen. Es werde das Sein vor der Sünde gesucht. Werner Weber sieht ein re-ligiöses Motiv im Roman, eine Suche nach dem Paradies.
Gantenbein überschreite aber die Grenze. Nur Gott dürfe alles ansehen. Der religiöse Gesichtspunkt ist für diesen Artikel cha-rakteristisch.

Die zwei Artikel im TAZ sind mit verschiedenem Ausgangspunkt ge-schrieben. Das macht sie besonders interessant. Die positive Kri-tik Hugo Lebers fügt sich in die Reihe anderer positiver Kritik-en ein. Interessant sind die Einwände August E. Hohlers. Er
meint, daß ein berühmter Schriftsteller wie Max Frisch im voraus Erfolg habe. Hohler hat Einwände gegen die immer wiederkehrende Ich-Problematik und die intimen Beschreibungen, die er Narzismus nennt. Die Hauptschwäche dieses Romans sei, daß Max Frisch hier nicht sozial engagiert ist. Doch muß August E. Hohler Max Frisch einige künstlerische Fähigkeiten einräumen.

Gerardo Zanetti ( NZN ) stellt fest, daß man sich über die Tiefen des Romans streitet. Er meint, daß die Eifersucht die vielen Ge-schichten zusammenbinde. Zanetti erwähnt auch, daß Frisch an
wahre Geschichte nicht glaube. Gerardo Zanetti möchte aber gern, daß Max Frisch den Leser einmal mit einer wahren Geschichte "betrügen" würde.

Helmut Heissenbüttel ( Welt ) sieht die vielen Geschichten des Romans als "Projektionen einer Situation". Durch die Geschichten wolle Max Frisch etwas Unaussprechliches umschreiben. Die Verlassensein-Situation des Ich-Erzählers, die Verlust der Partnerin, solle durch die Geschichten zum Ausdruck kommen.

Rolf Michaelis ( FAZ ) legt das größte Gewicht auf die Form des Romans. Die Besonderheit dieses Romans sei die unvollendete und skizzenhafte Form. Das Rollenspiel des sehenden Blinden sei doch die Hauptgeschichte des Romans. Die unvollendete Form fordere die Mitarbeit des Lesers.
Rolf Michaelis hält die Qualen der Eifersucht für ein Haupt-The-ma.
Rolf Michelis ist sehr positiv, wie er Mein Name sei Gantenbein mit zeitgenössischer Literatur vergleicht.

Heinz Beckmann ( Rheinischer Merkur ) meint, daß im Roman nicht viel passiere. Er lobt aber die Darstellungsweise und die Sprache im Roman, in dem Max Frisch sich noch mit der Identitätsproble-matik beschäftige.

Peter Horst Neumann ( Stuttgarter Zeitung ) sieht einen genauen Zusammenhang zwischen Stiller, Walter Faber und Gantenbein. Er behauptet, daß der Roman Weisheit und Optimismus ausdrücke.

Hans Mayer ( Zeit ) sieht die Worte: "Ich stelle mir vor" als den Schlüssel des Romans. Damit meint er das bewußte Vorstellen, eine intellektuelle Aktivität, keine Illusion. Hans Mayer weist auf die Verwandschaft mit Dürrenmatt.
Die Einbildungskraft sei ein zentrales Wort nach der Meinung Hans Mayers. Er meint, daß unser Leben mit Sprache und Sprechen zusam-menhänge. Mayer wiederspricht den Kritiker, die Mein Name sei Gantenbein als eine Neuauflage der Stillergeschichte sehen.

Wera Lewin ( WdIOME ) meint auch, daß der Roman von der Suche nach dem eigenen Ich handele. Sie sieht auch eine existentielle Verzweifelung darin. Er handele von dem Menschen, der keinen Glauben mehr hat.

Peter Hamm ( Weltwoche ) stellt fest, daß Mein Name sei Ganten-bein ein sehr entwickelter Ich-Roman ist. Früher ginge es darum, sich kein Bilnis zu machen. Gantenbein aber liefere sein eigenes Bildnis. Es fehle doch das soziale Milieu, aber alles hänge mit dem Ich zusammen. Hamm erwähnt auch Sophokles und das "Nicht-Ge-borensein" als Motiv.

H.U. ( Neue Zeit, Berlin-Ost ) hebt das bewußte Tagträumen vor. Das Gesellschaftskritik sei im Roman zentral. Doch sucht H.U. etwas vergebens den Quintessenz des Romans und stellt die Frage, ob das Geschichtenausdenken ein tragfähiges Prinzip für einen so großen Roman sei.

Das Identitätsproblem und die Möglichkeit seine Geschichte zu wählen sind zentral in der Besprechung von Birgit Wiig (Aften-posten ). Sie behauptet, daß Max Frisch den menschlichen Charak-ter zum Postulat mache.

Odd Solumsmoen ( Arbeiderbladet ) sieht auch wie Rolf Michaelis ( FAZ ) und N.N. ( NZZ ) das Blindenspiel als das Zentrale. "Der Blinde" dolmetsche das Leben, wie ein Blinder die Blindenschrift dolmetscht. Das Verlassen der Chronologie sieht Odd Solumsmoen als sehr positiv. Nach der Meinung Odd Solumsmoens handele dieser Roman von Persönlichkeitsspaltung, Identifikationsverschiebungen und das Unfaßbare des Lebens.

Ebba Haslund ( Morgenposten ) sieht das Identifikationsproblem als zentral im Roman. Das Thema aber sei die Eifersucht.

Idar Aasheim ( Morgenbladet ) ist nicht mit Ebba Haslund einver-standen. Nach der Meinung Idar Aasheims handele Mein Name sei Gantenbein nicht vom Identifikationsproblem. Der Erzähler zweifele nicht an seinem Ich, sondern er sei sich seines Ichs sehr bewußt.
Aasheim mag die meisten Schriftsteller nicht. Max Frisch wird aber gelobt.

N.N. ( Verdens Gang ) erwähnt auch sowohl das Identifikationsproblem als auch das Problem der Eifersucht als die zentralen Elemente des Romans samt den Wescheln der Geschichten wie Klei-der.

Die vielen Variationen und Alternative sind für "K" (Sogn og Fjordane) das Interessanteste. Das Blindenspiel sei notwendig für das Eheglück und dafür, die Identität in der Ehe zu bewahren, schließt "K" vom Roman.

Nach 25 Jahren wird Mein Name sei Gantenbein aufs Neue besprochen ( Aftenposten ). Das Erfinden von Geschichten ist für Finn Jor das Zentrale. Mein Name sei Gantenbein sei ein Roman von unseren Masken, von unserem gewünschtem Leben und von dem Betrug, ohne daß wir betrügen wollen. Finn Jor findet Gantenbein in uns allen.


Mein Name sei Gantenbein ist ein vieldeutiger Roman. Das zeigt auch die große Variation der Ansichten über den Roman. Die viel-deutige Gestalt von Hermes kann als ein Sinnbild der Roman be-trachtet werden. Hermes wird auch von mehreren Kritikern erwähnt. Der Kritiker in NZZ läßt seine Betrachtungen von einer religiösen Betrachtungsweise beeinflussen. Wera Lewin spricht auch von dem Menschen, der von "keiner unpersönlichen religiösethischen oder gesellschaftlichen Ordnung mehr gehalten wird."

Helmut Heissenbüttel sieht die Verlassensein-Geschichte als die zentralste. ( Vielleicht nähert er sich einer autobiographischen Betrachtungsweise ? )

Mehrere Rezensenten haben mit der Erzählperspektive Schwierigkeiten. Sie verwechseln die verschiedenen Ichs. Man muß sich sehr gut konzentrieren und den Roman mehrmals lesen, um alles richtig zu verstehen.
Die meisten Kritiker loben die künstlerischen Fähigkeiten Max Frischs, auch die Kritiker, die im Roman eine Quintessenz schwer finden.

Die Schweizer sind ein wenig kritischer zu dem Inhalt des Romans als die Deutschen und die Norweger. Das hat vielleicht damit zu tun, daß Max Frischs Verhältnis zu der Schweiz im allgemeinen etwas schwierig war. Besonders hat August E. Hohler viele kri-tische Bemerkungen zum Roman. Sein Haupteinwand ist, daß im Roman keine sozialen Probleme besprochen werde. Das Ich-Problematik nennt er Narzismus.

Doch kann man einige Generalnenner herausziehen:

Die meisten nennen das Rollenspiel, das heißt die Einbildungskraft und die Wahl von Geschichten, als zentrales Thema. Die Ei-fersucht wird auch von vielen als Hauptthema erwähnt.
Die Ich-Problematik wird in verschiedenen Weisen verstanden, aber mit Ausnahme von Gody Suter und Idar Aasheim halten alle es für ein wichtiges Thema im Roman.
Die meisten Kritiker loben die Darstellungsweise und die Sprache Max Frischs.
Die Norweger sind alle mit der Übersetzung ins Norwegische sehr zufrieden.
Durch meine Untersuchung habe ich hauptsächlich eine positive Haltung zu Max Frisch im allgemeinen und besonders zu Mein Name sei Gantenbein gefunden. Der Roman scheint doch den Ost-Deutschen etwas unrealistisch und ein wenig zu modern.

Max Frisch repräsentiert etwas Neues in der Literatur und wird, zusammen mit seinem Landsmann Dürrenmatt, für einen der größten Schriftsteller seiner Zeit gehalten.
Mit Max Frisch ist die Brecht-Zeit aus. Bertolt Brecht glaubte an Veränderung durch die Literatur. Gegen diesen Glauben spricht Max Frisch in Mein Name sei Gantenbein. Das alte Bild vom Charak-ter, das seit der Ibsen-Zeit die Literatur beherrscht hat und weiter mit Freuds Psychoanalyse als Methode weiterentwickelt worden ist, ist mit Mein Name sei Gantenbein entgültig entfernt worden. Es gibt keinen festen Kern, kein festgelegtes Ich, nur Möglichkeiten.
Max Frisch hat den menschlichen Charakter zum Postulat gemacht.

NACHWORT

Ich habe am Anfang meiner Arbeit einige Aussagen über Max Frisch zitiert. Damit habe ich gedacht, daß das Interesse des Lesers er-weckt werden sollte. Wahrscheinlich haben sich einige Antworten unterwegs ergeben. Die Person Max Frisch zu studieren, wäre eine Aufgabe für sich, und ich werde mich in diesem Nachwort mit ein paar Kommentaren begnügen.
Max Frisch war ein Mann, der die Grenzen gesprengt hat. Er sah die Möglichkeiten und die Freiheit des Menschen als unendlich an. Joachim Kaiser nennt es "Grenzlosigkeit" und Erich Franzen "Frei-heit des Individuums". Ich finde ihre Charakteristik richtig und treffend. Besonders in Mein Name sei Gantenbein kommt diese Hal-tung zum Ausdruck.
Diese Freiheit des Ichs ist für sowohl die Hauptgestalten als auch für den Autor gefährlich. Wie es Helmut Heissenbüttel richtig formuliert, kann der Boden unter den Füßen weggezogen werden. In diesem unsicheren Zustand hat der Schriftsteller gelebt.
Darüber hinaus war Frisch ein ehrlicher Mensch. In seinen Werken erzählt er immer schonungslos von sich selbst und seinen Liebes- geschichten.
Max Frisch hat versucht, durch das Denken sich selbst und die Um-welt zu verstehen. Er war also mit den Worten von Hans Heinz ein Rationalist. Frisch wollte die Ideologien abbauen, denn er meinte, daß sie die Entwicklung der Gesellschaft behinderten.
Er glaubte jedoch nicht, daß die Literatur die Welt ändern werde.
Ich bin mit Erich Franzen einverstanden, wenn er sagt: "Frisch ist ein echter Humanist". Seine Menschlichkeit zeigt sich deutlich in der Darstellung von Gantenbein.
Ich habe früher behauptet, daß Frisch an keinen christlichen Gott glaube. Sein Gott wäre vielleich Hermes, der die vielen Möglich-keiten vertritt.
Max Frisch war ein Mensch, der sich vor dem Alter und dem Tod
fürchtete. Er hat auch selbst unter den Qualen der Eifersucht gelitten.
Durch das Denken und das Schreiben hat er einen ehrlichen Versuch gemacht, seine Ängste und Probleme zu verarbeiten.
Seine Geschichte war die des Schriftstellers. Als Schriftsteller hat er sowohl seine Zeitgenossen als auch sich selbst vor das Tribunal gestellt.

 



ANMERKUNGEN



LITERATURVERZEICHNIS


PRIMÄRLITERATUR:


Tagebuch 1946 - 1949, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1950)
1985

Stiller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M (1954) 1976

Homo faber, Surkamp Verlag, Frankfurt/M (1957) 1975

Mein Name sei Gantenbein, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1964) 1975


SEKUNDÄRLITERATUR:


Bienek, Horst: Werkstattgespräche mit Schriftstellern, Carl

Hanser Verlag, München 1962

Hamm, Peter: "Entwürfe zu einem späten Ich" in: Die Weltwoche, 16.10.1964

Haslund, Ebba: "Lek med speil" in: Morgenposten, 10.12.1965

Heidenreich, Sybille: in: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein, Montauk, Stiller. Analysen und Reflexionen Band 15
Beyer Verlag, Hollfeld (1976) 1989

Heidenreich, S. / Thunic M. : Analysen und Reflexionen Band 9.
Max Frisch: Andorra, Biedermann und die Brandstifter, Beyer Verlag, Hollfeld, (1974) 1990

Heise, Hans-Juergen: "Ein großes Arsenal menschlicher Möglichkeiten" in: Die Tat, 7.08.1964

Heissenbüttel, Helmut: "Ein Erzähler, der sein Handwerk haßt?" in: Die Welt, 3.09.1966

Hohler, August E. : "Mondäne Verzweiflungen" in: Tages Anzeiger Zürich, 12.09.1964

Jor, Finn: "Å dikte et liv" in: Aftenposten, 20.09.1989

Kaiser, Joachim: "Max Frisch - das brüderliche Genie" in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 80, 6.7. April 1991

Karasek, Hellmuth: "Nachruf Max Frisch" in: Der Spiegel , 8.04.1991, Nr.15


Leber, Hugo: "Theo Gantenbein: Leben im Konjunktiv" in: Tages Anzeiger, 12.09.1964

Lewin Wera: "Max Frisch: "Mein Name sei Gantenbein" " in: Wochenzeitung des Olej Merkas Europa, 26.02.1965 Nr.9

Lubich, Frederik A.: Max Frisch: "Stiller", "Homo faber" und "Mein Name sei Gantenbein". W.Fink Verlag, München 1990

Mayer, Hans: "Mögliche Ansichten über Herrn Gantenbein" in: Die Zeit, Literaturbeilage, 18.09.1964 S.1

Michaelis, Rolf: "Schnittmuster für Lebensläufe" in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, den 29.08.1964

N.N.: "Herr Gantenbein und die Eiger-Nordwand" in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.1964

N.N.: "Ich bin nicht Stiller" in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.04.1991 Nr.79

N.N.: "Max Frisch: Kall meg Gantenbein" in: Verdens Gang,18.02.1966

Neis, Edgar: Erläuterungen zu Max Frisch, Stiller, Homo Faber,
Gantenbein. Königs Erläuterungen, Band 148, Bange Verlag, Hollfeld/Obfr. 4. Auflage

Neumann, Peter Hamm "Unheimliches in aller Heiterkeit" in: Stuttgarter Zeitung, den 5.09.1964


Stäuble, Eduard: "Die Suche nach dem eigenen Ich" in: Königs Erläuterungen, Band 148, Bange Verlag

Stephan, Alexander: Max Frisch, Autorenbücher 37, Verlag C.H. Beck, München 1983

Suter, Gody: "Dreieckskomödie im Spiegelsaal" in: Zürcher Woche, 4.09.1964

U.H.: "Ein Mann probiert Geschichten an" in: Neue Zeit, 19.11. 1966

Weber, Werner: "Mein Name sei Gantenbein". Zum neuen Roman von Max Fisch, in: Neue Zürcher Zeitung, Morgenausgabe, 12.09.1964, Nr. 3792.

Wiig, Birgit: "Max Frisch: Kall meg Gantenbein" in: Aftenposten, 24.11.1965

Zanetti, Gerardo: "Eine Summe von Fiktionen" in: Neue Zürcher Nachrichten, 9.11.1964

Aasheim, Idar: "Max Frisch: Kall meg Gantenbein" in: Morgenbladet, 17.10.1966

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN

Die Tat : Tat

Die Weltwoche : Weltwoche

Die Welt : Welt

Frankfurter Allgemeine Zeitung : FAZ


Heidenreich S. / Thunic M.: Analysen und Reflexionen Band 9. Max Frisch: Andorra, Biedermann und die Brandstifter, Beyer Verlag, Hollfeld, (1974) 1990 : Heidenreich / Thunic (1990)

Heidenreich, Sybille: Mein Name se Gantenbein, Montauk, Stiller. Analysen und Reflexionen Band 1, Beyer Verlag, Hollfeld/Ofr. (1976) 1989 : Heydenreich (1989) Montauk, Stiller. Analysen und Reflexionen Band 15

Homo faber, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1957) 1975 : Hf.

N.N.: "Ich bin nicht Stiller". Zum Tode von Max Frisch in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr.79. Freitag, den 5.April 1991 : N.N.: "Ich bin nicht Stiller" in: FAZ, Nr.79

N.N.: "Nachruf Max Frisch" in: Der Spiegel Nr.15, 8. April 1991 : "Nachruf Max Frisch" in: Spiegel Nr.15 1991

Lubich, Frederik A.: Max Frisch "Stiller", "Homo faber" und "Mein Name sei Gantenbein." W.Fink Verlag, München 1990 : Lubich (1990)

Mein Name sei Gantenbein, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1964) 1975 : G

Neue Zeit : NZ

Neue Zürcher Nachrichten : NZN

Neue Zürcher Zeitung : NZZ

Stephan, Alexander: Max Frisch, Autorenbücher 37, Verlag C.H.

Beck, München 1983 : Stephan (1983)

Stiller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1954) 1985 : S

Tagebuch 1946-1949, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M, (1950) 1985 : T.1946

Tages Anzeiger Zürich : TAZ

Verdens Gang : VG

Wochenzeitung des Olej Merkas Europa : WdIOME

Zürcher Woche : ZW

STICHWÖRTERINDEX

Aftenposten 116, 117, 127, 131, 132
Als der Krieg zu Ende war 9
Andorra 9, 17, 105, 118
Arbeiderbladet 118, 131
Autorenbücher 137
A Wilderness of Mirrors 121
Bachmann, Ingeborg 15
Baumgart, Reinhard 96
Beckmann, Heinz 104, 105, 130
Biedermann und die Brandstifter 9, 17, 118
Bienek, Horst 95
Blätter aus dem Brotsack 9
Blaubaart 12, 100
Borgen, Johan 120
Boysen, Emil 120
Brecht, Bertolt 11, 113, 134
Burri 35, 36, 44, 51, 67
Camilla 28, 32, 33, 37, 54, 55, 63, 64, 65, 67, 73, 78, 88, 101, 120
Das Tagebuch mit Marion 9
de Lachlos, Choderlos 86
Der Besuch der alten Dame 10, 90
Der Mensch erscheint in Holozän 12
Der Sonntag 113
Der Spiegel 17
Deutschland 98
Die chienesische Mauer 9
Die Schwierigen oder J'adore ce qui me brûle 9
Die Tat 85, 129
Die Welt 99, 130
Die Weltwoche 95, 131
Die Zeit 108, 130
Don Juan oder die Liebe zur Geometrie 10
Dürell 121
Dürrenmatt 10, 15, 125, 134
Eidgenössische Technische Hochschule 8
Einhorn 119
Enderlin 29, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 49, 50, 51, 52, 59, 67, 72, 77, 80, 88, 97, 101, 102, 103, 106, 119
Engelstad, Carl Fr. 117
Etrusker 25
Frankfurter Allgemeine Zeitung 16, 100, 130, 131
Franzen, Eirich 13, 135
Freud, Sigmund 134

Frisch, Max 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 23, 25, 39, 45, 51, 83, 85, 86, 90, 92, 93, 94, 95, 96,98, 99, 101, 103, 104, 105, 108, 109, 110, 115, 118, 119, 123, 124, 125, 127, 129, 130, 133, 134, 135

Gantenbein 11, 22, 23, 24, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 46, 48, 51, 52, 54, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 67, 68, 69, 70, 73, 77, 80, 82, 84, 90, 93, 95, 97, 98, 99, 103, 104, 105, 106, 111, 112, 115, 117, 119, 120, 121, 122, 123, 127, 128, 130, 135

Glaser, Martha 79
Graf Öderland 10, 119
Gyldendal 148
Hamm, Peter 95, 96, 131
Harvard 38, 40, 45, 106, 119
Haslund, Ebba 121, 122, 132
Heidenreich, Sybille 76, 78
Heinz, Hans 14
Heise, Hans Jurgen 85, 86, 87, 129
Heissenbüttel, Helmut 13, 99, 100, 130, 133, 135
Hermes 83, 102, 106, 135
Hohler, August E. 91, 93, 94, 129, 133
Homo faber 10, 14, 17, 56, 76, 79, 80, 87, 95, 104, 110, 111, 118, 122
H.U. 115, 116, 131
Ibsen 118, 134
In Geschichten verstrickt 89
Jeg 120
Jor, Finn 127, 128, 132
Kaiser, Joachim 13, 15, 135
Karasek, Hellmuth 18
La Jalousie 102
Leber, Hugo 91, 92, 129
Les liasons dangereuse 87
Lewin, Wera 111, 112, 131
Lila 30, 31, 32, 36, 40, 41, 47, 48, 49, 60, 61, 62, 63, 67, 68, 69, 70, 78, 80, 90, 92, 101, 102, 108, 109, 119
Lubich, Frederik A. 79, 80, 82, 83
Mayer, Hans 82, 83, 96, 108, 110, 130, 131

Mein Name sei Gantenbein 5, 14, 18, 19, 20, 22, 23, 25, 26, 27, 28, 29, 41, 51, 53, 56, 57, 58, 59, 65, 66, 69, 70, 74, 76, 77, 78, 79, 80, 82, 83, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 97, 98, 100, 101, 102, 103, 104. 106, 108, 109, 110, 111, 112, 115, 117, 118, 119, 120, 123, 124, 125, 126, 127, 129, 130, 131, 132, 133, 135
Meyenburg, Constanze von 23
Michaelis, Rolf 100, 101, 102, 103, 130
Montauk 12, 100
Morgenbladet 122, 132
Morgenposten 121, 132
Neue Zeit 115, 132
Neue Zürcher Nachrichten 97, 130
Neue Zürcher Zeitung 88, 129, 131, 132
Neumann, Peter Horst 106, 107, 130
Nun singen sie wieder 9
Oellers, Marianne 11
Pirandello 121
Reich-Ranicki, Marcel 96
Rheinischer Merkur 104, 130
Robbet-Grillet 102
Santa Cruz 9
Schmied, Karl 13
Schnapp, Wilhelm 89
Schweiz 8, 85
Siebenhagen 52
Sogn og Fjordane 126, 132
Solumsmoen, Odd 119, 120, 131
Stahl 8
Stäubele, Eduard 79, 82
Stephan, Alexander 76, 82
Stiller 10, 14, 17, 76, 79, 80, 85, 95, 97, 104, 110, 11, 118, 122, 130
Strindberg 118
Stuttgarter Zeitung 106, 130
Süddeutsche Zeitung 15
Suter, Gody 86, 87, 129, 133
Svoboda 29, 40, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 59, 69, 71, 77, 80, 97, 101, 102, 103, 119
Tagebuch 1946-1949 9, 76, 108, 110
Tagebuch 1966-1971 12, 18
Tages Anzeiger Zürich 91, 129
Tessin 11
Trypticon 12
Verdens Gang 124, 132
Verfremdungseffekt 11
Weber, Werner 88, 89, 90, 91, 129
Wiig, Birgit 117, 131
Wochenzeitung des Irgun Olej Merkas Europa 111, 131
Wolfe, Virginia 121
Ygre herre på besøk 120
Zanetti, Gerardo 97, 98, 130
Zürcher Woche 86
Aasheim, Idar 122, 123, 131, 133